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Buchtipp

Rassismus und Versöhnung

Ein Quebecer und eine Innu dialogieren über den kolonialen Rassismus in Kanada, der bis heute andauert, und machen ein Buch daraus. Eine literarische Versöhnung.

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Bild: Redd (Unsplash)

In dem Buch „Kuei My Friend – a Conversation on Race and Reconciliation“ unterhalten sich die Innu-Dichterin Natasha Kanape Fontaine und der US-kanadische Schriftsteller Deni Ellis Béchard in Briefen über den Alltagsrassismus in Kanada, über das gegenseitige Misstrauen zwischen der indigenen Bevölkerung – den „Autochthonen“, wie Kanape sie nennt – und der frankophonen Quebecer.
 
Den Anstoß für dieses Buch, für das Briefeschreiben, gab die Autorin Denise Bombardier. Die überzeugte frankophone Nationalistin kritisierte 2015 in einer Kolumne die Kulturen der indigenen Völker als „tödlich“ und „antiwissenschaftlich“.
 
Hintergrund für diese Kritik war der Tod einer elfjährigen Indigenen in Ontario. Das an Leukämie erkrankte Mädchen lehnte die Chemotherapie zugunsten der traditionellen indigenen Medizin ab. "Dieses Kind ist gestorben, weil es einer tödlichen, antiwissenschaftlichen Kultur geopfert wurde", kommentierte Bombardier auf der Website des „Montreal Denise Journal“.
 
Die Kritik an der Entscheidung, auf die Chemotherapie zu verzichten, ist nachvollziehbar. Nicht aber die kollektive Verunglimpfung der indigenen Kulturen. Das ist Rassismus.

Aufgeheizte Literatur-Szene

Bombardier sorgte in der Literaturszene mit ihren Aussagen für Aufregung und Kritik. Die Verwunderung wuchs, als Bombardier mit der Moderation der Quebec International Book Fair im April beauftragt wurde. Bombardier sollte auch mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern indigener Völker über ihre literarischen Arbeiten diskutieren.

Autoren und Autorinnen unterschiedlicher ethnischer Herkunft bemängelten die fehlende Empathie der Veranstalter, indigene Teilnehmende wollten ihrerseits die Buchmesse nutzen, öffentlich mit Bombardier abzurechnen. Auch im Vorfeld der Literatur-Veranstaltung heizte Bombardier die Stimmung an. Sie äußerte sich verächtlich und auf eine demagogische Weise über die indigenen Kulturen.

Natasha Kanape Fontaine forderte auf der Buchmesse Bombardier auf, offen über ihre anti-indigenen Angriffe zu diskutieren. Die Kolumnistin weigerte sich, die Veranstalter drehten den Strom ab, Bombardier entriss Fontaine wütend das Handmikrophon.

Daraufhin bot Kriegsreporter Deni Ellis Bechard Fontaine an, gemeinsam ein Buch über den kanadischen Alltagsrassismus zu schreiben, auch unter angeblich aufgeklärten Intellektuellen.

Innu-Dichterin Natasha Kanape Fontaine und der US-kanadische Schriftsteller Deni Ellis Béchard

Titel & Urheber des Bildes: 
Radio Canada

Ein Gespräch über Rassimus

Kanada genießt ein liberales Image. Zu Unrecht.

In dem Briefwechsel erzählt Innu-Dichterin Fontaine von ihren Jahren in residential schools, von der “Oka-Krise” zwischen den indigenen Mohawk und den staatlichen Behörden und vom Leben im Reservat Pessamit.

Nachdem die meist englischen und französischen Einwanderer das Land kolonialisiert, sowie die indigene Bevölkerung massakriert und vertreiben hatten, wurden die indigenen Überlebenden in Reservate gepfercht. Mehr als 150.000 Kinder wurden ihren Eltern geraubt, enteignet und in katholischen residential schools einer brutalen Gehirnwäsche unterzogen. Mehr als 6.000 Kinder kamen dabei ums Leben, verhungert, missbraucht von Ordensleuten.

Der Krieg gegen die Autochthonen geht weiter, besonders gegen indigene Frauen. Weit mehr als 1.000 Mädchen und Frauen werden seit 1980 vermisst. Die Angehörigen vermuten, dass sie vergewaltigt und ermordet wurden. Auch von Polizisten. Polizei und Justiz ermitteln nicht, handelt es sich doch nur um „sqaws“, wie indigene Frauen abschätzig beschimpft werden.

Bechard und Fontaine stehen stellvertretend für das andere Kanada, das Kanada der ethnischen Vielfalt, für das Respekt die Grundlage des Zusammenlebens ist.

Der US-kanadische Schriftsteller Béchard berichtet im Buch vom Rassismus seines Vaters, über die Abschottung von Afroamerikanern und seine Identität als Quebecer in den USA.

Beiden Autoren bekennen sich in ihren Briefen zum Respekt vor kulturellen und sprachlichen Unterschieden. Bechard und Fontaine stehen stellvertretend für das andere Kanada, das Kanada der ethnischen Vielfalt, für das Respekt die Grundlage des Zusammenlebens ist.

Die deutsche Ausgabe „Kuei, ich grüße dich“ ist in der Edition TRI des slowenischen Drava-Verlages in Klagenfurt/Celovec erschienen.

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The Others

Geschichten und Erzählungen aus der anderen Welt

In der kanadischen Provinz British Columbia wird auf dem Gelände einer ehemaligen katholischen Internat-Schule ein Massengrab entdeckt. Indigene Kinder wurden dort vergraben. Im Amazonas-Regenwald in Brasilien töten Covid und Goldsucher indigene Menschen. In Rojava in Nord-Syrien wehren sich Kurden gemeinsam mit Arabern und Aramäern gegen türkische und syrische Islamisten. Die Sami in Skandinavien, politisch unkorrekt Lappen, halten stur an ihrer Rentierhaltung fest. Es gibt eine andere Welt hinter den globalen Glitzer-Fassaden, die sich gegen das Plattmachen sträubt, Menschen die darauf beharren, eine eigenständige Existenz zu haben.

Ihre Geschichten tauchen nicht oder nur selten in den großen Medien auf.  Über diese Menschen spricht niemand oder kaum jemand. In der Reihe „The Others“ kommen jene zu Wort, die nicht gehört werden, die keine Stimme haben.

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