Anzeige

Eine Frage der Rasse (1)

Borderline-Collie, Jack Russel-Terror und Wackeldackel: Hunde und die Frage nach der Rasse.

dog-838281_1280.jpg

Lizenz: CC0
Bild: LUM3N; Pixabay

„Oh, ist der süß! Was ist das für eine Rasse?“ Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe, wenn ich mit Puck unterwegs bin. Mich juckt es dann immer, einen exotischen Rassenamen zu erfinden, um meinem Hund die Aura des Besonderen zu geben. Ich möchte sagen: „Das ist ein Pastur Engiadinais. Eine spezielle Schweizer Züchtung.“ Aber die Wahrheit ist: Er ist eine Mischung, möglicherweise Marke Bauernhof, ziemlich sicher seit Generationen und sehr wahrscheinlich ursprünglich mal irgendwas mit Schäferhund.

Die Leute geben aber nicht gern auf. Sie spekulieren. Aber die Schnauze, die ist doch sehr Berner Sennenhund? Und diese langen Haare an den Beinen – eindeutig Golden Retriever! Ich lass sie reden. Wir werden die Wahrheit sowieso nie erfahren. Aber bemerkenswert ist doch: Das Interesse an der Rassenfrage ist groß. Und ehrlich gesagt: im Grunde auch zurecht. Bevor Puck in meinem Leben war, dachte ich: Hund ist Hund. Ob groß, klein, langhaarig, kurzhaarig – egal. Charmant sind sie alle auf ihre Weise, und wer einen Markenhund mit Stammbaum will, der ist ein Snob, und überhaupt: Proletarier dieser Erde, vereinigt euch.

Das Ergebnis sind Tiere, die zeitlebens schwere gesundheitliche Probleme haben, etwa mit Rücken und Hüfte oder beim Atmen.

Wir haben sehr gute Gründe, die Behauptung von Rassenunterschieden bei Menschen abzulehnen. Aber es wäre voreilig, dieses Prinzip auch auf Haustiere, in diesem Fall auf Hunde, zu übertragen. Gewiss, manche Dinge haben alle Hunde gemeinsam: Sie haben vier Beine, einen behaarten Körper und die geradezu magische Fähigkeit, ihre Besitzer mit einem Blick zum Schmelzen zu bringen. Darüber hinaus gibt es aber oft sehr große Unterschiede, die einem als Laien nicht bewusst sind – Unterschiede, die sich keineswegs nur auf Äußerlichkeiten beschränken.

Hunde wurden für verschiedenste Aufgaben gezüchtet, viele für spezielle Jagdformen, einige für das Hüten von Herden, andere für das Bewachen von Besitz oder den Schutz von Menschen, manche als Rennhunde und einige auch nur als reine Begleithunde. Auf jedem dieser Einsatzgebiete sind andere Qualitäten gefragt. So gibt es Hunde, die ausdauernde Läufer sind, Hunde, die ausgezeichnete Spürnasen haben, Hunde, die gern bellen (die klassischen „Kläffer“), Hunde, die besonders furchtlos und angriffslustig sind – lauter Eigenschaften, die für bestimmte Aufgabenbereiche ideal, aber eventuell für den Haushalt mit Kleinkind oder die Seniorenwohnung eher unerwünscht sind. Heute sind die Spezialisierungen der Hunde jedoch oft völlig in den Hintergrund gerückt, und wir beurteilen sie nur noch nach Größe, Fellbeschaffenheit und allgemeiner Ästhetik – und nach diesen Kriterien wird der Hund dann ausgesucht und angeschafft.

Leider scheinen sich viele Hundefreunde beim Beschaffen ihres Haustieres zu wenig mit diesen gesundheitlichen Aspekten zu beschäftigen. 

Das hat fatale Folgen: Für die Hundebesitzer, aber auch für die Hunde selbst. Zuerst ist da die Frage der sogenannten „Qualzuchten“. Wenn Hunderassen nach ästhetischen Kriterien gezüchtet werden, ergibt sich beim Dackel ein immer längerer Rücken mit immer kürzeren Beinen („wie süß!“), beim Mops eine immer plattere Schnauze („wie drollig!“), beim Schäferhund ein immer stärker abfallendes Hinterteil („wie elegant!“). Das Ergebnis sind Tiere, die zeitlebens schwere gesundheitliche Probleme haben, etwa mit Rücken und Hüfte oder beim Atmen.

Leider scheinen sich viele Hundefreunde beim Beschaffen ihres Haustieres zu wenig mit diesen gesundheitlichen Aspekten zu beschäftigen. Anders lässt sich nicht erklären, dass gerade Hunderassen mit platten Schnauzen oder kurzen Beinchen regelrechte Mode-Erscheinungen sind. Die meisten Hundebesitzer lassen sich vom scheinbar putzigen Aussehen der Tiere um den Finger wickeln. Und frisch und quicklebendig sind sie doch auch, da fehlt sicher nichts! Leider merkt man die gesundheitlichen Langzeitfolgen den niedlichen Welpen noch nicht an, doch wer einen dreijährigen Mops hat, der in seinem Maul nicht einmal mehr die eigene Zunge Platz hat und bei jedem Atemzug wie ein Asthmatiker rasselt, der sieht oft keinen anderen Ausweg als eine aufwendige und teure Kiefer-OP. In den Niederlanden ist übrigens die Mopszucht aus diesen Gründen bis auf Weiteres ausgesetzt.

Es gibt zum Glück mehr und mehr Züchter und Zuchtverbände, die nicht mehr die Ästhetik, sondern die Gesundheit ihrer Hunde in den Vordergrund stellen und bewusst gewisse Erbkrankheiten und krankmachende Eigenschaften aus der Zucht ausschließen.

Andere Rassen haben eine recht kurze Lebenserwartung, etwa die Deutsche Dogge, von der ein Viertel aller Hunde nicht einmal das fünfte Lebensjahr erreicht. Überhaupt haben große Rassen eher eine niedrigere Lebenserwartung als kleine, und jede Rasse hat so ihre eigenen typischen Krankheitsbilder. Kleine Hunde haben oft Probleme mit den Zähnen oder mit den Augen, größere mit den Hüften oder allgemein den Gelenken, manche Rassen neigen mehr als andere zu Tumoren, manche Rassen gelten als ziemlich robust und gesund. Ein vielleicht überraschendes Beispiel für eine solche recht robuste Rasse ist – ein Schoßhündchen. Der quirlige Havaneser, den viele nur als langhaarigen Wischmop mit Mäschchen wahrnehmen, hat eine Lebenserwartung zwischen 14 und 16 Jahren.

Übrigens: Es gibt zum Glück mehr und mehr Züchter und Zuchtverbände, die nicht mehr die Ästhetik, sondern die Gesundheit ihrer Hunde in den Vordergrund stellen und bewusst gewisse Erbkrankheiten und krankmachende Eigenschaften aus der Zucht ausschließen. Der kurzatmige Mops, der hüftkranke Schäferhund müssen also nicht sein. Wer sich so eine Rasse anschaffen möchte, sollte daher genau hinschauen. Stammbaum und Papiere sind also nicht in jedem Fall protziger Schnickschnack, sie können den entscheidenden Unterschied für ein gesundes Hundeleben ausmachen.

Also Augen auf beim Hundekauf!

PS: Die Frage, woher man sich einen Hund beschafft oder besser nicht beschaffen sollte, werde ich an einer anderen Stelle erörtern. Einfach dranbleiben ...

 

Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

Dahoam (Wo es seids)

Weil sein neuer Song perfekt auf die Corona-Zeit passte, zog Max von Milland die Veröffentlichung vor. Das dazugehörige Musikvideo versammelt „Dahoam-Momente“ seiner Fans.
 | 
Interview mit Architekt David Calas

Häusliche Revolution

Kein „Back-to-normal“ in der Architektur: Corona fordert ein radikales Umdenken in der Planung von Häusern und Städten.
0    
 | 
Interview mit Jugendarbeiterin

„Jugendliche brauchen einen Ort“

Die Zeit der Isolation ist vorüber und doch ist für die Jugend nichts mehr wie vorher. Ein Gespräch mit Gabriela Messner vom Jugendzentrum Jump.
0    
 | 
Kollateralschäden

„Komplett vergessen“

Die Gesellschaft zeigt sich bereit für den Neustart. Und lässt dabei viele zurück.
0    

Blinding Lights

Cemetery Drive verwandeln den Pop-Hit „Blinding Lights“ von The Weeknd in eine Punkrock-Hymne. Das Musikvideo zum Song entstand in der Quarantäne.
Anzeige
Anzeige