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Dokumentarfilm über den Wolf in Südtirol

Wenn er kommt, schießen wir

In seinem Dokumentarfilm beleuchtet Jona Salcher den Kampf um den Wolf – und zieht Parallelen zur Flüchtlingskrise.

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Bild: Jona Salcher

Im Wald auf der Seiser Alm treibt sich der Wolf rum, heißt es. Jona Salcher wohnt direkt an diesem Wald. In Pufels, in einer der drei ladinischen Fraktionen der Gemeinde Kastelruth. Sein Interesse am Raubtier ist geweckt und Jona, der an der Hochschule für Fernsehen und Film in München seit 2016 Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik studiert, wagt sich an das brisante Thema heran. Der 23-Jährige will einen Dokumentarfilm über „die Bestie“ drehen.

Fortan trifft Jona Bauern, die für ein Abschussgesetz kämpfen, begleitet einen Hirten, der seine vom Wolf gerissenen Schafe sucht, spricht mit Naturschützern, die den Wolf verteidigen und erkennt, dass der Wolf im Landtag als Wahlwerbung verwendet wird.

Bild: Jona Salcher

Aus all diesen Einblicken entsteht im Sommer 2018 der 30-minütige Hochschuldokumentarfilm „Wenn er kommt, dann schießen wir“. Ein Film über die Rückkehr des Wolfs nach Südtirol und wie die Gesellschaft damit umgeht. Produziert von der Hochschule für Fernsehen und Film München und Jonas eigener Produktionsfirma Arctic Fox Film.

Und was machst du, wenn er kommt? Schießt du?
Rotkäppchen ist ein Märchen, der Kuschelwolf aber genauso. Durch den Dokumentarfilm habe ich gelernt, beide Seiten zu verstehen. Aber ein wolfsfreies Südtirol ist ein utopischer Gedanke. Ich glaube nicht, dass das funktioniert.

Woher kommt die Angst vor dem bösen Wolf?
Der Wolf hatte schon immer einen schlechten Ruf. Zwar ist er in unserer Kindheit nicht in den Wäldern umhergestreift, aber in den Märchenbüchern war schon immer die Rede vom bösen Wolf.
Diese Angst hat bei vielen Leuten ihre Spuren hinterlassen, und wenn in der Gesellschaft dann mit so einer Angst gespielt wird – teilweise von Politikern, die den Wolf als Propaganda verwenden und ihn vielleicht noch schlimmer darstellen, als er wirklich ist – dann reagieren die Leute hysterisch.

„Wenn er kommt, dann schießen wir“ ist Jonas zweiter Dokumentarfilm. Zusammen mit Studienkollegin Luigjina Shkupa hat er sich auf die Suche nach Antworten gemacht: Muss das Raubtier geschossen werden, oder ist der Wolf nicht auch ein schützenswerter Teil der Natur?
Mit dem Dokumentarfilm möchte Jona das Pro und Contra des Wolfs aufzeigen. Während des Drehs traf er auf Leute mit unterschiedlichen Meinungen: Die einen wollen den ganzen Alpenraum einzäunen, die anderen wollen den Wolf schießen, manche wollen ihn schützen.

Ist ein wenig Hysterie angesichts der vielen gerissenen Tiere nicht verständlich?
Ja, die Bauern sind logisch auch zu verstehen. Wir waren selbst dabei, als ein Hirte auf der Seiser Alm die gerissenen Schafe gesucht hat. Das war eine traurige Stimmung. Ich finde aber, die Zeit, die dafür investiert wird, ein Abschuss-Gesetz durchzubringen, sollte besser in einen guten Herdenschutz investiert werden.

Angeblich funktioniert Herdenschutz in Südtirol nicht richtig, weil das Gelände der Almen dafür zu steil ist …
Herdenschutz funktioniert nicht zu 100 Prozent. Trotz Zäunen kommt es manchmal zu Rissen, aber der Hirte Erich Höchenberger, den wir im Film begleitet haben, sagt, auch in steilem Gelände ist Herdenschutz möglich. Zwar anstrengender, aber machbar. Sofern man gute Zäune, Hirtenhunde und vor allem Herdenschutzhunde hat. Und Höchenberger ist in weitaus steilerem Gelände unterwegs als auf der Seiser Alm. Das große Problem sehe ich darin, dass keiner so richtig weiß, wie man mit dem Raubtier Wolf umgehen muss. Unsere Vorfahren wussten vor mehr als hundert Jahren genau, wie man die Herde vor dem Wolf schützen kann. Dieses Wissen ist mit der Zeit verloren gegangen und muss jetzt mühsam wieder erlernt werden.

Bild: Jona Salcher

Finden sich Hirten, die bereit wären, den Umgang mit dem Wolf zu erlernen?
Viele sagen, dass es schwierig ist, Hirten zu finden, jedoch gibt es sehr wohl Menschen, die gerne monatelang auf der Alm leben würden, um dort die Herde zu beschützen. Das Problem liegt eher bei der finanziellen Unterstützung seitens des Landes und einem angemessenen Lohn. Aus finanziellen Gründen ist aktiver Herdenschutz meiner Meinung nach nur möglich, wenn alle Tiere in eine Herde vereint sind, sonst würden die Hirten für die wenigen Tiere zu teuer werden.

Ist es überhaupt möglich, alle Tiere in einer Herde zu vereinen?
Grundsätzlich schon. Es gibt aber auch ganz spezielle Schafrassen, wie beispielsweise das Schnalser Schaf. Diese Schafrassen werden nur ungern mit anderen, „normalen” Schafen in einer Herde zusammengeführt.
Ein weiteres Problem: die Weiderechte. Denn mit dem Zusammenlegen vieler kleiner Privatalmen zu einer großen Gemeinschaftsalm besteht die Gefahr, dass die Bauern ihre Weiderechte verlieren. Dieses Risiko wollen viele Bauern nicht eingehen und schließen daher den Herdenschutz als Möglichkeit komplett aus. 

Bei einer Almbegehung, die das Filmteam von Jona Salcher begleitete, wurde über das Thema Wolf und Herdenschutz diskutiert. Mit dabei war ein deutscher Hirte, der aktiv Herdenschutz betreibt und seine Erfahrungen mit den Teilnehmern teilte.

Wie sind die Wolfgegner bei der Almbegehung mit den Erfahrungen des Hirten umgegangen?
Die Gegner schreien lauter. Ich hatte das Gefühl, es gibt nicht so viele Befürworter für den Wolf, zumindest nicht unter den Leuten, die direkt mit dem Thema Wolf in Verbindung stehen. Wir haben auch lange gesucht, bis wir endlich den Hirten für die Pro-Seite gefunden haben.
Bei der Almbegehung ist mir aufgefallen, dass einige sehr stur sind und ihre Meinung nicht überdenken oder Kompromisse eingehen wollen. Alle haben aneinander vorbeigeredet und niemand hat dem anderen zugehört. Jeder will eine Lösung, aber niemand will sich von seinem eigenen Standpunkt abbringen lassen.

Ihr wart auch bei der Diskussion über das Thema Wolf beim Landtag dabei …
Genau. Arnold Schuler möchte ein Gesetz durchbringen – sie nennen es „geregelte Entnahme der Raubtiere“ – das es erlaubt, Problemwölfe zu schießen.
Ich glaube, Landesrat Schuler hat das Angstbild des Wolfs hochstilisiert, um damit die Wahlen zu gewinnen, denn um so ein Gesetz durchzubringen, muss es erst von Rom und dann von Brüssel akzeptiert werden. Dass Brüssel so ein Gesetz akzeptiert, obwohl das Schießen von Wölfen in ganz Europa verboten ist, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Und das, glaube ich, wusste auch Schuler.

Bild: Jona Salcher

Es geht im Film nicht nur um Wölfe, Hirten und Bauern, sondern auch um die Angst vor dem Fremden.
Der Wolf ist etwas Unbekanntes. Wir haben 150 Jahre nicht mit diesen Tieren gelebt und wissen nicht, wie sie auf Situationen reagieren. Weil das Fremde und Unbekannte wieder zurückkommt, braucht es Veränderungen, die Gesellschaft muss sich anpassen.
Ich sehe da eine Brücke zum aktuellen Migrationsproblem. Es gibt Parallelen, denn Leute, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, sind auch etwas Unbekanntes und auch da braucht es eine gesellschaftliche Veränderung.

Du beschäftigst dich gerne mit gesellschaftskritischen Themen. Zum Beispiel dein erster Dokumentarfilm „Steig“ über das Gipfelkreuz.
Ich versuche, nicht nur Filme zu machen, die visuell gut aussehen, sondern immer auch als Gesellschaftskritik wirken. Das Gipfelkreuz ist nicht nur ein traditionelles Symbol, sondern hat auch einen religiösen Hintergrund. In diesem Film hinterfrage ich, ob das Kreuz wirklich das Recht hat, auf den Gipfeln zu stehen und was sich vielleicht auch andere Leute denken, die nicht christlich sind.

Aber Berge müssen es immer sein. Sei es im Film als auch in der Fotografie.
(Lacht) Ich bin immer in den Bergen unterwegs, wenn es irgendwie geht. Ich kann auch direkt von der Haustür starten.

2015 wurde eines deiner Bergfotos als „Foto des Jahres“ in der GEO ausgezeichnet.
Ich habe damals viele Drohnenaufnahmen gemacht und versucht, andere Perspektiven zu zeigen. Auf der Nordwand der Drei Zinnen verläuft eine schwere Route, die „Cassin Führe”. Dort habe ich zwei Bergsteiger fotografiert, als sie die Schlüsselstelle geklettert sind.

Bild: Jona Salcher

Beim Klettern und Bergsteigen hat Jona immer seine Kamera dabei. Schon früh kommt der 23-Jährige in Kontakt mit der Fotografie. Jona Salchers Vater ist Künstler und Fotograf Thaddäus Salcher. Daher sucht sich Jona nach Abschluss seiner Schreinerlehre in Meran auch nicht gleich eine Arbeit als Tischler, sondern schreibt sich in die Kunstschule in Gröden ein und entdeckt in dieser Zeit seine neue Leidenschaft: das Filmen.

Was macht für dich die Faszination beim Filmen aus?
Mir gefällt es, Geschichten auf mehreren Ebenen zu erzählen, und dafür ist der Film das ideale Instrument. Es ist toll, zusammen mit anderen professionellen Filmemachern etwas auf die Beine zu stellen und davon gibt es mittlerweile zum Glück auch hierzulande viele.

Wo erscheint der Film über den Wolf?
Wir haben den Film bei mehreren Filmfestivals eingereicht und warten jetzt auf Antwort. Das kann dauern, denn es gibt sehr viele Einsendungen. Durch die Audio-Mischung und die Aufnahmen ist der Film definitiv fürs Kino gedacht. In einem zweiten Schritt kann man ihn hoffentlich auch in Südtirol irgendwo zeigen.

Wird die Welt noch viel von Jona Salcher sehen?
Mit Dokumentarfilmen ist es schwierig, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Deswegen drehe ich auch immer wieder Imagevideos für Tourismusvereine und Hotels.
Vielleicht geht sich irgendwann mal ein Spielfilm aus, das würde mich freuen. Auf jeden Fall möchte ich immer beim Film bleiben, da fühle ich mich recht wohl. (grinst)

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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