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Illustrations by Sarah
Barbara Plagg
Veröffentlicht
am 13.02.2024
MeinungMotherhood unPlagged

Bonus Banana

Wie sich der Staat mit „Mamma"-Maßnahmen als familienfreundlich inszeniert und wie wenig dahinter steckt: Unsere Autorin Barbara Plagg über den „Bonus Mamma", die „Stanza dell'ascolto" und anderen planlosen Aktionen Italiens gegen den Geburtenrückgang.
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Weil in Italien niemand mehr Kinder machen will, schüttet Mamma Meloni — pardon presidente, Papa Meloni natürlich — jetzt gönnerhaft ein paar Centesimi aus: den „Bonus Mamma“. Mit diesem Bonus belohnt Meloni Muttis mit drei Kindern und unbefristeten Arbeitsstellen. Und das sind bekanntlich enorm viele, schauen Sie sich mal in Ihrem Bekanntenkreis um! Aber auch unbefristet angestellte Mütter mit „nur“ zwei Kindern kriegen was, allerdings nur für dieses Jahr und wenn das jüngste unter zehn Jahre alt ist. Damit kriegen den Bonus Mamma „immerhin 7.700 Mütter hierzulande“, schrieb neulich die Zett und bei 15.452 Kindern im Kindergarten, 27.873 Kinder in der Grundschule, 17.013 Kinder in einer Mittelschule und 30.523 Jugendlichen in Berufs- und Oberschulenmuss man echt sagen: Ja, immerhin! So macht man familienfreundliche Politik, ohne familienfreundliche Politik zu machen!

Tja. Mamma Leone ohne Belohne ist also die Mama mit „nur“ einem Kind, weil eins ist keins. Die Mama mit „nur“ zwei Kindern über zehn Jahren, weil die werden ja billiger mit der Zeit. Die Mama mit befristetem Arbeitsvertrag, weil die hat ja sonst schon so viele Sicherheiten im Leben. Die Mama, die Freiberuflerin ist, weil die fällt ja sonst schon überall durch den Mutterschaftsleistungen-Rost, warum sollte die jetzt was abkriegen? Die Mama, die Saison arbeitet, weil die hat ja eh genug Geld. Und logischerweise der Papa mit oder ohne unbefristeten Arbeitsvertrag, weil per carità, Papas sind! aus! Familienzeugs! rauszuhalten! Von den paar Muttis, die die Voraussetzungen erfüllen, kriegen dann übrigens nicht die am meisten, die am wenigsten, sondern die, die am meisten haben. Der Mamma Bonus steigt ähnlich wie Ihre Laune beim Lesen dieses Textes proportional zur Höhe des Einkommens. Ja, es mag paradox klingen, aber wozu haben wir denn bitte Sozialleistung, wenn nicht, um das Leben der Besserverdienenden besser zu machen?

Blöd halt, dass die 47 Euro wenn nicht für die Bolletta, dann für Pappa und Pannolini draufgehen, deren IVA Meloni von fünf Prozent auf zehn Prozent angehoben hat.

„Wir wollen Anreize für diejenigen schaffen, die Kinder in die Welt setzen und arbeiten wollen“, sagte Meloni beim Vorstellen ihres Mammabonusses und welche befristete Arbeitnehmerin könnte bei diesen innovativen Incentives jetzt noch widerstehen und nicht sofort Pille und Kondom absetzen, wenn es 47 Euro* im Monat gibt? Brace yourself, Italien, da werden jetzt die Babies nur so aus den Gebärmüttern schießen, so schnell könnt ihr gar nicht Quarantaquattro Gatti sagen! Blöd halt, dass die 47 Euro wenn nicht für die Bolletta, dann für Pappa und Pannolini draufgehen, deren IVA Meloni von fünf Prozent auf zehn Prozent angehoben hat, spätestens aber für die von ihr eingeführte Geldstrafe, wenn das Kind mal Schule schwänzt oder eine Bulimie entwickelt, weil die Fratelli den Fond zur Bekämpfung von Essstörungen nicht verlängert haben — aber hey, wem’s nicht passt, die soll halt einfach abtreiben!

Oh wait, nein, auch nicht. Denn Meloni hat im Wahlkampf zwar zwei Sprüche besonders gern geklopft, nämlich erstens, dass sie das mit der Migration hinkriegt und zweitens, dass das 194er-Gesetz (also das Recht auf Abtreibung) nicht angerührt wird, aber wer hätte gedacht, dass das nur parole, parole, parole sind? Das erste haben die Fratelli nämlich insofern hingekriegt, als dass Italien im Jahr 2023 die höchste Zahl an Ankünften seit 2017 hatte und das mit dem 194er insoweit, als dass man es zwar offiziell stehen lässt, aber inoffiziell den Einser schön langsam zum Stinkefinger dreht. Wie das geht, zeigt im Piemont der Melonianer Maurizio Marrone: Marrone kann zwar nur due Marroni und nicht einen einzigen Uterus sein eigen nennen, lässt sich aber dennoch nicht davon abhalten, Frauen mit einer Konfliktschwangerschaft in eine stanza per l’ascolto zu setzen, wo ihnen „Pro Vita“-Päpste predigen, dass sie in der Hölle schmoren werden.

In einem Land, wo überhaupt nur jedes vierte Kind einen Kitaplatz kriegt, kriegt man fürs Zweite — sofern das einen Platz kriegt — natürlich auch nur dann mal wieder einen Bonus, wenn der ISEE-Wert, die Haarfarbe, die Hautfarbe und der Geburtsmonat des Geschwisterkindes stimmt.

Eine Million Euro wurde dafür zur Verfügung gestellt, die man, per dire, auch für den Ausbau der Kinderbetreuung, der Zugänglichkeit von pädiatrischen Leistungen und der Unterstützung sozial benachteiligter Kinder hätte einsetzen können, aber nein, man setzt sich dafür ein, dass ungewollte Kinder geboren werden, um die man sich dann als Staat ab dem Moment der Geburt auch keinen Dreck mehr schert. Wobei, so ganz stimmt das nicht, weil Marrone drückt den ungewollten Muttis auch noch ein paar Windeln und Babynahrung in die Hand. 

Die eine verteuert das Zeug in Rom, der andere verschenkt’s im Piemont an Mütter, die eigentlich keine sein wollen — wenn das mal nicht die Geburtenrate ankurbelt! Naja, vielleicht sollten ungewollt Schwangere einfach behaupten, dass sie lesbisch sind, das Kind für wen anders austragen oder als Single eine In-Vitro-Fertilisation (IVF) gemacht haben, dann stehen die Chancen ganz gut, dass sie in Italien abtreiben dürfen, schließlich ist Leihmutterschaft durch die Melonianer zu einem Verbrechen „schwerwiegender als Pädophilie“ geworden und IVF ist nur heterosexuellen Pärchen (nein, auch nicht einem heterosexuellem Single) gestattet. Na dann, buona fortuna, vecchia Italia, auf dass dich deine ungewollten Kindern vor dem demographischen Drama retten mögen!

È evidente: Die Rechten richten’s auch nicht. Aber sie tun so als ob. Bei Eugenia Roccella, der Ministerin für Familie und Chancengleichheit, weiß man inzwischen tatsächlich nicht mehr, ob sie überhaupt noch in Italien oder in einem imaginären Paralleluniversum unterwegs ist: Nachdem sie behauptet hat, dass es „in Italien weniger Orte zum Gebären als zum Abtreiben gibt“, ist sie jetzt auch der Meinung, dass die Regierung Meloni Kindertagesstätten „ab dem zweiten Kind praktisch kostenlos“ gemacht hat. Che praktisch, einfach mal Prahlen ohne Zahlen und ein paar werden’s schon schlucken und das nächste Mal das Kreuzerl wieder richtig weit rechts machen! In einem Land, wo überhaupt nur jedes vierte Kind einen Kitaplatz kriegt, kriegt man für’s Zweite — sofern das einen Platz kriegt — natürlich auch nur dann mal wieder einen Bonus, wenn der ISEE-Wert, die Haarfarbe, die Hautfarbe und der Geburtsmonat des Geschwisterkindes stimmt.

Viel Symbolik, wenig Substanz und während man vorne Familienwerte predigt, werden hintenrum soziale Ungleichheiten verschärft und Familien zu Familien zweiter Klasse degradiert, wenn ihre Lebens- und Arbeitsrealität nicht dem 50er-Jahre-Ideal entspricht.

Mit Meloni bleibt Italien kein Land für Mütter, auch wenn sie mit viel Melonidramatik ein paar medienwirksame Zuckerlen ausschüttet. Viel Symbolik, wenig Substanz und während man vorne Familienwerte predigt, werden hintenrum soziale Ungleichheiten verschärft und Familien zu Familien zweiter Klasse degradiert, wenn ihre Lebens- und Arbeitsrealität nicht dem 50er-Jahre-Ideal entspricht. Mit selektiven Boni, der staatlich getragenen Ablehnung diverser Familienkonstellationen und der Überantwortung der Carearbeit an Mütter wird die Geburtenrate nicht steigen, sondern weiter stagnieren. Es fehlt an einem ganzheitlichem familienpolitischen Plan.

Und das ist un peccato, weil es längst klar ist, dass Kinder eher dort geboren werden, wo Staaten expansiv Familien fördern. Und es ist längst klar, dass wenn es Familien gut geht und Eltern Wahlfreiheit empfinden, sich auch mehr Menschen für Kinder entscheiden. Private Wahlfreiheit hat man aber nicht, wenn man politischer Willkür ohne Weitsicht ausgeliefert ist. Genau das ist der Bonus Mamma aber, den 7.700 Mütter in Südtirol bekommen und achtmal so viele nicht. Und damit bleibt uns Müttern (mal wieder) nur zu sagen: Ma grazie di niente, presidente!

*bei einem Bruttoeinkommen von 25.000 €

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