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Kommentar zur Schützen-Blamage

Straight Outta Salurn

Der Landeskommandant der Schützen gibt sich in einem Rapvideo offen frauenfeindlich, xenophob und homophob. Darüber müssen wir reden.

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Lizenz: CC by-sa (bearbeitet)
Bild: Südtiroler Schützenbund

Es mag anfänglich etwas lustig anmuten, wenn ein erwachsener Mann in einer dunklen Grotte bei Kerzenlicht und Marlboro mit generischen Beats einen Rap anstimmt, der sich laut Beschreibungstext die Böhsen Onkelz geistig zum Vorbild genommen hat. Problematisch wird es aber dann, wenn die Botschaften, die im Text vorkommen, offen frauenfeindlich, xenophob und homophob sind. Da dieser Mann dazu noch einen Verein vertritt, der teils vom Land finanziert wird, und der selbe Mann auch noch regelmäßig in offiziellen demokratischen Institutionen ein- und ausgeht und den Repräsentanten ebendieser Institutionen regelmäßig die Hand schüttelt, fühlt sich das alles weit weniger nach Comedy als nach einem echten Problem an. Ein Problem, das sich in Zeilen wie „Im Park vor meinem Haus liebt der Dieter den Peter“ äußert und zeigt, dass die "Wir hassen alle Hetzer und Rassisten"-Zeile, die ebenfalls im Song vorkommt, ihre offensichtliche Feigenblattfunktion nicht erfüllen kann. Schließlich kommuniziert Mc Gangsterlan die Homophobie, die da in den Textzeilen steht, ganz offen und ungeniert und klebt noch lässig das Prädikat "Heimat" dran, damit von der faschistoiden Grundeinstellung auch ja niemand etwas mitbekommt.

Tatsächlich haben die gerappten Zeilen in Wirklichkeit genau gar nichts mit Südtiroler Kultur oder Tradition zu tun, sondern können nur als homophober, rassistischer und frauenfeindlicher Sondermüll klassifiziert werden, der in dieser Form genauso gut auch unter AfD-Fans, Lepénisten und (Fun Fact) italienischen Casapound-Anhängern beliebt ist.

Gangsterlan lässt in diesem schmerzhaften Machwerk kein Chauvi-Fettnäpfchen und keine rechten 0815-Feindmotive aus und zeigt damit (etwas unfreiwillig), wie irrelevant der Bezug zur Südtiroler Realität an der Süd-Tiroler Volksfront inzwischen geworden ist. Dabei werden Feindbilder bedient, die so stereotyp sind, dass es einen fast schon wieder langweilt: Greta Thunberg kommt im Video vor, die „Studierten“ ("de ihr lebenlong nicht gorbetet hom!!") kommen im Video vor und natürlich kommen auch die Migranten im Video vor. Typische (Nicht-)Südtiroler eben, die es in ihrem Leben gewagt haben, weiter als zwanzig Meter aus dem eigenen Dorf zu laufen. Ebenjene Personen, die um jeden Preis aus diesem heiligen Land entfernt werden müssen, weil sie sich mit dem Südtiroler Blut vermischen könnten.

Spalten statt einigen

Apropos Blutsbrüder: Als Traditionsverein hätten die Damen und Herren des Südtiroler Schützenbundes ja eine gewisse traditionelle Rolle in unserem Land, die durchaus wichtig ist. Mit rund 5.100 Menschen, die sich dem Bund angeschlossen haben, hüten sie Traditionen und Bräuche und repräsentieren im besten Fall Kontinuität und Struktur, also Ordnung. Ordnung, die so wertvoll wäre in diesen chaotischen Zeiten. Sie schaffen dabei genau das, was „ein/e aufrechte/r Tiroler*in“ eigentlich machen sollte: nämlich für seine Nächsten da zu sein und das Schiff irgendwie heil durch diese Sturmböen zu manövrieren.

Nachdem sich MC Gangsterlan aber unmissverständlich dazu entschieden hat, zu spalten, anstatt zu einigen, sieht man eigentlich schon, wessen Geistes Kind da vor einem rappt. Inwieweit sich Gangsterlans Haltung vom Südtiroler Schützenbund unterscheidet, ist noch abzuwarten. Dem Grundstatut des SSB, das den Schutz der Freiheit und Würde des Menschen vorsieht, widerspricht sie allemal.

Am Ende des Tages wird dieses Skandälchen aber an unserer Gesellschaft vorbeiziehen und wir werden uns an die Stirn fassen, um uns zu fragen, was zum Geier das bitte war, was da publiziert wurde. Weil wenn eines feststeht, dann das, dass wir Südtirolerinnen und Südtiroler im Großen und Ganzen vieles sind, aber ganz bestimmt keine homophoben Fremdenfeinde, die ihr letztes Stück Glaubwürdigkeit mit einem Rapvideo auf Facebook für ein paar Likes und eine Handvoll neuer Mitglieder verkaufen.

Was hat das mit Südtiroler Traditionen zu tun? Screenshot aus dem Video.

Bild: SSB

Thomas Tribus

Als Studierender schreibt, filmt und fotografiert er für mehrere Redaktionen dies- und jenseits der Alpen. Liebt gutes Essen und gute Musik.
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Das mag ich an Barfuss.it-Artikeln. Selbst hier setzt sich jemand damit auseinander.
Schade nur, dass der Artikelschreiber nicht den ganzen Rap-Text (zumindest am Ende als Anhang) wiedergegeben hat. Vgl.:
https://www.rainews.it/tgr/tagesschau/articoli/2021/01/tag-Juergen-Wirth...
Ja, man müsste über vieles reden. Ob unerträglicher Faschismus-Sager eines Bozner grünen Geschichtsideologen vor kurzem auf Salto: "Südtirol war 1920 reif für den Faschismus, von dem es eigentlich nur die Sprache trennte" oder auch hier, man kann eigentlich nur noch den Kopf (der Flaschen) schütteln oder warten, bis sie wieder nüchtern sind.
Vielleicht erklärt uns der Kommandant dann zumindest: Inwiefern dieser Rap dem Ziel der Schützen, der Tiroler Freiheit und der parteienübergreifenden Stärkung von als «tirolerisch» wahrgenommenen Werten und Bräuchen, um damit totalitäre Ideologien abzuwehren, dient?
Vgl. auch: https://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=62914

Falsch, „artim“!
Erstens lautet der Satz vollständig:

„Südtirol war 1920 reif für den Faschismus, von dem es eigentlich nur die Sprache trennte – dieses Manko würde aber rasch und unter allgemeiner Zustimmung dessen deutsche Variante, der Nationalsozialismus, beheben.“

Zweitens ist das kein „unerträglicher Faschismus-Sager“,
sondern Forschungsergnis eines der bedeutendsten Historiker, die Südtirol glücklicherweise hervorgebracht hat.

Drittens ist Hannes Obermair auch kein „grüner Bozner Ideologe“, sondern :

“ Hannes Obermair, geboren 1961, Historiker, Germanist und Ausstellungskurator, 1987 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Innsbruck. Mehrere universitäre Lehraufträge. Seit 2019 Senior Researcher an der Europäischen Akademie Bozen, seit 2020 Fellow der Royal Historical Society in London. Forschungsschwerpunkte: Regional- und Stadtgeschichte, Geschichte der Faschismen und Public History. Neuere Publikationen: A Land on the Threshold. South Tyrolean Transformations, 1915–2015 (2017, mit G. Grote), Mythen der Diktaturen. Kunst in Faschismus und Nationalsozialismus (2019, mit C. Kraus), Die Zeit dazwischen. Südtirol 1918–1922: Vom Ende des Weltkrieges bis zum faschistischen Regime (2020, mit U. Kindl), »Großdeutschland ruft!« Südtiroler NS-Optionspropaganda und völkische Sozialisation (2., erw. Aufl. 2021)“

Nachzulesen hier: https://www.salto.bz/it/article/19122020/unser-staedtchen-liegt-1

Und viertens haben Sie vergessen Thomas Tribus zu würdigen, der einen hervorragenden Text geschrieben hat, den ich vollinhaltlich teile!

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