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Interview mit Johannes Gutmann

„Traut euch endlich!”

Ein Spinner? Johannes Gutmann ist mit seinem Unternehmen Sonnentor heute weltweit erfolgreich. Jetzt kam er nach Bozen und mischte das Global Forum Südtirol auf.

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Bild: Sonnentor

Die Kontroversen blieben nicht aus, als vor einigen Tagen in der EURAC das 9. Global Forum Südtirol stattfand. Die wichtigsten Vertreter aus Politik und Wirtschaft waren anwesend, als es darum ging, neue Wege und Ansätze für ein prosperierendes Südtirol zu finden. Das diesjährige Thema: „Neo-Ökologische Vielfalt – Südtirols Chance zur Einzigartigkeit“. Eine nachhaltigere Landwirtschaft: das soll die Via Regia der Zukunft sein. Angesichts dessen verwunderte es manche nur wenig, als sie auf der Teilnehmerliste vergeblich nach Vertretern des Bauernbunds suchten. Bei den Teilnehmern des Forums kam das Thema hingegen gut an. Nachdem zwei Professoren die Notwendigkeit einer ökologischen Landwirtschaft von der wissenschaftlichen Seite beleuchteten, waren drei Menschen aus der Praxis dran, unter ihnen auch der Landwirt Alexander Agethle, den BARFUSS kürzlich traf. Nach ihren Vorträgen hielt der Applaus im Saal zum Teil minutenlang an. Besonders laut tönte er für den charismatischen Johannes Gutmann: Gründer und CEO von „Sonnentor“. Mit seinem Bio-Unternehmen für Tee und Gewürze revolutionierte Gutmann die Landwirtschaft in seiner Heimat, dem Waldviertel. „Ein Spinner ist das“, dachten sich die Leute, als er mit 23 Jahren sein utopisches Unternehmen gründete. Heute ist er ein Winner: Sein Unternehmen hat über 300 Mitarbeiter, an die 50 Länder importieren seine Produkte. BARFUSS traf Gutmann nach dem Global Forum zum Gespräch.

Als Sie Ihr Unternehmen gegründet haben, waren Sie 23 Jahre alt. Welche Ziele hatten Sie sich damals gesetzt? Was wollten Sie erreichen?
Vorher, als ich noch nicht selbstständig arbeitete, war ich in einer ähnlichen Mission wie jetzt unterwegs, und das auch ziemlich erfolgreich. Meine Vorgesetzten wollten damals aber nichts davon wissen und haben mich irgendwann rausgeschmissen. Da habe ich mir gedacht: Wenn ich als Angestellter etwas gut gemacht habe, warum sollte es als Selbstständiger anders sein? Und das kann jeder. Viele junge Menschen werden im Betrieb, in dem sie arbeiten, eingeschränkt, unterdrückt oder sogar gemobbt. Ich kann denen nur empfehlen: Macht euch selbstständig. Denn wenn ihr euren Job für andere machen könnt, dann könnt ihr das für euch selber auch! Wichtig ist am Anfang zu erkennen, was man nicht braucht: Wenn erst einmal die gesellschaftlichen Zwänge von einem abfallen; wenn man merkt, dass man auch mit 600 Euro im Monat leben kann; wenn man keine Verpflichtungen hat und nur für seine Idee arbeiten kann; dann funktioniert das! Man muss sich nur trauen.

„Man ist gut beraten, Freunde und Familie ins Geschäft nicht mit reinzuziehen. Sonst geht die Freundschaft zum Teufel.”

Zuweilen mussten auch Sie Rückschläge einstecken, Ihre ersten Geschäfte schrieben anfangs Verluste. Lange Zeit war „Sonnentor“ praktisch ein Ein-Mann-Unternehmen. Wann kam denn der Durchbruch?
In den ersten Jahren hab ich mein Geschäft sehr, sehr klein gehalten, sehr überschaubar. Zu Beginn muss alles einfach erklärt werden können. Der Erfolg kommt natürlich nicht plötzlich, aber wenn es soweit ist, merkt man dann schon recht schnell: Jetzt kommt eine Idee an. Am Besten erkennt man das an den Kunden, die wiederkommen. Dass es mal nicht gut läuft, kann immer passieren. Deswegen ist man aber gut beraten, Freunde und Familie ins Geschäft nicht mit reinzuziehen. Sonst geht die Freundschaft zum Teufel.

War zu Beginn, in den 80ern, vielleicht noch gar nicht das richtige Bewusstsein da, damit ihre Produkte auf ein großes Interesse stoßen konnten?
Also ich konnte von Anfang an davon leben. Aber „Bio“, das hatte es damals noch gar nicht gegeben. Das kannte seinerzeit niemand, insbesondere in Österreich. Ich hab mich damals an die Kunden gehalten, die zu mir kamen und sagten: Das schmeckt aber gut! Es ging um den Geschmack, um die Qualität. Ich hatte ein paar Kunden, die immer wieder kamen, aber richtig erfolgreich bin ich erst in Deutschland geworden. In Österreich gab es zu dieser Zeit, um 1990, nur zehn oder 15 Bioläden. Darum wollte ich mir ansehen, wie der Markt im Nachbarland so aussieht. Und da war ich erstaunt! Dort gab es bereits zweihundert Geschäfte.

Beim Global Forum Südtirol. Von links nach rechts: Prof. Christian Fischer (Uni Bz), Johannes Gutmann, Moderatorin Gerlinde Manz-Christ, Alexander Agethle, GFS-Organisator Christian Girardi, Unternehmer Karl Schweisfurth und Prof. Daniel Müller-Jentsch .

Bild: EURAC

Idealismus und Erfolg, so sagt man oft, sind ein unpassendes Paar. Sie scheinen aber doch beides vereint zu haben. Wie geht das?
Idealismus wird dann erfolgreich, wenn man seine Ideale ständig und konsequent in die Korrektur nimmt. Reine Sozialromantik ist eine falsche Romantik. Das ist kurzfristig gedacht und hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun.

Oft ist es aber doch so, dass der Erfolg den Idealismus vergiftet. Ich denke dabei auch an den Bio-Markt und die Skandale, die ihn erschüttert haben. Wie stehen Sie zurzeit zu Ihrer Branche?
In unserer Philosophie haben wir uns zu hundert Prozent dem Bio-Fachhandel verschrieben. Der jetzige Bio-Markt wird aber eben zum Teil von großen Konzernen übernommen, weil man erkannt hat, dass sich Bio-Produkte auch in konventionellen Supermärkten recht gut verkaufen. Nur, da mach ich nicht mit. Ich hab von Anfang an gesagt: Ich bleibe dem treu, was wir sind. Mein Ziel wird es nie sein, für große Supermarktketten zu produzieren. Und genau das schafft auch immer wieder neues Vertrauen.

„Jede Bonifikation macht sofort blind. In anderen Firmen ist das gang und gäbe, weil man glaubt, das schafft Motivation. Aber das ist falsch. Geld verdirbt die Welt.”

Ihr Unternehmen wurde auch dafür gelobt und ausgezeichnet, dass das Wohl der Mitarbeiter einen so hohen Stellenwert genießt. Ist es aber ab einer gewissen Größe des Unternehmens nicht unvermeidbar, dass gewisse hierarchische Strukturen entstehen?
So wie wir mit unseren Mitarbeitern umgehen, das geht immer. Wir sind mittlerweile auch ein Konzern mit hunderten Mitarbeitern. Aber es funktioniert. Es funktioniert, weil wir trotzdem immer auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und absolute Transparenz haben. Außerdem wird der gesamte erwirtschaftete Gewinn wieder ins Unternehmen investiert, wir geben keine Bonifikationen aus. Dadurch gibt es niemanden, der sagt: „Ich will ab morgen unbedingt im Supermarkt verkaufen, weil es da höhere Profite gibt.“ Jede Bonifikation macht sofort blind. In anderen Firmen ist das gang und gäbe, weil man glaubt, das schafft Motivation. Aber das ist falsch. Geld verdirbt die Welt.

Johannes Gutmann mit jungen Fans

Bild: Teseo La Marca
Durch Ihr Engagement haben Sie es schließlich wenigstens ein Stück weit verhindert, dass Ihre Heimat, das Waldviertel, den Monokulturen zum Opfer fällt. Tut es Ihnen angesichts dessen weh, in die Südtiroler Talsohlen zu blicken?
Dafür muss ich nicht nach Südtirol kommen. So wie hier sieht es fast überall aus. Wer den Ton angibt, ist ja nach wie vor die konventionelle Landwirtschaft. Und die Politik fördert sie. Langfristig aber wird das Geld für ihre Subventionen nicht reichen, die Landwirtschaft muss sich nach dem richten, was der Markt, also der Konsument, braucht und will. Und das ist eben immer mehr: Qualität und Nachhaltigkeit.

Also Bio?
Die Bio-Idee hat nach wie vor immense Zukunftsmöglichkeiten. Und das ist in Südtirol nicht anders. Südtirol hat auch schon gezeigt, dass es anders kann. Es gibt viele junge und kreative Köpfe, die etwas verändern, etwas auf die Beine stellen wollen. Und dann Mals. Die ganze Welt hat nach Südtirol geschaut, als sich die Gemeinde Mals dafür entschieden hat, pestizidfrei zu sein. Und was hat man daraus gemacht? Wenn man das weiter versanden lässt, ist eine enorme Chance vertan. Noch haben die Malser die Chance es durchzuziehen und zu einem europaweiten, vielleicht weltweiten Vorbild zu werden.

Am Ende der Veranstaltung sprach der Parlamentsabgeordnete Florian Kronbichler den Elefanten im Raum an: „Es geht das Gerücht um, dass der Bauernbund diese Veranstaltung boykottiert. Ich bin aber ein unverbesserlicher Optimist“, sagte er und fuhr fort: „Darum hoffe ich, dass der Bauernbund Alexander Agethle zu seiner nächsten Generalversammlung als Hauptreferenten einladen wird!“ Auf diesen Einwand erhob sich prompt Agrar-Landesrat Arnold Schuler und sagte, er würde bei dieser Veranstaltung den Bauernbund vertreten. Infolgedessen stimmte er eine Verteidigung des Status Quo an. „Der Ansatz von Alexander Agethle und anderen Referenten heute ist zwar sehr sympathisch“, argumentierte er, „doch der Hauptzweck der Landwirtschaft ist es, die Menschen zu ernähren. Und der wird hier verfehlt.“ Nur die konventionelle Landwirtschaft könne genug produzieren. Wenn jeder nach Bio-Standards produziere, müsse man das, was fehle, aus anderen Kontinenten importieren. Und das sei auch nicht die Lösung, so der Landesrat.

Herr Gutmann, was sagen Sie zur Argumentation von Herrn Schuler?
Diese Vorwände werden von der Agrarpolitik natürlich immer gebracht. „Bio und Ökologisch, das ist Landwirtschaftsromantik, die nie in der Lage sein wird, die Menschen wirklich zu ernähren. Dazu bedarf es der Agrarindustrie.“ – So klingen die Glaubenssätze, die durch die Lobbyarbeit der Agrarindustrie gestreut werden und denen die Agrarpolitik der EU und damit auch Südtirol treu ist. Das ist aber kompletter Schwachsinn. Wer das immer noch in die Welt hinausposaunt, der möge sich bitte den letzten UNO-Welternährungsbericht anschauen. Da steht drin, dass schlicht die Ressourcen für die Agrarindustrie in dieser Art nicht ausreichen werden. Für die Produktion einer Tonne Kunstdünger braucht es zum Beispiel mehrere Tonnen Erdöl. Es ist also das Gegenteil von dem der Fall, was Herr Schuler sagte. Die Agrarpolitik ist in ihrem System gefangen und wird natürlich versuchen, alles, was dagegen spricht, nicht nur zu bekämpfen, sondern auch mundtot zu machen.

Geschieht dies aus Ignoranz oder politischem Kalkül?
Das ist meistens Kalkül.

Danke für das Gespräch.

Teseo La Marca

studiert in München und perfektioniert dort die Kunst der Prokrastination. Liebt die Freiheit, in anderen Worten: hat Bindungsängste gegen alles, außer gegen Südtirol, wohin er immer wieder gerne zurückkehrt.
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