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Zu Besuch beim Jugendtheaterclub

Die Bozner Crew

Bozen ist eine Stadt mit vielen Sprachen. Im Theaterstück „Ghetto Deluxe – Project BZ“ bringen 15 Jugendliche diese Realität auf die Bühne.

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Bild: Lisa Maria Kager

Er trinkt Kaffee aus einer schwarzen Playboy-Tasse und bietet mir das rosarote Pendant dazu an. Christian Mair führt im Proberaum der VBB mitten im Kostümfundus von Bozen gerade Regie. Der 36-Jährige bietet mir den Stuhl neben seinem an, tippt auf seinen Computer und spielt das erste Lied von „Ghetto Deluxe – Project BZ“ ein.

Alle zwei Jahre bringt der Jugendtheaterclub der VBB ein Stück von Jugendlichen für Jugendliche auf die Bühne. In diesem Jahr ist es eine Art Neuauflage des Erfolgsstücks „Creeps“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz. Während der Regisseur die erste Seite des Drehbuchs aufblättert, läuft der Trailer, der das Theaterstück einleitet.

Aus „Ghetto Deluxe – Creeps remix“ wurde unter der Regie von Christian Mair „Ghetto Deluxe – Project BZ“, denn das Jugendstück stammt ursprünglich aus Haagen in Deutschland. „Dort herrscht aber eine andere Realität. Also haben wir das Grundgerüst übernommen und unser eigenes Stück daraus gemacht“, erklärt der Regisseur. Mair nimmt einen Schluck Kaffee und fasst den Inhalt in zwei Sätzen zusammen: Eine Gruppe Südtiroler Freunde ist in der Casting-Show „Ghetto Deluxe“ zu Gast, in der die Jugendlichen eine halbe Stunde lang ihre Stadt präsentieren dürfen. Doch die Show über ihr Bozen, die sie vorbereitet haben, will eigentlich niemand sehen. Die Redaktion ist viel eher daran interessiert, die Gruppe zu manipulieren und damit brisantes Material für die Sendung zu bekommen. „Bis zum Ende spitzt sich die Situation noch zu“, verrät Mair.

Die Redaktion der TV-Show im Hintergrund

Bild: Lisa Maria Kager

Der Trailer ist zu Ende und der Probenablauf eröffnet. 13 Jugendliche schreiten in die Mitte des Raumes und geben vor, das TV-Studio zu betreten. Auf einer kleinen Bühne hinter ihnen sitzen Elisa Pirone und Fabian Mair Mitterer, ebenfalls eine Tasse Kaffee in der Hand. Sie spielen die TV-Redakteure Arno und Isabelle, die die Show als eine Art Spielleiter aus dem Hintergrund dominieren. „Irgendwie ähnlich wie bei den Tributen von Panem“, flüstert Mair mir grinsend zu.

Er nimmt noch einen Schluck Kaffee und folgt weiter aufmerksam dem Drehbuch. Das Stück beginnt auf Deutsch, doch schon bald kommen die ersten Textpassagen auf Italienisch und schließlich auch auf Dialekt. „Mir war es wichtig, authentisch zu bleiben“, meint der Regisseur, „wir leben in einer multikulturellen Realität und die soll auch auf die Bühne.“ Genau deshalb stammen die Schauspieler auch aus allen Teilen des Landes und haben verschiedene Muttersprachen. Hie und da einmal unseren Dialekt in einem Stadttheater zu hören, daran müssten wir Südtiroler uns gewöhnen, meint Mair. Um aber auch in der Hochsprache auf der Bühne korrekt zu sprechen, gab es einen Phonetik-Workshop für die jungen Schauspieler.

Bild: Lisa Maria Kager

Mair tippt erneut aufs Display und startet eine Melodie. Ein Mädchen in zerrissener Jeans und schwarzer Lederjacke mit weißen Blumen-Stickmustern tritt aus der Gruppe hervor. Ihre Haare sind zu einem zerzausten Zopf zusammengebunden, mit dem sie aussieht wie ein junger Rockstar. Mit ihrer rechten Hand hält sie einen Ständer fest, als wäre er ihr Mikrofon, dann singt sie lauthals los.

Margherita Menardi ist aus Cortina d'Ampezzo und besucht in Bozen das Konservatorium. Schon immer hat sie die Mischung der deutschen und italienischen Sprache in dieser Stadt begeistert. Um selbst besser deutsch zu lernen, war sie in der vierten Oberschule für ein Jahr in Österreich. Im Stück spielt sie Fabiana, die von Süditalien nach Bozen gezogen ist und, wie Margeherita in Wirklichkeit auch, keine Südtirolerin ist. Ihren Text trägt sie sowohl auf Deutsch als auch auf Italienisch vor. Wenn sie singt, wechselt sie ins Englische. Die Idee des Regisseurs, Mehrsprachigkeit auf die Bühne zu bringen, findet sie super. „Alla fine è la realtà di Bolzano e perciò non credo neanche che la gente si stupirà. Anche durante le prove parliamo mezzo italiano, mezzo tedesco“, sagt sie, „è uno spaccato reale di come vedo io Bolzano.“ Bei der Probe unterläuft ihr kein Fehler. Vor der Premiere hat sie trotzdem ein wenig Bammel: „Dobbiamo riuscire a fare bene il nostro lavoro, per trasmettere il messaggio, questo mi spaventa di più.“

Margeherita in ihrem Element

Bild: Lisa Maria Kager

Elisa Pirone freut sich schon auf das Lampenfieber. Die Neo-Schauspielerin hat die Sucht danach gepackt. „Durch den Jugendtheaterclub hat man die Möglichkeit, so jung bereits Erfahrungen im Theater zu sammeln und eine professionelle Produktion mitzuerleben“, sagt sie. Theater spielt die junge Eppanerin seit sie sechs Jahre alt ist. In der Grundschule stand sie zum ersten Mal auf der Bühne. Vier Produktionen hat Elisa bis heute bei den VBB mitgemacht. Jetzt wartet eine neue Herausforderung auf sie. Kurz vor den Proben hat man ihr im Kostümfundus noch fleißig gratuliert. Sie wurde an der Schauspielschule Krauss in Wien angenommen.

„Es ist schön, solche Erfolge zu sehen. Wenn die Jugendlichen von hier aus weiterziehen, erinnert es mich immer an meine eigene Vergangenheit“, sagt Christian Mair. Der Regisseur hat sein Studium an der Schauspielschule in Bruneck und später auch an der Universität in Stuttgart absolviert und unterstützt jede Erfahrung im Ausland. Hat er selbst einst bei der Musicalschool in Bozen begonnen, ist er dort nun Dozent. Regie führt er nicht nur bei den VBB, sondern auch am Teatro stabile. Die Mischung aus Italienisch und Deutsch müsse man sich hierzulande jedoch immer wieder erkämpfen, meint Mair. „Und das, obwohl Zweisprachigkeit unsere Realität ist“, beklagt er. Auch Elisa Pirone sieht die Mehrsprachigkeit in Südtirol nicht immer durch die rosa Brille: „Man wächst zwar mit zwei Sprachen auf, aber die Sprachgruppen leben mehr oder weniger nebeneinander her.“

Das sieht in „Ghetto deluxe – Project Bz“ ganz anders aus. Egal welcher Muttersprache die Beteiligten sind, sie haben gemeinsam etwas Eigenes geschaffen. „Viele der Lieder stammen von den Jugendlichen selbst. Auch das Lied des Trailers, mit dem sie sich im Stück für die Castingshow bewerben, haben sie selbst umgeschrieben“, erklärt Mair stolz.

Ein Rap mit eigenem Text

Bild: Lisa Maria Kager

Um die Rap-Texte hat sich Frayo Gelmini gekümmert. Als Ogün steht er mitten auf der Bühne und rappt in eine blaue Plastikflasche. Der Text über Bozen sprudelt wie einen Wasserfall aus seinem Mund. Der Rest der Gruppe tanzt im Hintergrund. „Keiner der Jugendlichen hat sich anfangs gekannt und nun sind sie wirklich eine schöne Gruppe geworden“, erzählt der Regisseur stolz und beendet mit einem weiteren Klick zum letzten Mal die Musik.

Mair produziert gerne Jugendstücke. Der Einsatz, die Ideen und das Potential der jungen Leute begeistern ihn. „Während man früher nur eine Freizeitbeschäftigung hatte, hat man heute zig Hobbies, die alle den gleichen Stellenwert haben. Und nebenher auch noch die Schule“, wundert er sich über das Zeitmanagement der Jugendlichen. Trotzdem seien sie am Ende mit Herzblut auch bei solchen Theaterprojekten dabei. Das schaffe ein hohes Niveau unter Südtirols Jungschauspielern, meint Mair und blättert zur letzten Szene um.

Wer „Ghetto deluxe – Project Bz“ nicht verpassen will, hier die Termine:

  • Dienstag 04.04.17 - 20.00 Uhr
  • Sonntag 09.04.17 - 18.00 Uhr

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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