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Interview mit einem Bauernbundmitglied

Ärger im Bauernbund

Der Bauernbund schürt die Angst vor dem Wolf und ruft die eigenen Reihen zu Protesten auf. Das geht manchem Mitglied zu weit.

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Bild: pixaba.com/raincarnation40

Der Wolf erhitzt die Gemüter in Südtirol: Tierhalter demonstrieren, Aufrufe zur Selbstjustiz und emotionale Debatten in Onlineforen stehen an der Tagesordnung. Sogar Dokumentarfilme über den Wolf werden gedreht. Die Angst vor dem Wolf geht um. Am gestrigen Mittwoch dann rollten 500 Bauern mit ihren Traktoren bis vor den Landtag – mit Kuhglocken und Anti-Wolf-Plakaten.

1896 wurde der letzte Wolf in Südtirol erschossen. 2009 siedelte sich der erste Wolf in Südtirol wieder an und sorgt seitdem für Aufruhr – auch beim Südtiroler Bauernbund. Der rief am 1. Juni 2019 auf dem Serviceportal seiner Mitglieder dazu auf, an einer Protestkundgebung in Sterzing teilzunehmen. Bauernbundmitglied Hanno Mayr war verärgert, dass man das Portal für diesen politischen Aufruf „missbrauchte“. Er beschwerte sich in einer E-Mail an den Bauernbund, den Landesrat und das Amt für Jagd und Fischerei.

Bild: Screenshot/mein Sbb/Südtiroler Bauernbund

Herr Mayr, warum hat sie die Aufforderung, am Protestmarsch teilzunehmen, so verärgert?
Anders als zum Beispiel in Österreich, wo die Landwirtschaftskammer für den Service und der Bauernbund für Parteipolitik zuständig ist, wickelt der Südtiroler Bauernbund beide Arbeitsbereiche unter einem Dach ab. Das geht meist gut und schafft Synergien und Einsparungspotenziale. Manchmal geht die Vermischung aber in die Hose – wie in diesem Fall. Der Bauernbund hat sein Serviceportal, in dem Mitglieder privaten Zugang zu Rechnungen, Löhnen, Arbeitssicherheit und Weiterbildung haben, für die politische Agitation gegen den Wolf genutzt. Das ist Machtmissbrauch. Ich sehe nicht ein, dass man Mitglieder mit rein politischen Dingen belästigt, die dazu noch inhaltlich bedenklich sind.

Inwiefern sind die Inhalte bedenklich?
Der Aufruf zum wolfsfreien Südtirol weckt völlig unrealistische Erwartungen. Weder naturschutzrechtlich und schon gar nicht praktisch wird ein wolfsfreies Südtirol jemals machbar sein. Wölfe sind mobil, sie bewegen sich pro Tag bis zu vierzig Kilometer. Deswegen wird man sie nie alle finden und man kann sie auch nie alle markieren, wie einige Viehbauern vorschlagen. Im Bauernbund sitzen Fachleute, die sich auskennen und das auch wissen. Sie sollten den Mitgliedern Lösungen vorschlagen, die realistisch und praktisch umsetzbar sind und den Bauern wirklich helfen. Gerade beim Thema Wolf ist das aber nicht so.

Als Weinbauer haben Sie leichter reden als die Viehbauern des Landes …
Auch wenn ich kein Weidevieh habe, habe ich mir erlaubt, etwas zum Thema zu sagen. Das Gefühl, wenn sich Marder und Habicht meine Hennen holen, ist kein gutes. Natürlich muss ich nicht von ihnen leben, das stimmt, trotzdem bin ich davon überzeugt, dass die Schiene, die der Bauernbund jetzt fährt, den Bauern nicht wirklich hilft.

Bild: Hanno Mayr

Nun könnte man sagen, der Bauernbund vertritt beim Thema Wolf lediglich die Meinung der meisten Bauern des Landes …
Das wird zum Teil auch so sein. Zum Teil macht der Bauernbund aber auch Meinung. Und die führt die Bauern hier in die Sackgasse.

Meinen Sie mit dieser Meinungsmache zum Beispiel die Aussage von Bauernbund-Bezirksobmann Daniel Gasser? Er sagte in einem Interview: „Im Wipptal kommen die Wölfe bis an Häuser und Höfe. Ohne eine Regulierung verlernen sie ihre Scheu und das Risiko für die Bevölkerung steigt.“
Diese Aussage ist totaler Schwachsinn. In Mitteleuropa gab es in den letzten fünfzig Jahren keinen dokumentierten Todesfall durch einen Wolf. Tödliche Übergriffe waren, wenn historisch noch herauszufinden, entweder durch tollwütige Tiere entstanden und/ oder Folge von starkem Nahrungs- und Lebensraumentzug des Wolfes. Es scheint die Strategie des Bauernbunds zu sein, sofort wirksame Maßnahmen, die helfen Wolfsschäden zu vermeiden, zu ignorieren oder als sinnlos abzustempeln, um anschließend mit den entstandenen Schäden protestieren zu gehen. Sie sagen, die einzige Lösung sei das massenhafte Abschießen. Das ist aber keine Lösung. Dadurch wird den Bauern etwas vorgemacht. Einige glauben, wenn die Abschussgenehmigung kommt, könnte man so viele Wölfe abschießen, dass man nichts mehr von ihnen merkt. Das wird aber nie der Fall sein. Das sagen alle, die sich professionell mit Wölfen beschäftigen.

Was wäre denn eine Lösung?
Wölfe sind ein Problem in der Landwirtschaft und man muss etwas dagegen tun. Aber anstatt hinaus zu posaunen, welch guter Freund der Berglandwirtschaft er ist, hätte der Bauernbund längst anfangen sollen, aktiv Herdenschutzmaßnahmen auszuprobieren und eine Strategie zu entwickeln, den Herdenschutz an Südtirol anzupassen. Das hat man bisher versäumt. Natürlich ist Herdenschutz nicht die hundertprozentige Lösung, aber auf jeden Fall der beste Weg, den wir momentan haben. Es gibt genug Erfahrungswerte rundherum, warum dann nicht auf diese aufbauen?

Was müsste der Bauernbund tun, um das Ruder noch rumzureißen?
Er müsste zum Beispiel Hirten ausbilden und Lehrfahrten für Bergbäuerinnen und Bergbauern zum Beispiel in die Schweiz organisieren, wo Herdenschutz funktioniert. Er könnte Tagungen organisieren zum praktischen Umgang mit dem Wolf auf den alpinen Weiden, Fortbildungen für Hirtinnen und Hirten anbieten … Herdenschutz braucht Zeit. Die Wölfe, die sich jetzt in Südtirol ansiedeln, dürfen nicht lernen, dass Haus- und Nutztiere eine leichte Beute sind. Wenn sie das erst einmal lernen, gibt es deutlich mehr Probleme, wie wenn man präventiv handelt.

Man wird den Wolf heute nicht mehr ausrotten können und zum Glück auch nicht dürfen.

In Südtirol haben das einige Wölfe schon gelernt. Hilft dann nur noch ein Abschuss?
Ein Abschuss macht vielleicht in einem von hundert Fällen wirklich Sinn. Zudem muss man beim Schießen von Rudeltieren aufpassen. Schießt man den falschen Wolf im Rudel, kann es sein, dass sich das Rudel auflöst und sich die einzelnen Tiere auf andere Gegenden verteilen. Dann hätte man viel mehr Schaden durch das Abschießen angerichtet. Ich bin nicht gegen Abschüsse, denn einfangen und umsiedeln bringt auch nicht wirklich etwas. Meiner Meinung nach muss es diese Möglichkeit also irgendwann geben. Trotzdem lösen die Abschüsse das Problem nicht. Man wird den Wolf heute nicht mehr ausrotten können und zum Glück auch nicht dürfen.

Mit dem Wolf in Südtirol wird es die Almwirtschaft, wie wir sie kennen, in Zukunft wohl nicht mehr geben …
Das Almsystem, das wir momentan haben, gibt es auch noch nicht so lange. Wir lassen riesige Herden ohne Aufsicht tagelang frei in den Bergen herumlaufen. Klar, dieses System ist billig und einfach, aber das werden wir in dieser Form nicht halten können. Bestimmte Almen werden vielleicht wirklich nicht mehr richtig bewirtschaftet werden können, auf anderen wird man die Form der Bewirtschaftung ändern müssen und auf wieder anderen wird man vielleicht gar nichts unternehmen müssen. Für die allermeisten Orte findet man sicher Lösungen. Zudem gibt es Erfahrungswerte aus der Schweiz, dass es auf behirteten Almen auch weniger Todesfälle durch Krankheiten und Abstürze gibt. Es wäre also generell sinnvoll, die Almen zu behirten.

Wie soll die Finanzierung dieser Projekte aussehen?
Das ist Aufgabe von Bauernbund, Landesregierung und EU-Behörden. Für die Herdenschutzmaßnahmen muss ordentlich Geld zur Verfügung stehen. Es geht um Naturschutz, den Schutz der Almen und der Tiere. Wenn dann auch noch der Wolf leben darf, soll das großzügig honoriert werden. Da wären sicher auch Gelder auf EU-Ebene zu holen.

Haben Sie eine Antwort oder Stellungnahme auf Ihre E-Mail erhalten?
Vom Bauernbundobmann Tiefenthaler gab es eine Stellungnahme gegenüber den Medien. Mir wurde diese allerdings nicht zugeschickt. Am meisten ärgert mich, dass Landesrat Schuler nichts zu sagen hat. Er hat zwar fest mit dem Wolf Wahlwerbung gemacht, aber jetzt hält er sich vornehm zurück. Er hat auch das Programm zum Monitoring des Wolfes „Wolf Alps“ abgestellt. Südtirol ist damit aus einem wissenschaftlichen Programm ausgestiegen, über das mehrere Alpenländer ihre Daten über den Wolf austauschen. Nur ein Wolf ist momentan besendert. Davon hat man aber auch keine Live-Daten. Man geht auf populistische Parolen und Meinungsmache, anstatt das Problem sachlich anzugehen. Über dieses Thema könnte man stundenlang diskutieren. Wir werden einfach lernen müssen, mit dem Wolf umzugehen.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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