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Freistaat und Ausländer

Hannes Zingerle ist Landesjugendobmann der Freiheitlichen und spricht bei einem Glas Hugo über seine Partei und ihr vermeintlich falsches Image.

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Bild: Judith Dietl

Seit drei Jahren sitzt der 26-Jährige für die Freiheitlichen im Vintler Gemeinderat. Hannes Zingerle ist ein Vereinsmensch. Weil er sein Engagement in den Vereinen ungern aufgeben wollte, studierte er nicht in Innsbruck oder anderswo, sondern in Brixen Kommunikationswissenschaften. Heute arbeitet er im Betrieb seines Vaters im Pustertal. BARFUSS trifft den Vintler in der Bar Hochrainer. Es ist 11 Uhr am Vormittag, Zingerle bestellt einen Hugo. Noch vor der ersten Frage erklärt er warum. 

Ich trinke vor der Mittagszeit manchmal einen Aperitif, wenn ich dann gerade in einer Bar sitze. Dann trinke ich einen Hugo oder manchmal einen Weißen. 
 
Sie trinken gern Alkohol?
Am Abend beim Feiern und am Wochenende bin ich sicher nicht anders als die anderen Jugendlichen. Da trinkt man auch gerne mal ein Bier oder einen Radler. Eigentlich lieber Radler als Bier. Und wenn es mal später wird oder nach dem Essen, gehört auch ein Schnapsl dazu. Aber logisch immer in Maßen. 
 
Für einen Politiker die besten Voraussetzungen. Schließlich muss man trinkfest sein, bei den vielen Besuchen von Dorf-, Wiesen-, Schützenfesten und Vereinssitzungen. 
Ja, wenn es nur ums Trinken geht, aber da gehören auch noch andere Sachen dazu. 
 
Es gab in den vergangenen Wochen Streit mit dem Parteivorstand. Der Jugendparteitag wurde zwei Mal von ganz oben abgesagt. Was halten Sie von der Ulli Mair?
Wie sie selbst beim Parteitag gesagt hat, als sie sich vorgestellt hat: Sie ist eine mit Ecken und Kanten. Das weiß sie und sie weiß auch, dass sie nicht nur Befürworter hat. Aber sicher, mit diesem Stil muss man erst lernen umzugehen.  
 
Sie sind erst 26. Wo soll es politisch hingehen?
Wir können auch Du sagen. Das mit dem Sie passt mir überhaupt nicht.
 
Also gut. Wo willst du hin?
Ich habe wirklich kein fixes Ziel vor Augen. Ich bin vor etwa zehn Jahren ganz zufällig zur Politik gekommen, über die Homepage der Freiheitlichen. Da habe ich mich dann interessiert, wer die Freiheitlichen überhaupt sind und für ihre Ziele. Und die haben mir gleich von Anfang an zugesagt. 
 
Und welche Ziele genau? Es gibt ja auch einige, die umstritten sind.
Der Grund Nummer eins war für mich immer: Macht braucht Kontrolle. Das hat mir von Anfang an zugesagt. Aber ich habe mich gewundert, denn nachdem ich Mitglied geworden bin, habe ich immer die Pressemitteilungen der Partei bekommen. Nebenbei habe ich auch die Zeitung gelesen, vor allem die „Dolomiten“. Da habe ich dann gemerkt, dass diese Pressemitteilungen nie in den Zeitungen waren. Hingegen von der SVP wird über ein jedes Preiswatten berichtet. 
 
Es gibt aber durchaus fragwürdige Aussagen und Slogans der Freiheitlichen. „Einheimische zuerst“ beispielsweise. Das ist doch sehr rechtspopulistisch.
Also da muss ich sagen, immer wenn eine Pressemitteilung der Freiheitlichen in die Zeitung gekommen ist, dann war es ein Ausländerthema. Dann haben die Leute natürlich immer nur das von den Freiheitlichen wahrgenommen. Aber ich habe ja die ganzen anderen Pressemitteilungen auch bekommen. Deshalb wird es schon so sein müssen, dass die Freiheitlichen und überhaupt jede kleine Partei oder Gruppierung, dass die eine etwas schärfere Überschrift schreiben müssen, damit sie überhaupt in die Medien kommen.
 
Das heißt, die Freiheitlichen sind nicht ausländerfeindlich.
Nein, wie gesagt. Sicher, das Thema ist wichtig, finde ich auch. Aber als ich zu den Freiheitlichen gegangen bin, sind sie wegen dieser Ausländerthemen sehr ins rechte Eck gedrängt worden. Kollegen haben mich gefragt, was ich bei diesen radikalen Typen mache. Dann habe ich erklärt, dass die Partei noch andere Themen hat, nicht nur die Ausländerthematik. Gerade erst in jüngster Zeit hat mich das wieder eingeholt. Denn nach dem Brandanschlag auf das Flüchtlingsheim in Vintl, mussten drei Gemeinderäte von uns in der Carabinieristation eine Aussage machen. Ich war auch dabei. Sie müssten mich befragen, weil sie wüssten, dass ich an diesem Abend unterwegs gewesen sei und eine SMS geschrieben hätte, haben die Carabinieri gesagt. Ich war auf einer Sitzung mit dem Bayern-Fanclub von Terenten und wenn ich um 22 Uhr zu Hause bin, schreibe ich öfter mal eine SMS. Ich habe danach meine Kollegen von der Volkspartei gefragt, ob sie auch eine Aussage machen mussten, oder ob sie an dem Abend alle schon um 17 Uhr ins Bett gegangen sind? So was ist schon fast diskriminierend.
 
Die Freiheitlichen verbindet man eben schnell mit Ausländerfeindlichkeit.
Die Freiheitlichen waren die Einzigen, die sich auch schon vor zehn Jahren getraut haben, Missstände aufzuzeigen. Egal ob jetzt bei den Ausländern, wo wirklich Missstände wären, die Freiheitlichen haben auch andere Missstände aufgezeigt. Aber wie ich davor schon gesagt habe, in den Medien wurde immer nur dieses Ausländerthema behandelt. Sie waren auch die Einzigen, die sich getraut haben das Wort Ausländer in den Mund zu nehmen. Und deswegen hat man sie immer schnell in diese rechte Ecke gedrängt. Jetzt mittlerweile hat sich die Volkspartei auch diesem Thema gewidmet und ein Integrationsgesetz gemacht. Das haben die Freiheitlichen immer schon gefordert. Nur, wenn die Freiheitlichen Integrationsregeln fordern, sind sie gleich rechtsradikal oder Ausländerhasser. 
 
Gibt es Themen der Freiheitlichen, hinter denen du nicht stehst?
Mah, gar nicht dahinter stehen, das eine mehr und das andere weniger. Früher war von den Freiheitlichen immer das Ziel „Europaregion Tirol". Das wurde damals von keiner anderen Partei angesprochen. Dann kam das mit dem Freistaat und das geht mir auch gut. Aber das soll nicht mein vordergründiges Anliegen sein. Für mich passt das. Aber es sagen auch viele, wir müssen schauen, dass wir wieder zurück zu Österreich kommen, was vor allem die Südtiroler Freiheit propagiert. Allerdings stimmt es auch, die Südtiroler sind draußen in Nordtirol schon fast als Italiener angesehen. Die sagen: „Mit euch wollen wir nichts zu tun haben." Deswegen finde ich den Freistaat gut. Und dass man sagt, das andere Ziel kann sich ja immer noch durchsetzen, aber dass man zuerst einmal den Freistaat macht. Und nicht Freistaat als Deutsche und Ladiner, sondern wie die Parteispitze sagt mit allen, auch mit den Italienern. Und gerade jetzt ist das aktueller denn je mit der Krise. Südtirol muss immer mehr zahlen, weil unten das Geld fehlt. 

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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Da ist er aber sehr um das Thema herum geschlittert. "Wir haben auch andere Themen", ist ja nun wirklich nicht gleich zu setzen mit "nein, wir sind NICHT ausländerfeindlich". Und der ein oder andere populistische Schlenker ist auch drin (siehe letzter Satz).

Mich interessiert wirklich, wie die Dinge um "Macht braucht Kontrolle" stehen, wenn die Freiheitlichen tatsächlich mal die Macht im Landtag haben sollten...

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