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Interview zur Flucht aus der Ukraine

„Weg ist gut, aber zu Hause ist besser“

Die ukrainische Regisseurin Oksana flüchtete mit ihrem Sohn aus der Ukraine und lebt jetzt in Naturns. Was ist von ihrem Leben und ihren Träumen übrig geblieben?

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Bild: Oksana

Oksana kommt aus Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, sie lebte dort in einer Vorstadtsiedlung. Neben ihrem Sohn Maxim und das Reisen, gehörte ihr Job als Künstlerin und Regisseurin für Zeichentrickfilme zu ihren großen Leidenschaften. Vor dem Kriegsausbruch unterrichtete die 60-Jährige am Institut für Animation in Kiew und plante große Projekte. Derzeit lebt sie mit mit ihrem 15-jährigen Sohn in einer kleinen Wohnung in Naturns, vom Leben in Kiew und ihren Träumen ist wenig übrig geblieben.

Oksana, wo warst du, als du vom Einmarsch Putins gehört hast?
Ich habe geschlafen. Es war fünf Uhr morgens, als ich von den lauten Sirenen geweckt wurde. Ich wusste nicht, was dieses Geräusch zu bedeuten hatte. Man kennt sowas nur von Filmen. Im Internet habe ich dann nachgelesen, dass der Krieg ausgebrochen ist, Putin war unterwegs. Ich rief meine Freunde an und erfuhr, dass 15 km von uns entfernt eine Militäreinheit bombardiert wurde.

Hast du mit dem Kriegsausbruch gerechnet?
Ich habe nicht daran geglaubt. Auch wenn darüber schon lange berichtet und gesprochen wurde. Ich habe viele Freunde in Russland. Niemand hat damit gerechnet, dass ein derart brutaler Krieg mit so vielen Opfern und Zerstörungen überhaupt möglich wäre. Wir alle stellten uns damals und heute noch die Frage: Wie kann das alles sein?

Wann hast du entschieden, zu fliehen?
Als ich davon hörte, dass sich die russischen Truppen immer schneller näherten. Die meisten sind vor uns, gleich zu Kriegsbeginn, geflüchtet. Ich und mein Sohn Maxim waren die einzigen, zusammen mit einer anderen Familie ohne Kinder, die in unserer Siedlung bis Anfang März geblieben sind.

Anfangs witzelten wir noch darüber, dass ich im schlimmsten Fall nach Südtirol flüchten würde.

Mit wem bist du geflüchtet?
Nur mit Maxim. Meine Eltern weigerten sich zu gehen. Mein Vater fühlte sich beim Gedanken, die Ukraine zu verlassen, nicht wohl und jetzt kommen sie nicht mehr weg. Am selben Tag, als ich den Entschluss gefasst habe, zu fliehen, habe ich unsere Sachen gepackt: Dokumente, Geld, das Nötigste. Wir dachten, wir würden nur für ein paar Monate weggehen und dann wäre alles vorbei.

Wie bist du nach Naturns gekommen?
Wir sind mit dem Auto ins Stadtzentrum gefahren. Vor dem Krieg dauerte die Fahrt eine halbe Stunde. Wir brauchten vier. Wir ließen das Auto bei einem Freund stehen und rannten unter dem Geheul von Menschen und den Sirenen durch eine verlassene Straße zur U-Bahn. Die U-Bahn diente als Luftschutzbunker. Menschen lagen dort und saßen eng zusammengepfercht. Ich fand es in Kiew viel schlimmer als zu Hause und war kurz davor, die Entscheidung zu bereuen: Warum gehen wir?

Oksana bei ihrer Arbeit als Regisseurin von Trickfilmen

Bild: Oksana

Hast du überlegt umzukehren?
Für eine Rückkehr war es zu spät, weil eine Ausgangssperre in Kraft trat. Also ging es weiter. Im Zug nach Bratislava saßen und standen 12 bis 15 Personen in einem Abteil, Hunderte standen im Gang des Wagens oder im Vorraum, es war furchtbar. Von Bratislava sind wir nach Wien weitergefahren und dann mit dem Zug zum Brenner, wo uns Freunde aus Südtirol abgeholt haben. Seit dem 7. März sind wir in Naturns.

Wie sieht dein Leben hier aus?
In Naturns wohne ich bei meinen Freundinnen Michaela und Petra. Michaela hat mich bereits vor Kriegsausbruch täglich angerufen und mir ihre Hilfe angeboten. Anfangs witzelten wir noch darüber, dass ich im schlimmsten Fall nach Südtirol flüchten würde. Das fühlt sich an, als ob es eine Ewigkeit her wäre.

Ich halte an der Hoffnung fest, irgendwann – hoffentlich bald – in die Ukraine zurückzukehren.

Wie geht es dir hier?
Meine Freundin Michaela spricht zum Glück Russisch. Daher gibt es keine Verständigungsprobleme und sie können mir mit dem ganzen Papierkram und anderen Angelegenheiten des Alltags helfen. Naturns ist sehr schön, unter anderen Umständen wärs schöner.

Welche Hilfe bekommt ihr hier? Wie gefällt es dir hier?
Die Leute sind hier alle unglaublich hilfsbereit. Man merkt die Menschen wollen etwas tun, sie wollen helfen. Einmal die Woche bekommen wir Essen. Geschäfte und Menschen spenden uns Kleidung. Wir haben ja fast nichts. Erst recht keine Kleidung für Frühling oder Sommer. Michaela hat mir einen Job verschafft, so arbeite ich jetzt in Meran mit den ukrainischen Flüchtlingskindern an Schulen.

Kannst du dir vorstellen hier zu bleiben?
Nein. Ich will nach Hause. Mein Sohn und ich sagen immer: „Weg ist gut, aber zu Hause ist besser“. Ich halte an der Hoffnung fest, irgendwann – hoffentlich bald – in die Ukraine zurückzukehren.

Wann wird es enden und wie? Wie viele werden noch sterben? Wen davon wird man kennen?

Gelingt es dir im Alltag, den Krieg daheim auch einmal zu vergessen?
Nein. Ich wache morgens mit dem Gedanken an den Krieg auf und gehe am Abend mit Nachrichten und Neuigkeiten über den Kriegsverlauf schlafen. Fragen zum Krieg und die Unsicherheit verfolgen mich jeden Tag: Wann wird es enden und wie? Wie viele werden noch sterben? Wen davon wird man kennen?

Welche Folgen wird der Krieg für das Zusammenleben in der Ukraine haben?
Das hängt ganz davon ab, wer gewinnt und ob wir alle überhaupt überleben. Ich hoffe, dass wir gewinnen oder uns auf das Ende des Krieges einigen. Auch wenn die Hoffnung immer mehr stirbt. Egal was passiert, wir werden das Land wieder aufbauen. Davon bin ich überzeugt. Ich hoffe, dass die Einigkeit und gegenseitige, europäische und internationale Unterstützung und Solidarität mit der Ukraine auch nach Kriegsende bestehen bleibt.

Wie wird Russland oder auch nur die russische Sprache von den Menschen in der Ukraine jetzt nach dem Angriff und den Kriegshandlugen gesehen? Russisch hat ja ganz selbstverständlich zum Alltag gehört?
Das ist aktuell ein heikles Thema. Auch ich bin in einer russischsprachigen Familie aufgewachsen und habe viele Freunde in Russland. Eines kann man sagen - Putin hat den Sprachkrieg bereits verloren. Die von Idioten betriebene Sprachpolitik und Propaganda Putins, ist in der Ukraine gescheitert. Ich kenne viele, die jetzt nicht mehr Russisch sprechen wollen, obwohl sie nicht einmal eine andere Sprache können. Einer meiner Studenten hat zum Beispiel Filme ausschließlich auf Russisch produziert. Seine Großmutter und alle Verwandten lebten in Mariupol. Gott sei Dank konnten sie fliehen. Jetzt spricht er nur noch, wenn auch schlecht und stammelnd, stur Ukrainisch.

Die von Idioten betriebene Sprachpolitik und Propaganda Putins, ist in der Ukraine gescheitert.

Was würdest du dir von den westlichen Staaten erwarten?
Zuerst möchte ich mich für die große Hilfe für unser Land und den Geflüchteten bedanken. Allerdings müssen ihnen endlich die Augen geöffnet werden, dass eine „vernünftige, angemessene“ Lösung nicht existiert. Schließlich haben wir es mit Putin mit einem brutalen mächtigen Tyrannen zu tun.

Haben wir zu spät gehandelt?
Ja. Putin hat uns klar gewarnt und bedroht. Die NATO hat es nicht ernst genommen, wir ja auch nicht. Wer führt schon im 21. Jahrhundert noch einen solchen Krieg mit Massakern, Phosphorbomben, Chemiewaffen, unter Verletzung aller Menschenrechte? Das ist ja wirklich absurd und ein unvorstellbares Szenario. Aber es ist passiert und wir waren nicht vorbereitet.

Die ukrainische Bevölkerung scheint ganz hinter ihrem Präsidenten zu stehen. Ist Zelens'kyj eine Integrationsfigur für alle?
Eigentlich nicht. In jedem Land ist jemand mit dem Präsidenten zufrieden, andere wiederum nicht. Im Krieg ist das anders. Da muss man sich auf den Präsidenten verlassen. Zelens'kyj ist geblieben und macht seinen Job gut: Er fragt, er bittet, er fordert. Das sehen die Leute und fühlen es. Viel wurde erreicht. Niemand hat geglaubt, dass wir zum Beispiel so lange kämpfen können. Auch meine Haltung zu Zelens'kyj ist an sich kontrovers, aber das ist jetzt nicht wichtig. Sympathien zum Präsidenten und die Frage nach möglichen Fehlern seinerseits, werden nach dem Krieg geklärt.

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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