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Kommentar zum Wolf-Problem

Wer hat Angst vorm Wolf?

Spoiler zum Titel: Es sind die Tageszeitung „Dolomiten“ und der Bauernbund. Als handelte es sich um eine gefährliche Krankheit, fordert man ein „wolfsfreies“ Südtirol.

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Bild: Wikimedia/Isster17

An Empathie mit Tieren fehlt es dem Südtiroler Bauernbund ja nicht. Vor allem, wenn es um das Thema Bär oder Wolf geht. Dann können sich die Vertreter des Bauernbunds plötzlich so gut in die eigenen Tiere einfühlen, dass sich auch ihre Wortmeldungen kaum noch vom angstvollen, hysterischen Geblöke einer Herde Schafe unterscheiden.

Jedes Mal, wenn ein Wolf oder Bär die heilige Grenze zu Südtiroler Boden überschreitet, folgt das gleiche Schauspiel: Bauernvertreter, die vor Aufregung rot anlaufen, Hexenjagden auf gegenteilige Meinungen und nicht zuletzt die Wölfe selbst – blutrünstig, Zähne bleckend und mit weit aufgerissenen, schäumenden Mäulern. Nein, keine echten Wölfe natürlich. Sondern diejenigen, die immer wieder auf realistische Weise in der Tageszeitung „Dolomiten“ abgedruckt sind. Da mag es geradezu verwundern, dass es nicht die Gebrüder Grimm sind, die hinter dieser Tageszeitung stehen, sondern lediglich die Gebrüder Ebner.

Schlagzeilen in der Dolomiten - so geht sachlicher Journalismus.

Bild: Teseo La Marca

Diesmal ist es ein Wolfspaar am Deutschnonsberg, das die Gemüter erhitzt. Die beiden Wölfe scheinen schon seit einiger Zeit hier ansässig zu sein. Sorge bereitet die Tatsache, dass es sich um einen Rüden und ein Weibchen handelt, weshalb man baldigen Nachwuchs erwartet. Auch im Gadertal sind zwei Wölfe vor kurzem in eine Fotofalle getappt. Doch wie gefährlich sind die Wölfe wirklich?

Entgegen den kontraproduktiven Bemühungen einiger Naturschützer, den Wolf zu verharmlosen und zu romantisieren, steht fest: Der Wolf ist kein Kuscheltier und eine Begegnung mit ihm kann nachweislich tödlich enden. Die Angriffe auf Menschen sind allerdings äußerst selten, denn der Mensch passt nicht ins Beuteschema des Wolfes. Wissenschaftliche Datenerhebungen wie der Linnell-Report zeigen: Meist war es Tollwut, die den Wolf zum Angriff bewegte. Westeuropa ist inzwischen aber so gut wie tollwutfrei, dementsprechend sind auch problematische Begegnungen seltener geworden.

Wo es ideologisch zugeht, da muss auch die richtige Propaganda her.

Wenn die Angst vor dem Wolf in Südtirol begründet sein will, dann kann sie sich nur auf die Angriffe auf Nutztiere beziehen. Laut dem Direktor des Amtes für Jagd und Fischerei Luigi Spagnolli wurden aufgrund der Wölfe durchschnittlich zwischen 15.000 und 25.000 Euro Schadenersatz jährlich gezahlt. Zum Vergleich: In der Toskana beliefe sich der Schadensersatz bei 700 Wölfen auf über eine Million Euro jährlich. Dass einige zehntausend Euro nicht gerade jene finanzielle Last sein kann, die das Land Südtirol in den Bankrott treibt, legt nahe, dass der Widerstand gegen den Wolf eher ideologisch motiviert ist.

Wo es ideologisch zugeht, da muss auch die richtige Propaganda her. Das hat beim Thema Wolf oder Bär bisher immer sehr gewissenhaft die Tageszeitung Dolomiten übernommen. Dort liest man das karg begründete und wahrscheinlich im selben Maße qualifizierte Urteil: Wolf und Südtirols Berglandwirtschaft passen einfach nicht zueinander. Dabei scheut man sich auch nicht, die elementarste Einhaltung von Naturschutzgesetzen in Frage zu stellen:

„Welche Blüten der Naturschutz in Italien treibt, zeigt ein Gesetzentwurf, den drei Senatoren nun in Rom eingebracht haben. Dieser sieht vor, dass hinter Gitter muss, wer einen Bären unrechtmäßig abschießt.“

Aussage: Wer eine Straftat begeht, indem er ein strenggeschütztes Tier tötet, sollte lieber ungestraft davonkommen. Dass Wolf und Bär nicht nur in Italien, sondern in beinahe jedem zivilisierten europäischen Staat unter strengem Schutz stehen, das übersieht die Tageszeitung großzügig. Stattdessen hofft man, nationale sowie internationale EU-Gesetzgebung zu umgehen und für Südtirol ein Sonderrecht für den Umgang mit Wildtieren herauszuschlagen.

Die Sehnsucht nach Wildnis und die naive Freude darüber, endlich wieder Wölfe in unseren Wäldern zu haben, sind genauso irrational wie die Angst vor dem Wolf.

Spagnolli, der auf die Unsinnigkeit dieser Forderungen aufmerksam macht, wurde als Wolfsbefürworter angegriffen. Die Einladung zu einer Pro und Contra-Diskussion des Senders Rai Südtirol hat er dennoch klugerweise abgelehnt. Denn die Frage, ob man nun für oder gegen den Wolf ist, ist in der Tat unangebracht. Die Sehnsucht nach Wildnis und die naive Freude darüber, endlich wieder Wölfe in unseren Wäldern zu haben, sind genauso irrational wie die Angst vor dem Wolf. Beide Gefühle entspringen letztlich einer ganz bestimmten, meist städtischen Unerfahrenheit. Die eine Unerfahrenheit romantisiert, die andere dämonisiert. Die Rückkehr des Wolfes ist aber eine Tatsache, die sachliche Maßnahmen erfordert, wie etwa den Wolfsplan, der gerade in Rom erarbeitet wird. Und ob Südtirol zu ihm passt, weiß der menschenscheue Wolf wohl am besten zu entscheiden.

Teseo La Marca

studiert in München und perfektioniert dort die Kunst der Prokrastination. Liebt die Freiheit, in anderen Worten: hat Bindungsängste gegen alles, außer gegen Südtirol, wohin er immer wieder gerne zurückkehrt.
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Genauso irrational ist es, als Städter (davon gehe ich beim Autor aus) jemandem, der in unmittelbarer Nähe des Wolfes wohnt und dem womöglich gerade ein Nutz-/Haustier gerissen wurde, zu sagen, er möge doch bitte keine Angst vor dem Wolf haben. Ja, er kann ganz beruhigt seine kleinen Kinder in den Wald gehen lassen, weil wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Menschen nicht zum Beuteschema des Wolfes gehören. Toll...

Ich vermute, Sie würden sicher nie jemanden mit Höhenangst einen Klettersteig raufzerren und sagen, er brauche keine Angst zu haben, er sei doch hunderprozentig gesichert. Ich hoffe, Sie machen mir den Vergleich jetzt nicht streitig. Es ist nämlich genau dasselbe...wobei eigentlich die Höhenangst die wirklich irrationale ist.

Dass sich in den Reigen der wildtierschelte viele Unbeteiligte einreihen, auch und vor allem beim Bauernbund, will ich nicht abstreiten. Dafür können aber die direkt betroffenen Bauern nichts.

Städter*innen haben vielleicht auch nur eine neutralere Sicht auf das ganze Geschehen. Aber wenn die Bauern schon um das Wohl der Tiere besorgt sind, dann sollen sie Gemüse anbauen und keine Tiere halten, die dann in Schachthöfen ermordet werden. Jetzt steht wieder Ostern vor der Tür wo tausende Lämmchen auf den Tellern landen und man glaube nicht, die würden zu Tode gestreichelt! Fleischkonsum ist für mich ethisch absolut verwerflich. Beim Wolf ist das natürlich und die Natur ist grausam, aber nicht annähernd so grausam, sadistisch wie der Mensch.
Wieviele Tiere wurden in ST von Wölfen gerissen, und wieviele von freilaufenden Hunden (NB oft Hunde von Bauern und Jägern!) egal das Land zahlt ja immer.
Wer bitte lässt seine Kinder ALLEINE in den Wald? Und glaub mir, da geht immer noch die aller, aller, aller, aller größte Gefahr vom Mensch (Mann!) aus. Und wir sprechen noch nichtmal vom Straßenverkehr.
Ich bin es satt, dass der Bauernstand (bzw nur einige seiner Ver-Treter) in diesen Land schön und schlecht Wetter bestimmen. Die Meinung der Allgemeinheit ablehnen, aber deren Steuergeld allzugerne annehmen, das wird so nicht gehen.

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