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Generation 08/15

So besonders sind wir Ypsiloner eigentlich gar nicht. Wir sind bloß die Wiederholung eines fortwährenden Zyklus.

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Bild: flickr/ twicepix

Es war bei einem der letzten Küchentischgespräche, als meine Mutter – wie so oft – ein schlaues Zitat in den Raum warf: „Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt.“ Und dann fängt das ganze Spiel wohl wieder von vorne an. Dass das Zitat Otto Fürst von Bismarck zugeschrieben wird, musste ich selbst erst googlen. Doch Mama zitiert den Herrn mit dem großen, weißen Schnauzer des Öfteren ganz gerne. Ist ja auch ein schlauer Mann, wenn er vor fast 200 Jahren bereits voraussagen konnte, wo wir Ypsiloner heute stehen würden. Wir egozentrischen Kunstgeschichte-Studenten, die wir, obwohl hypergebildet, nicht arbeiten wollen und dafür umso mehr Lust auf Freizeit haben.

Generationen kommen und gehen, bauen auf und reißen wieder ein, machen Fehler, lernen daraus und wiederholen diese. Und schlussendlich ist diese Entwicklung, wie jede andere auch im Leben, ein großes Rad. Die Natur ist eben in Zyklen aufgebaut, das wusste schon der gute Otto. Und wir Ypsiloner sind so auch nicht mehr als der kleine Abschnitt von einem großen Kreislauf und damit wohl doch nicht so besonders, wie wir eigentlich immer geglaubt haben.

Aufbau, Verwaltung und Abriss
Als Otto schon tot war und das neue Jahrhundert angebrochen, zog nicht nur einer, sondern gleich zwei Weltkriege über unseren Planeten. Was danach folgte, war die erste wirkliche Klassifizierung einer Generation: die Nachkriegsgeneration. Unter dem Motto „Ackern bis zum Wirtschaftswunder“ haben die Babyboomer die Welt nicht nur mit vielen Kindern, sondern auch mit viel Pflichtbewusstsein und Disziplin wieder aufgebaut. Sie haben die Trümmer überwunden, neues Vermögen geschaffen und das Leben anschließend beim Woodstock anständig gefeiert. Sie wurden zu Hippies und Idealisten und haben begonnen, den Kapitalismus mit Sex, Drugs & Rock'n'Roll zu bekämpfen. Die Revolten und Revolutionen der Studentenbewegungen von 1968 endeten schließlich in der Generation X.

Die zwischen 1965 und 1975 Geborenen galten dann als orientierungslose Egoisten, die wenig Interesse am Allgemeinwohl zeigten. Mit ihnen kamen die ersten Fernseher, Computer und schließlich das Internet in die Haushalte. Geld bedeutet für sie Freiheit und Unabhängigkeit. Durch harte Arbeit versuchten sie also die Wirtschaftskrise zu überwinden und wiederum Neues aufzubauen. Es sind unsere Eltern, die in dieser Generation groß geworden sind und das Vermögen unserer Großeltern so gut wie möglich zu verwalten versuchten. Und weil auf X natürlich Y folgt, sind wir die Generation von heute. Irgendwo zwischen Studium und Verfall auf der Suche nach uns selbst. Als depressive Multitasker, die Tag für Tag mit einem Informationsüberschuss und viel zu vielen Ideen zu kämpfen haben und vor lauter Jammerei darüber vergessen, worum es eigentlich wirklich geht. Egal ob Swing-Jugend, Babyboomer, Hippies oder Ypsiloner, im Prinzip sind wir alle nur Menschen mit demselben Ziel: einem Leben, das zufrieden und glücklich macht. Und ob wir das nun durch Aufbau, Verwaltung oder Abriss erreichen, ist einerlei. Lösungswege gibt es eben immer verschiedene.

So besonders, wie wir immer glauben zu sein, sind wir also eigentlich gar nicht. Wir sind bloß die Wiederholung eines fortwährenden Zyklus. Ein Teil der Geschichte, kopiert ins digitale Zeitalter, mit neuen Adjektiven versehen und im Prinzip doch gleich wie all die Generationen vor uns.

 

Dies war der letzte Teil meiner Kolumne über uns Ypsiloner. Danke, dass du mich immer gelesen hast!

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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Wir Ypsiloner

Die Generation Y ist jung, gebildet, arbeitsscheu und ihr stehen alle Türen offen. Sagt man zumindest. Aber stimmt das wirklich? Wie ticken wir wirklich? Was ist uns wichtig? Sind wir die heimlichen Revolutionäre? Eine Kolumne gibt den Ypsilonern eine Stimme.

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