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Der Studentenvertreter

Immer wieder gibt es Kritik an der Südtiroler Hochschülerschaft. Der Vorsitzende, Thomas Hofer, über die politische Arbeit und verzweifelte Maturanten.

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Bild: Judith Dietl
Seit Februar ist Thomas Hofer der neue Vorsitzende der Südtiroler Hochschülerschaft (sh.asus). Sie ist die wohl wichtigste Südtiroler Studierendenvertretung. Neben dem Hauptsitz in Bozen gibt es noch sieben Außenstellen in Österreich und Italien. Insgesamt gebe es derzeit etwa 13.000 bis 14.000 Südtiroler Studenten, allerdings seien die Statistiken fehlerhaft, sagt Hofer. Er selbst studiert Biologie und Geografie auf Lehramt in Innsbruck. BARFUSS hat ihn im Cafè Museion in Bozen auf einen Macchiato getroffen, und mit ihm über die Kritik an der Südtiroler Hochschülerschaft und deren Pläne gesprochen.
 
Seit knapp einem halben Jahr bist du Vorsitzender der sh.asus, noch ein gutes halbes Jahr liegt vor dir. Was willst du in dieser kurzen Zeit voranbringen?
In erster Linie wäre es sinnvoll, das Bildungsmanifest zu veröffentlichen. Dass man die Nähe zur lokalen Politik sucht und einen Dialog aufbaut und nicht immer Marktschreierei betreiben muss. Das wäre mir sehr wichtig. Auf der anderen Seite ist es mir ein Anliegen, intern etwas aufzuräumen oder zu verändern, weil das Statut ist doch schon einige Jahre alt und da könnte man einiges verbessern. Die Außenstellen stärker in Bozen einzubauen ist auch so eine Geschichte, um die Identität von draußen mehr zu fördern. Da gibt es solche, die sich sehr stark einbringen, aber andere Außenstellen, die das nicht so machen. 
 
Der Dialog mit der Politik scheint nicht immer zu funktionieren. Der Generalsekretär der Freiheitlichen, Michael Demanega, warf der sh.asus vor kurzem vor, keine neutrale und objektive Studentenberatung zu sein, sondern ein politischer Verein.
Es ist ganz lustig, weil wir haben den Eindruck gewonnen, dass das dem Herrn Demanega immer dann wichtig ist, wenn er Aufmerksamkeit braucht. Es war glaub ich 2008, dass das letzte Mal Kritik auch in diese Richtung gekommen ist. Damals hat es geheißen, die Beratung der Südtiroler Hochschülerschaft ist ganz gut. Wir sind ein politischer Verein, das können wir nicht leugnen, aber wenn wir für Studierende etwas auf politischer Ebene erreichen wollen, können wir nicht nicht politisch tätig sein. Wir distanzieren uns aber ganz klar von jeglicher Parteipolitik. Es bietet sich zwar an, so hat mein Vorgänger mit der JG (Junge Generation der SVP, Anm.d.Red.) zusammengearbeitet. Wenn es Zusammenarbeiten gibt, werden die natürlich wahrgenommen, aber genauso haben wir uns eben 2008 mit den Freiheitlichen an einen Tisch gesetzt und haben das auch ausdiskutiert. Wir sind der Meinung, dass ohne Politik der Verein keinen Sinn macht, weil es dann auch schwierig wird, etwas bildungspolitisch voranzutreiben. 
 
Kritik an der sh.asus ist aber auch von Studenten selbst immer wieder zu hören. 
Ich muss ganz ehrlich sagen, das ist ganz wichtig für uns. Weil Kritik ist das einzige Feeback, das wir bekommen. Wenn wir eine Beratung gut gemacht haben, ist das für die Studenten erledigt und Feedback ist dann nicht da. In dem Moment, wo Kritik kommt, glaube ich, ist sie, auch in den Außenstellen, durchaus begründet. Es wird nicht immer eine hundertprozentige Beratung sein. Wir versuchen das nach bestem Wissen und Gewissen zu machen, aber man muss dazu sagen, dass es ehrenamtliche Mitarbeiter sind. Deshalb glaub ich, ist da eine hundertprozentige Zufriedenheit nicht möglich. Dazu muss ich sagen, gibt es jederzeit die Möglichkeit in einer Außenstelle mitzuwirken.
 
Mit welchen Problemen kommen Südtirols Studierende oder Maturanten zu euch?
Es gibt einige, die zu uns ins Büro kommen und sagen: „Helft mir bitte. Ich weiß nicht was ich studieren soll.“ Und dann versucht man ein Profil zu erstellen und sie dahin zu leiten. Wir haben erst vor kurzem wieder darauf hingewiesen, dass es keinen Sinn macht zu sagen: „Du musst das und das studieren.“ Sondern wir versuchen, sie nach Interessen und nach Fähigkeiten zu sensibilisieren, damit sie das richtige Studium auswählen.
 
Ihr habt gerade ein Bildungsmanifest erarbeitet. Was wollt ihr damit erreichen?
Im Prinzip sind es Dinge und Thematiken, die wir der Politik nahelegen und der zukünftigen Landesregierung und dem künftigen Landtag mitgeben möchten, damit sie wissen, was bei uns geht. Es soll eine Kommunikationsgrundlage sein, weil wir ja den Dialog mit der Politik verstärken möchten. Bei den Themen geht es von Stipendien- und Studiengebührenrückerstattung über Mobilität von Studierenden bis zur Studienstadt Bozen. Aber auch um prekäre Arbeitsverhältnisse, um Praktika, um Forschung und um die Direkte Demokratie, die wir unterstützen. 
 
Stichpunkt Mobilität: Der Korridorzug Lienz-Innsbruck wird abgeschafft, ein Ärgernis auch für viele Südtiroler Studierende. Was macht ihr dagegen?
Ich habe mich nach meinem Antritt mit der Bildungslandesrätin und dem Landesrat Widmann getroffen, um sich gegenseitig kennenzulernen und das Vorankommen von Projekten zu begutachten. Und da hat mich ein technischer Vertreter, ein Angestellter, vom Herrn Widmann darauf hingewiesen, dass das Ganze nicht möglich ist. Sie auch kein Interesse daran haben, weil man jetzt zwei Südtiroler Flirtzüge einführt, die dann direkt nach Innsbruck fahren sollen. Ich glaube die gibt es zwar nur am Morgen und am Abend, aber man bezieht sich eben darauf. Wir haben beobachtet, dass sich einige Leute sehr aktiv bei Facebook zusammengeschlossen haben und wir haben einige Pustertaler im Innsbrucker Ausschuss, wir hoffen, dass mit mehr Leuten etwas möglich ist. Aber im Moment schaut es leider nicht gut aus. 
 
Das studentische Bozen ist auch ein Punkt des Bildungsmanifestes. Ist Bozen überhaupt eine Studentenstadt?
Wir sind der Meinung, dass Bozen im Prinzip nicht recht offen ist für Jugendkultur und studentische Jugendkultur. Man hätte Leute hier, die kreativ sind, die Fähigkeiten haben, die bereit wären, denen man aber einfach nicht den Platz lässt. Auch mit diesen Nachtöffnungszeiten oder dass man Plätze und Infrastrukturen nicht zur Verfügung stellt, das kritisieren wir sehr. Und wir sehen die Politik als die, die da vermitteln soll zwischen den Generationen. Denn ich wage zu behaupten, dass hin und wieder auch ein lauterer Abend in Bozen schon drinn sein könnte. 

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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