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Streetart by Egeon

Mauerkunst zum Nachdenken

„Es ist wie Liebe, man kann es nicht erklären.“ Street Artist Egeon über die Kunst auf Hausfassaden und seinen Plan, Urban Art in Südtirol zu verbreiten.

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Mauerkunst für die Vereinigten Bühnen Bozen (VBB).

 

Bild: Luca Guadagnini

Als ich in Bozen auf der Hausfassade, die mich bisher mit ihrem nackten Grau angestarrt hat, das riesige Wandbild bemerke, bleibe ich erfreut stehen. Ich bin auch überrascht: „Streetart“, also Kunst auf Mauern und Gebäuden, kenne ich aus Berlin oder London. Aber in Bozen?

Das schwarz-weiße Wandbild auf der Roenstraße zeigt ein Mädchen, das zu einem Vollmond hochblickt, flankiert von der Aufschrift „Gedenke des Schönen“. Gemalt hat sie der Streetartist Egeon aus Leifers. „Ich wollte damit Bozen eine Positivität vermitteln und schwarze Momente als eine Chance darstellen, etwas über sich zu lernen,“ sagt er dazu. Egeons Mauerkunst erkennt man sofort an der einzigartigen Mal-Technik, die er selbst entwickelt hat:

„Ich benutze ganz normale Wandfarben, und erzeuge damit einen Aquarell-Effekt auf der Mauer. Aquarellfarben haben mich schon immer angezogen, doch brauchen sie auf Papier viel Wasser, während auf der Mauer die Farbe zum Wasser in einem bestimmten Verhältnis stehen muss, ansonsten zerbröselt die Farbe und das Motiv verschwindet mit der Zeit. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich für den abstrakten Aquarell-Effekt eine realistische Methode einsetzen muss. Das heißt, man zerteilt das Motiv in viele kleine Zonen, wobei jede Zone mit der richtigen Farbe ausgefüllt werden muss. Am Ende ist die Farbe, die ich benutze, extrem dicht, und dennoch scheint das Mauerbild wie ein Aquarell auf Papier.“

Mauerkünstler Egeon in Aktion in Padova. 

Bild: Andrea Spreafico

Ich treffe Egeon, der mit bürgerlichem Namen Matteo Picelli heißt, in seinem Atelier am Bozner Boden. Dort erzählt er mir von seinem Weg zur Streetart. Die Leidenschaft dafür entwickelte er während seines Studiums, zunächst am Instituto d’Arte in Trient, später beim Studium für Animation und Illustration in Florenz. Das erste Angebot, eine Mauer zu bemalen, nahm er noch skeptisch an. Mittlerweile widmet er sich der Mauerkunst mit großer Leidenschaft. Auf die Frage, was ihn an der urbanen Kunst fasziniere, weiß er keine Antwort: „Das ist wie mit der Liebe. Wenn es passiert, kann man nicht wirklich erklären, warum.“

Diese Liebe zur Streetart möchte Egeon der ganzen Provinz näherbringen. Dafür startete er gemeinsam mit der Kunst-Managerin Anna Bernhard das Projekt Outbox- Urban Art in South Tyrol, um Straßenkünstler aus Italien, Europa und weltweit für Urban Art-Projekte nach Südtirol zu holen. Denn in Südtirol sei es oft harte Arbeit, Projekte realisieren zu können, da man diese Kunstform wenig kennt, meint Egeon.

„In Bozen gibt es zwar Graffiti seit einigen Jahren, insbesondere durch Projekte wie Murarte. Doch breitere Formen der Mauerkunst haben in Südtirol noch nicht Fuß gefasst. Das ist eigentlich seltsam, denn historisch ist Südtirol stark von Wandgemälden geprägt, man denke an alte Bauernhöfe, deren Wände mit Jagdszenen und Bergkulissen geschmückt sind, oder an die zahlreichen Fresken in Südtirols Burgen.“

Das Projekt Outbox soll deshalb Streetart in Südtirol bekannter machen, auch um ihren wichtigen Beitrag zum Stadtbild zu vermitteln. Mauerkunst, so erklärt mir Egeon, verschönert nicht nur das Gesicht einer Stadt, sie erzählt etwas über das Viertel und die Menschen, die dort leben.

“Gedenke des Schönen”

Bild: Tiberio Sorvillo

„Der Unterschied zur Kunst auf Leinwand ist, dass man mit Mauerkunst ein Werk für die Allgemeinheit schafft. Die Bilder müssen daher auch eine Rückwirkung auf die Bevölkerung haben. Streetart sollte die Gemeinschaft miteinbeziehen, damit Mauerkunst nicht nur einen ästhetischen, sondern auch einen menschlichen Wert erhält. Das ist sicherlich keine leichte Arbeit. Ich versuche immer, etwas über den Charakter des Stadtviertels zu erfahren, oder noch besser, mit den Menschen vor Ort zu sprechen. Ich schaue mir auch an, was sich um das Gebäude herum befindet, und versuche diese Farben oder Formen im Bild wieder aufzunehmen. Denn Mauerkunst muss sich in seine Umgebung integrieren.“

Inspirieren lässt sich Egeon von mehreren Quellen: Einem Gespräch auf der Straße oder einem Nachrichtenbericht vom Telegiornale. Besonders faszinieren ihn die menschliche Wahrnehmung, und wie unterschiedlich wir Realität erleben können. Mit seinen Werken will Egeon die Leute zum Nachdenken anregen: „Mir gefällt die Vorstellung, dass ein Beobachter meiner Bilder nicht denkt, ob sie schön oder hässlich sind, sondern zuallererst fragt, was sie aussagen.“

Er lässt daher gern Interpretationen seiner Werke offen, gibt manchmal Hinweise, und sieht es ein bisschen wie ein Spiel, wie eine Schachpartie. So etwa bei einem Experiment mit Grundschulkindern. Er holt einen Stapel Papiere aus einem Regal in seinem Atelier, auf dem in kindlicher Handschrift steht, was ein Mauerbild Egeons aussagen könnte. Um diese Interpretationen bat der Künstler bei einer Zusammenarbeit mit Grundschulklassen, die Egeons Mauerkunst besuchten. Seine Augen leuchten, als er mir einige der Texte vorliest. „Es war schon berührend zu lesen, was Kinder aus meiner Mauerkunst herauslesen. Manche Antworten haben mich in ihrer Tiefe überrascht.“

“Ein Werk für die Allgemeinheit”: hier ein Murales in Trient zum Thema Nachhaltigkeit.

Bild: Egeon

Wir kommen auf Mauerkunst als Akt der Rebellion zu sprechen, denn als das wird sie oft gesehen. Ob Egeon mit seiner Kunst auch provozieren will? „Noch nicht,“ sagt er lachend. Dabei lassen einige seiner Bilder durchaus politischen Aktivismus durchsickern. So etwa eine Mauerkunst vom letzten Jahr zum Thema Nachhaltigkeit auf einem Autoparkplatz in Trient. Ein Junge im Fahrrad behauptet sich darauf gegen die Masse an Autos, die an ihm vorbeiziehen. Auf Facebook schreibt Egeon dazu:

„Unser Lebensstil, der nicht vereinbar ist mit Nachhaltigkeit, muss geändert werden. Dazu kann jeder beitragen, indem er kleine alltägliche Gewohnheiten ändert, und zum Beispiel mit dem Fahrrad, statt dem Auto fährt.. Mit meinem Bild möchte ich dazu einladen, die Welt, die wir jeden Tag leben, neu zu denken.“

Für die Arbeit an diesem Bild fuhr Egeon mit dem Fahrrad von Bozen nach Trient.

Neue Denkarten, andere Wahrnehmungen, fremde Sichtweisen – Egeon überschreitet gerne Welten, bewegt sich aus seiner Künstlerblase heraus und will dort punkten, wo die Leute eigentlich kein Interesse zeigen. Das ist die größte Herausforderung, die er in den kommenden Jahren angehen will:

„Das schwierigste für mich ist es, Interesse zu erzeugen, bei bestimmten Leuten anzukommen. Mein Ziel wäre es, Jene erreichen, die sich einen Dreck um Kunst scheren. Es gibt ein Video auf Youtube, das einen weltberühmten Star-Violinisten in der U-Bahn zeigt. Und obwohl er genauso gut spielt, wie auf international renommierten und teuren Konzerten, laufen die Menschen in der U-Bahn an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Diese Barriere möchte ich gerne mit meiner Kunst, wenn auch im Kleinen, brechen.”

Alles beginnt bei der Liebe fürs Aquarell: Egeons Atelier.

Bild: Egeon
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