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Das Blitzmädel

Hilde Kerer war Wehrmachtshelferin. Als erste Südtirolerin, die für Hitler-Deutschland Kriegsdienst tat, erzählt die 95-Jährige offen über ihr Erlebtes.

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Bild: Privatarchiv Hilde Kerer

In Poitiers, einer Stadt im Westen Frankreichs, begann der Tag am 6. Juni 1944 mit einem Fliegeralarm. Rund 400 Kilometer entfernt hatten die Alliierten zum Sprung über den Kanal angesetzt und erste deutsche Gefechtsstände überrannt. Mehr als drei Millionen britische und amerikanische Soldaten machten sich auf den Weg, Hitlers Herrschaft zu beenden. Die Lage in Poitiers wie in vielen anderen von den Deutschen besetzten Städten der Gegend war an diesem Tag angespannt. Hilde Kerer, die hier seit Weihnachten 1943 als Nachrichtenhelferin der Wehrmacht Dienst tat, packte vorsorglich ihren Koffer. 70 Jahre sind seit diesem Tag vergangen, der als D-Day in die Geschichte einging.

Hilde Kerer sitzt auf einem Sessel in ihrem Wohnzimmer in Brixen, das der gelernten Schneiderin früher als Arbeitszimmer diente. Erinnerungen an eine andere Zeit umgeben die heute 95-Jährige: Ein gerahmtes Bild ihrer Eltern steht auf dem Fernseher – der Vater starb, als sie sechs Jahre alt war. In einer Vitrine hat sie Fotos von Kolleginnen aus ihrer Zeit bei der Wehrmacht platziert. Was sich an diesem 6. Juni 1944 in Frankreich abspielte, davon kann Kerer nur mehr wenig berichten. Mehr Aufschluss über den D-Day gibt ihr Tagebuch, in das sie damals notierte: „Heute, in den frühen Morgenstunden sind die Anglo-Amerikaner auf französischem Boden gelandet. Wir hatten um 04:50 Fliegeralarm.“ Erst zwei Monate später verließ Kerer Frankreich fluchtartig in Richtung Deutschland. Das Kriegsende erlebte sie nach Zwischenstationen in Gießen und Trient in ihrer Heimatstadt Brixen.

Auswanderung ins Deutsche Reich

Kerer war erst 21 Jahre alt, als sie Südtirol 1940 nach der Option für Deutschland freiwillig verließ und vorerst in Innsbruck, dann in der Heeresschule für Nachrichtenhelferinnen in Gießen in Hessen landete. So wurde sie eine von rund einer halben Million junger Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs alleine bei der Wehrmacht beschäftigt waren: als Nachrichten- und Flakwaffenhelferinnen oder als Stabs-, Sanitäts- oder Luftschutzwarndiensthelferinnen. Fast eine weitere Million war beim Reichsluftschutzbund oder beim Deutschen Roten Kreuz tätig und 10.000 Helferinnen arbeiteten in Konzentrationslagern und bei SS-Einsatzgruppen, darunter auch manche Südtirolerin. Die Frauen ersetzten frontkommandierte Männer und fanden sich mitten im Krieg und an allen Kriegsschauplätzen wieder.

Die Forschung schenkte dieser weiblichen Mithilfe bisher kaum Aufmerksamkeit. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs schwiegen die Helferinnen weitgehend über das Erlebte und fügten sich vorwiegend in eine unpolitische Opfer- und Mitläuferrolle ein, die ihnen zuteil wurde. Seit den 1990er-Jahren rückte zwar die Frage nach weiblicher Täterschaft ins Zentrum der Forschung, aber eine differenzierte Aufarbeitung, die alle Facetten der Beteiligung von Frauen an Krieg und Nationalsozialismus behandelt, steht nach wie vor aus.

Dabei waren schon allein die Gründe ihrer Kriegsteilnahme vielfältig: Vor allem am Anfang meldeten sich Frauen freiwillig aus Kriegsbegeisterung und ideologischer Überzeugung für den Kriegseinsatz. Außerdem wollten viele der jungen Kriegshelferinnen, die mindestens 21 Jahre alt und ungebunden sein mussten, der Enge des Elternhauses entfliehen und etwas von der Welt sehen. Später dann, als sich der Krieg für Hitler-Deutschland zum Negativen wendete, wurden die Mädchen auch zwangsdienstverpflichtet. Um sie zu motivieren, wurde ihnen eingeredet, dass jede Einzelne einen Soldaten für die Front frei machen und somit dazu beitragen würde, dem Krieg eine positive Wende zu geben.

„Hanni und Mariechen, beide tot, es war mir unfassbar. Es ist nicht aufs Papier zu bringen, was diese Minuten und Stunden für mich waren. Meine Seele schrie und mein Herz weinte!“ (Tagebucheintrag Kerers vom 12. Juni 1944)

Hilde Kerer meldete sich freiwillig für die Wehrmacht. Sie erwartete sich, etwas Neues erleben und reisen zu dürfen. Deshalb hatte sie auch Südtirol den Rücken gekehrt: Sie wollte „wieder offen deutsch sein“ und etwas von der Welt kennenlernen, wie sie sagt. Ihre Erfahrungen unter dem italienischen Faschismus und ihre Nähe zum aufkeimenden und „hausgemachten“ Nationalsozialismus in Südtirol spielten in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Dass sie außerdem von Freunden und Bekannten geschnitten wurde, weil sie die Freundschaft zu ihrer besten Freundin nicht aufgeben wollte, die sich bei der Option für den Verbleib im italienischen Südtirol ausgesprochen hatte, verstärkte ihren Entschluss, fern von Südtirol ihr Glück zu versuchen.

Nach ihrer Ausbildungszeit wurde Hilde Kerer als Nachrichtenhelferin vorerst nach Minsk ins heutige Weißrussland und dann nach Poitiers versetzt, wo sie als Fernmeldesprecherin vor allem Telefondienst verrichtete. Sie wurde zu einem von rund 30.000 Blitzmädel – so wurden die Nachrichtenhelferinnen (Fernmeldesprecherinnen und -schreiberinnen) aufgrund des Blitz-Emblems auf Mütze und Uniformjacke genannt.

Bei einem Bombenangriff der Alliierten kamen im Juni 1944 in Frankreich zwei Kolleginnen von Hilde Kerer ums Leben.

Bild: Privatarchiv Hilde Kerer

Schöne Momente im Krieg

Diese Zeit war prägend für Kerer: Sie erlebte schlimme, aber auch schöne Momente – und sie fand neue Freunde, mit denen sie auch nach dem Krieg in Kontakt blieb. Über das Erlebte schwieg sie weitgehend: Aber nicht, weil sie sich wie manche ihrer deutschen Kolleginnen schämte, zuzugeben, für ein Unrechtsregime gedient und eben auch schöne Momente erlebt zu haben, während fürchterliche Kriegsverbrechen stattfanden. Es interessierte sich schlichtweg lange Zeit kaum jemand für ihre Vergangenheit und wenige befragten sie deshalb näher dazu. Außerdem ist Kerer keine große Erzählerin, wie sie selbst zugibt. Allerdings schrieb sie in ihrer Zeit bei der Wehrmacht Tagebuch – die Aufzeichnungen beginnen am 20. Oktober 1942 und enden am 8. August 1944. Darin verarbeitete Hilde Kerer ihren Alltag in den von den Deutschen besetzten Gebieten, in denen sie mit ihren Kolleginnen stationiert war. Nur selten, vor allem während der Zeit der Invasion der Alliierten in Frankreich, prägte das unmittelbare Kriegsgeschehen die Gedankenwelt der Brixnerin. Ihr Tagebuch bildet den Hauptteil für das jetzt erschienene Buch („Ich war ein Blitzmädel. Frauenkameradschaft in der Wehrmacht”, Edition Raetia) über ihre Zeit als Wehrmachtshelferin.  Als bei einem Bombenabwurf der Alliierten in Frankreich im Juni 1944 zwei ihrer Kolleginnen ums Leben kamen, schrieb Kerer darin: „Hanni und Mariechen, beide tot, es war mir unfassbar. Es ist nicht aufs Papier zu bringen, was diese Minuten und Stunden für mich waren. Meine Seele schrie und mein Herz weinte!“

Die weibliche Kameradschaft nimmt in Kerers Erinnerungen eine zentrale Rolle ein, sicherten sie ihr doch ein Umfeld, in dem sie die Schrecken des Krieges und der deutschen Besatzung ausblenden konnte. „Die Verdrängungsstrategie war in der Kriegssituation selbst wohl überlebenswichtig und wirkte weit über die Zeit des Krieges hinaus“, schreibt die Historikerin Siglinde Clementi im Nachwort des Buches.

Nach dem Krieg begann Kerer ein neues Leben. Sie arbeitete bis zur Pensionierung als Schneiderin und machte sich bei unterschiedlichen Vereinen für die Umwelt und Heimat stark. Die Natur war der Kern ihres Lebens. In jeder freien Minute war sie wandernd oder Ski fahrend in der Bergwelt unterwegs. Noch heute, mit 95 Jahren, macht sie einen täglichen Spaziergang und fährt mit dem Fahrrad. So wie damals in Frankreich, als sie mit Freunden die Gegend erkundete. „Wäre nicht der Krieg gewesen, dann wäre es eine schöne Zeit gewesen“, sagt Kerer. Am 8. August 1944, kurz vor der Flucht nach Deutschland, notierte sie in ihr Tagebuch: „Der Feind rückt uns gewaltig nahe. Unsere Lage scheint nicht rosig zu sein. Man sagt, haut ab, wenn die Sache brenzlig ist, und verlasst euch nicht auf andere.“ Es war ihr letzter Eintrag.

Die Buchvorstellung findet am Donnerstag, 11. September, um 19 Uhr im Raiffeisensaal am Großen Graben in Brixen statt.

Thomas Hanifle

Wenn er nicht gerade ein Baumhaus für seine Kinder baut, pendelt er zwischen Bozen und Naturns. Mag Zeitgeschichten. E-Mail: thomas@barfuss.it
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