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Kommentar zum Weihnachtsmarktwahnsinn (Zweiter Teil)

Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist

Der Wahnsinn geht weiter: Diesmal mit Outdoor-Funktionsbekleidung-Moonboots-Skituta-Touris, Joghurttelefonen und Marie Antoinette.

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Lizenz: CC0
Bild: Gerhard Gellinger, pixabay

Ausgerechnet in der Weihnachtszeit kann sich der geplagte Brixner den Rücken und die Laune beim wöchentlichen Sonnengruß nicht wieder aufbiegen lassen, denn die feingeistigen YogalehrerInnen Brixens ziehen sich bis Mitte Januar geschlossen in ein indisches Retreat zurück (#brixenchilltimausland). Einmal Weihnachten in der Altstadt, und man hat so viel schwarze Luft in das Sonnengeflecht geatmet, dass in den nächsten sechs Monaten keine aufschauende Kuh mehr klappen kann. Die StadtbewohnerInnen, die es bis Anfang Dezember nicht ins vergleichsweise ruhige und saubere Indien zur Erholung geschafft haben, organisieren sich untereinander. Hunderte BrixnerInnen verlassen wochenends ihre Wohnungen nicht mehr und tauschen über die Dächer hinweg mit improvisierten Seilbahnen eingekochte Marmeladen und Konserven. Mit Angeln werden den Touristinnen und Touristen die Lebkuchen aus den Ledertaschen gefischt und in einer Kollekte für die eingesperrten Brixner Kinder gesammelt. Weil die Stadtpolizei das halbe Straßennetz für die Busse gesperrt hat, kommen die StadtbewohnerInnen mit ihren Autos aus ihren Hinterhöfen nicht mehr raus und werfen sich gegenseitig Vanillekipferln über ihre Fenster zu. Und weil das Mobilfunknetz bei den winterlichen wie auch bei den sommerlichen Brixner Emotionen regelmäßig zusammenbricht, kommunizieren die findigen BrixnerInnen in der Weihnachtszeit untereinander mit Joghurttelefonen. „Sein beim Gasser no a poor Breatlen?“ –„Na, um holbe elfe hots lei mehr zwoa Semmelen geben!“ – „Wia schaug’s beim Profanter aus?“ – „Sem schlogen sich grod zwoa Touris ummen letzten Zelten!“  Erste BrixnerInnen sind vom Fahrrad auf fliegende Besen und rotierende Rentiere umstiegen, endlich machen die Geschichten mit Rudolf und Befana Sinn!

„Auf die Tschötscher Heide sollen sie gehen, wenn sie Grünes wollen, im Eisack schwimmen, wenn sie baden wollen, im Stall gebären, wenn leistbares Wohnen ein Privileg der Kreditwürdigen geworden ist.“

Wer Geld oder Glück hat, gießt natürlich seinen Garten in den höhergelegenen Fraktionen, wie es der Mann von Magdalena Amhof so schön auf den Punkt brachte, als im Juni ein paar Hundert Leute auf dem Domplatz gegen den Hellergarten zusammenkamen und seine Frau das wehrlose Töchterchen im Rahmen der nach hinten losgegangenen I LOVE HELLER-Aktion auf das Tuch setzte und abfotografierte (Wie, Sie haben die Fotos nicht gesehen? Nun, die wurden nur für das private Fotoalbum geschossen, dem blamierten Buhmann Siller ist selbstredend keiner seiner anwesenden Parteikollegen und Parteikolleginnen offen zur Seite gestanden. Man ist ja weder Ochs noch Esel und schon gar nicht im Juni). Jedenfalls setzte der leicht genervte Politikerin-Ehemann der Instrumentalisierung seiner Tochter vehement ein Ende mit den Worten: „Du, ich geh dann mal in den Garten!“ und zog, dem gartenlosen Pöbel auf dem Domplatz winkend, von dannen. Wer braucht schon ein öffentliches Grün, wenn er ein privates hat? Wer braucht schon ein öffentliches Schwimmbad, wenn er im Whirlpool liegt? Auf die Tschötscher Heide sollen sie gehen, wenn sie Grünes wollen, im Eisack schwimmen, wenn sie baden wollen, im Stall gebären, wenn leistbares Wohnen ein Privileg der Kreditwürdigen geworden ist – und sie sollen, bitteschön, Kuchen essen, wenn das Brot um kurz vor elf schon alle ist! Wer will sich schon Maria Theresia angucken, wenn man den Spirit von Marie Antoinette verdammt noch mal leben darf!

So schaut der Privilegierte leicht angewidert und an seinem Weihnachtsstollen mümmelnd von Kranebitt runter oder von Albeins rüber auf die ausgezehrten StadtbewohnerInnen und wartet auf den Montag. Denn der Montag bedeutet Entwarnung – außer man ist LehrerIn, dann ist der Montag bitter: Am frühen Morgen sieht man sie, weihnachtlich rot im Gesicht durch die Stadt zur Schulzone Süd rennen, in ihren Taschen den Bildungsauftrag unserer Gesellschaft, ihr weißer Atem schreibt deutlich „Scheiheißeee“ in die Luft: Der Max-Parkplatz (nachts der Fummelvorhof der Brixner Jugend und tagsüber Parkplatz für die Bediensteten in der Schulzone) wurde für die Busse gesperrt, man hatte den Lehrerinnen und Lehrern mitgeteilt, sie könnten ja im kostenpflichtigen Parkhaus oder in der Industriezone parken. Weihnachten ist, wenn man auch mal Platz machen kann für die wirklich wichtigen Dinge in einer Gesellschaft!

„Bringen sie eventuell nicht die gnadenreiche BET-TEN-AUS-LAS-TUNG, sondern nur die karzinogene CO2-Belastung?“

Und Weihnachten, das ist auch die einzige Zeit im Jahr, in der man mit einem Migranten und einer Migrantin noch offen Mitleid zeigen darf. So aus der historischen Ferne ist es ja immer leichter mit der Menschlichkeit. Da kann man noch mitfühlen bei der Herbergssuche vor 2000 Jahren! Und dann der süße Ochs und Esel! Hashtag animallove! Ehrfurchtsvoll essen wir mindestens einen halben von jeder Sorte kurz vor der Bescherung und die anderen Hälften am Christtag, bevor wir am Stephanstag rücklings in unser Geschnetzeltes kippen. So kocht Südtirol! Und die famosen Heiligen Drei Könige! Das lassen wir uns nicht nehmen, diese Tradition halten wir hoch, endlich mal Blackfacing ohne Gewissensbisse! Ich weiß, wovon ich rede, ich war jahrelang der Melchior, und immer noch klingt es mir wie damals in meinen von Schuhcreme verstopften Öhrchen: „Wie kostbar ist der Mensch, der liebt, gesegnet sei die Hand, die gibt!“ Und was geben wir! Wir geben wirklich alles: Unsere Parkplätze, unser Brot, unsere Hofburgen, unsere Ehre. Von umsonst stand ja jetzt nichts so explizit in der Bibel.

Meine italienische Gang hat inzwischen kalte Füße, der Busfahrer wartet schon mit laufendem Motor im Stadtzentrum. Bloß nicht den einen Kilometer bis zum Max gehen, Brixen ist bekanntlich ein weitläufiges Ballungszentrum, das kann man nur unseren Jugendlichen, nicht aber den Outdoor-Funktionsbekleidung-Moonboots-Skituta tragenden Touris zumuten. So schnell können wir gar nicht unsere Bäume fällen, wie die hier parken wollen. Vielleicht sollte man die Schulzone Süd abreißen und Parkplätze aus den Mittelschulen machen? Mittelschüler gehen sowieso allen auf die Nerven! Und wo sollen wir sonst die ganzen Heller-Besucher unterkriegen? Bleibt allerdings das Problem mit der Bettenauslastung, denn die BET-TEN-AUS-LAS-TUNG ist nicht hoch genug! Lächerliche 40% – da geht sich eine zweite Dampfsauna im Keller und die dritte Hütte auf der Seiser Alm halt nicht mehr aus! Weihnachten, die Zeit der Mythen und Rätsel! Was haben Tagestouristinnen und -touristen mit der Bettenauslastung zu tun? Bringen sie eventuell nicht die gnadenreiche BET-TEN-AUS-LAS-TUNG, sondern nur die karzinogene CO2-Belastung? Essen die Touristinnen und Touristen vielleicht nur ihre Panini, teilen sich einen Schokospieß und sind dann wieder eine (Feinstaub-)Wolke? Weihnachten ist, wenn die Großen die Kleinen verarschen. Wenn vom Weihnachtsmann und vom Wirtschaftsmärchen erzählt wird. Dabei stimmt das nicht, denn wenn es dem Tourismus gut geht, geht es vor allem den Touristikern gut – und sonst niemandem. Der Trickle-Down-Effekt, also dass Reichtum durchsickert, ist eben, wie inzwischen jedem bekannt sein dürfte, nicht mehr als ein Weihnachtsmärchen. Und deswegen darf der, der die Kommerzialisierung seines Lebensraums toleriert, sich nicht wundern – und sollte sich nächstes Jahr zu Weihnachten eine Heller-Jahreskarte wünschen, wenn er auch mal ein paar Kubikmeter Luft mit geringerer Feinstaubbelastung einatmen möchte.

„Entschuldigung, wir wissen nicht, was wir tun!“

Weihnachten, das möchte ich noch gesagt haben, ist ein schönes Fest. Ich mag die Stimmung, das Dunkle, das Mystische und das Kindliche. Aber vor der Tür ist es von einem Fest zu einem Happening (#yolo) geworden, zum quantifizierbaren Gipfel eines unkontrollierten und amateurhaft gesteuerten Fremdenverkehrsirrsinns, der auf die Schöpfung scheißt und die messbaren gesundheitlichen Belastungen für eine Farce hält. Weihnachten ist aber auch das Fest des Friedens, und ich möchte Frieden zwischen den Fronten, zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern und den Gästen, den Kulturtreibenden und den Konsumverteilenden, den Privatgärtnernden und den Balkonlosen. Wollen sie letztlich nicht alle dasselbe, denke ich, während ich beobachte, wie ein älterer Bäcker seinen Laden feiertags nun gar nicht mehr erst öffnet („Des Offentheater muas i mir net geben!“ ). Sitzen wir nicht alle im selben Boot? Wollen wir nicht alle eine lebenswerte Stadt? Und gibt es nicht, Gott sei Dank, genügend Positivbeispiele eines nachhaltigen, stillen und gesunden Tourismus, an denen man sich vielleicht jetzt langsam mal eher als an Rimini 1992 orientieren sollte?

Die Massen tragen mich zu ihrem Bus, und ich höre im Vorbeigehen, wie zwei ältere deutsche Frauen beim Eingang zum Herrengarten leicht entsetzt auf die Massen starren und sagen: „Und dabei war es mal so schön hier!“. „Entschuldigung, wir wissen nicht, was wir tun!“, will ich ihnen reflexartig zurufen, aber eine Touristin steckt mir einen Lebkuchen in den Mund, und dann werde ich mit meinem Sohn in einen Bus gesetzt und nach Vicenza gekarrt, von wo aus ich Ihnen diese Zeilen schreibe. Aber haben Sie keine Angst um uns, wir kommen bald wieder, denn spätestens am Wochenende führen alle Straßen wieder zum Weihnachtsmarkt! Ich schreibe inzwischen schon mal meinen Wunschzettel und wünsche mir Mut für Südtirol, weil den scheint es hierzulande inzwischen bereits für den Einsatz des Hausverstandes zu brauchen. Mut, dass der Oberhirte nicht immer theoretisch in seinem katholischen Sonntagsblatt zu einer besinnlichen Weihnacht mahnt, sondern dass er endlich mal praktisch zur Tat schreitet und etwa mit Brustkreuz und violetten Socken vor den Beamer der Hofburg springt und mit seiner Bibel, aufgeschlagen auf Markus 11:14-17, die Geldwechsler und die Taubenverkäufer aus seinen Tempeln vertreibt. Oder dass der Landestata endlich seinen Mann stehen kann und seine Landsleute vor dem kanzerogenen Ausverkauf und Überlauf der Heimat schützt, so wie damals unser tapferer Ander. Invasion 2.0 geht nicht mit Bomben und Krawall, sondern mit Bussen und Cash (Na, jetzt geht’s aber zu weit, werden Sie denken – sogar mit dem Ander kommt die, aber warten Sie nur, ich bin nämlich noch nicht fertig).

„Der Pöbel ist blöd, aber so blöd ist er nicht.“

Vielleicht bringt das Christkind dem Arno eine Armee zukunftsgewandter und nachhaltiger Strategen und Strateginnen ohne Interessenskonflikte, die den in vermeintlicher Überzahl seine Partei bebauchpinselnden Wirtschaftlern und Wirtschaftlerinnen erklären, dass die Wachstumsparty vorbei und nur ein Rückbau gewinnbringend ist. Gewinn im Sinne von sozial stabilen, gesunden und zufriedenen Verhältnissen. Hallo Postwachstumsökonomie, hallo Verstand! Denn irgendwann glaubt selbst der Blödeste nicht mehr an das Christkind mit seinem Hellerschein und trägt die Sperrung seiner Stadt, die Anreicherung der Luft mit Toxinen, die totale Kommerzialisierung und die Verwandlung seines Lebensraums in einen Schauraum noch mit. Der Pöbel ist blöd, aber so blöd ist er nicht. Ihr habt die Legislative, aber wir haben die Joghurttelefone. Dass ihr euch da mal nicht verschätzt. Na wie jetzt, sagen Sie, das ist aber nun wirklich nicht das Gleiche wie damals bei den Franzosen, da muss man jetzt nicht gleich das Joghurttelefon auspacken. Und da haben Sie natürlich recht, vergleichbar ist das nicht, weil die Franzosen haben damals ja nix gekauft hier. Aber wenn sie’s hätten, sie hätten mit Sicherheit bleiben dürfen. Und wir hätten ihnen sogar den Max-Parkplatz freigemacht*.

* Frohe Weihnachten Südtirol!

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