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Essay zum Wintereinbruch

Am Anfang war Schnee

Seit seiner Kindheit macht unser Autor Freudensprünge, wenn es schneit. Der gefrorene Niederschlag löst in ihm, wie in vielen anderen, Euphorie aus. Warum ist das so?

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Bild: Michal Janek/unsplash

Zu welchem Menschentyp man gehört, zeigt sich spätestens, wenn es schneit. Wenn die Dächer weiße Hauben tragen und die Autos durch dickflüssigen Schneematsch waten, lassen sich anhand der Reaktionen zwei menschliche Grundeinstellungen beobachten: Die einen, die den Typus des „Pendlers“ verkörpern, regen sich über den langsamen Verkehr und die Behinderungen unheimlich auf. Der Pendler ist nämlich jemand, der es grundsätzlich gerne schnell und effizient mag. Er geht immer auf dem schnurgeraden Weg von A nach B und lässt sich dabei durch nichts zerstreuen. Schnee ist für ihn nur eine lästige Unannehmlichkeit auf der Zielgeraden, eine Ursache von Verspätungen. Hübsch allenfalls auf Weihnachtspostkarten, im Alltag aber nur nass und klebrig – wie eine unzeitgemäße Briefmarke, die man dann vollgesabbert auf die Postkarte klebt.

Menschen, die zum Pendler-Typ gehören, geben sich im Schnee als fluchende Autofahrer, als Fußgänger mit aufgespanntem Regenschirm oder als hastende Aktentaschenträger mit eigenem Aktentaschenregenschutz zu erkennen. Meistens sind sie aber gar nicht zu erkennen, weil sie nach Möglichkeit zu Hause im Trockenen bleiben. Im Gegensatz dazu gibt es Menschen, die beim ersten Schneefall ins Freie laufen, mit offenem Mund nach den Flocken schnappen, zu tanzen beginnen und noch schlimmere Albernheiten begehen. Diese Menschen würde ich „Wanderer“ nennen. Im Gegensatz zum Pendler ist der Wanderer am liebsten ziellos unterwegs, er verliert sich gerne in Zerstreuungen und Gedanken. Dem Pragmatismus des Pendlers hält der Wanderer den Selbstzweck und die Kontemplation entgegen.

„Es muss etwas geben, was diese kindliche Euphorie begreifbar macht.“

Dieser Text soll nicht die „Pendler“ unter uns schlechtmachen. Genauso wenig soll er die Schäden relativieren, die heftige Schneefälle wie in diesen Tagen anrichten könnten. Es geht um die scheinbar unerklärliche Anziehungskraft, die der weiße Niederschlag auf viele Menschen ausübt. Die Schönheit der Kristalle allein kann es nicht sein – werden doch die Schneekristalle erst unterm Mikroskop sichtbar. Auch die Farbe Weiß löst in uns sonst keine Glücksgefühle aus. Es muss da also etwas anderes geben, das Schnee von allen anderen Formen des flüssigen und gefrorenen Niederschlags abhebt. Etwas, das diese kindliche Euphorie, die er bei manchen Menschen auslöst, begreifbar macht.

Ich selbst habe es mir lange nicht erklären können. Unzweifelhaft gehöre ich jedenfalls zum Typ des Wanderers. Auf alten Fotos bin ich als fünfjähriger Lausbua zu sehen, wie ich der Reihe nach Schneemänner wälze. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Grundschulalter immer dann, wenn eine kleine Ladung Schnee kam, meine Großeltern im Trentino anrief und nach der aktuellen Schneehöhe in ihrem Garten fragte. Sie hatten immer mehr zu vermelden, als bei uns zuhause lag – manchmal sogar einen Meter Neuschnee, während es in Südtirol nur fünf Zentimeter waren. Aus Neid knallte ich dann den Hörer hinunter und verfluchte die knausrigen Wolken. Ich wünschte mir zuweilen sogar, ich würde im Trentino leben (und das sagt echt viel).

Während sich andere Flausen aus meiner Kindheit – zum Beispiel mein Christentum – irgendwann verzogen, blieb die Faszination des Wetterphänomens Schnee erhalten. Als Teenager habe ich das Forum „MeteoGelo“ entdeckt, wo sich hartgesottene Schnee- und Kältefans, Meteorologen und Lajen tummelten. Später überlegte ich sogar, Meteorologie zu studieren, realisierte aber, dass das Studieren von Wettermodellen ein- oder zweimal im Jahr, wenn Schnee gemeldet war, dafür nicht ganz ausreichen dürfte. Auch als Student fuhr ich, wann immer es ging, nach Hause, sobald die Wettermodelle ergiebigen Schneefall voraussagten. Woher diese Anziehung zu den gefrorenen Wasserkristallen kam, war mir aber lange selbst nicht bewusst.

Die Theorie, die es erklärt, beginnt mit einem Paradoxon. „Du müsstest nach Alaska ziehen“ oder „Ein Winterurlaub in Lappland wäre voll dein Ding“, sagte man mir oft. Was auf den ersten Blick logisch klingt – ein absoluter Schnee-Fan müsste es doch dort am liebsten haben, wo am meisten von der weißen Pracht liegt – trifft in Wirklichkeit nicht zu. Sonderbarerweise verliert Schnee für viele Schneeliebhaber seinen vollen Reiz, wenn er sich meterhoch über einsame und endlose Polarwälder türmt. Das ist zwar ein atemberaubend schöner Anblick, er löst aber keine Euphorie aus. Wenn ein heftiger Schneefall aber die graue Stadt, mit der man vertraut ist, vollkommen zudeckt, die Stimmen im Flockenwirbel verhallen lässt und den Verkehr lahmlegt, dann ist das das Höchste.

„Was der Homo faber in minutiösen Berechnungen geplant, definiert und funktionalisiert hatte, wurde wieder zu einem organischen Ganzen.“

Der Grund dafür wurde mir erst vor ein paar Jahren an einem verschneiten Abend in Wien bewusst. Es war kurz vor Weihnachten und die Flocken fielen so dick und dicht auf die Stadt herab, dass die Straßen, Gehsteige und Tramtrassen innerhalb von Minuten unter einer weißen Decke verschwanden. Was zuerst noch klar definiert und abgegrenzt voneinander war – die Straße, der Gehsteig, der Rasenstreifen, die Gebäude, die Bodenmarkierungen – verschwamm plötzlich und ging untrennbar ineinander über, in eine weiße, erhabene Einheit, die sich den Lärm und die Eile der Stadt einverleibte. Was der schaffende Mensch – der Homo faber – in Jahrzehnten und Jahrhunderten minutiöser Berechnungen geplant, definiert und funktionalisiert hatte, wurde vorübergehend zu einem organischen Ganzen: die Rückkehr einer ursprünglichen Unberechenbarkeit.

Was diese Auflösung menschengemachter Grenzen in mir auslöste, ist dem Einheitsgefühl ähnlich, das Menschen – insbesondere die „Wanderer“-Typen – immer wieder in der Natur suchen: zwischen Wurzeln und Moos im Wald, vor der schäumenden Brandung, in der klaren Bergluft der Dolomiten. Das Gefühl der Verbundenheit, das die Abwesenheit von Grenzen und Trennlinien in der Natur hervorruft, ist nachweislich auch ein Heilmittel für psychisch Kranke. Wer in unmittelbarer Nähe von Parks, Wiesen, Wäldern und Gärten groß wird, hat eine bis zu 55 Prozent geringere Anfälligkeit für psychische Krankheiten als Menschen, die ohne dergleichen aufwachsen.

Wenn schon die Abwesenheit der Grenzen nachweislich eine positive Auswirkung auf den menschlichen Geist hat, was muss dann erst deren Auflösung in den „Wanderern“ unter uns bewirken? Auch Menschen, die Nahtoderlebnisse oder Erfahrungen mit psychedelischen Drogen gemacht haben, berichten von diesem alles umfassenden Gefühl einer ursprünglichen und hinter aller Materialität liegenden Verbundenheit. Die Menschen, die sie erfahren, verlieren oft sogar die Angst vor dem Tod, weshalb psychedelische Drogen in den letzten Jahren für die Behandlung von Angststörungen und Depressionen neu entdeckt wurden. 

Angesichts dessen ist es vielleicht keine abwegige Annahme, dass es mit dieser ursprünglichen Einheit irgendeine besondere Bewandtnis hat. Ob wir daraus gekommen sind oder einmal wieder dorthin zurückgehen, wir können es nicht wissen. Aber wenn im kräftigen Schneefall Autos, Gebäude, Menschen und Mauern in der weißen Einheit aufgehen und sogar die Luft nur noch aus Flocken besteht, dann ist diese Einheit wenigstens für ein paar verletzliche und erinnerungswürdige Momente wiederhergestellt.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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