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Interview mit Wolfgang Mayr

Düstere Zukunft?

Das neue Jahr bringt vor allem Herausforderungen. Der (noch) RAI-Chefredakteur Wolfgang Mayr über die heißen Themen 2017 und seinen Rücktritt.

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Bild: Wolfgang Mayr

Das neue Jahr fängt an, die Zeit als Chefredakteur bei der RAI Südtirol geht bald zu Ende. Für Wolfgang Mayr ist das ein Anlass, zu verschiedenen Themen klare Worte zu sprechen. In der Flüchtlingsdebatte sei eine offene Diskussion längst überfällig. Die im linken Spektrum verbreitete Scheu, die Dinge beim Namen zu nennen, sei dabei fehl am Platz. Wer sonst noch auf der problematischen Agenda 2017 steht: auf jeden Fall Donald Trump und in Italien Beppe Grillo. Für Arno Kompatscher wird das neue Jahr hingegen einige Prüfsteine bereithalten, vermutet Mayr. Auch über den eigenen Rücktritt spricht Mayr offen und gibt nun kund, was man bereits ahnte: Nicht nur gesundheitliche Gründe, sondern vor allem die Zustände innerhalb der RAI haben ihn zu dieser Entscheidung geführt. Die Lösung könnte eine von Rom unabhängige Rundfunkanstalt sein.

Herr Mayr, es gibt gewisse Dauerbrenner. Welches Thema aus dem alten Jahr wird uns auch 2017 erhalten bleiben?
Die Flüchtlinge, deren Suche nach Hilfe und der wachsende Unmut vieler Einheimischer gegen diese Art der Zuwanderung. Eine offene Diskussion ist notwendig. Es ist an der Zeit, auch über die Schwierigkeiten und die Probleme, die diese Menschen unvermeidbar mit sich bringen, offen zu reden. Wir haben es vor lauter Vorsicht verlernt, Dinge so zu benennen, wie sie zu benennen sind. Es gibt die Behörden, die ihre Aufgaben erledigen, es gibt die vielen freiwilligen Flüchtlingshelfer, die einen großen und wichtigen Teil der Arbeit übernehmen, aber es gibt auch einen großen Teil der Bevölkerung, der Angst vor Flüchtlingen hat. Mit dieser Angst sollte man sich auch beschäftigen.

Aber das machen doch schon Parteien wie die Freiheitlichen in Südtirol, die AfD in Deutschland oder die FPÖ in Österreich …
Eben das sollte man verhindern. Wenn man mit den sogenannten besorgten Bürgern nicht spricht und auf sie zugeht, sondern sie einfach nur als „Rechte“ ausgrenzt, dann haben es diese Parteien leicht, die Bürger bei ihren Ängsten abzuholen. Und wenn das Klima so negativ bleibt, dann kann man ohnehin keine vernünftige Flüchtlingspolitik gestalten. Dafür ist ein breiter Konsens notwendig.

Was bedeutet es aber konkret, diese Ängste ernst zu nehmen? Wenn jemand beispielsweise Flugangst hat, kann man ihn auf zweierlei Weise ernstnehmen: indem man ihn nur noch mit Auto oder Zug fahren lässt, oder aber, indem man ihm hilft, seine Angst zu überwinden.
Vom ehemaligen Innenminister Alfano kam der Vorschlag, die Flüchtlinge nach Gemeinden aufzuteilen. In Südtirol haben wir 116 Gemeinden, jede Gemeinde würde dann eine gewisse Anzahl an Flüchtlingen aufnehmen müssen. Das würde es um einiges einfacher machen, einerseits die Menschen zu integrieren und andererseits Berührungsängste abzubauen. Es ist auch absurd, dass nur 14 Prozent der Flüchtlinge einen Job haben, weil das Gesetz den Flüchtlingen das Arbeiten verbietet. Diesen Menschen muss man die Chance geben, sich als Menschen zu beweisen. Und die Fälle, wo Integration trotzdem nicht funktioniert, sind klar zu benennen. Man muss über ein Problem offen reden, um dann etwas tun zu können. Die Frage ist, was man tut.

Die Diskussion um die Flüchtlinge wird uns also noch lange erhalten bleiben. Welche Geister aus dem vergangenen Jahr werden wir sonst noch antreffen?
Bleiben wird auf jeden Fall auch die instabile politische Lage in Italien. Hat Matteo Renzi die Kraft, bereits im Frühjahr Neuwahlen zu erzwingen? Und was passiert dann? Gewinnen Beppe Grillo und sein Movimento 5 Stelle, der in seiner Struktur Forza Italia sehr ähnlich ist? Grillo agiert wie Berlusconi, der Movimento ist seine Partei, seine Firma. Fast religiös inbrünstig, widersprüchlich in vielen Fragen.

Und auch in der lokalen Politik gibt es Konflikte …
Im Dezember gab es im Landtag eine heftige Auseinandersetzung zwischen der Opposition und der knappen Mehrheit über den Haushalt. Die Opposition verlangt mehr Respekt vonseiten der Mehrheit. Eine seltsame Forderung. Die Opposition sollte schon selbst dafür sorgen, von der Mehrheit respektiert zu werden. Andererseits ist die Mehrheit gut beraten, die Opposition beim Gestalten von Gesetzen frühzeitig miteinzubeziehen. Außerdem gibt es eine ungute Stimmung im Land, eine fast hysterische Stimmung gegen alles oder jeden, der vom Establishment kommt. Diese Anti-Stimmung wird gerade von Politikern geschürt, die ja auch Teil des Establishments sind, sich aber dennoch gerne an die Spitze des Volkszorns setzen.

Diese Anti-Stimmung ist zurzeit nicht nur in Südtirol verbreitet. Auch global wird 2017 wohl ein sehr spannendes Jahr.
Im Jänner löst Donald Trump Barack Obama als Präsident der USA ab. Trump mag Europa nicht, das hat er schon ein paar Mal klargemacht. Dass er mit dem russischen Präsidenten Putin gut kann, hat er immer wieder unterstrichen. Die Achse des „Bösen“ hat sich verschoben, neben Putin und Erdoğan gehört nun auch Trump dazu: Trumputin. Die Ära der Gewissheiten, in der wir aufgewachsen sind – Europa und Nordamerika als der westlich-demokratische Block, der die Menschenrechte hochhält – ist nun endgültig zu Ende.

Die Ära der Gewissheiten, in der wir aufgewachsen sind – Europa und Nordamerika als der westlich-demokratische Block, der die Menschenrechte hochhält – ist nun endgültig zu Ende.

Könnte man das auch als Chance sehen? Der Sturz dieser alten Gewissheiten, die Sie angesprochen haben, war ja längst überfällig.
Die EU konnte die Finanz- und Wirtschaftskrise überwinden. Der Preis war aber hoch. Griechenland wird zu Tode gespart, Portugal und Spanien leiden unter der Sparerei. Ähnlich Italien. Die Briten verlassen die EU. Die ehemaligen kommunistischen osteuropäischen Staaten wehren sich gegen die Verteilung von Flüchtlingen, sympathisieren mit Putin-Russland. Die EU-Mitglieder legen mit ihrem nationalstaatlichem Egoismus die EU lahm. Die rechten Parteien schüren erfolgreich eine Anti-EU-Stimmung. Dürftige Chancen für überzeugte Europäer, die EU aufzumöbeln.

Für Sie persönlich wird das neue Jahr auch Veränderung bringen. Kürzlich haben Sie als Chefredakteur der RAI Ihren Rücktritt angekündigt, offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Steckt da mehr dahinter?
Vor zwei Jahren habe ich einen Herzinfarkt gehabt und da habe ich einfach gemerkt, dass mir die Luft ausgegangen ist. Mir fehlt die Energie und Kraft, um weiterzumachen. Ich habe aber bisher auf meinen angebotenen Rücktritt keine Antwort erhalten. Ich warte auf eine Antwort seit Juni 2016.

Von der Süd-Tiroler Freiheit kam der Vorschlag, einen von der RAI in Rom unabhängigen regionalen Sender zu schaffen. Wäre das eine Lösung für das schwierige Verhältnis zu den Vorgesetzten in Rom?
Sinnvoll wäre es, wenn die RAI Südtirol und die RAI Ladina eine weitgehende Autonomie hätten. Viele Kompetenzen, die noch in Rom sind, müssten nach Bozen übertragen werden. Daher finde ich, dass man mit dieser Forderung nicht Unrecht hat. Da gibt es auch schon einige Beispiele, wie das funktionieren könnte, zum Beispiel die ORF-Landesstudios oder die ARD-Sender in den deutschen Bundesländern, die verschiedenen regionalen Sender der schweizerischen SRG. Das wäre ein spannendes Projekt.

Seit einiger Zeit besteht auch das Vorhaben, die RAI zu modernisieren. Wie soll man sich das vorstellen?
Es ist in den vergangenen Jahren einiges angestoßen worden. In der Technik, im Programm. Da ist noch viel Spielraum und Luft nach oben. Mit einem verjüngten Personal könnte die notwendige Modernisierung beschleunigt werden. Ein großes Projekt für meine Nachfolgerin, meinen Nachfolger.

Man hat Ihnen einmal vorgeworfen, in ihrer journalistischen Arbeit zu sehr in Richtung Grün zu neigen. Wie sehr darf oder soll ein Journalist politisch auch Partei ergreifen?
Andere wiederum behaupteten, ich sei SVP-lastig. Nein, Partei ergreifen soll ein Journalist nicht, nicht in der Berichterstattung. In Kommentaren hingegen steht es dem Journalisten zu, Ereignisse zu analysieren und zu bewerten und ja, auch Partei zu ergreifen. Für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Freiheit, für Ausgegrenzte, für sozial Schwache und auch für Politiker, wenn sie eine vernünftige Politik betreiben.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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