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Mercanti-Kaserne

Was passiert, wenn nichts passiert?

Die Mercanti-Kaserne in Eppan erregt die Gemüter: Architekt Matthias Grotter hat eine eigene Idee, was mit der Ex-Kaserne und heutigen Flüchtlingsunterkunft passieren soll.

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Die Garagengebäude der Mercanti-Kaserne.

Bild: Matthias Gotter

Als Matthias Gotter von seinem Auslandsaufenthalt in Schweden zurückflog, zog im Landeanflug Südtirol unter ihm vorbei. Und als er von oben die Mercanti-Kaserne sah, wusste er, dass er sich gerade über seinem Heimatdorf befand: „Ich hatte Eppan wegen der charakteristischen Form der Mercanti-Kaserne erkannt. Ein Gebäude, das die Gemeinde definiert, und dennoch ein Ort, an dem ich noch nie war und den niemand wirklich kennt. Da wusste ich, dass ich darüber meine Master-Arbeit schreiben wollte.“ Matthias Gotter studiert zu diesem Zeitpunkt Architektur an der TU Wien. Heute arbeitet der 31-Jährige in Berlin für ein Architekturbüro. Er beschäftigt sich besonders gerne mit Projekten, bei denen die alte Struktur eines Gebäudes erhalten und nur modernisiert wird. Denn Gebäude einzureißen ist für ihn nicht der richtige Weg – das zeigt sich auch in seinem Entwurf für die Mercanti-Kaserne in Eppan.
 

Matthias, der Titel deiner Master-Arbeit lautet „Appiano rovinato – Eppan ruiniert“. Ein provokanter Titel. Was steckt dahinter?
Der Titel ist bewusst zweideutig gewählt: Die Kaserne ist heute teilweise eine Ruine, einige Gebäude sind dort eingestürzt. Zeitgleich ist das Wort Ruine ja etwas Positives, Eppan profiliert sich über seine Burgruinen und ist dadurch ein touristisch interessantes Dorf. Manche Gebäude sind einfach schöner, wenn sie kaputt sind. Eine Burg ist ja auch interessanter, wenn sie eine Ruine ist, eben „ruiniert“ ist. Diese Mischung aus Gebäude und Natur hatte schon immer etwas Faszinierendes. Beispielsweise wurden während der Romantik im 18. und 19. Jahrhundert in Landschaftsgärten künstliche Ruinen geschaffen, weil diese Ruinen für die Romantiker zur Natur dazugehörten. Diese positive Idee des Zerfalls habe ich auf die Mercanti-Kaserne übertragen, als ich mich mit dem Zerfall der Kaserne beschäftigt habe.

Eppan auf Google Maps: Im rechten oberen Bereich erkennt man deutlich die langen Garagengebäude der Mercanti-Kaserne – und die Nähe zum Dorfzentrum.

Bild: Mara Mantinger

Das Areal um die Kaserne soll aber weiterhin genutzt werden. Wie stellst du dir da Zerfall konkret vor?
Gebäude haben den Zerfall in sich, und dieser Zerfall kann so transformiert werden, dass quasi eine künstliche Ruine entsteht. Heute besteht die Kaserne aus einigen Gebäuden am nördlichen Teil des Areals und mehreren, 100-Meter langen, Garagengebäuden im südlichen Teil. Meine Idee wäre es, dass diese Garagengebäude nur partiell abgerissen werden, sodass in ihnen der Zerfallsprozess sichtbar wird: Dadurch, dass die Gebäude so lang sind, kann es an einem Ende noch genutzt werden und am anderen Ende kann es ein Erdhügel sein – also ein fließender Übergang zwischen Nutzung, Ruine und Landschaft. Der Zerfall soll also so beschleunigt werden, dass aus den Ruinen und den bereits bestehenden Bäumen eine Parklandschaft entsteht.
 

Die Mercanti-Kaserne im Jahr 2017: im Süden mehrere lange Garagengebäude, im Norden die Verwaltungsgebäude.

Bild: Matthias Gotter

Dein Kernpunkt ist also, dass Zerfall nicht nur bei mittelalterlichen Burgen interessant ist, sondern auch bei modernen Gebäuden.
Ja, im Prinzip ist Zerfall einfach Wachstum mit umgekehrtem Vorzeichen. Das heißt, es geht auch darum, wie man mit Gebäuden umgeht, die man nicht schön findet. Speziell die große Masse an Gebäuden, die uns vom Militär überlassen worden sind, faszinieren mich: Wie soll man mit Gebäuden umgehen, die die Leute anschauen und sagen: Ma ist das schiach, das muss weg.

Auch in Sachen Siegesdenkmal oder Gerichtsgebäude wurde ja immer wieder gefordert, dass sie abgerissen werden sollten. Du bist also gegen einen Abriss?
(lacht) Ich habe in meiner Master-Arbeit versucht, dieses Thema zu umschiffen. Aber ja, auch in der Gemeinde ist es immer wieder ein Thema, dass die Leute die Kaserne einfach gerne weghaben möchten. Solche Gebäude zu erhalten, ist ja auch teilweise eine Art, das Trauma zu erhalten. Aber es ist auch keine gute Alternative, die Gebäude abzureißen –  dann löscht man eine ganze Seite vom Geschichtsbuch aus. Ich würde es mit der Mercanti-Kaserne wie mit dem Siegesdenkmal machen: Die Leute sollen sich das Areal langsam aneignen können. Die Kaserne ist ein großer Teil von Eppan, mitten im Zentrum. Sie ist ein bisschen wie das Siegesdenkmal: Da war nie jemand drinnen, obwohl es mitten in der Stadt lag. Und jetzt steht der Zaun beim Siegesdenkmal offen, man kann reingehen – die Idee der Maueröffnung.

Matthias Gotter

Bild: Matthias Gotter


Ist das bei der Mercanti-Kaserne nicht möglich?
Nein. Das Land hat 2016 das Grundstück gekauft und will es nun gemeinsam mit der Gemeinde entwickeln. Momentan gibt es nur temporäre Lösungen, zurzeit befindet sich dort eine Carabinieri-Station und in einem Garagengebäude eine Flüchtlingsunterkunft. Aber es handelt sich immer um sehr abgeschottete Nutzungen, bei denen die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Ich hatte gehofft, dass durch die Flüchtlingsunterkunft eine Art Öffentlichkeit entstanden ist, aber es ist immer noch schwierig, reinzukommen. Man muss einen Grund haben, der speziell mit dem Thema Asyl zusammenhängt, und deshalb durfte ich kürzlich, als ich mir die Kaserne wieder anschauen wollte, nicht rein. Es ist ein offenes Geheimnis, dass dort oft eingebrochen wird – besonders von Jugendlichen, die über die Mauer klettern, weil sie wissen wollen, wie es dahinter aussieht. Dieses überwucherte und ruinöse Areal hat einen Anziehungscharakter, der heute den Nerv der Zeit trifft. Aber offensichtlich schämt sich das Militär oder die Verantwortlichen, wenn das Gebäude so gesehen wird. Verfall ist nicht etwas, was repräsentativ ist.

Inwiefern trifft es den Nerv der Zeit?
Ich kenne das aus Berlin, wo Leute gerne Fotos in alten, verfallenen Häusern machen oder beispielsweise in der alten irakischen Botschaft. Die ist sehr bekannt, weil sie von einen auf den nächsten Tag verlassen worden ist. Es gibt hunderte Blogs, die alte Ruinen und Gebäude abfotografieren und das richtig abfeiern. Das ist auch eine neue Art von Ruinenromantik, die auch eine Verbindung zu der Ruinenromantik aus dem 18. Und 19. Jahrhundert hat: Die Ruine als Belustigung, als Spiegel der Vergangenheit hat etwas Beschauliches.


Dieses überwucherte und ruinöse Areal hat einen Anziehungscharakter, der heute den Nerv der Zeit trifft.


Mit Kasernen wird aber eher das Gegenteil einer Ruine assoziiert. Wie hat sich aus der Kaserne eigentlich ein überwucherter Park entwickelt?
Die Kaserne wurde ab den 30er-Jahren gebaut, ist aber erst in den 50er-Jahren fertiggestellt worden. Sie war lange Zeit der Sitz der Alpini, später der Fallschirmeinheiten. Die Kaserne wurde bis ungefähr in die 90er-Jahre hinein vom Militär benutzt. Hauptsächlich wurden dort verschiedene Militärlastwägen stationiert. Es war also eher eine Logistik-Kaserne, ein großer Parkplatz. Wenn man sich Bilder aus den 60er-Jahren anschaut, wie gepflegt da alles war und wie alles auf die maximale Ordnung getrimmt war und das dann mit dem heutigen Zerfall vergleicht, dann wird diese militärische Präzision ad absurdum geführt. Deshalb habe ich mich von der Frage leiten lassen: Was passiert, wenn nichts passiert?

Wie würdest du diese Frage beantworten?
Wenn nichts passiert, dann zerfällt es langsam. Deshalb habe ich mich gefragt: Kann es schneller zerfallen und wenn ja, wie? Aber es gibt nach dem Verfall auch die Phase des Wachstums, welches auf diesem Zerfall aufbauen kann. Die Idee ist nicht „Alles soll weg, und dann wird alles neu gebaut”, sondern es soll diesen Prozess, die Entwicklung des Areals mit der Zeit geben. Das Areal passt sich dann daran an, was auch benötigt wird – so wie sich jetzt dort die Flüchtlingsunterkunft befindet.

Eine mögliche Entwicklung der Kaserne im Laufe der Zeit – von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft.

Bild: Matthias Gotter

Wie könnte man die Gebäude im neuen Areal denn nutzen?
Als Architekt ist das natürlich nicht so mein Thema. Diese ländlichen Gebäude haben einen sehr universellen Charakter, da kann man sich viel vorstellen. Ich habe eine Exemplarplanung für eine Fachhochschule konzipiert, aber es gibt auch viele andere Möglichkeiten, wie die der Flüchtlingsunterkunft:  In die Hallen wurden Container gestellt, in denen gewohnt wird. In den Zwischenräumen befinden sich die sozialen Räume, da stehen Couches. Ich kenne das leider aber auch nur von Fotos, aber es funktioniert gut.  Denkbar wäre auch das neue Carabinieri-Zentrum oder ein Zivilschutzzentrum, vom Wohnbau bis zu Garagen.

Mara Mantinger

gerne unterwegs und ist der Sonne über Südostasien bis nach Deutschland gefolgt. Hat sie in Heidelberg aus den Augen verloren und ihre Uni gefunden. Will hier wie dort das Wer-Was-Wann-Wo-Wie wissen und das Wieso sowieso.
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