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Musiker Manuel Oberkalmsteiner

Der Ton-Fetischist

Manuel Oberkalmsteiner geht nur mit Aufnahmegerät und Kopfhörer aus dem Haus. Der Bozner sammelt Töne und macht daraus als „Zolf & Saturn“ Musik.

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Bild: Zolf&Saturn

Augen zu, Ohren auf: Wenn Manuel Oberkalmsteiner durch Bozen geht, reist er. Das gleiche passiert, wenn es beim Einstecken eines Audiokabels in seinem Büro rauscht oder er seine Füße in warmen Sand steckt und die Grillen zirpen hört. „Man kann auf hundert verschiedene Arten reisen“, meint Manuel. Er will Orte hörbar machen und Reisen ganz ohne Aufwand ermöglichen – allein durch Töne.

Ein Klick auf den Play-Button und man will zum Sound von Zolf & Saturn genauso wie Manuel die Augen schließen und sich auf den zusammengebastelten Tönen aus aller Welt treiben lassen. Poppigere Elektronik nennt der Bozner das, was er in den vergangenen Jahren als One-Man-Band auf seinen Alben „Mare“ und „Monti“ gesammelt hat. Ein Mix aus E-Gitarre, elektronischen Drummachines, Jodlern und field recordings – die Töne, die Manuel mit Aufnahmegerät und Kopfhörern bewaffnet seit Jahren quer über den Planeten hinweg sammelt.

Einiges an Material liegt noch in Ordnern seines Archivs, um verarbeitet zu werden. Manche Lieder hingegen schneidet er direkt nach den Aufnahmen zu Songs zusammen. Der Prozess der Entstehung sei für den 36-Jährigen oft mühsam. „Das ist wie ein Gemälde, auf dem man immer wieder mal einen Pinselstrich macht“, beschreibt Manuel seine Arbeit. Ist ein Werk zu Ende gebracht, brennt er es nicht auf eine herkömmliche CD. Compact Disks sind für den Bozner schon längst tot. Seine Titel kriegt man in Weinflaschen oder bunten Streichholzschachteln, die Grafiker designen. Darin ein Zettel mit dem Link zum Download. Alles andere wäre Manuel zu normal.

Manuel Oberkalmsteiner

Bild: TaniaMarcadella

Wenn Manuel über Musik spricht, fließen die Worte wie ein rauschender Wasserfall aus seinem Mund. Er sagt: „Eigentlich kann ich weder gut singen, noch Gitarre spielen. Alles so wischiwaschi halt.“ Manuel beschreibt sich als Do-it-yourself-Musiker, der, seit er denken kann, in Nischenmusik verliebt ist. Für jede Episode aus seinem Leben kann er eine passende Band aus seinem Repertoire ziehen.

Punk und Hardcore machten den Anfang. Gemeinsam mit Maurice Bellotti war er eine Zeit lang nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland erfolgreich. Parallel dazu hat Manuel in Projekten mit Peter Kompripiotr Holzknecht zusammengearbeitet. Gemeinsam betreiben sie das Label LaGrindNoire. Mit Willy Theil von der Vinschger Band Mainfelt hingegen hat er sich dem Country Trash verschrieben.

Irgendwann kaufte sich Manuel dann ein Aufnahmegerät und fing an, damit Geräusche aufzunehmen. „Dadurch habe ich einen völlig neuen Zugang zur Musik gefunden“, meint er. Das Projekt, das daraus entstanden ist, trägt den Namen Knrrz. „Es geht darum, aus konventionellen Mustern auszubrechen“, erklärt Manuel und verweist auf das Stück Marende.

Und dann gibt es da noch Schlagerstar Manni Mascarpone und seine Alpenröschen, Manuels Hassliebe. „Ich hatte schon so lange Musik gemacht, als irgendwann aus einem Jux beim Zeltlager mit den Jugendlichen der Manni Mascarpone entstanden ist. Die Leute haben mich gehört und konnten plötzlich bei Konzerten mitsingen“, sagt er und schließt den Satz mit einem leicht verzweifelten Seufzer ab: „Brutal“.

„Das Leben muss man eben nehmen, wie es kommt.“

Berühmt werden wollte Manuel durch seine Musik nie. Sie ist viel eher fixer Bestandteil seines Lebens. Wie groß dieser ist, versteht man, wenn der Bozner davon erzählt, wieso er heute Sozialpädagoge ist. Am Tag seiner Aufnahmeprüfung für das Design-Studium in Bozen hatte er nämlich zufällig auch ein Konzert in Bruneck. Das konnte er natürlich nicht sausen lassen. „Und dann blieb nur noch Sozialpädagogik übrig“, meint Manuel und grinst, „ich habe zwar ein Faible für grafische Dinge, aber das Leben muss man eben nehmen, wie es kommt.“

Für ein Auslandssemester ging er schließlich nach Berlin und entdeckte dort die Liebe zur elektronischen Musik. Aus dem einen Semester wurden vier Jahre. Zurück getrieben haben ihn seine leere Geldtasche und der Job beim Forum Prävention. Heute verbringt er ab und an mit interessierten Jugendlichen und Erwachsenen ein paar Tage auf einer Alm. Alle gemeinsam sammeln dann Töne und machen aus ihnen Musik. Außerdem klärt er Jugendliche in verschiedenen Projekten über Drogen und Alkohol auf. „Mein Tag bräuchte eigentlich 30 Stunden“, meint der Tausendsassa, „mittlerweile merke ich aber, dass ich 36 bin und es etwas langsamer angehen muss.“

Manuel ist ständig auf der Suche. Ein neugieriger Mensch, der die Welt mit seinen Sinnen entdecken will. Und deshalb hat er als Zolf & Saturn schon wieder ein neues Projekt am Start. „Ungehörte Orte“ ist der Versuch, Dörfer, die vom Tourismus ausgeschlossen sind, in Form von Klangbildern hörbar zu machen. Mit seinem Aufnahmegerät fängt der Ton-Fetischist beispielsweise die Klangkulissen von Atzwang, Vintl und St. Felix ein. „Ich besuche diese Orte als Reisender, weil ich sie noch nicht kenne“, erklärt er, „oft sitze ich dann stundenlang auf einer Bank, um kleinste Töne zu sammeln.“ Ein Kochtopf, der in einem Haus auf den Boden fällt und dessen Hall durch ein geöffnetes Fenster nach außen dringt, sei dabei genauso wichtig wie ein vorbeifahrendes Auto oder Vogelgesang. Nur solche Töne könnten die Geschichte eines Dorfes erzählen.

„Hörreisen“ nennt er die viertelstündigen Tracks, die dabei herauskommen. Auf Postkarten druckt er schließlich die Infos zu den Orten und den Link zu seinen Tönen. „Wenn man einfach mal genau hinhört, entdeckt man ganz andere Welten.“

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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