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Interview mit Armin Runer

Der Faustball-Arzt

Was verbindet Faustball mit der Chirurgie? Das erzählt Armin Runer, Sportarzt und bester italienischer Nationalspieler.

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Bild: Franz Spiess

Armin Runer (35) lebt Faustball wie nur ganz wenige. Seit 24 Jahren trainiert er intensiv diesen schnellen, volleyballähnlichen Sport und ist mitunter der beste italienische Angriffsspieler.

Wenn Runer nicht auf dem Faustballplatz steht, arbeitet der Arzt im Operationssaal am Universitätsklinikum München oder im wissenschaftlichen Labor. Sein Fachgebiet ist die Sportorthopädie, ein Spezialgebiet der Orthopädie und Traumatologie. Im Gespräch mit Barfuss spricht er über seine beiden großen Ambitionen: der Sport und die Medizin. Und was sie gemeinsam haben.

Der SSV Bozen, in dem Runer spielt, stellt als einziger Verein Italiens auch die Nationalmannschaft. Dieses Jahr stehen zwei Großereignisse an: die Europameisterschaft vom 10. bis 12. Juni in Kaltern und die World Games (Spiele der nichtolympischen Sportarten) in Birmingham (USA).

Was reizt dich am Faustballsport?

Einerseits der Sport selbst, andererseits auch die sportliche Betätigung in der Gemeinschaft, im Team. Viele meiner Mannschaftskollegen kenne ich seit meiner Kindheit und sie gehören zu meinen besten Freunden. Neben dem Sportlichen reizt mich auch die Internationalität. Ich durfte bereits in Brasilien, Chile und Argentinien Weltmeisterschaften spielen.

Erinnerst du dich noch, ab wann du einen leistungsorientierten Ansatz verfolgt hast?

Der Leistungsgedanke war immer schon Teil unserer Mannschaft, wir wollten immer gewinnen. Ab den ersten Teilnahmen an Jugend- und Junioreneuropameisterschaften wurde uns schnell bewusst, dass wir auch mit den besten Mannschaften der Welt mithalten konnten. Diese Erfahrung führte dazu, immer besser werden zu wollen.

Armin Runer ist Italiens bester Fausballspieler

Bild: Privat

Du bist der beste und wichtigste Faustballer Italiens.

In einem Mannschaftssport steht immer die Mannschaft im Vordergrund. Sicher habe ich als Angreifer eine besondere Stellung im Team, da meine Aufgabe schlussendlich darin besteht, die Punkte zu erzielen. Ohne eine optimale Arbeit meiner Abwehr- und Zuspieler könnte ich allerdings nichts bewirken. Wir verlieren und gewinnen immer als Mannschaft. 

Bist du gerne Angriffsspieler?

Als Angreifer bist du stets im Zentrum des Geschehens, da du maßgeblich für den Erfolg sorgst. In Erfolgsmomenten ist das natürlich ein gutes Gefühl. Im Gegenzug lastet dadurch oft auch großer Druck auf dir. Nach Niederlagen überlege ich mir immer, was ich hätte besser machen müssen. Seit meiner Arbeit als Chirurg, habe ich aber auch auf dem Feld eine gewisse Ruhe entwickelt. Im Operationssaal steht man ebenso permanent unter Druck und muss in Stresssituationen wichtige und vor allem richtige Entscheidungen treffen.  

Kann man die Chirurgie mit dem Faustball vergleichen? Schließlich geht es bei dem einen um Leben und Tod oder zumindest um die Lebensqualität der Patienten.

In beiden Rollen führt optimale Teamarbeit zum Erfolg und weder im Faustball noch als Chirurg kann man alleine bestehen. Die Unterstützung in schwierigen Zeiten durch die Arbeits- und Sportkollegen ist auch eine Gemeinsamkeit. Aus diesen Gründen sehe ich Parallelen zwischen beiden.

Ich wünsche mir, dass viele Südtiroler den Weg ins Stadion finden, um uns zu unterstützen und diesen faszinierenden Sport hautnah zu erleben.

Was waren die größten sportlichen Erfolge in deiner Karriere?

Der fünfte Platz bei der WM 2019 war gewiss etwas ganz Besonderes. Wir haben uns dadurch das erste Mal für die World Games qualifiziert. Auch der Aufstieg in die erste Bundesliga 2012 oder die Bronzemedaille 2006 bei den Junioreneuropameisterschaften sind Erfolge, and die ich mich gerne erinnere und auf die ich stolz bin. 

Am 10.-12. Juni findet die Europameisterschaft in Kaltern statt, einen Monat später die World Games in Birmingham (USA). Was wollt ihr dort erreichen?

In erste Linie wünsche ich mir erfolgreiche und verletzungsfreie Spiele bei der EM. Ich würde mir auch wünschen, dass viele Südtiroler den Weg ins Stadion finden, um uns zu unterstützen und diesen faszinierenden Sport hautnah zu erleben. Ein Ziel ist ganz klar auch eine Medaille. Die Chancen dazu sind vor allem bei der EM gegeben. Bei den World Games eine Medaille zu erringen, ist ein sehr hohes Ziel. Da müssten wir gegen vier der großen Faustballnationen, Brasilien kommt da hinzu, bestehen. Doch auch den fünften Platz auf der Welt zu behaupten, wäre ein großer Erfolg für die kleine jedoch wachsende Faustballnation Italien.

Wird es dein letztes großes Event?

Mein letztes großes Event wird die WM 2023 sein. Bis dahin will ich noch mein Bestes geben.

Abseits des Sportlerdaseins bist du Chirurg, ein Beruf, dem du dich erst spät verschrieben hast. Wie kam es dazu?

Das war ein längerfristiger Prozess. Nach der Matura habe ich Sportwissenschaften studiert und habe mich im Rahmen dessen, insbesondere jedoch während meines Auslandsjahres in den USA, viel mit Sportverletzungen beschäftigt. Ich merkte zunehmend, dass mich die Medizin unglaublich interessiert. Als ich aus den USA zurückkehrte, fasste ich den Entschluss zum Medizinstudium mit dem Ziel Unfallchirurg und Sportorthopädie zu werden. Nach Abschluss des Sportstudiums begann ich mit 24 Jahren Medizin zu studieren.

Armin Runer ist Sportchirurg

Bild: Privat

Was sind die schönsten Momente in deinem Beruf?

Der schönste Moment ist die Dankbarkeit in den Augen deiner Patienten. Wenn sie wieder jenen Tätigkeiten nachgehen können, die sie vor ihrer Verletzung oder Krankheit machen konnten. Vor Kurzem habe ich von einem Patienten ein Video zugeschickt bekommen, in dem er mir zeigte, dass er durch die Operation seines Kniegelenks sein ursprüngliches Leistungsniveau nicht nur wiedererreicht, sondern sogar übertroffen hat. Das macht glücklich und auch ein bisschen stolz.

Und was sind die traurigen oder schwierigen Momente?

Natürlich gibt es auch Schattenseiten in meinem Job, allen voran die vielen Stunden in der Klinik. Der Aufwand in der Medizin ist schon immens. Auch wenn eine Behandlung nicht so läuft wie gewünscht, ist das immer auch ein persönlicher Rückschlag und macht nachdenklich. Eine intensive Fehleranalyse ist wichtig und Pflicht. Auch hier zeigen sie wieder Parallelen zum Sport.

Du warst an der Uniklinik Innsbruck, bist nun in der Uniklinik München tätig und seit einigen Tagen bist du habilitiert als Dozent. Was reizt dich an der Forschung und Wissenschaft?

Ohne Forschung, Wissenschaft und Innovation wären wir noch in der Steinzeit. Als Arzt hat man jeden Tag mit Fragestellungen zu tun, auf welche die Medizin noch keine oder nur unzureichende Antworten hat. Ähnlich wie beim Sport mache ich auch im Beruf keine halben Sachen. Durch die Beforschung aktueller sportorthopädischer Fragestellungen bleibt man selbst am Rad der Zeit. Die eigene Neugierde sowie das „sich nicht zufriedengeben“ mit den aktuellen Behandlungsstrategien ist ausschlaggeben sowohl für die Weiterentwicklung der Medizin als auch für die persönliche Entwicklung. Durch die Vorstellung der eigenen wissenschaftlichen Ergebnisse auf nationalen und internationalen Kongress besteht zudem die Möglichkeit sich mit gleichgesinnten Kollegen zu vernetzen und auszutauschen.

Kann man sagen, du hast in den letzten zehn Jahren ausschließlich für Faustball und die Medizin gelebt?

Naja, das wäre ein bisschen übertrieben. Sicherlich haben Faustball und mein Beruf den größten Teil meines Lebens in Anspruch genommen.

Bereust du das manchmal?

Bereuen tue ich keine Sekunde. Ich würde alles nochmal genauso machen. Der Sport war und ist mein Ausgleich. Mens sana in corpore sanum.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Sportlich will ich bis 2023 auf einem hohen Niveau Faustball spielen und diese Zeit einfach nur genießen. Beruflich geht es für mich Anfang August für einige Monate in die USA nach Pittsburgh, das Mekka der Kniechirurgie, mein Spezialgebiet. Dort erhoffe ich mir, neue wichtige Inputs für meine weitere Karriere als Arzt zu bekommen. Irgendwann möchte ich dann wieder nach Südtirol zurückkehren.

 

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