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Illustrations by Sarah
Sarah Meraner
Veröffentlicht
am 31.08.2023
LeuteInterview mit Nahid Shahalimi

„Wir wagen es zu sprechen“

Autorin, Künstlerin, Filmemacherin und Aktivistin Nahid Shahalimi kämpft für die Rechte afghanischer Frauen. Dafür, dass sie gesehen, gehört und vor allem als Expertinnen in Medien und politischen Diskursen anerkannt werden. Warum die Reaktion und der Umgang der internationalen Gesellschaft für sie sogar gravierender sind als das Terrorregime der Taliban, erzählt sie im Interview.
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Nahid Shahalimi während des Interviews im Schloss Velthurns

Nahid Shahalimi betritt die Anlage von Schloss Velthurns, in einem weißen Sommerkleid, mit einem strahlenden Lachen und einer Präsenz, die den gesamten Garten einnimmt. Tief in ihr drin: ihre persönliche Geschichte, die unweigerlich mit jener Afghanistans verbunden ist. Sie berührt, wenn sie spricht, denn Nahid verbirgt ihre Emotionen erst gar nicht. Sie spricht voller Trauer über den Verlust ihrer Heimat, den sie als Kind erlitten hat. Über den eisernen Willen für afghanische Frauen einzustehen. Über die Wut und das Unverständnis darüber, was in ihrem Land seit 2021 geschieht und vor allem: wie die westliche Welt das Bild ihres Afghanistans über die Jahre verzerrt und modifiziert hat. In der Summer School Südtirol 2023 stellt die Autorin, Künstlerin, Filmemacherin und Aktivistin ihr Buch „Wir sind noch da – Mutige Frauen aus Afghanistan“ vor, berichtet über das Leben afghanischer Frauen und tritt mit den Zuhörer:innen in Dialog. BARFUSS trifft die Aktivistin im Vorfeld für ein Interview. Nach dem Gespräch bleiben Fragen: Warum sprechen wir kaum darüber, was in anderen Ländern passiert? Warum hinterfragen wir so wenig? Ist die Solidarität zwischen Frauen wirklich so groß? Und: Wie sicher können Frauen sich ihrer Rechte – weltweit – eigentlich sein?

Der 15. August 2021. Die Bilder der Machtübernahme der Taliban, nachdem die amerikanischen Truppen aus Afghanistan abziehen, gehen um die Welt. Nahid Shahalimi, die seit über 20 Jahren in München lebt, reagiert auf die Nachricht, wie die meisten afghanischen Frauen im Ausland: wenig überrascht und dennoch bricht es sie. „Wir waren alle wie taub“, sagt sie heute. Sie und andere Afghaninnen haben nur noch „funktioniert“. Dieser „Überlebensmodus“ blitzt in ihrem Blick kurz wieder auf, während sie sich daran erinnert, wie ihre Kinder ihr Essen und Trinken brachten, weil sie selbst für fast 48 Stunden nur am Computer saß. Das Handy: am Dauerklingeln. Eine Menge Leute versuchen Nahid in diesen Tagen zu erreichen. Darunter auch die Verlegerin Elisabeth Sandmann, mit der Nahid seit dem Erscheinen des ersten gemeinsamen Buches im Jahr 2017 eng befreundet ist. Sie ist es, die Nahid aus ihrer Ohnmacht rausholt, indem sie sie auf eine Feier im Verlag einlädt und zu ihr sagt: „Komm, wir müssen was machen.“ Und so bringen die beiden ein Buch heraus. „Wir sind noch da – Mutige Frauen aus Afghanistan“ lässt 14 afghanische Frauen – allesamt Expertinnen auf ihrem Gebiet – in Textbeiträgen und Interviews zu Wort kommen. Eine Journalistin, eine Universitätsprofessorin, eine Architektin, die ehemalige Vizepräsidentin der Nationalversammlung und andere Akademikerinnen erzählen über Frauenrechte, berufliche und gesellschaftliche Errungenschaften in Afghanistan, ihren Einsatz für die Ausbildung von Mädchen und Frauen, die Angst und den Schmerz über den Verlust ihrer Heimat und über das, was sie verloren haben: ihre Freiheit und Selbstbestimmung.

Stille ist lauter als Worte es sind. Im Moment haben wir – zumindest auf Papier – noch relativ viel Macht, worauf warten wir also? Wir leben doch in einer angeblichen Demokratie. So please: Talk about it!

Nahid, wie bist du zu den Frauen im Buch gekommen?
Ich kenne alle diese Frauen persönlich, mit einigen von ihnen arbeite ich zusammen. Wenn man in und für Afghanistan in bestimmten Bereichen arbeitet, ist der Kreis sehr überschaubar. Ich bin jetzt seit 20 Jahren vor Ort oder außerhalb des Landes tätig. Dieses Netzwerk baut man innerhalb von ein, zwei Jahren auf. Wir Frauen kennen uns alle untereinander, wir müssen miteinander arbeiten – ganz egal, welche politische Meinung wir haben oder welche Wege uns hierher geführt haben. Irgendwann müssen wir miteinander reden und uns solidarisieren. Uns bleibt gar keine andere Wahl.

Der 15. August 2021 war also der Grund für dieses Buch?
Dieser Tag hat uns alle, hat mich zu jemand anderem gemacht, er hat mich gebrochen und gleichzeitig stärker gemacht. Wir müssen jetzt stärker sein. Was durch die Taliban passiert ist, das überrascht mich überhaupt nicht, aber bei der internationalen Gesellschaft war es so, als hätte sie uns ein Messer in den Rücken gerammt. Die Art und Weise, wie das alles vonstatten ging – und wie die politischen Verhandlungen noch immer gehen – ist ein Riesenschlag für jede:n Afghaner:in, die/der sich jahrelang für unser Land eingesetzt hat. Nach dem 15. August war ich sehr frustriert. Ich habe nur wenige afghanische Expertinnen, mit denen ich gearbeitet habe, die die internationale Gesellschaft und die Medien kannten, im Fernsehen gesehen. Wo waren die? Da saßen ganz andere Leute am Tisch, und sie haben über uns, unsere Arbeit und unser Land gesprochen – und zwar in einem Narrativ, das oft sehr, sehr gefährlich war. Das hat mich gestört. Aber die internationalen Medien haben immer nur die eine Seite unseres Landes aufgezeigt. In Podiumsdiskussionen ist bei zehn Teilnehmer:innen meist nur ein Afghane oder eine Afghanin mit dabei, der/die aber lediglich von emotionalen Erlebnissen, wie der eigenen Flucht, erzählt. Das mag für Storytelling sehr wichtig sein, aber damit wird auch ein Opfer-Narrativ geschaffen.

Welche Seite Afghanistans sollte man noch kennen?
Vor 2021 wurde in Afghanistan sehr viel gebaut und in Infrastruktur investiert. Wir haben den Taliban ein besseres Land gegeben, als es vorher war. Ja, es gab einen Krieg und ja, es gab und gibt auch immer noch Korruption. Trotzdem lief parallel zum Krieg ein wirklich gutes Leben. Frauen konnten sich wieder etwas aufbauen, waren zum Teil sehr erfolgreich. Darum ist auch unser Buch so wichtig, weil es auch diese Seite aufzeigt.

Dass wir hier sitzen und unsere Arbeit machen können, ist nicht selbstverständlich. Nirgendwo auf dieser Welt. Unsere Rechte wieder zu verlieren, dafür haben Frauen und ein paar Männer nicht in den letzten 100 Jahren ihr Leben gegeben.

Kein Platz am Verhandlungstisch

Für die möglichst rasche Publikation des Buches legt Nahid Shahalimi alle anderen Projekte auf Eis. Im Herbst 2021 ging es nur noch um dieses eine Buchprojekt. Die große Schwierigkeit: Viele der Frauen waren für die Interviews nicht sofort auffindbar, sie waren noch unterwegs, in Camps, in Flugzeugen usw. Das erste Gespräch fand am 12. September statt. Die gesamten Interviews, die in drei Sprachen geführt wurden, wurden in Rekordzeit korrigiert, übersetzt usw. Am 20. Oktober ging das Buch bereits in Druck. Die erste Auflage war innerhalb eines Tages ausverkauft, eine zweite und dritte Auflage folgten. Es war wohl deshalb so erfolgreich, weil es das einzige Buch war, das sich mit dieser Thematik beschäftigte – und zudem so kurz nach der Machtübernahme. Es waren die ungefilterten Worte von Frauen. Frauen, die nicht (nur) Opfer sind, sondern in erster Linie starke Persönlichkeiten und Expertinnen.

Was kritisierst du an den westlichen Regierungen in ihrem Umgang mit Afghanistan?
Es ist in manchen Ländern, auch in Deutschland, wahnsinnig schwierig unseren afghanischen Expertinnen – und das sind nicht nur eine Handvoll, sondern hunderte! – einen Platz am Verhandlungstisch in der NATO, der UNO, der deutschen Regierung oder innerhalb der EU zu verschaffen. Ich frage mich: Warum müssen wir über irgendwelche Leute und die Medien eine gefilterte Version von Informationen bekommen, wenn wir so viele eigene Expertinnen haben und diese sogar noch perfekt Deutsch und Englisch sprechen? Ich habe am 22.09.2022 im deutschen Parlament in Berlin mit drei der Autorinnen an der Enquete-Kommission teilgenommen – wir vier waren die einzigen anwesenden Afghaninnen neben 250 deutschen Parlamentariern. Die Frage lautet also ganz klar: Wie oft reden wir über Afghanistan – und vor allem wer redet über Afghanistan? Es kann nicht sein, dass nicht einer dieser 250 Köpfe daran denkt, dass das vielleicht nicht in Ordnung ist? Wir machen das mit der Ukraine, wir machen das mit dem Iran. Mit welchem Recht entscheiden wir in einer so unethischen und unmenschlichen Art über ein Land und das Schicksal von über 20 Mio. Frauen? Das ist unentschuldbar. Zwei Jahre nach der Machtübernahme: weltweites Schweigen. Wo ist die Demokratie? Wo ist Feminismus?
Ich betone das bei allen meinen Interviews und ich sage es auch hier: Dass wir hier sitzen und unsere Arbeit machen können, ist nicht selbstverständlich. Nirgendwo auf dieser Welt. Unsere Rechte wieder zu verlieren, dafür haben Frauen und ein paar Männer nicht in den letzten 100 Jahren ihr Leben gegeben.

Du gibst also nicht nur den Taliban die Schuld für die Entwicklungen in deinem Land, sondern auch der internationalen Politik?
Ich frage mich: Warum nimmt man es einfach hin, dass afghanische Frauen plötzlich keine Rechte mehr haben? Dass afghanische Mädchen ab sechs Jahren keine Bildung mehr genießen, Frauen nicht der Arbeit nachgehen dürfen, die sie gerne machen würden, dass sie nicht auf die Straße gehen dürfen ohne einen „guten“ Grund? Im letzten Monat wurden alle Schönheitssalons geschlossen – über 60.000 Frauen verloren damit ihren Job. 60.000! Auch wenn der afghanische Sitz in der UNO fehlt, halten die Verhandlungen und der politische Austausch mit Afghanistan und den Taliban sehr wohl an. Wie kann es also sein, dass gegen solche suppressiven Akte nichts unternommen wird? Die Rahmenbedingungen, wie es in Afghanistan weitergehen soll, werden von Politikern bestimmt, die zum großen Teil noch nie einen Fuß ins Land gesetzt haben. Es sind zum Großteil weiße Männer, die über das Schicksal der Frauen in einem Land mit einer 1.000-jährigen Geschichte entscheiden. Und wir Frauen bezahlen dafür. Was in Afghanistan passiert, kommt einer Gender Apartheid nicht nur nahe, es ist Gender Apartheid.

Wie konnte es so weit kommen?
Weil wir keine Fragen stellen. Ein Beispiel: Über 20 Millionen Jungen und Männer dürfen in Afghanistan zur Schule gehen und studieren – doch niemand fragt danach, was gelernt wird und welche Gehirnwäsche dort passiert? Wir stellen keine Fragen und dann, wenn etwas passiert, wie 9/11 oder der 15. August, dann sind wir überrascht. Das alles war keine Überraschung! Jeder wusste, dass sowas passieren würde. Wir haben Fakten und Beweise, aber als afghanische Frauen müssen wir diese Beweise fünf Mal öfter belegen als irgendein europäischer Parlamentarier. Wir haben seit Jahren gesagt, was alles passieren kann und auf unsere Schriften, Bücher und Filme hingewiesen. Aber es gab immer dieses Narrativ, dass afghanische, akademische Elite-Frauen nicht für die Provinzen oder das gesamte Afghanistan sprechen. Damals und heute nach wie vor. Dabei haben wir sehr wohl die Daten der Provinzen, weil der Austausch da ist. Machen die das, um uns zu diskreditieren, oder warum? Ist unser Wort, ist unsere langjährige Arbeit nichts wert?
Wir lernen nicht aus der Geschichte, wir lernen nicht aus unseren Fehlern.

Nein, wir werden nicht schweigen und wir verharren nicht in Schockstarre – wir sind noch da! Und: Wir müssen gehört werden! Darum mein Appell: Hört diesen Frauen zu, seht, wer sie sind, seht ihren Einsatz für die Freiheit und ihre Rechte. Seht sie in einem neuen Licht, sie sind keine Opfer, sie brauchen kein Bedauern, sondern eine Plattform, Unterstützung und Solidarität. Ladet sie ein, bezieht sie mit ein, in Gespräche, auf Veranstaltungen, in Expertenrunden.

(aus Nahid Shahalimis Einleitung in „Wir sind noch da! Mutige Frauen aus Afghanistan)

Wie leben, arbeiten, kämpfen und denken Frauen in Afghanistan?
Jede Woche gibt es eine andere Antwort auf diese Frage, denn die Situation ändert sich für die Frauen immer wieder aufs Neue, das hängt von den Taliban und der internationalen Gesellschaft ab. Es gibt sehr viele Underground-Schools und Underground-Businesses. Afghanische Frauen innerhalb und auch außerhalb des Landes sind sehr kreativ und klug geworden, um zu überleben. Was wir jetzt brauchen, sind keine leeren Strukturen und Versprechungen mehr, sondern einen Platz an den Verhandlungstischen – und dafür benötigen wir die Unterstützung der internationalen Gesellschaft. Wenn wir im Westen all das einhalten würden, was wir in den Human Rights und auf sonstigen Papieren unterschrieben haben, dann wären die Hälfte der Probleme in Afghanistan und aller Welt schon gelöst.

Warum war dir dieses Buch nach der Machtübernahme 2021 so wichtig?
Elisabeth und mir war es in erster Linie wichtig, Expertinnen einen Raum zu geben. Zudem war das Buch eine Art von mentaler und psychischer Therapie – nicht nur für mich, sondern auch für die Frauen. Viele von ihnen waren zunächst nicht in der Lage zu sprechen und haben sich nur meinetwegen dazu überreden lassen. Ich habe gesagt: „Du musst das machen. Wenn du es nicht machst, erzählen irgendwelche anderen Leute über Afghanistan und diese einseitigen Berichterstattungen sind gefährlich.“

„Lasst uns sprechen“

„Wir sind noch da“ ist ein Lobbie-Buch, eines, das aufrüttelt. Es ist ein Appell, afghanische Frauen und Mädchen nicht zu vergessen und sich zu solidarisieren. Nahid Shahalimi ist überzeugt: Es bedarf unbedingt einer Solidarität aller Frauen dieser Welt, doch es fehlt nach wie vor an weiblichem Zusammenhalt. Auch viele Journalistinnen würden keine Sichtbarkeit für afghanische Frauen, sondern nur für die eigene Karriere schaffen, erzählt die Aktivistin enttäuscht, schließt dabei aber Journalistinnen wie Susanne Koelbl, Katrin Eigendorf oder Lyse Doucet, die eine hervorragende Arbeit leisten, klar aus.Dabei bräuchte es dringend mehr mediale Präsenz für Expertinnen.
Fakt ist: Die moderne Frau war nie so emanzipiert wie heute, sie geht nach vorne. Aber wir müssten aufpassen, so Nahid Shahalimi, denn wir Frauen gehen sehr oft alleine nach vorne – und dieser Alleindurchgang kostet uns 100 Jahre Arbeit. Jüngstes Beispiel: Das Abtreibungsrecht, das in vielen – auch westlichen Ländern wie Amerika – in Grund und Boden getreten wird. Eine junge Frau hat heute bereits nicht mehr das gleiche Recht wie noch vor einem Jahr. Das muss uns nicht nur zu denken geben, sondern uns zum Aufschreien bringen. Wir dürfen nicht vergessen: Alle Rechte, die wir heute haben, wurden erst in den letzten 100 Jahren erkämpft. In der Schweiz dürfen Frauen erst seit 1971 wählen. Also quasi seit gestern. Sich als Frau für feministische und weltpolitische Themen auf ehrliche Art und Weise einzusetzen und zu sensibilisieren, ist mühsam und manchmal müssen wir auch Einsatz zeigen, ohne etwas dafür zu bekommen, ist Nahid überzeugt. In ihren Worten schwingen Wille und Erschöpfung gleichermaßen mit. Dringlichkeit und Mut und die Aufforderung an alle Frauen, mitzukämpfen.

Wir dürfen nicht vergessen: Alle Rechte, die wir heute haben, wurden erst in den letzten 100 Jahren erkämpft.

Was können wir als Einzelne konkret tun, um Frauen in Afghanistan und anderen Ländern zu unterstützen?
Wählen gehen und mitbestimmen, wer bestimmen darf. Und außerdem: darüber sprechen, Freund:innen und Familie sensibilisieren, was in Afghanistan oder dem Iran passiert und was auch bei uns passieren kann, wenn sich plötzlich Regeln und Verfassungen ändern. Es ist nur eine Frage der Zeit: Die eine Hälfte der Welt brennt, die andere steht unter Wasser. Wenn wir Gesetze, wie Abtreibungsverbote, einfach stillschweigend hinnehmen, wenn wir all die Ungerechtigkeiten als gegeben ansehen, dann sind wir keine Feministinnen. Stille ist lauter als Worte es sind. Im Moment haben wir – zumindest auf Papier – noch relativ viel Macht, worauf warten wir also? Wir leben doch in einer angeblichen Demokratie. So please: Talk about it!

Wann und warum ist dieser starke Wille in dir geboren, dich für andere afghanische Frauen einzusetzen?Als Kinder bekamen meine Schwestern und ich von der Gesellschaft immer das Gefühl, nicht genug zu sein, nur weil wir keine Brüder hatten – vor allem nach dem Tod meines Vaters. Damals gab es schon diesen stillen Aufschrei in mir: „I will show you, what I can do!“ Als meine Mutter, meine Großeltern, meine Schwestern und ich aus Afghanistan flüchteten, waren wir fünf Tage und vier Nächte lang zu Fuß im Gebirge Richtung Pakistan unterwegs. Ich erinnere mich an diese Aussicht auf die Berge am letzten Tag, sie wirkte wie ein Postkartenmotiv und mein Großvater sagte zu mir: „Dreh dich um, das ist vielleicht das letzte Mal, dass du dein Zuhause siehst.“ Ich weiß nicht, was da genau in mir passierte, aber es wurde dieser Wille geboren, alles zu schaffen, was ich möchte. Für mich gibt es kein Nein, nichts ist unmöglich, keine Herausforderung, kein Projekt. Und ich wusste, dass ich eines Tages wiederkehren würde. Bei allem was ich tue, trage ich immer die Worte meines Vaters im Herzen, zu dem ich eine ganz enge Bindung hatte: „Alles, was du besitzt, ist dein Wissen. Aber dieses Wissen ist wertlos, wenn du kein reines Herz hast.“
Das Gewicht über die Zukunft des Landes und der ganzen Welt lastet auf unseren Schultern. Und ja, wir wagen es zu sprechen, diese Fakten aufzuzeigen. Meine Aufgabe ist es, einen Stein als Basis zu legen. Und die nächste Generation muss diese Basis festigen und wiederum ihren Stein draufsetzen. Nur so können wir Afghanistan wieder aufbauen – aber das kann nur durch Afghaner:innen passieren. Wenn wir dem Volk erlauben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, dann haben wir vielleicht eine Chance.

Nahid Shahalimiwurde 1973 in Afghanistan geboren und stammt aus einer der letzten Elite-Familien, die aus dem Land flüchteten. Nahid lebte und studierte bildende Kunst und Politik in Kanada, 2000 zog sie mit ihren beiden Töchtern nach München, wo sie seither als Künstlerin, Filmemacherin, Autorin und Aktivistin tätig ist. 2017 erschien ihr erstes Buch über Afghanistan „Wo Mut die Seele trägt. Wir Frauen in Afghanistan“, 2018 ihr preisgekrönter Dokumentarfilm „We the women of Afghanistan: a silent revolution“ (auf Amazon Prime US & UK und bald auch auf Amazon Prime Germany & Austria zu sehen). Kurz nach der Machtübernahme der Taliban 2021 veröffentlichte sie ihr zweites Buch „Wir sind noch da – Mutige Frauen aus Afghanistan“.

Im Rahmen ihres Engagements für die afghanischen Frauen und entgegen der Prophezeiung ihres Großvaters kehrt Nahid Shahalimi übrigens immer wieder in ihre Heimat Afghanistan zurück – das Land in dem sie sich nach wie vor am meisten Zuhause fühlt.

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