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Der Überflieger

Fliegen ist seine Leidenschaft, Wettkampf sein Hobby – Aaron Durogati ist einer der besten Paragleiter Südtirols und Weltmeister im Gleitschirmfliegen.

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Bild: Aaron Durogati, Facebook
Er will hoch hinaus. Das wusste er, seit er gemeinsam mit seinem Vater zum ersten Mal über Südtirol geflogen ist. Damals war er sechs Jahre alt. Heute ist Aaron Durogati 27, gewann im Jänner den Weltcup im Paragleiten und belegte bei einem der härtesten Abenteuerrennen der Welt, den Red Bull X-Alps, den siebten Platz.
 
Es ist ein heißer Juliabend, der Meraner kommt etwas zu spät zum Interview. Er kommt direkt von der Arbeit. Zehn Tandemflüge habe er heute gehabt, sagt Durogati und zieht einen Müsliriegel aus seinem Rucksack. Von Ostern bis Oktober arbeitet der Sportler als Tandempilot – wenn er nicht für Wettkämpfe unterwegs ist. Er habe viele Anfragen, erzählt er, als plötzlich sein Mobiltelefon klingelt: Ein Urlauber möchte einen Tandemflug buchen. Auf einem kleinen Zettel notiert Durogati die Termine, erst am übernächsten Tag habe er noch was frei. Gebucht. 
 
Der Wettkampf
 
Für Aaron Durogati ist das Fliegen nicht nur Hobby und Beruf, sondern auch Wettkampf: „In allem, was ich mache, bin ich kompetitiv. Ich brauche den Wettkampf.“ Mit 15 Jahren war er zum ersten Mal alleine in der Luft, ein Jahr später machte er seinen Flugschein und nahm wiederum ein Jahr später bei seinem ersten Wettkampf teil, dem Südtirol Cup. Dort belegte er auf Anhieb Platz zwei. Weitere Podestplätze bei Wettkämpfen im In- und Ausland folgten, wie bei der Korea-Meisterschaft, der Europa-Meisterschaft, der Bronzo Trophy, der Montegrappa Trophy oder der Portugiesischen Meisterschaft. Sein schönster Sieg war der Weltcup in Kolumbien Anfang des Jahres, erzählt der Meraner und holt einen kleinen Beutel Powergel aus seinem Rucksack. Er müsse später noch zum Krafttrainig. 
 
Der 27-Jährige ist einer der jüngsten Wettkämpfer, die richtig Guten seien meist zwischen 35 und 50 Jahre alt. Sie hätten viel Erfahrung, was beim Paragleiten besonders wichtig sei, mehr noch als die körperliche Fitness. Mit Kraft- und Ausdauertraining begann Durogati deshalb erst, nachdem er beschlossen hatte, an den Red-Bull X-Alps teilzunehmen. Etwa zwei Jahre lang habe er fast jeden Tag dafür trainiert. Die X-Alps gelten als der härteste Gleitschirm-Wettkampf der Welt: Von Salzburg aus müssen die Teilnehmer so schnell wie möglich nach Monaco kommen und auf der Strecke mehrere Wendepunkte passieren, wie Zugspitze, Ortler, Matterhorn und Mont Blanc. Und das zu Fuß oder per Gleitschirm. 
 
Härtestes Abenteuerrennen der Welt
 
Aaron Durogati erreichte das Ziel an der südfranzösischen Côte d'Azur nach anstrengenden zehn Tagen, zehn Stunden und 28 Minuten und kam damit auf Platz sieben. Ganz zufrieden ist der ehrgeizige Profisportler nicht: „Wenn ich bei einem Wettkampf mitmache, dann weil ich glaube, eine Chance auf einen Podestplatz zu haben“, sagt er. Tatsächlich kämpfte er sich zu Beginn des Rennens auf Platz zwei – bis ihn in der Schweiz das Pech eingeholt hat: Mit seinem Team habe er nicht die besten Flugrouten gewählt, er habe den Schirm kaputt gemacht, musste ihn reparieren, das kostete Zeit. Nach nur einem Tag rutschte er somit auf Platz elf und war „total demotiviert“. Doch er machte weiter. Eine Nacht lang ist er durchgegangen, im Tal herunten ist er nur noch gelaufen. Irgendwann war er so müde, dass er während des Fliegens immer wieder kurz eingeschlafen sei – direkt neben der Felsen kurz vor dem Mont Blanc. Keine ungefährliche Situation. Mit Singen und Schreien habe er sich wachgehalten, sagt Durogati. Insgesamt flog er knapp 1.900 Kilometer, bis zu achteinhalb Stunden am Stück. 519 Kilometer legte er zu Fuß zurück. Am Ende war er froh, das Ziel erreicht zu haben. 
 
Nicht ohne Angst
 
Nur von den Wettkämpfen könnte Durogati nicht leben, dafür sei der Sport zu unpopulär und das Preisgeld zu gering. „Beim Weltcup-Finale war das lächerlich, vom Wettkampf selbst habe ich 700 Euro bekommen. Zum Glück werde ich vom Schirmhersteller gesponsert, der bezahlt die Kosten für die Teilnahme“, sagt er. Neben seiner Arbeit als Tandempilot und Skilehrer, ist er auch zwei bis drei Mal im Jahr als Testpilot in Südkorea, damit komme er dann ganz gut über die Runden. 
Wenn möglich, ist der Meraner drei bis vier Stunden am Tag in der Luft. Im Winter ist er als Speedrider unterwegs, einer Mischung aus Skifahren im freien Gelände und Fliegen mit einem Gleitschirm. Durogati mag das Extreme, obwohl ihn die Angst ständig begleitet. „Wenn ich nicht Angst hätte, wäre ich schon längst tot“, sagt er. Es sei wichtig, ein bisschen Angst zu haben, ohne sich davon lähmen zu lassen. Nur so habe man Respekt und könne die Lage richtig einschätzen, erzählt er. Der Paragleiter wird nachdenklich, spricht langsamer. Nach einem Schicksalsschlag sei er eine Zeit lang ohne Angst geflogen: „Da bist du immer an der Grenze. Wenn du Glück hast, passiert nichts, wenn du nicht Glück hast, kannst du weg sein.“ 
 

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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