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Von Afrika nach Europa

Gabriel Orji ist aus Nigeria gekommen und hoffte in Europa auf ein besseres Leben. Seit acht Jahren lebt er in Südtirol – zwischen zwei Kulturen.

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Bild: Flickr, Retlaw Snellac
Er spricht schnell, unterhält sich auf Englisch, im Deutschen fehlten ihm viele Worte, sagt er. Der afrikanische Akzent macht es manchmal schwer, alles zu verstehen. Ganz offen erzählt er seine Geschichte, spricht von seiner Kindheit in Afrika, von seiner Ankunft in Europa, von falschen Vorstellungen und von seiner Sehnsucht nach der Heimat. Gabriel Orji kommt aus Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Seit einigen Jahren erschüttern immer wieder blutige Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen den Norden des Landes. Gabriel kennt die Unruhen in seiner Heimat nur noch aus den Medien und von Erzählungen, er lebt heute in Südtirol mit Frau und Kind. 
 
Noch Glück gehabt
 
Vor genau zehn Jahren kam der Nigerianer zum ersten Mal nach Europa und landete in Wien. Anfang 20 war er damals, Europa kannte er nur aus dem Fernsehen. So habe er gedacht, Autos seien für alle da, wie in dem Film, den er sich zu Hause angesehen hatte. In Wien wollte er deshalb das nächstbeste Auto am Straßenrand für eine Spritztour ausleihen. Ein Bekannter klärte ihn schließlich auf. Und wie ist er hergekommen? „With the plane“, sagt Gabriel und zuckt mit den Schultern, als ob es das Normalste der Welt wäre. Keine lebensgefährliche Flucht vor dem Krieg? Nein, sagt er und beginnt von Bekannten zu erzählen, die genau das erlebt haben. Dann wird ihm klar, dass er Glück gehabt hat: Er kommt zwar aus einer christlichen Familie, stammt aber aus dem Westen Nigerias. Die islamistischen Anschläge konzentrieren sich vor allem auf den Norden. 
 
Gabriel kam mit einem Arbeitsvisum nach Österreich, weil er dort Leute kannte, die ihm einen Job versprochen hatten. Einfacher war es für ihn deshalb nicht. Er habe im Autohandel gearbeitet, doch wenn man in ein fremdes Land komme, die Sprache nicht spreche und niemanden kenne, gebe es viele Leute, die betrügen, erzählt er. Irgendwann hatte Gabriel kein Geld mehr, also habe er Asyl in Österreich beantragt. Ohne Arbeitserlaubnis habe er sich nur noch mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser halten können: „You don`t have choice, the money finished and you dont`t know whom to run to.“ In Wien lernte er seine spätere Ehefrau kennen, eine Südtirolerin.
 
Als Gabriel nach eineinhalb erfolglosen Jahren in Wien wieder zurück nach Nigeria ging, nahm er seine weiße Freundin mit. Er zeigte ihr seine Heimat, stellte sie seinen Eltern vor und heiratete sie. Gabriel wäre gerne dort geblieben, bei seiner Familie, seinen Freunden, seinem Zuhause. Doch sie kehrten zurück und ließen sich in Südtirol nieder. Seine Frau war noch mitten im Studium und das Leben in Nigeria ist schwierig: „Down in Africa, no one cares for you“, sagt Gabriel. Und das fängt schon früh an. Nur etwa die Hälfte der nigerianischen Kinder im Schulalter besuchen eine Schule. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes sind 28 Prozent der Männer in Nigeria Analphabeten, bei den Frauen liegt die Quote bei rund 50 Prozent.
 
Gabriel kennt das marode Bildungssystem des westafrikanischen Landes, von dem nur Kinder wohlhabender Eltern profitieren. Sein Vater arbeitete als Tischler, konnte sich die Bildung seines Sohnes nicht mehr leisten und musste ihn von der Schule nehmen. Gabriel war damals zwölf Jahre alt. „I cried bitterly“, sagt er. Der einzige Ausweg für den 12-Jährigen: Er begann, ein kleines Stück Land zu bebauen, die Ernte verkaufte er auf dem Markt, davon bezahlte er seine Ausbildung und konnte so die Schule beenden. 
 
Die andere Kultur
 
Für die Universität reichte es nicht mehr. Er verließ sein Heimatdorf mit 3.000 Einwohnern, schlug sich durch, zog fünf Jahre lang durchs Land. Sein „Master", wie er seinen ehemaligen Chef bezeichnet, vermittelte ihm Gelegenheitsjobs. Irgendwann wurde Gabriel wieder nach Hause geschickt. Da beschloss er mit Hilfe eines Bekannten nach Europa zu gehen, denn nur dort könne man wirklich Geld verdienen, so seine Vorstellung. Dass das nicht so einfach ist, weiß er jetzt. Und auch, dass in Europa vieles, aber nicht alles besser ist. In Nigeria seien Familie und Freunde sehr wichtig, da sitze keiner alleine zu Hause, jeder helfe jedem und die Kinder hätten noch Respekt vor Erwachsenen. Während er das erzählt, zeigt Gabriel Fotos aus seiner Heimat: von halbfertigen und einfach eingerichteten Häusern, von staubigen Schotterpisten, von lachenden Menschen. Es wird deutlich, wie stolz er ist Nigerianer zu sein und wie fremd er sich in Europa manchmal fühlen muss. Gabriel denkt daran, trotz Armut und wenig Zukunftschancen in Nigeria, irgendwann wieder zurückzugehen. 

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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