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Achtung, Hund!

Mit Pitbull & Pudel durch die Pandemie

Ein Projekt wirkt in Zeiten der Unsicherheit ablenkend und beflügelnd. Ist es eine gute Idee, sich im Lockdown einen Hund anzuschaffen?

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Bild: Jerome/unsplash

2020 war für uns alle belastend. Die Corona-Pandemie hat unsere Tagesabläufe und Gewohnheiten ordentlich durcheinandergebracht und vor allem hat sie uns erbarmungslos mit unserer Wohn- und Lebensrealität konfrontiert. Wie und mit wem leben wir da eigentlich? Funktionieren unsere Beziehungen wirklich, oder haben wir uns zu lange etwas vorgemacht? Die plötzliche häusliche Enge, das Unausweichliche des täglichen Kontaktes einerseits und die unerträgliche Stille, die bedrückende Einsamkeit andererseits brachten viele an ihre Grenzen.  

In so einer Situation ist der Wunsch nach tierischen Tröstern, nach stummen, freundlichen Begleitern verständlich. Schon längst weiß man um die geradezu therapeutische Wirkung von Haustieren auf Menschen mit Angstzuständen, Depressionen und dergleichen mehr. Schon nur die Tatsache, dass man ein Lebewesen hat, um das man sich kümmern muss, das einen nicht verurteilt und bedingungslos da ist, kann wohltuend sein.

Für manche führte dieser Wunsch dazu, sich endlich Hühner anzuschaffen – in einem Jahr, das sich für das Umsetzen langgehegter häuslicher Projektideen so eignete wie kein zweites, sehr nachvollziehbar. Andere legten sich Katzen, Kaninchen, ein Aquarium zu.

Doch das mit Abstand am meisten nachgefragte Tier war der Hund. Das ist durchaus verständlich: Wer einen Hund hat, darf, nein, muss trotz Lockdown noch vor die Tür. In einer Familie kann der Hund der dringend benötigte Ruhepol sein, der zur Entspannung beiträgt. Außerdem sind Hunde die Beziehungstiere schlechthin. Kein anderes Haustier kann einem so überzeugend das Gefühl vermitteln, wichtig und wertvoll zu sein. Kein anderes eignet sich gleichermaßen als treuer Kumpel auf allen Wegen. Und kein anderes hat den Lockdown und das viele Daheimsein seiner Menschen so sehr genossen. Wenn es nach den Hunden ginge, könnte das Home-Office ewig so weitergehen.

Verschiedenste Hunde wurden für verschiedenste Aufgaben gezüchtet.

Wohl befeuert von niedlichen Welpenvideos und Phantasien irgendwo zwischen Lassie und Kommissar Rex machten sich zahlreiche „Adoptionswillige“ auf die Suche nach geeigneten Tieren. Bei manchen überwog hierbei der Handlichkeitsaspekt: „Toy Poodle“ war in der Kategorie Hunde in den USA die am häufigsten eingetippte Suchanfrage bei Google. Diese Mini-Pudel haben die Größe eines Plüschtiers, sind lebhaft, robust, flauschig und haaren nicht. Und wenn man mit ihrer Erziehung nicht zu Rande kommt, kann man sie einfach in die Tasche stecken. So zumindest scheinen sich das manche vorzustellen.

Die Nachfrage nach Hunden war in den Vereinigten Staaten zwischenzeitlich so groß, dass sie nicht mehr bedient werden konnte, berichtet die Washington Post in einem Artikel vom 12. August dieses Jahres.

Auch in der Schweiz, wo ich lebe, gab es einen Hundeboom. Hier wurden häufig sogenannte „Listenhunde“ nachgefragt, etwa Pitbulls. Die Haltung dieser manchmal auch als „Kampfhunde“ bezeichneten Rassen ist in einigen Kantonen bewilligungspflichtig, in anderen gar verboten. Doch das tut der Nachfrage keinen Abbruch. Was genau das Faszinosum an diesen Muskelpaketen ist, die eine idealerweise erfahrene, auf jeden Fall aber konsequente und ausdauernd erziehende Bezugsperson brauchen, erschließt sich mir nicht ganz. Wie ich in meinem Artikel über die Rassenfrage bereits schrieb, wurden verschiedenste Hunde für verschiedenste Aufgaben gezüchtet, weswegen sie mitunter Eigenschaften aufweisen, die einem Leben als Familien- oder Schoßhund abträglich sind. Und leider erlebe ich in meinem Alltag nur zu häufig überforderte Besitzer, die ihr rasendes Tier kaum an der Leine zu halten vermögen – eine Gefahr nicht nur für andere Hunde, sondern mitunter sogar für andere Menschen.

Manche Hundebesitzer in spe wandten sich auch an Tierheime, um sich von dort einen Lockdown-Gefährten zu holen – einige fragten sogar nach, ob man sich einen Hund nicht auch nur für ein paar Wochen oder Monate mieten könne. Kein seriöses Tierheim geht auf ein solches Ansinnen ein, und auch anständige Züchter überprüfen sehr genau, an wen sie ihre Welpen verkaufen. Freilich gibt es im Dickicht der Anbieter auch zahlreiche Verkäufer, die nicht weiter nachfragen, was mit ihrer „Ware“ (als solche behandeln sie ihre Tiere) geschieht. Der Markt für skrupellose Vermehrer blüht – unter für die Tiere unerträglichen Bedingungen werden „Moderassen“ quasi im Schnellverfahren (also ohne gesundheitliche Kontrollen oder die Standards von Zuchtvereinen) „produziert“ und zu Dumping-Preisen angeboten (dass es dann nicht immer genau die nachgefragte und versprochene Rasse ist, dass die Angaben zu Herkunft und Stammbaum nicht überprüfbar sind, dass Impfungen, Gesundheitsvorsorge und dergleichen mit „alles in bester Ordnung“ abgetan werden – geschenkt). Wobei ein „Billig-Hund“, den man vielleicht für ein paar Hundert statt für über tausend Euro „ergattert“ hat, sich nicht selten zur Kostenfalle entwickelt, wenn sich beispielsweise mit der Zeit anfänglich nicht ersichtliche Erbkrankheiten zu manifestieren beginnen. Und damit ist es meistens mit den unangenehmen Überraschungen noch nicht getan.

Bereits jetzt wissen die Tierrettungen nicht mehr, wohin mit all den „abgelegten“ Hunden – und Weihnachten steht erst noch vor der Tür.  

Kurz und gut – so schön es ist, einen Hund im Haus zu haben, es hat auch seinen Preis. Niedliche Welpen sind in der Regel beim Einzug ins neue Heim nicht stubenrein. Sie zerbeißen Schuhe, Möbel, Handtaschen, kurz, alles, was ihnen in den Weg kommt. Zudem bleiben sie nicht immer so klein und tapsig. Sehr schnell können sie eine ordentliche Energie entwickeln und anfangen zu kläffen oder an der Leine zu reißen. Die Vorstellung vom putzigen Seelentröster, mit dem man auf der Couch schmusen oder entspannte Spaziergänge machen kann, erweist sich oft als Trug. Irgendwann nervt der Hund nur noch. Und dann muss er weg.

Die Frage ist aber: wohin damit? Ein schlecht oder gar nicht erzogener „Halbstarker“, eben vom glupschäugigen Hundebaby zum kaum zu bändigenden „Teenie“ mutiert, dann  womöglich auch noch von einer ohnehin schon problematischen Rasse, ist nicht unbedingt geeignet für die reibungslose Vermittlung in ein neues Zuhause. Bereits jetzt wissen die Tierrettungen nicht mehr, wohin mit all den „abgelegten“ Hunden – und Weihnachten steht erst noch vor der Tür. 2020 könnte daher auch das Jahr der zahllosen Hundetragödien werden. Haustiere, die von ihrer Familie verstoßen werden, verstehen die Welt nicht mehr. Manche tragen von der unglücklichen Erfahrung einen regelrechten „Knacks“ davon, was ihre Chancen auf ein neues Heim zusätzlich senkt.

Freilich: So wenig, wie Menschen heiraten, um sich zwei Jahre später scheiden zu lassen, holen sie sich ein Tier ins Haus, um es später auszusetzen. Manchmal geht es eben schief. Aber man kann einiges tun, um dieses Schiefgehen zu verhindern. Nicht umsonst schreibt Schiller in der Glocke: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang“.

Das gilt auch für die Hundeanschaffung.

Sie wollen ja kein Schnäppchen machen, sondern sich einen Freund fürs Leben anschaffen.

Wenn Sie zu denjenigen gehören, die sich jetzt endlich den langgehegten Hundewunsch erfüllen wollen – schlafen Sie doch noch eine Nacht länger drüber und stellen Sie sich die folgenden Fragen: Wollen Sie wirklich ein Tier, oder werden Sie von jemandem (Ihrem Partner, Ihrem Kind) dazu gedrängt? Passt der Hund in Ihre Lebensgestaltung auch dann noch, wenn die Tage der Pandemie und des vielen Daheimseins gezählt sind? Haben Sie echtes Interesse an einer intensiven Auseinandersetzung mit Ihrem neuen Mitbewohner? Können Sie damit leben, dass er nicht immer Lust zum Spielen oder Kuscheln hat? Dass seine Bedürfnisse jeden Tag aufs Neue gedeckt werden müssen, bei jedem Wetter und unabhängig von Ihrer eigenen Befindlichkeit? Und ist Ihnen klar, dass diese Bedürfnisse weit über die tägliche Gassirunde und genügend Futter und Wasser im Napf hinausgehen?

Wenn ja, dann informieren Sie sich über seriöse Hundevermittler oder -züchter. Sie wollen ja kein Schnäppchen machen, sondern sich einen Freund fürs Leben anschaffen, der auch dann noch da ist, wenn die Pandemie überstanden sein wird. Und wenn Sie schon dabei sind – schauen Sie sich auch nach einer ordentlichen Hundeschule um. Auch Privatstunden bei einer guten Hundetrainerin können Ihnen und Ihrem Tier viel bringen.

Zuletzt: Längst nicht alle, die sich in der Corona-Zeit einen Hund zugelegt haben, haben ihn schon wieder abgegeben. Viele haben tatsächlich ein neues Familienmitglied dazugewonnen, das ihre Tage reicher macht. Ja, manchmal ist es anstrengend und mühsam und man hat nicht immer Lust auf Spaziergänge in der Kälte oder das Wegputzen von Pfützchen. Aber wozu hat man denn Freunde.

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