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Mister Tagesschau

Jimmy Nussbaumer erzählt im Gespräch mit BARFUSS, warum der Sender Bozen so wenig für junge Leute macht und wie lange er noch vor der Kamera steht.

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Bild: Judith Dietl
Die meisten kennen ihn als Tagesschau-Moderator vom Rai Sender Bozen: Jimmy Nussbaumer. Bis er dorthin gekommen ist, hatte er schon viel erlebt: In der vierten Klasse der Oberschule brach er die Schule ab und ging zum Südtiroler Privatradio S3 in Brixen. Ohne Matura und ohne Studium landete er im hohen Norden, in Hamburg. Fünf Jahre und mehrere Stationen bei Rundfunk und Fernsehen später, kam er wieder zurück in die Heimat. „Ein bisschen freiwillig und ein bisschen unfreiwillig. Die Frau, die ich heiraten wollte, wollte mich nicht heiraten. Dann habe ich gesagt OK, genua von die Deitschen“, erzählt er bei einem Glas Hefeweizen in der Tennisbar in Gargazon. Vom Privatfernsehen RTS Radiotele Südtirol über den ORF Bozen kam er schließlich zum Rai Sender Bozen. 
 
Haben Sie heute schon getwittert?
Ich hatte heute nicht einmal die Zeit, alle meine E-Mails durchzuschauen.
 
Sie sind ziemlich aktiv auf Twitter und kritisieren darüber auch gerne mal bekannte Qualitätsmedien wie ARD und ORF. Vor allem deren Auslandskorrespondenten. Wenn Sie bei der Tagesschau im Rai Sender Bozen ...
... noch Schlimmeres anbieten muss?
 
Die Qualität beim Rai Sender Bozen ist natürlich eine andere als bei der ARD. 
Ich sehe das nicht als Kritik, sondern als Provokation zum Nachdenken. Ich will damit nicht sagen, wir sind ja eh besser, sondern wir sind nur gleich oder schlechter. Aber wenn ich sehe, was in den letzten Wochen in großen Nachrichtenflaggschiffen an Kommentatoren und scheinbaren Fachleuten zu Syrien aufgetreten ist, dann ist da außer Worthülsen gar nichts gewesen. Und das passiert den heiligen ZiB-Leuten, unseren Vorbildern vom ZDF, von der ARD und allen. Da sollten wir Medien uns alle an die Nase fassen und uns fragen, behandeln wir unsere Kundschaft anständig? Die bezahlen uns. Riesensauerei! Wir müssen uns schnell bessern. Das mein ich nur damit. 
 
Wie finden Sie die Südtiroler Medienlandschaft? 
Super! Gott sei Dank gibt es so viel und Gott sei Dank gibt es in den letzten zehn Jahren immer mehr. Das gibt uns die Chance, dass hier ein kulturelles Umfeld entsteht, dass mehr Menschen als bisher lernen Geschichten zu erzählen. Dass dann vieles von dem kommerziell nicht erfolgreich ist oder überleben kann, ist ziemlich traurig und schade. Ist aber nicht relevant für die Weiterentwicklung der Provinz. Ich verstehe sowieso nicht, warum die Menschen etwas gegen Provinz haben. Die Provinz ist überall gleich, geht mal in den Elsass hinauf. Da ist es nicht zum Aushalten, zum Kotzen ist es da, fürchterlich! (lacht)
 
Und wie sieht es mit der Qualität der Südtiroler Medien aus?
Die lässt logischerweise zu wünschen übrig. Aber wir können nichts dafür. Wir hatten nicht alle die Chance, das beste Kommunikationsstudium und die besten Lehrer als Vorbilder genießen zu dürfen. Das klappt aber auch in Vorarlberg nicht oder in Kärnten und auch nicht in Tuttlingen. Das Niveau ist das, was es ist. 
 
Der Rai Sender Bozen ist zu verstaubt, zu unmodern, macht zu wenig für junge Leute. Stimmt das?
Ich sehe das wissenschaftlich und handwerklich. Der Sender Bozen ist in seiner Tradition ein Sender für Leute über 40 und für eine Kernzuschauerschaft von 45 plus bis Grab. Wechselst du ein erfolgreiches Konzept? Nein! Du kannst nicht altes Publikum verprellen, nur weil du plötzlich alles fürs junge geben willst. Kann der Sender Bozen jemals junge Menschen ködern, die vor allem Unterhaltung, Zeitvertreib und Berieselung verlangen? Das steht den Jungen zu und es gibt bereits Rundfunkmedien, die das bieten. Ich werde doch nicht als Sender Bozen hergehen und sagen, ich brech jetzt in diesen Markt ein. Damit fegst du dich vom Markt. Deshalb sind wir aber kein schlechter Sender. Wir sind hochprofessionell und spezialisiert, manchmal mit ein paar amateurhaften Lücken versehen.
 
Sie sprechen vom Rundfunk, wie verstaubt ist das Fernsehen des Rai Sender Bozen?
Wir können bei der jungen Publikumsschicht nicht punkten. Wir haben nicht die Ressourcen, nicht die Möglichkeiten, auch nicht das Geld das zu machen. Es kann auch übrigens kein anderer in Südtirol. Ich muss Satellitenfernsehen aus Deutschland oder irgendwoher konsumieren, um mir flache Unterhaltung und Blödsinn zuzuführen, weil ich nicht nachdenken will. Ab einem gewissen Alter sagt ein junger Mensch „Hey, stop it. Ich muss mich auch mal darüber informieren, was in Syrien passiert oder in Spanien oder in Griechenland“. Dieses Bedürfnis entsteht mit der Zeit, also sind wir der richtige Sender für die richtigen Altersgruppen und die richtigen Bedürfnisse dieser Altersgruppen. Was wir tun werden, wir werden im Fernsehen visuell viel verändern, wir werden die Innovation und die Modernisierung in Angriff nehmen. Aber der Rai Sender Bozner geht den richtigen Weg, er bleibt bei seinem Kernbusiness. 
 
Der Journalismus verändert sich gerade stark. Da werden etwa immer häufiger journalistische Beiträge mit Bloggereinträgen vermischt. Beispiel: Huffington Post. Wie finden Sie das?
Die gesamte globale Entwicklung dieses Newsmakings geht in eine Richtung, wo wir alle fürchterlich aufpassen müssen. Da wir die Öffentlichkeit mit News langsam töten. Eine Nachricht kann dir keine komplexeren Hintergründe vermitteln. Deswegen wird in Zukunft weniger sicher mehr sein. Solange die Huffington Post nicht nur über alles berichtet, sondern auch noch alles kommentiert und alles bebloggt, wird sie zum verwechselbaren Medium und irgendwann werden die Menschen davon Abstand nehmen. Weil die Menschen sagen: „Mein Hirn kann nicht mehr. Es ist zu viel.“ 
 
Wie zeitgemäß ist dann überhaupt noch eine abendliche Nachrichtenzusammenfassung wie die Tagesschau?
Ganz genau, da sind wir nicht ausgenommen. Aber ich glaube, dass klassische Nachrichtensendungen, regionale besser als nationale, ihren Platz am Markt behaupten werden. Weil du die regionalen Geschichten als stand-alone Merkmal hast. Globale Meldungen sind x-fach wiedergekäute, kopierte Geschichten. Wir in der Tagesschau müssen aus gesetzlichen Gründen diese internationalen Nachrichtenmeldungen bringen und stellen da leider dassselbe wie alle anderen an: Wir informieren die Leute mit 20-sekündigem Bläblabla und ein paar Bildern drüber. Ich fühle mich oft richtig schlecht dabei. Aber es ist unsere Pflicht und wir machen das handwerklich so gut wie wir das hinkriegen. Mit den regionalen Geschichten können wir aber mehr erzählen und werden das Publikum deshalb nie verlieren.
 
Werden Sie auf der Straße erkannt?
Ja. Das ist wie mit dem Briefträger: Der Briefträger kommt zu dir, den kennst du. Ich bin nichts anderes. Ich bin kein Fernsehstar. Ich bin nur ein Vertrauter für wenige Minuten. Wenn mich Leute auf der Straße treffen, freuen sie sich, manche sprechen mich an. Das ist narrisch nett, weil wir Südtiroler eine Neigung haben, dass wir Leuten nicht auf die Nerven gehen, wir sind meistens zurückhaltend. 
 
Letzte Frage, bevor Sie ausgetrunken haben: Gibt es in Südtirol noch ein anderes Medium, bei dem sie gerne einmal arbeiten möchten?
In Südtirol nein. Es ist unfair gegenüber anderen Medien, aber es ist eine nüchterne Feststellung, dass mehr als da, wo ich bin, kannst du nicht ankommen. Wenn du jeden Abend der Briefträger für die Menschen sein darfst und 20 Minuten in ihren Wohnzimmern bist, ich kann mir nichts Besseres vorstellen. In der Welt der Kommunikation kann ich mir in Südtirol viel vorstellen und wenn die Zeit da ist, werde ich diesen Schritt machen. Weil man darf einem Land und den Menschen nicht bis ins Grab auf die Nerven gehen, indem man mit eingefallen Wangen und mit 70 immer noch aus dem Fernsehkastl blickt. Man muss Platz machen und ich werde sicher bald Platz machen.  

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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