Mönch auf Probe

Im Kloster Marienberg kann man mit Mönchen leben und Ferien vom Alltag machen. Ein Angebot für Sinnsuchende und Gestresste – mit einem Hintergedanken.
Mönch auf Probe
Im Kloster Marienberg kann man mit Mönchen leben und Ferien vom Alltag machen. Ein Angebot für Sinnsuchende und Gestresste – mit einem Hintergedanken.

Die Tage in einem Kloster beginnen früh. Um halb sechs Uhr klopft Pater Pius an meine Zimmertür und ruft zum ersten Gebet des Tages. Bald darauf schlurfe ich ihm durch die dunklen Gänge des weitläufigen Klosters nach. Die beiden Chorglocken setzen ein und rufen die anderen Klosterbewohner heran. Kein Mensch redet, man hört nur Schritte auf dem alten Holzboden, quietschende Türen, mal ein Husten. In Stille versammelt sich die Klostergemeinschaft in der Apsis der Klosterkirche zur Vigil, der ersten der fünf Gebetszeiten.

Um Punkt 5.45 Uhr klopft Abt Markus Spanier auf sein Pult, das Zeichen zum Beginn des Gebets.

„O Gott, komm mir zu Hilfe“, ruft der Abt in die Runde.
„Herr, eile, mir zu helfen“, antworten die Mönche Marienbergs.

Rund eine Viertelstunde lang werden sie gemeinsam beten, Psalmen rezitieren und singen.

„O Gott, komm mir zu Hilfe.“
 

Um 5.45 Uhr beginnt das erste Gebet im Kloster Marienberg.

Seit einiger Zeit sind die elf Mönche bei ihren Gebeten nicht mehr allein. Sie beherbergen Gäste in ihrer Abtei. Einfache Menschen, keine Geistlichen. Im „Kloster auf Zeit“ beteiligt man sich am Tagesablauf der Mönche, betet und isst mit ihnen gemeinsam und hilft im Garten oder in der Küche. Religiös muss man dafür nicht unbedingt sein, „suchend“ ist wohl die treffendere Bezeichnung.

Das Kloster auf Zeit ist aber auch Selbstzweck: Klöster müssen aktiv um ihren Nachwuchs kämpfen. Aktuell leben neun Patres und zwei Brüder in Marienberg. Der jüngste 36, der älteste 93. Soll das Kloster eine Zukunft haben, braucht es Novizen. Ob dieser kalte, finstere Novembermorgen dafür der erste Schritt ist?

Ein Leben als Mönch war nicht geplant. Die Welt der Klöster, ihre Abgeschiedenheit und zweitausendjährige Geschichte fasziniert mich, mehr aber auch nicht. Ein Buchprojekt hat mich nach Marienberg geführt. Und für eine ordentliche Recherche ist der Gang ins Kloster unumgänglich. Wenn auch nur, wie der Name schon sagt, auf Zeit.

Das Klosterleben ist nicht für jeden, es kann anstrengend sein und lässt wenig Platz für Individualität. Der Tagesablauf ist genau festgelegt. Auf die Vigil um Viertel vor sechs Uhr morgens folgt kurz vor sieben ein weiteres, gut eine Viertelstunde langes Gebet, dann eine Messe, bevor man um acht Uhr endlich zum Frühstück darf.

Am Vormittag gehen die Mönche ihren Arbeiten nach, der eine werkelt im Garten, ein anderer hilft im Klostermuseum, ein dritter fährt in eine der Pfarreien, die das Kloster betreut. Die Gäste können ausspannen oder beten. Ich gehe lieber in den Garten und helfe Pater Urs, die Beete vorzubereiten. „Gartenarbeit ist auch Gottesdienst“, sagt er. Eine Art des Betens, mit der ich mehr anfangen kann als mit dem Singen von Psalmen.

Das Klosterleben lässt wenig Platz für Individualität. 

Das Kloster Marienberg oberhalb von Burgeis im Oberen Vinschgau

All dies geschieht im Oberen Vinschgau, in der Abtei Marienberg. Das Benediktinerkloster ist rund 900 Jahre alt. Gegründet wurde es ursprünglich in der Schweiz, im nahen Unterengadin. Weil dort das Umfeld feindlich, das Klima rau und die Bauern missgünstig waren, verlegte man das Kloster im Jahre 1150 in den Vinschgau, etwas oberhalb des Dorfes Burgeis.

Marienberg ist ein Ort der Stille und schon durch seine Abgelegenheit von einer natürlichen Klausur umgeben. Die ganze Anlage erinnert an eine Burg, wie sie hoch über dem Tal am Berghang liegt, umgeben von hohen, wehrhaften Mauern. Ein Ort kann sich kaum besser eignen für Menschen, die Einkehr, Ruhe, Besinnung suchen, einen Einblick in eine andere Welt.

Diesen Einblick in eine andere Welt, dieses Kloster auf Zeit gibt es in Deutschland seit den 1960er-Jahren, etwa jedes zehnte Kloster bietet den Dienst heute an. In Marienberg hat man sich erstmals in den 1970er-Jahren damit befasst, als die Zimmer des damaligen Schülerheims renoviert wurden und man sich eine neue Nutzung dafür überlegte. Und es sich zur Aufgabe machte, Menschen an das Klosterleben heranzuführen.

Das zieht die unterschiedlichsten Menschen an. Studierte und einfache Leute, Gläubige und Ungläubige. Wer hilft, wohnt gratis, wer für sich bleiben will, muss zahlen.

Ein Benediktiner aus dem Kloster Melk ist zu Gast, der sich von einer Lungenentzündung erholt. Ein Mann aus Wien war vor Jahren nach einem Herzinfarkt hier auf Kur, nun ist er zum zweiten Mal da. „Der Ort hat eine spirituelle Kraft“, sagt er, „das Stundengebet ist wie ein Mantra.“ Die Gäste, es sind nie mehr als zwei zugleich, bleiben mindestens drei bis vier Tage, meist eine Woche oder mehr. Es dauert, bis man den Wechsel vom oft hektischen Alltag in das so meditative wie durchgetaktete Klosterleben schafft.

Den Tagesablauf geben die Gebetszeiten vor. Auf die Mittagshore folgt das Mittagessen, der Zweiklang aus Gebet und Essen wiederholt sich auch am Abend.

Reise in die Vergangenheit: Autor Matthias Mayr im Gespräch mit Pater Pius

Die Tage im Kloster sind wie eine Reise in die Vergangenheit, als noch Kaiser und Papst über das Leben der Menschen bestimmten. Und es ist das Leben in einem Palast, inmitten von Kunstschätzen in diesem jahrhundertealten Bau mit seinen romanischen und barocken Elementen, die Architekt Werner Tscholl mit seinen Umbauten ins Heute rettet.

Als Gast darf ich in die Klausur, den Privatbereich des Klosters, der für Außenstehende nicht zugänglich ist. Ich sitze mit den Mönchen beim Essen, helfe bei der Arbeit, bewege mich durchs Kloster, als wäre ich hier zu Hause und bin bei der „Rekreation“ dabei, der Mußestunde der Mönche zwischen Abendessen und Komplet.

Ob das allen recht ist? Alle sind freundlich, viele aber auch ein wenig reserviert. Wer ist dieser Fremde, der hier die Ruhe stört?

Wollen die Mönche Interesse wecken, müssen sie auch etwas von sich preisgeben. Aber wie weit darf die Öffnung gehen? Wie viele Gäste verträgt die Gemeinschaft, und wann ist zu viel? Die Mönche haben eine Aufgabe innerhalb der christlichen Gemeinschaft, sie entsagen dem weltlichen Leben, um sich einem spirituellen Ziel zu widmen. Sie sind keine Touristenattraktion.

Die Komplet, die letzte Gebetszeit, beendet kurz vor 20 Uhr den Tag. Danach herrscht Nachtruhe. So gebietet es Ordensgründer Benedikt von Nursia (480-547) in Kapitel 42 seiner „Regula Benedicti“: „Immer müssen sich die Mönche mit Eifer um das Schweigen bemühen, ganz besonders aber während der Stunden der Nacht. Wenn sie aus der Komplet kommen, gebe es für keinen mehr die Erlaubnis, irgendetwas zu reden. Findet sich einer, der diese Regel des Schweigens übertritt, werde er schwer bestraft.“

Die Regel des Hl. Benedikt, jenes aus 73 Kapiteln mit zum Teil Dutzenden Unterpunkten gebildete Grundgesetz der Benediktinerklöster, regelt das Leben im Kloster. Benedikt nennt Ge- und Verbote, beschreibt den Ablauf des Gottesdienstes, die Aufnahme von Novizen, den Umgang der Brüder und vieles mehr. Und benennt Strafen für Verstöße gegen die Regel.

Die Regeln werden heute nicht mehr so streng befolgt. Man soll das „gesunde Maß“ halten, empfehlen die Patres, dann sind Strafen nicht notwendig.

Überhaupt machen die modernen Zeiten auch vor dem Kloster nicht halt. Die Zimmer der Mönche heißen zwar noch Zellen, eingesperrt ist hier aber niemand. Im Gegenteil, es gibt regen Austausch mit den Menschen der Umgebung, die meisten Mönche besitzen ein Handy und haben Anspruch auf Urlaub.

Wie weit darf die Öffnung gehen?

Im Kreuzgang nach dem Stundengebet

Die Mönche im Kreuzgarten

Pater Peter stellt mit Erstkommunionkindern ihre Hostien her.

Pater Sebastian im Garten

Genügt das alles, um Nachwuchs für das Kloster zu gewinnen? Die Klöster stehen zueinander in Konkurrenz um die wenigen, die sich ein Leben als Ordensbruder vorstellen können. Denn die Novizen suchen sich ihr Kloster ganz genau aus. Lieber im Trubel der Stadt oder in der Einsamkeit? Im Heimatland oder in der Fremde? Wie sind die Zellen, wie die Mitbrüder und wie das Essen? Diese Fragen mögen banal klingen, geht es doch um eine Berufung zu Höherem, aber wer will schon den Rest des Lebens täglich schlechtes Essen haben?

Menschen, die über einen Eintritt nachdenken, besuchen oft mehrere Klöster, schauen sich alles in Ruhe an und entscheiden erst dann. Um für Neuzugänge attraktiv zu sein und dem Kloster eine Zukunft zu sichern wird großzügig umgebaut und renoviert. Seit 1999 wird ständig irgendwo gehämmert, gemauert und gebohrt. Erst entstand das Museum, später wurden das Refektorium, die Werkstätten und Keller erneuert. Die Kirche bekam einen neuen Altar. Abschluss der Arbeiten bildet die neue Bibliothek, die 2019 eingeweiht werden wird und über 135.000 Bücher und das Klosterarchiv beherbergt. Darunter auch die literarischen Schätze des Klosters und zwei historische Globen von 1690.

Marienberg hat auch sonst einiges zu bieten und zieht vor allem im Sommer Scharen von Touristen an. Wer im Marienberger Kloster mitlebt, kann Wanderungen in die Umgebung unternehmen oder einen Abstecher ins nahe Burgeis machen. Zu besichtigen gibt es die Klosterkirche im Barockstil, das Klostermuseum mit wechselnden Ausstellungen oder das nahe Kirchlein St. Stephan, wo das Kloster einmal stand. Besonders sehenswert ist der romanische Freskenzyklus in der Krypta aus der Zeit um 1160, der kunsthistorisch wohl wertvollste Besitz des Klosters. In diesem niedrigen Raum, dem ältesten Teil der Abtei, beeindrucken die Fresken mit ihrer Leuchtkraft und geben Einblick in die mittelalterliche Mystik. Oder auch die alten Kritzeleien an den Wänden des Klosters, die Überbleibsel von Generationen von Klosterschülern. Historische Graffiti, wenn man so will.

Benedikt schrieb in seiner Regel, man solle Neuankömmlinge prüfen, ob sie bereit sind, „Widerwärtiges zu ertragen.“ Die Tage im Kloster sind alles andere als widerwärtig. Ich darf ein kleines Zimmer mit Bad mein Eigen nennen, bekomme Einblicke in die versteckten Winkel des Klosters, die anderen verschlossen bleiben, und das Essen schmeckt vorzüglich.

Marienberg zieht vor allem im Sommer Scharen von Touristen an.

Wohin führt der Weg? Kloster Marienberg sucht Nachwuchs.

Trotzdem, Urlaub ist es keiner. Der frühe Weckruf und die ebenso frühe Nachtruhe. Keine Zeitung, kein Fernseher und kein Internet. Beim Essen ist der Ablauf genau vorgegeben, und es herrscht strenges Schweigen. Der Abt ist der unangefochtene Chef im Kloster, sein Wort ist Gesetz. Dem Abt ist uneingeschränkt Gehorsam zu leisten, auch wenn moderne Äbte, wie Abt Markus, nicht von oben herab entscheiden, sondern den Konsens mit den Mitbrüdern suchen.

Kein Urlaub für jedermann. Aber auch keine weichgespülte PR-Kampagne. Abt Markus sagt: „Wenn wir junge Menschen für das Kloster gewinnen wollen, müssen wir authentisch unser Leben führen.“

Nach wenigen Tagen ist der erste Teil der Recherche abgeschlossen, und ich verlasse das Kloster wieder. Zu Fuß hinunter nach Burgeis, nur ein kurzer Fußmarsch, hinaus auf die Malser Heide und danach mit Bus und Bahn weiter.

So kann man die Erinnerung an das Klosterleben noch ein wenig behalten. Denn zurück im schnelllebigen Alltag, mit Beruf, Freunden und Internet verblassen die Erinnerungen schnell. Waren am Tag nach dem Klosteraufenthalt Bilder, Gerüche und Gefühle noch sehr präsent, ist nach wenigen Tagen im weltlichen Hamsterrad alles weit weg.

Aber man weiß, wo die andere Welt liegt, und man weiß, dass man dort jederzeit willkommen ist.

 

*Autor Matthias Mayr hat seine Erfahrungen und Recherchen zu Kloster Marienberg in seinem Buch „Kloster erleben” verarbeitet. Die Buchvorstellung findet diesen Donnerstag, 26. Juli 2018, um 19 Uhr im Kloster Marienberg (Museum, Schlinig 1, Mals) statt.

 

 

 

„Authentisch unser Leben führen“

Abt Markus