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Interview mit Andreas Leiter Reber

„Sippenhaft für Freiheitliche“

Wie trifft der Ibiza-Skandal die Südtiroler Blauen? Parteiobmann Leiter Reber zeichnet das Bild einer mehrfach angeschlagenen Partei.

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Bild: Die Freiheitlichen

Es verging kaum eine Stunde nach H.C. Straches Rücktritt aus allen Ämtern, da meldete sich der Parteiobmann der Südtiroler Freiheitlichen, Andreas Leiter Reber, mit tiefem Bedauern zu Wort. Strache sei durch eine „organisierte und zeitlich geschickt getaktete Falle und Intrige“ beschädigt worden. Ganz anders sieht es Ulli Mair. Sie verurteilt Strache scharf und fordert von den eigenen Parteigenossen, sie sollten „aufhören, die Opfer zu spielen“. Sind die Südtiroler Freiheitlichen nun gespalten?
 

Herr Leiter Reber, Sie waren mit H.C. Strache auch privat bekannt. Sind Sie persönlich enttäuscht?
Man hat es ihm bei der Rücktrittserklärung angesehen, Strache war selbst ganz am Boden, er hat seine Karriere zerstört. Dafür trägt er allein die ganze Schuld, trotzdem erkenne ich aber auch seine politischen Leistungen in den letzten fünfzehn Jahren an. 

Sie nennen Strache auch weiterhin einen „aufrechten österreichischen Patrioten“. Ist Patriotismus mit dem Verschachern der Kronen-Zeitung an russische Oligarchen und mit illegaler Parteienfinanzierung vereinbar?
Meines Wissens hat Strache nie irgendeine Zeitung gekauft, deswegen kann er auch nichts verkaufen. Was den Rest angeht, sind das sicher sehr wilde Ideen, die er geäußert hat. Aber da muss die Justiz jetzt klären, ob irgendetwas Illegales dran ist. Meines Wissens nicht, denn es wurde nichts in die Tat umgesetzt.

Wie Ihnen sicher bekannt ist, belegt eine Pressemitteilung die Absicht von Gudenus und Strache, die Ibiza-Pläne in die Tat umzusetzen – auch über diesen „besoffenen“ Abend hinaus.
Ich möchte eine konsequente Aufklärung darüber haben, was von den abstrusen Ideen in den letzten eineinhalb Jahren, wo Strache in der Regierung war, tatsächlich umgesetzt wurde. Dafür ist nun allein die Justiz zuständig, sie wird klären, ob Strache sich da irgendwie strafbar gemacht hat.

Noch einmal zur Ausgangsfrage: Finden Sie Straches Aussagen patriotisch?
Mit diesem Wort beurteile ich Straches Lebenswerk. Seine Karriere hat ein mieses Ende genommen, trotzdem bewerte ich auch die Tatsache, dass er seine Partei von 5 Prozent auf 26 Prozent gebracht hat. Er hat seine besten Lebensjahre für die Partei gegeben und auch für Südtirol einiges geleistet. Angesichts dessen will ich nicht auf ihn eintreten, auch wenn seine Aussagen zu verurteilen sind.

Haben Sie zuletzt auch mit Ulli Mair gesprochen? Sie scheint ja anderer Meinung zu sein.
Natürlich haben wir das besprochen. Wir verurteilen Straches Auftreten im Video beide gleichermaßen. Meine Position unterscheidet sich nur insofern, als ich glaube, dass man jetzt nicht alles, was Strache zuvor Positives geleistet hat, plötzlich ausblenden kann.

Beim Abschied aus der Luxusvilla sang Strache zudem „High, high, high society“. Ist das die Partei des kleinen Mannes?
Die Situation aus dem Ibiza-Video fügt dem Image der ganzen Partei Schaden zu, das ist klar. Die FPÖ ist personell aber gut aufgestellt, es rücken fähige Leute nach, deswegen kann man jetzt nicht so tun, als ob jeder Freiheitliche in einer Art Kollektivschuld mitbeteiligt gewesen wäre. Sippenhaft gibt es meines Wissens nicht mehr. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass im Zuge der CDU-Spendenaffäre um Helmut Kohl, wo Schmiergelder effektiv geflossen sind, jeder Volksparteiler genauso für schuldig befunden worden wäre. Außer die Sippenhaft gilt nur für Freiheitliche.

Sie denken also, die FPÖ wird diesen Skandal überstehen?
Bei der letzten Umfrage am Montag kam die FPÖ auf einen Verlust von 5 Prozentpunkten (von 23 auf 18 Prozent, Anm. d. Red.). Das ist angesichts des Fehlverhaltens des Parteiobmanns in meinen Augen noch immer ein respektables Ergebnis. Das ist der guten Personaldecke der FPÖ zu verdanken, die weiter fleißig arbeitet.

Zurück zu den Südtiroler Freiheitlichen: Die EU-Wahlen stehen an, was sind Ihre Erwartungen?
Die Freiheitlichen kandidieren bei den EU-Wahlen nicht. (Die Lega hat eine gemeinsame Liste nach monatelangen Verhandlungen einseitig abgelehnt, Anm. d. Red.)

Gibt es auch keine Wahlempfehlung?
Es gibt durchaus freiheitliche Wähler, die bereit sind, die Lega zu wählen, es gibt aber genauso Wähler, die auf keinen Fall italienische Kandidaten nach Brüssel schicken wollen. Ihnen bleibt ein Kandidat der SVP, der zusammen mit Berlusconi und Biancofiore ins Rennen geht, oder Grün. Das ist eine wirklich unglückliche Situation. Deutschsprachige, konservative Südtiroler Wähler sind bei dieser Wahl in einem Dilemma.

Vielen Dank für das Gespräch.

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