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Interview mit Gabriele Di Luca

Der italienische Blick

Autor und Journalist Gabriele Di Luca beobachtet seit Jahren das Zusammenleben der Sprachgruppen. In einem neuen Buch zeigt er den Blick der Italiener auf Südtirol.

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Bild: Nick Cooper, Unsplash

Alle zwei Monate moderiert Gabriele Di Luca im Meraner Ost West Club den Debattenabend „La Lampada Verde“. Den Anlass für das nächste Zusammentreffen am 30. Jänner gibt ein Buch, das Di Luca zusammen mit dem Historiker Maurizio Ferrandi herausgegeben hat: In der zweibändigen Anthologie „Pensare l’Alto Adige“ findet man die italienische Sicht auf das Politikum Südtirol in destillierter Form. Zu Wort kommen Politiker und Intellektuelle aus dem Zeitraum 1950 bis 2018, die Südtirol nicht nur beschrieben, sondern auch mitgestaltet haben.

Herausgeber Gabriele Di Luca zählt sich selbst zum Typus des Intellektuellen, doch er fürchtet, der könne an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren. Grund dafür sei das Phänomen Social Media, das den öffentlichen Diskurs grundlegend verändert habe. Ein Gespräch über Risiken und das ungelöste Problem des „disagio degli italiani”.

Ist „Pensare l’Alto Adige“ ein Buch für die Italiener?
Es ist ein Buch für jeden, der die italienische Perspektive auf Südtirol verstehen will. Im Januar wird eine deutsche Übersetzung des ersten Bandes herauskommen, um auch Lesern, die im Italienischen wenig bewandert sind, das Verständnis zu erleichtern. Diese Übersetzung war wichtig, weil besonders die älteren Beiträge in einer Sprache verfasst sind, die im Ohr des zeitgenössischen Lesers sehr archaisch und sperrig klingt.

Die Sprache hat sich verändert, wie ist es mit den Inhalten? Kann man über die Zeit hinweg einen roten Faden im Blickwinkel der Italiener ausmachen?
Das war eine der großen Einsichten, die wir aus unserem Projekt gewonnen haben: Es existieren drei Interpretationsmodelle der Südtiroler Geschichte, die im Lauf der Zeit immer wiederkehren.

Ein Intellektueller in der falschen Zeit: Gabriele Di Luca.

Bild: Gabriele Di Luca

Um welche Modelle handelt es sich?
Ein Teil der vertretenen Autoren folgt dem nationalistischen Gedanken: Die Annexion Südtirols an Italien wird von ihnen eindeutig als positiv und rechtmäßig bewertet. Die Autonomie lehnen sie insofern ab, als sie eine Einschränkung der italienischen Nationalität dieser Region darstellt. Ein zweiter Teil – weitaus pragmatischer – akzeptiert die Autonomie-Bestrebungen der deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler und befürwortet ein friedliches Nebeneinander aller Sprachgruppen, indem Zugeständnisse gewährt und getrennte Institutionen geschaffen werden. Das ist im Grunde die Gruppe, die den Status quo erhalten will. Die dritte Sichtweise ist spärlicher vertreten, erfährt aber vor allem in den letzten Jahrzehnten Aufschwung: Ihre Vertreter wollen im Zusammenleben der Sprachgruppen nicht ein notwendiges Übel, sondern eine Bereicherung erkennen. Sie wollen nicht ein Nebeneinander, sondern ein fruchtbares Miteinander der Sprachgruppen. Südtirol soll sich nicht über eine alt-österreichische oder eine italienische Identität definieren, sondern über eine Synthese aus beiden.

Ist diese Tendenz vereinbar mit dem hohen Prozentsatz an Lega-Wählern?
Das widerspricht sich nicht. Die Südtiroler Lega-Exponenten sind, im Gegensatz zu einer Biancofiore von Forza Italia, nicht im klassischen Sinne nationalistisch. Sie vereinen vielmehr Elemente aus allen drei Interpretationsmodellen. Außerdem muss man sich bewusst sein, dass das dritte Interpretationsmodell, das Modell der Synthese, nur von einem sehr geringen Anteil der Bevölkerung vertreten wird und zwar hauptsächlich – wie im Fall der im Buch präsenten Autoren – von Intellektuellen. Sie sind die Speerspitze der Gesellschaft, aber für die Gesellschaft nicht unbedingt repräsentativ. Menschen wie Alexander Langer, die sich nicht als Sprecher der einen oder anderen Gruppe, sondern aller Südtiroler sehen, sind nach wie vor eine Seltenheit. Im Gegenteil, der Abstand zwischen diesen Intellektuellen und dem Rest der Gesellschaft wird tatsächlich immer größer.

Du bist selbst ein solcher Intellektueller, der sich an der Unternehmung, „Südtirol zu denken“, seit zwanzig Jahren aktiv beteiligt. Geboren bist du aber in Livorno. Wie kamst du nach Südtirol?
Wie in den meisten Fällen geschah das nicht geplant, sondern im Zuge biographischer Kontingenzen. Ich interessiere mich für die Südtiroler Geschichte und Gesellschaft, aber das kam erst später, als ich schon hier war. Wenn ich irgendwo anders gelandet wäre, hätte ich mich dort genauso eingebracht. Es hätte also auch Prag, Fiume oder Marseille sein können.

Als Intellektueller hat man nicht mehr die Möglichkeit, die Gesellschaft mitzugestalten oder gar zu prägen.

Auch ein Ort, an dem es keinerlei ethnische oder soziale Konflikte gibt?
Es ist nicht so, dass ich mich für ethnische Konflikte besonders begeistere. Ich ziehe es aber auf jeden Fall vor, in einer Region zu leben, die in einen lebendigen historischen Kontext eingebettet ist. Früher habe ich weitaus mehr Energie darin investiert, mich in den gesellschaftlichen Prozess einzubringen, weil ich noch daran glaubte, etwas verändern zu können. Inzwischen bin ich viel nüchterner, ja pessimistischer. Ich sehe, dass die Dinge ihren eigenen Lauf nehmen oder gar stagnieren. Als Intellektueller hat man nicht mehr die Möglichkeit, die Gesellschaft mitzugestalten oder gar zu prägen.

Das klingt in der Tat pessimistisch. Warum hört man nicht mehr auf die Intellektuellen?
Der Intellektuelle hatte früher – egal ob links oder rechts – eine wesentliche gesellschaftliche Funktion: einen Standpunkt zu vertreten. Das konnte er durch öffentliche Auftritte im Fernsehen, Kommentare in den Zeitungen oder Veröffentlichung von Büchern tun. Dadurch beeinflusste und formierte er die öffentliche Meinung. Inzwischen hat sich das radikal geändert. Der Intellektuelle ist eine Randfigur, dessen Statements allenfalls noch einen Zeugnischarakter haben, aber wenig Einfluss üben. Grund dafür ist eine neue Informationskultur: Der Bürger informiert sich „spontaner“, indem er sich etwa den sozialen Medien anvertraut. Dort hat aber jeder die uneingeschränkte Möglichkeit, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, auch ohne jegliche Qualifizierung und ohne die Unannehmlichkeit, von qualifizierter Stelle Kritik erwarten zu müssen. Wenn der technische Fortschritt auf diese Art und Weise genutzt wird, dann verursacht er auf direktem Weg einen enormen gesellschaftlichen Rückschritt.

Das klingt nach einem globalen Problem.
So ist es auch, aber schon auf regionaler Ebene werden die Folgen spürbar. Anhand der Beiträge in der Anthologie merkt man, dass Erklärungsmodelle, die sich früher bewährt haben, heute einfach nicht mehr greifen.

Polemisch und pointiert: Gabriele Di Lucas Antwort auf Matteo Salvinis Aussage, wer für die Migranten sei, der sei gegen die Italiener.

Bild: Gabriele Di Luca

Du selbst kommuniziert mit deinem Publikum auch über die sozialen Medien. Dabei schlägst du gerne einen polemischen, provokativen Ton ein, was dir Freunde, aber auch Feinde eingebracht hat. Wer ist dir lieber?
Von Feinden zu sprechen, scheint mir überspitzt. Sagen wir: Antipathien. Ich bin nicht jemand, der unbedingt unsympathisch sein will, aber auch nicht jemand, der den Schulterschluss mit einer bestimmten Gruppe sucht. Ich versuche, meinen Verstand zu gebrauchen und das auszudrücken, was ich denke. Dabei kann es fruchtbarer sein, mit Andersdenkenden zu diskutieren, obwohl die tatsächliche Erfahrung oft Zweifel darüber weckt.

Du fühlst dich zwischen den Stühlen wohl. Kannst du den oft beklagten „disagio degli italiani“ trotzdem nachvollziehen?
Das Unbehagen der Italiener, dieses unangenehme Gefühl, eine Minderheit in der Minderheit zu sein, ist ein Schmelztiegel von Empfindungen, die zum Teil durch reale sozio-ökonomische Umstände, aber auch durch eingebildete Benachteiligung bedingt sind. Man fühlt sich fremd und marginalisiert, obwohl man sich doch im eigenen Land wähnt. Man möchte sich integriert fühlen, unternimmt aber andererseits wenig, um es tatsächlich zu sein. Das ist noch immer ein ungelöstes Problem.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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