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Kommentar Weihnachtsmarktwahnsinn (Erster Teil)

Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist

Kolonialherrenkarussell, Timberlandinvasoren, Falschpelzkapuzenhorde – im Auge des Weihnachtswahnsinns brauchen wir völlig neue Begriffe.

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Lizenz: CC0
Bild: KRiemer, pixabay

Bekommen Sie einen mittelschweren Reizhusten, wenn Sie samstags kurz das Fenster zum Lüften öffnen? Müssen Sie eine Stunde mehr Arbeitsweg einrechnen, weil die Polizei die halbe Stadt gesperrt hat? Schnäuzen Sie schon grauschwarzen Nasenschleim in Ihr Taschentuch? Oder sind Sie ständig vom Hunger geplagt, weil Ihr Bäcker leergekauft ist? Ein untrügliches Zeichen – das Weihnachtsfest steht vor der Tür! Verderben Ihnen die ganzen Stickoxide die weihnachtliche Vorfreude, halten Sie sich an das Sprichwort: Je tiefer die Nacht, desto näher Tag bzw. je dunkler Ihr Nasenschleim, desto näher das Christfest!

„Euphorisch kaufe ich gleich fünf und bezahle die sechste doppelt.”

Am ersten Adventwochenende sperrten sie die Straße vor unserem Haus im Stadtzentrum, und wir dachten, juhuu, endlich Spielstraße! Aber der Polizist kam und sagte, juhuu, endlich Busbahnhof und montierte zwei „Beim-Halten-Motor-Abschalten“-Schilder, die, weil sich niemand daran hielt, innerhalb der ersten halben Stunde so verrußt waren, dass sich nachher keiner mehr daran halten musste, weil nicht entzifferbar. Sie kamen wie immer in Scharen, die TouristInnen, in ihren Bussen aus Udine und Vicenza, aus dem Ruhrpott und dem österreichischen Hinterland. Mit ihren Dieselmotoren, die sie laufen ließen, um an den Zehen nicht zu frieren. Am ersten Dezember starben drei Orchideen und eine Zyklame in unserem Wohnzimmer, als mein Mann versehentlich kurz lüftete, am zweiten Tag war unser Keller endlich mäusefrei – nur die Kakerlaken hatten überlebt, aber die überleben ja bekanntlich alles und sogar Weihnachten. Am dritten Tag allerdings brüllt mein Zweijähriger so lange und will nachmittags nicht einschlafen, dass ich mich wagemutig mit ihm aus dem Hause stürze. Weil mich einige der TouristInnen an meinem missmutigen Blick und dem Biomüll in der Hand als Indigene identifizieren, kann ich den Biomüll als originalen, in aufwändiger Handarbeit produzierten Südtiroler Dreck um 30 € verscheuern. „Bus!”, ruft mein Söhnchen aufgeregt alle paar Sekunden und seine Stimme klingt bereits erfreulich heiser und um einiges leiser.

Im Schutze des passenderweise im Stile des Brutalismus erbauten Tourismuszentrums erspähe ich einen hochgewachsenen Polizisten – an seine Front schickt Brixen wochenends nur die Wackersten. Ich kämpfe mich durch die Menschenmasse, den Buggy in die Hacken Fremder rammend. „Wos ischen do los?“ , brülle ich in seine Richtung, mich um eine besonders ausgeprägte Form des Südtiroler Dialekts bemühend, um mich als Einheimische erkenntlich zu geben. Er brüllte, hilflos mit seinen Armen rudernd, zurück, seine Worte werden von einem röhrenden Dieselmotor übertönt, und es bleibt unklar ob er „Wir proben schon mal für Heller!“ oder „Bleiben Sie nicht stehen, gehen Sie schneller!“ brüllte. Bevor ich nachfragen kann, werde ich von den Massen weitergetragen, mein Zweijähriger ist derweil endgültig in einen NO-komatösen Schlaf gefallen – das wird wohl nichts werden mit dem sportmedizinischen Attest in ein paar Jahren. Aber muss ja nicht jeder Fußballer sein und Diplomat oder Jurist kann man zur Not auch mit Darmausgang und Respirator werden.

„Die Falschpelzkapuzenhorde singt ansteckende Weihnachtslieder wie ‚quanto costa‘ und ‚tipico altoatesino‘ .“  

Die Massen tragen mich weiter, man muss gar nicht selbst gehen, das angenehme Gefühl, endlich mal dazuzugehören und im Gleichschritt der Timberlandinvasoren die Stadt einzunehmen, weckt urplötzlich unbekannte weihnachtliche Gefühle in mir. Ich will sofort ein mundgeblasenes Lebkuchenhaus mit Vinsch’ger Zimt! Ich will eine Unterlandler Orange aus dem intensivierten monokulturellen Hochalpenanbau! Meine Crew trägt mich im Kreis um den Mercatino, Ausstieg unmöglich. Wer einmal in den Sog des Marktes gekommen ist, wird kreiselnd in seine Mitte getrieben zum hellerleuchteten* Kolonialherrenkarussell! Für läppische zwei Euro gibt’s für vier Minuten das erhabene Gefühl der Apartheid. Die guten alte Bräuche! Früher war eben auch nicht alles schlecht! Ein Pferd, ein Ferkel und ein Mohr, der einen Wagen schiebt, laufen lustig im Kreis, aber leider ist mein Söhnchen nicht aus seiner Stickoxidvergiftung zu wecken. Neben, über und unter mir glitzert es verführerisch, ich möchte jetzt auch eine Schneekugel, ach was, ich BRAUCHE eine Schneekugel! Wenn ich zwei kaufe, kriege ich die dritte gratis, sagt die Verkäuferin. Euphorisch kaufe ich gleich fünf und bezahle die sechste doppelt. Die Falschpelzkapuzenhorde singt ansteckende Weihnachtslieder wie „quanto costa“ und „tipico altoatesino“, ich falle beim Chor „l’anno scorso avevo mangiato i crauti più buoni“ mit ein und bestelle mir eine Knödelpizza („das doppelte Vergnügen“) im praktischen tausendjährigen Plastik für läppische dreihundert Euro.

Weihnachten ist dann, wenn man sich auch mal was gönnt! Am Black Friday zum Beispiel hat sich die Gemeinde eins Komma vier Milliönchen für das innerstädtische Hellertuning gegönnt, die erste von gar einigen Millionen im zweistelligen Bereich, die man für einen in Morseschrift gesetzten Sonnengesang aus Zwetschgenbäumen locker machen muss. Sie wünschen sich ebenso viel Geld für, sagen wir, Gesundheits- und Sozialprojekte, die der Stadtbevölkerung zugute kommen? Schreiben Sie es auf Ihren Wunschzettel und schießen Sie ihn in den Wind, oder werfen Sie ihn beim Tourismusverband Brixen ein! Die haben einen direkten Draht zum Christkindl und wenn Sie nichts bekommen, nun, dann werden Sie heuer schon nicht brav oder einfluss- und reich genug gewesen sein.

„Das Jesuskind wird heutzutage ja nicht mehr im Stall geboren, es ertrinkt hundertfach im selben Wasser, wo wir gar nicht weit weg von hier sommers gerne unsere aufgedunsenen Erste-Welt-Beinchen abkühlen.“  

Die Horde trägt mich weiter zur Jahrtausendsäule, an den Geschirrgeschäften ziehen sie vorbei und gucken leicht belustigt die Ware im Schaufenster an. „Ma guarda, i crucchi und ihre Krautischneidemaschini“ (Am Ende des Tages trägt tatsächlich keine/r meiner italienischen Freunde und Freudinnen eine Einkaufstasche zu ihrem Bus zurück). Auf dem Platz vor der Jahrtausendsäule schlagen sich Kinder auf einer Kunststoffeislaufbahn die Zähne ein und werden mit raffiniertem Zucker in Nikolausform beruhigt. Niklaus war ein guter Mann, dem man nicht genug danken kann! Ich will auch eislaufen, will den geldgeschwängerten Wind in meinem Haar spüren, während ich den sterbenden Schwan mache, wie damals, auf’m Flötscher Weiher, als der Weihnachtsmann noch ein Christkind war und der Markus immer so cool seitlich das Eis hat wegspritzen lassen. Aber der Swag ist tot, hier spritzt inzwischen nichts mehr, außer die Kotze eines jungen Glühweinbesuchers auf dem versiegelten Kopfsteinpflaster im kleinen Graben.

Meine Crew zieht weiter, angezogen von einem überdimensionalen auf eine Wand gebeamten Riesenmond und einigen Sternen. Wow, die trauen sich mal was, Islam und Kommunismus, denke ich benebelt von den Abgasen und den Glühweindämpfen, die – die Bluthirnschranke zu diesem Zeitpunkt längst überwunden – in meinem limbischen System Tombola spielen. Die italienischen Freunde überlegen, ob in der Hofburg wohl die Weihnachtsgeschichte gezeigt wird. Leider nicht, aber so richtig richtig zeitgemäß ist die ja sowieso nicht mehr. Das Jesuskind wird heutzutage ja nicht mehr im Stall geboren, es ertrinkt hundertfach im selben Wasser, wo wir gar nicht weit weg von hier sommers gerne unsere aufgedunsenen Erste-Welt-Beinchen abkühlen. Sie erinnern sich vielleicht, das letzte Jesukind, das es bis in Ihre Konsumblase geschafft hat, hatte ein rotes T-Shirt, eine kurze blaue Hosen und ein paar adrett hochgezogene Strümpfchen an. Sein Gesichtchen lag leblos nach unten im Sand an unseren Stränden, ein Beinchen hatte es angezogen, sein Bruder lag einen Kilometer weiter. Das wussten Sie vielleicht gar nicht, weil von dem hat niemand ein Bild gemacht. Sein Name war Alan Kurdi, falls Sie es verdrängt haben sollten, weil es ja tatsächlich einfach unfassbar unerträglich ist. Aber wen interessiert das Ende der Menschlichkeit, wenn wir zur gnadenreichsten Zeit des Jahres unsere Löcher im An- und Verstand wegkonsumieren können, und ja, das klingt nach einem Poesiealbumspruch, aber ist Weihnachten inzwischen nicht exakt genau das – Poesiealbum, Hashtags und Kalendersprüche? Konsumiere jeden Tag, als ob es dein letzter wäre! Kleine Geschenke erhalten den Kapitalismus! Liebe deinen Nächsten, aber nur, wenn er so ist wie du selbst! Was du heute kannst besorgen, das bringt dir Amazon schon morgen!

„Die Bauern konnten sie jahrhundertelang nicht einnehmen, den Touristen und Touristinnen hat sie sich dann letztlich doch noch ergeben müssen.”

Meine Crew reißt mich aus den Gedanken, sie peilen den Zenit ihres Abends an, ich klappe meine Kapuze hoch aus Angst, doch noch als Nicht-Dazugehörige identifiziert zu werden und bemühe mich um einen leicht dämlich-verwunderten Ausdruck im Gesicht und stelle mich extra ein paar Radfahrern in den Weg. Einheimische blockieren ist ja bekanntlich eine zentrale Eigenschaft des gemeinen Touristen. Dann lasse ich mich mit Söhnchen in Richtung Hofburg schieben. Die Hofburg, sonst eine autoritäre Festung, deren eiserne Tore den Mistgabeln der Bauern stets standhielten, liegt wie ein aufgeplatzter Darm in der Mitte der Stadt. Tausende strömen stündlich rein und raus, die propulsive Peristaltik einer gewinnorientierten Einverleibung. Na klar, der Domschatz, werden Sie sagen, welch erfreuliche Welle der Kultivierung – aber nein, ich muss Sie leider enttäuschen. Es ist nicht der Prunk, sondern eine Projektion, die die Massen in die Burg lotst. Wen interessiert die olle Maria Theresia, wenn ein Elefant, der letztes Jahr behauptet hat, nie wiederzukommen, doch wieder da ist? Best of, haha, verarscht. Die Hofburg erträgt es stoisch und hält peinlich berührt ihre Fensterläden dicht, schützt ihre empfindlichen Kunstwerke vor dem Licht. Die Bauern konnten sie jahrhundertelang nicht einnehmen, den Touristen und Touristinnen hat sie sich dann letztlich doch noch ergeben müssen, die alte Dame. Im Gedränge schiebt sich eine Reihe von deutschen Touristinnen vorbei, sie facetimen Brixen in die Welt hinaus, und morgen schon wird eine Berliner Hipsterfamilie in Neukölln auf Instagram #südtirol #geheimtipp #wodieweltnochinordnungist lesen und ihre Koffer packen. Denn wer will nicht zu Weihnachten dort sein, wo die Welt noch in Ordnung ist? Neben mir brüllt eine junge Frau in ihr Handy: „Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist!“ Ich wüsste auch gerne, wann es hier mal wieder so schön wird, wie es auf dem romantisierenden IDM-Instakanal #visitsouthtyrol noch immer ist. Immerhin, 2009 hatte ich noch Angst, auf dem Weihnachtsmarkt zufällig in meinen Exfreund zu rennen, 2019 können Frisch-Getrennte unbesorgt sein: Man trifft grundsätzlich niemanden mehr in den Menschenmassen.

Hier könnt ihr den zweiten Teil des Kommentars lesen.

 

*Wenn Sie schon so vorbelastet sind, dass sie hier „heller-leuchteten“ anstatt „hell-erleuchteten“ gelesen haben, bekommen Sie zwei Freikarten für das Brixner Karussell!

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