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Auf a Glasl mit Eva Klotz

Was nun, Eva?

Die Frontfrau der Süd-Tiroler Freiheit hat einen neuen Lebensauftrag. Für Politik bleibt da nur noch wenig Zeit. Aber die nutzt Eva Klotz, so gut sie kann.

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Bild: Süd-Tiroler Freiheit

Nach ihrem Rücktritt aus dem Südtiroler Landtag ist es still geworden um Eva Klotz. Zu sehen war sie kürzlich wieder in einem Video, das den STF-Mann Cristian Kollmann beim Überreichen einer Mussolini-Statue an den Bozner Bürgermeister zeigt. Die Teilnahme an der Aktion war jedoch eine Ausnahme, sagt Klotz. Im Gespräch mit BARFUSS erzählt sie von ihrem neuen Lebensauftrag und äußert sich zur aktuellen Entwicklung ihrer Bewegung. Dort hat sich vor allem in der Einstellung zur Migrationspolitik eine Wende vollzogen.

Im November 2014 sind Sie als Abgeordnete im Südtiroler Landtag zurückgetreten. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?
Das war eine Wendung um 180 Grad. Ich bin praktisch ganztägig und auch nachts Pflegeperson. Die gesundheitliche Situation meines Mannes verschlimmert sich infolge der degenerativen Erkrankung und so habe ich mein Leben gänzlich umstellen müssen. Anfangs war es für mich unglaublich schwierig, ich bin selbst erkrankt und habe mich nur langsam wieder erholt. Das war Anfang 2015. Es kam damals viel zusammen. Auch der Abschied von der Politik war psychisch eine große Herausforderung. Gerade die vielen positiven Zusprüche haben diesen Abschied nicht leicht gemacht, aber ich wusste: Ich hab jetzt einen neuen Lebensauftrag und den erfülle ich, so gut ich kann.

Bleibt da noch Zeit für Politik, nun, da Ihr ganzer Tagesablauf umgekrempelt ist?
Sehr wenig. Ich bin froh, wenn ich täglich wenigstens eine Tageszeitung lesen kann. Ich verfolge auch die Nachrichten im Rundfunk, soweit es möglich ist. Aber um selbst noch aktiv zu sein, bleibt zu wenig Zeit.

Vor Kurzem haben Sie es aber doch wieder in die Schlagzeilen geschafft, nämlich durch die Aktion der Überreichung des Goldenen Mussolini an Bürgermeister Caramaschi. War Ihnen das besonders wichtig?
Es war eine Protestaktion gegen die Förderung von faschistischen Denkmälern. Das war seit jeher eines der Kernthemen der Bewegung. Ich habe meine Leute bei der Aktion unterstützt und bin als Boznerin mitgegangen.

„Um Machtworte ist es mir nie gegangen.”

Welche Rolle nehmen Sie jetzt in der Partei ein? Und haben Sie da auch noch das ein oder andere Machtwort zu sprechen?
Um Machtworte ist es mir nie gegangen. Ich habe von Anfang an gesagt: Ich werde mich nicht einmischen, vor allem nicht in die Landtagsarbeit, aber wenn ihr mich braucht, bin ich da, sofern es mir die Zeit und die Situation erlauben. Ich bin inzwischen auch aus der Landesleitung zurückgetreten, weil ich es nicht mehr schaffe, jede zweite Woche zu einer Sitzung zu kommen. Ich bin nur noch Mitglied des Hauptausschusses, denn der tagt nur alle zwei Monate. Recht viel andere Mitarbeit ist nicht möglich, das wissen meine Leute auch. Aber ich kann mich auf sie verlassen, ich weiß, dass die Bewegung in besten Händen ist. Und es hat sich gezeigt, dass sie die Gründungsabsicht der Süd-Tiroler Freiheit weiterhin in der Parteilinie tragen.

Sie sind also zufrieden, wie sich die Partei seit Ihrem Rückzug entwickelt hat?
Ich sehe die Entwicklung sehr positiv. Ich gebe auch gerne dem einen oder anderen meinen Zuspruch, rufe an oder schicke eine SMS, wenn ich finde, dass etwas nun besonders gut gemacht wurde.

Innerhalb der Süd-Tiroler Freiheit hat sich in der letzten Zeit vor allem die Position in Sachen Einwanderung geändert. Hier nimmt die Bewegung zunehmend Standpunkte ein, die man sonst von den Freiheitlichen kennt. Peter Brachetti, Mitglied im Hauptausschuss der STF, fasst die sich vollziehende Wende so zusammen: „In der Vergangenheit haben die Vertreter der verschiedenen Parteien die Einwanderungsthematik zu Wahlkampfzwecken genutzt (...). Im Endeffekt war das Problem ein hochstilisiertes, das man durchaus vernachlässigen konnte und dem die Süd-Tiroler Freiheit eher gelassen entgegengeblickt hat. Aktuell ist es anders. Südtirol hat ein massives Sicherheitsproblem, das parteiübergreifend angegangen werden muss.”

Was die Entwicklung der Süd-Tiroler Freiheit in den letzten Jahren angeht, ist mir eines besonders aufgefallen: Die Haltung gegenüber Migration wurde ausgesprochen restriktiver. Dabei musste ich an mein Gespräch mit Ihnen im Sommer 2014 denken, Sie können sich bestimmt erinnern.
Ja.

Sie priesen damals einen weltoffenen Patriotismus und verglichen die Süd-Tiroler Freiheit sogar mit der ausländerfreundlichen, linken Unabhängigkeitspartei Kataloniens. Sehen Sie diesen Anspruch – den weltoffenen Patriotismus – noch verwirklicht?
In jeder Hinsicht. Wir pflegen gute Kontakte über Landesgrenzen hinaus, natürlich vor allem zu Österreich, aber auch zu den Mitgliedern der Europäischen Freien Allianz. Unser Verbindungsmann Cristian Kollmann ist dort sehr aktiv. Und auch innerhalb Italiens haben wir uns erfolgreich darum bemüht, eine Öffnung zu Antifaschisten aus anderen Teilen Italiens zu pflegen.

Dieser Realität steht allerdings auch eine andere gegenüber. Sven Knoll forderte kürzlich einen sofortigen Aufnahmestopp von Flüchtlingen und Migranten. Und Kollmann, der Verbindungsmann zur EFA, postete einen Artikel, in dem behauptet wird, die katalanische Unabhängigkeitspartei sei von Muslimen unterwandert. Ist jetzt also doch Schluss mit der Weltoffenheit?
Das sehe ich nicht so. Falls Cristian Kollmann diese Einschätzung teilt, ist es sein gutes Recht, seine subjektive Meinung zu äußern. Da möchte ich mich nicht einmischen, denn abgesehen von der politischen Linie der Bewegung besteht immer noch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Was den Aufnahmestopp in Südtirol anbelangt, so hängt das auch mit der Tatsache zusammen, dass wir keinerlei Zuständigkeiten haben für die Frage, wer und wie viele aufgenommen werden. So werden wir einfach von der italienischen Politik überrumpelt.

Sie sagen also: Wenn der Staat die jeweiligen Kompetenzen den Regionen oder Provinzen überlassen würde, dann würden Sie die Sache anders sehen?
Auf jeden Fall. Denn dann könnte man tatsächlich – je nach Mitteln und Möglichkeiten – prüfen, wer ein Anrecht auf Asyl und humanitäre Hilfe hätte: Wer stammt aus einem tatsächlichen Kriegsgebiet? Wer wird in seinem Herkunftsland politisch oder aus anderen Gründen verfolgt? Und die anderen müsste man zurückschicken. Ich bin stark dafür, eine wirkliche humanitäre Hilfe in den betroffenen Gebieten zu leisten – gerade jetzt sind wieder Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Aber die Entwicklung, dass Leute ins Land kommen, die in keiner Weise in ihren Herkunftsländern gefährdet sind, sondern dort beim Aufbau fehlen, diese Entwicklung habe ich nie mitgetragen.

Sie meinen die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, in anderen Worten: die Perspektivlosigkeitsflüchtlinge.
Als in den 90er-Jahren ein Gesetz zur Entwicklungshilfe im Süd-Tiroler Landtag diskutiert wurde, hatte ich einen Minderheitenbericht geschrieben, in dem ich auf dieses Problem eingegangen war. Nämlich, dass Südtirol im kleinen Rahmen, aber auch darüber hinaus die europäische Politik eine große, wirkungsvolle Entwicklungshilfe vorantreiben sollte, damit die Leute gar nicht in Versuchung kommen, aus ihren Ländern wegzuziehen. In Ländern, wo es arge Korruption gibt, ist es aber natürlich schwierig, von außen etwas zu bewirken.

Zumal auch die europäische Wirtschaft von dieser Korruption profitiert. Aber jetzt riskieren wir, uns in ein Thema hineinzuarbeiten, worüber man noch allzu lange diskutieren könnte… Wie sehen denn jetzt Ihre eigenen Ambitionen und Pläne für die Zukunft aus? Gerade auch im politischen Bereich?
Meine persönliche Perspektive ist nun die: Solange ich diesen Lebensauftrag habe, werde ich ihn erfüllen, so gut ich kann. Das erfordert momentan meine ganze Kraft und meine ganze Zeit. In Südtirol hingegen sehe ich gerade eine Entwicklung der Polarisierung in der Ortsnamensgebung, die ja symptomatisch ist für das, was Heimatpolitik ausmacht. Man hat diesbezüglich gesehen, dass mit dem PD kaum Abmachungen einzuhalten sind. Auch in Europa gibt es zurzeit große Auseinandersetzungen. Das ist so interessant zu beobachten. Das Erstarken eines Wilders in den Niederlanden zum Beispiel, das führt unweigerlich dazu, dass sich die Politik Gedanken darüber machen muss, wie man es mit Traditionen und ureigensten Interessen hält. Man sieht immer wieder die Entstehung dieses Spannungsfelds, wenn eine Entwicklung zu unkontrollierten Situationen führt. Das wird noch sehr interessant werden.

„Wenn bei einer Abstimmung herauskommen würde, dass die Mehrheit für einen Verbleib bei Italien entscheidet, dann würde ich das als Demokratin akzeptieren.”

Die Meinung darüber, wie man den Herausforderungen der Globalisierung begegnen soll, driftet auseinander: Brauchen wir mehr Europa, ein geeintes Europa der Regionen? Oder soll man zu einem Europa der Nationalstaaten zurückkehren? Darin besteht wohl auch jenes Spannungsfeld, das Sie angesprochen haben. Welche Position nehmen Sie ein?
Seit jeher bin ich für ein Europa der Regionen. Die Staaten sind heillos überfordert, nichtsdestotrotz wird das Subsidiaritätsprinzip einfach missachtet. Meines Erachtens ist das immer noch die beste politische Grundlage: Föderalismus und Regionalismus. Aber das geht nur über das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Wenn die Völker frei über sich bestimmen können, dann wäre auch der Frieden in Europa garantiert.

Gerade der Ruf nach Selbstbestimmung hat aber auch Unfrieden gebracht. Man denke an den Jugoslawienkrieg in den 90ern. Das Hauptargument gegen die Separatisten lautet: Es wird immer jemanden geben, der unzufrieden ist. In Südtirol wären das die Italiener, falls Südtirol zu Österreich zurückkehren würde.
Grundsätzlich, so kann man sagen, gibt Unrecht keine Ruhe. Auch politisches Unrecht. Selbst wenn es wie im Falle des Baskenlandes oder Kataloniens schon Hunderte von Jahren her ist, dass das Unrecht geschehen ist, so gibt das keine Ruhe. Durch das Selbstbestimmungsrecht der Völker kann man aber sehr vieles lösen, denn im Falle Südtirols würden alle mitwählen können, auch die hier lebenden italienischen Bürger. Und irgendwann wird man einfach den Willen der Mehrheit akzeptieren müssen. Wenn umgekehrt bei einer Abstimmung im Sinne des Selbstbestimmungsrechtes herauskommen würde, dass die Mehrheit für einen Verbleib bei Italien entscheidet, dann würde ich das als Demokratin akzeptieren. Selbstverständlich.

 

Teseo La Marca

studiert in München und perfektioniert dort die Kunst der Prokrastination. Liebt die Freiheit, in anderen Worten: hat Bindungsängste gegen alles, außer gegen Südtirol, wohin er immer wieder gerne zurückkehrt.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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