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Die Wortakrobatin

Helene Maria Delazer alias Lene Morgenstern ist Lehrerin und Poetry-Slammerin. Ein fröhlich ernsthaftes Gespräch mit einer normal verrückten Poetin.

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Bild: Judith Dietl
Immer wieder wirft sie ihren Kopf in den Nacken und lacht laut los. Es ist kein unangenehm aufdringliches Lachen, es ist sympathisch ansteckend. Helene Maria Delazer ist eine „multiple Persönlichkeit“, wie sie selbst sagt. In ihr steckt auch Lene Morgenstern, eine erfolgreiche Poetry-Slammerin, die bereits zum zweiten Mal den Südtiroler Poetry-Slam-Wettbewerb „Morgenstern“ gewonnen hat. BARFUSS trifft sie im Park der Laurin Bar in Bozen, „weil man dort so schön und ruhig im Grünen sitzen kann“, sagte sie im Vorfeld. Es war sogar so ruhig, dass sich kein Kellner zu uns in den hinteren Teil der Gartenanlage verirrt hat. Also gab es nichts zu trinken, unterhalten haben wir uns trotzdem. 
 
Ich brauch vielleicht noch ein paar Minuten, ich komme gerade von sechs Stunden Unterricht raus. Jetzt bin ich mit dem Kopf noch ein bisschen da drin. 
 
Du unterrichtest Philosophie habe ich gelesen.
Philosophie und Geschichte, ja. Das ist mein Brotjob. Ich brauch ja ein Brot (lacht)
 
Unterrichtest du gerne?
Das in der Klasse stehen mache ich gern, die ganze Bürokratie kann ich nicht mehr sehen. Da bekomme ich wirklich Allergien. 
 
Die Bürokratie ist auch Thema in deinen Texten.
(lacht)  Ja, ich verbreite sie. Manchmal mit sehr viel Wut, manchmal mit sehr viel Ironie. Ich glaube das muss man auch tun, die Bürokratie könnte man wirklich reduzieren, finde ich. Oder?
 
Da wären bestimmt mehrere Leute dafür.
Eben. Also. Poeten an die Macht (lacht). Ich wäre sowieso für eine Künstlerregierung, wie es sie mal in Island gab. 
 
Wie würde so was denn aussehen?
In Island war das eine Künstlervereinigung in der Wirtschaftskrise, die den Slogan hatte: „Wir versprechen einen Eisbären für den Zoo in Rejkajavik, ein Handtuch für alle und offene anstatt verborgene Korruption.“ Jetzt muss man das nur auf Südtirol übertragen: Bergschuhe für alle, offene anstatt verheimlichte Korruption und statt dem Eisbären nehmen wir (denkt nach) einen Achttausender. (lacht)
 
Hast du darüber nachgedacht in die Politik zu gehen?
Nein! Ich bin ein Wahlbeobachter und interessiere mich sehr für Politik. Aber in die Politik gehen, nein, das ist wirklich kein Thema. Aber es wäre lustig, nur mal für ein paar Wochen, zu tauschen. Also wenn das ein Politiker mit mir machen möchte, würde ich sofort mitmachen. Er geht ein paar Wochen unterrichten und ich in den Landtag. Schauen wer's besser macht?
 
Bist du ein verrückter Mensch?
Ver-rückt, ja. Verrückt ist, wer nicht normal ist, das ist schön. Wer will schon normal sein? Oder willst du normal sein?
 
Was ist denn schon normal? Aber jetzt mal zu deinen beiden Namen. Du nennst dich auch Lene Morgenstern, woher kommt dieser Name?
Mein richtiger Name ist ja Helene Maria Delazer und Lene heiße ich im Freundeskreis. Morgenstern habe ich mir selber verpasst, weil ich das brauche. Es war die Entscheidung, will ich als Ich auf die Bühne gehen oder will ich das trennen. Und ich wollte das von vornherein trennen. 
 
Bist du auf der Bühne eine andere Person?
Ja, ich glaub ich bin eine multiple Persönlichkeit, aber das sind wir alle, glaube ich. Ich gebe es eben zu. (lacht) Und ich habe Seiten, die ich nur auf der Bühne oder beim Schreiben rauslasse und umgekehrt genauso. Wenn ich jetzt mit dir hier rede, kann ich auch ganz ernsthaft das Gespräch führen, ich kann aber auch die Lene Morgenstern herholen. Das sind einfach verschiedene Seiten, die ich in mir habe.
 
Helene Maria Delazer ist die ernste und Lene Morgenstern die humorvolle?
Nein! Nein, das nicht. Helene Maria Delazer meistert den Alltag. Und die Lene Morgenstern schreibt darüber, die kann sich viel mehr erlauben. Es sind beide ernst und heiter, aber die eine lebt das ganz anders aus als die andere. 
 
Was bedeutet Poetry-Slam?
Das hat übrigens nichts mit den Slum-Vierteln zu tun. Mir ist es einmal passiert, da hat eine Sekretärin geschrieben, was man für so einen Slum, mit U geschrieben, bezahlen muss. Dann habe ich zurückgeschrieben: „Möglichst viel, weil die Slum-Viertel sind sehr arm.“ (lacht)
Ich habe es vor kurzem so erklärt: Es ist eine gesprochene Poesie, eine lebendige Poesie. Und die wird lebendig durchs Zubereiten. Also auf der Bühne bereitest du das, was du geschrieben hast, noch einmal für das Publikum zu, damit der Text lebendig wird. (Anm.d.Red. Poetry-Slams sind Wettbewerbe, bei denen die Teilnehmer ihre selbst verfassten Texte vortragen)
 
Du stehst erst seit zwei Jahren auf der Poetry-Slam-Bühne, hast zweimal den Morgenstern-Wettbewerb in Südtirol gewonnen und hattest schon Auftritte in Deutschland, Österreich, der Schweiz. Was glaubst du, macht dich so erfolgreich?
Das ist jetzt aber wirklich eine heikle Sache. Was macht mich erfolgreich? Ich glaube, ich habe meinen eigenen Stil und bin authentisch. Und klingt es vermessen wenn ich sage, dass ich glaube, dass ich schreiben kann? Ich habe die Bestätigung bekommen, dass ich schreiben kann. Das können viele, aber ich bin eine Perfektionistin und habe wirklich meinen eigenen Stil, versuche niemanden zu kopieren. Ich gehe auf die Bühne und habe etwas zu sagen. Vielleicht ist es das? Ich weiß es nicht. Ich sehe mich nicht von außen. 
 
Ist Poetry-Slam nur dein Hobby oder würdest du gerne richtig einsteigen?
Ich bin schon eingestiegen und ich führe momentan ein sehr intensives Doppelleben, weil ich Vollzeit unterrichte und viel schreibe und lese. Ich habe im Moment null Freizeit. Aber das passt mir ganz gut, weil mein Privatleben den Bach runtergegangen ist. Die Vorstellung, vom Poetry-Slam leben zu können, das hat es in Südtirol, was ich weiß, noch nicht gegeben. Das müsste man ausprobieren. Ich merke, dass es notwendig wäre, den Beruf stark zurückzuschrauben, um Energien freimachen zu können für das hier. Ansonsten muss man es irgendwann aufgeben, weil es ist extrem kraftraubend. 
 
Könnte man überhaupt davon leben?
Ja, auf den großen Bühnen bekommst du eine Gage. Das ist nie so viel, aber ich kenne Leute, die leben vom Schreiben und auf der Bühne stehen. Aber das passiert in Deutschland, Österreich und der Schweiz, weil die ein ganz anderes Kulturförderprogramm haben. 
 
Du bist sehr kritisch, auch gegenüber Südtirol. Was hält dich hier?
Nichts mehr. Ich habe keinen Besitz, kein Grund und Boden, ich bin wurzellos. Ich habe gute Freunde, aber die kann ich so auch pflegen. Mein Sohn zieht nach Stuttgart, er studiert dort Schlagzeug. Meine Beziehung ist zerbrochen. Meine Ersatzbeziehung ist auch zerbrochen. Es hält mich momentan nichts. Ich habe auch keine Stammrolle. Ich denke, wenn mich jetzt etwas richtig locken würde, dann würde ich gehen. Es wäre wirklich Zeit zu gehen, eigentlich müsste man die Koffer packen und ab. Danke für den Tipp (lacht)

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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