Anzeige
Interview mit Hans Peter Haselsteiner

„Ohne Hingabe kein Erfolg“

Hans Peter Haselsteiner zählt zu den reichsten Männern Südtirols. Der Industrielle über die Notwendigkeit einer Reichensteuer, Südtirols Politik und Populisten in Europa.

(c)Gerry-Frank-hph-2m2m.jpg

Bild: Gerry Frank, Puls4 Show 2 Minuten 2 Millionen

Ein Herrenhaus in Bozen Moritzing, eine Villa am Millstätter See in Kärnten und eine Bleibe in Wien. Hans Peter Haselsteiner lebt an drei Orten gleichzeitig. Aber: „Wenn ich sage, ich fliege heim, meine ich automatisch Bozen.“ Und wenn er vom Fliegen spricht, dann meint Haselsteiner seinen Privatjet. Der gebürtige Nordtiroler zählt zu den reichsten Männern Südtirols. Mit 28 Jahren stieg er ins Bauunternehmen seines Schwiegervaters ein. Durch Zukäufe und Fusionen entstand daraus der Strabag-Konzern, eines der größten Bauunternehmen Österreichs. 2013 trat der Baulöwe von der Konzernspitze zurück.

Der 73-Jährige ist nicht nur als Unternehmer bekannt. Von 1994 bis 1998 war er Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat für das Liberale Forum. Bei der Nationalratswahl 2013 unterstützte er das Wahlbündnis NEOS als Financier und Ministerkandidat. Und bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl 2016 griff er dem Kandidaten Alexander Van der Bellen mit 150.000 Euro unter die Arme. Zugleich warnte er in einer groß angelegten Kampagne vor einem Wahlsieg des FPÖ-Gegenkandidaten Norbert Hofer. Er fürchtete den Austritt Österreichs aus der EU – einen Öxit.

Mit Südtirol verbindet ihn mehr als nur sein Feriendomizil. Hier wuchs er auf, hier verbrachte er seine Ferien als Schüler und Student. Später gehen seine Kinder in Bozen zur Schule. Beim Gespräch im Wiener Ringstraßen-Hotel Imperial betont er aber auch, dass er nur wenige Tage im Jahr in Bozen wohne. 2014 hatte die Finanzpolizei in der Frage ermittelt, ob Haselsteiner in Bozen ansässig sei und damit in Italien Steuern zahlen müsse.

Sie sind gebürtiger Tiroler, haben Ihren Wohnsitz in Wien, sind aber auch Wahlkärntner und Wahlbozner. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Für mich ist Bozen mein Zuhause. Das ist ein emotionales Thema und nicht abhängig von der Zeit, die ich irgendwo verbringe, oder vom Ort, an dem ich mein Einkommen erziele. Wenn ich sage, ich fliege heim, meine ich automatisch Bozen.

Was bietet Ihnen Bozen, was Wien als lebenswerteste Stadt der Welt nicht bietet?
Eine andere Art von Ruhe. Ich habe ein Haus in einem kleinen Weingut. Sind die Tore zu, fühle ich mich wie in einem Kokon. Wenn ich will, kann ich stundenlang mit meinen Hunden gehen, ohne einem Auto zu begegnen. Das ist ein Privileg und ich empfinde es auch als solches.

Wie haben Sie als Wahlsüdtiroler den Machtwechsel von Durnwalder zu Kompatscher erlebt?
Durnwalder ist ein langjähriger Freund von mir, dem ich einen freundschaftlicheren Übergang gewünscht hätte. Man hat ihm dieses schändliche Sonderfonds-Verfahren angehängt. Das ist fast schon eine italienische Spezialität, denn so etwas findet man sonst nirgendwo auf der Welt. Durnwalder ist zwar in allen Punkten freigesprochen worden, aber dass es überhaupt zu einer Anklage gekommen ist, ist erstaunlich. Wenn ich mich in die Rolle eines Südtirolers versetze, der daran interessiert ist, in die Politik zu gehen, wäre ich abgeschreckt. Wer tut sich so etwas an, wer lässt sich so in den Dreck ziehen?

„Der Chauffeur ist zu viel und das Auto zu groß. Wir sind sehr rigide im Demontieren unserer demokratischen Ordnung.“

Arno Kompatscher hat es sich angetan. Was halten Sie von ihm?
Er hat meine große Bewunderung. Ich halte allen, die in die Politik gehen, zugute, dass sie ihre Lebensqualität mehr als halbieren – denn die Lebensqualität ist gleich null in der Politik. Das Einkommen ist bescheiden und das, was man verdient, wird einem nicht vergönnt. Der Chauffeur ist zu viel und das Auto zu groß. Wir sind sehr rigide im Demontieren unserer demokratischen Ordnung.

Sie selbst haben den Schritt in die Politik ja auch gewagt. Was hat Sie damals an der Politik frustriert?
Wir schimpfen und sagen, Politiker seien unfähig. Wenn aber keiner von uns in die Politik geht, verlieren wir unsere Legitimität zu schimpfen. Das war mein Motiv, in die Politik zu gehen. Frustrierend war und ist – das ist eine österreichische Spezialität – dass man den politischen Mitbewerber grundsätzlich verachtet. Haben wir etwas vorgeschlagen und zur politischen Diskussion gestellt, war reflexartig das Urteil da: Das ist ein Blödsinn. In jeder anderen Runde diskutieren wir Probleme in der Absicht, aus dem Gegenüber das Beste herauszuholen. In der Politik hebt man das Schlechte hervor. Das beeinflusst unsere Reformqualität negativ. Es gibt selten echte Freundschaften über Parteigrenzen hinweg. Gusenbauer und ich waren Freunde, als wir beide Abgeordnete waren. Wir haben einfach gern miteinander diskutiert. Von solchen Ausnahmen einmal abgesehen, trägt jeder ein Stachelkleid vor sich her.

War das der Grund, weshalb Sie sich aus der Politik zurückgezogen haben?
Nein. Mit der Übernahme der Strabag musste und wollte ich zurück in die Firma. Heute würde ich mein Nationalratsmandat vielleicht behalten und das Ganze nebenberuflich machen – so, wie es vorgesehen ist. Die Abgeordneten zum Nationalrat sollten eine repräsentative Versammlung der Gesellschaft bilden und keine Gladiatoren-Berufspolitikerversammlung sein. Bedauerlicherweise ist es das aber, denn der Großteil der Abgeordneten besteht aus freigestellten Beamten. Für die ist diese Aufgabe attraktiv, anders als für Selbständige, Unternehmer und Freiberufler. Das ist ein Problem aller Demokratien, auch der italienischen.

Die Briten sind aus der EU ausgetreten und im Präsidentschaftswahlkampf warnten Sie, dass es im Falle eines Sieges von Nobert Hofer zu einem Öxit kommen könnte. Wie sehen Sie die Zukunft der EU?
Als glühender Europäer hoffe ich, dass sich die EU am Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, in dem sie bis zu einem gewissen Grad steckt. Festen Boden unter den Füßen zu bekommen, ist eine Herausforderung, der sich die politischen Entscheider in der EU stellen müssen. Das Bewahren und Taktieren der nicht gerade brüllend dynamischen Frau Merkel ist nicht immer das, was eine politische Situation wie die der EU erfordert. Die drei oder fünf Entscheider sollten sich zusammensetzen und sagen: Egal was die anderen machen, wir machen das so. Sollte die EU nur mehr eine Freihandelsorganisation sein, dann zählt die Generation, die das zu verantworten hat, zu den Generationen in der Geschichte mit dem größten Versagen. Erfreulicherweise haben die jungen Wähler in Frankreich Macron gestützt. Die Jungen haben aber nicht gegen den Brexit gestimmt. Wenn die Jungen die EU nicht verteidigen und nur sagen egal, haben wir halt wieder Grenzkontrollen, dann werden uns die populistischen Rechten alles wieder wegnehmen.

„Heute haben wir einen hohen Prozentsatz an frustrierten Verlierern, die sich schlecht behandelt fühlen. Die waren immer schon empfindlich für Populisten.“

Warum gewinnen populistische Mächte in Europa immer mehr an Boden?
Schon vor zweitausend Jahren waren Brot und Spiele das Thema. Der Mensch hat noch immer die gleichen Schwächen wie damals und deshalb gelten die gleichen Regeln: Hat man Brot und Spiele anzubieten, sind die Menschen zufrieden – wenngleich Brot und Spiele heute anders aussehen. Früher gab es eine Klassengesellschaft. Wenige hatten viel und der Großteil hatte nichts. Dieses gesellschaftliche Modell wurde nicht infrage gestellt. Heute haben wir einen hohen Prozentsatz an frustrierten Verlierern, die sich schlecht behandelt fühlen. Die waren immer schon empfindlich für Populisten. Populisten haben heute nicht mehr Macht als früher, aber sie finden mehr Gehör und haben dadurch mehr Macht. Das ist vergleichbar mit einem Bakterium, das in eine Zone mit schlechter Immunabwehr kommt. Die Immunabwehr wäre ein Mittelstand, der sich von seiner Einkommenssituation und seiner Mitwirkungsrolle her durch und durch als solcher fühlen kann. Der Populismus verspricht ihm schnelle Lösungen.

Sie unterstützen Sozialzentren in Moldawien, haben das Ute Bock Flüchtlingsprojekt aus der Krise geholt und eine gemeinnützige Stiftung eingerichtet. Ist das ein persönliches Anliegen oder müssen erfolgreiche Unternehmer dieses soziale Engagement mitbringen?
Beides. Ich habe früh ein Gefühl dafür vermittelt bekommen, dass soziale Unterschiede eine große Betroffenheit auslösen sollten. Der Mensch ist grundsätzlich mitfühlend. Diese Solidarität sollte man über die unmittelbare Familie hinaus ausdehnen. Reiche Leute haben die Ausrede, dass sie sowieso Steuern zahlen. Wenn es mir aber immer noch überdurchschnittlich gut geht, nachdem ich meine Bürgerpflicht getan und Steuern bezahlt habe, sollte ich darüber hinaus einen Beitrag leisten. Diese Meinung habe ich als Unternehmer und Stifter immer vertreten. Ich habe gehofft, das würde Vorbildwirkung haben, denn wir brauchen den Multiplikator. Aber da ist wenig zu erwarten. Oft frage ich Kollegen, von denen ich weiß, dass sie Geld haben, was sie tun. Zuerst stottern sie und dann heißt es: Ich spende ja. Aber ich meine nicht die 50.000, die jemand spendet, um kein schlechtes Gewissen zu haben, sondern: Was ist sein Projekt? Mit welchem sozialen oder kulturellen Projekt ist sein Name verbunden?

Was kann die Wirtschaft tun, damit die Kluft zwischen Arm und Reich nicht größer wird?
Die Wirtschaft wird tun, was sie immer tut und egoistisch ihren Gewinn optimieren wollen. Das sollte man ihr lassen. Die Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen, halte ich für schwierig durchzusetzen. Unternehmen sollen wettbewerbsfähig bleiben und eine wirtschaftliche Kraft entwickeln. Damit schaffen sie Arbeitsplätze. Die Kluft zwischen Arm und Reich auszugleichen ist Aufgabe der Politik. Verdient ein Spitzenverdiener in Österreich 600.000 Euro, bekommt er als Angestellter ein Sechstel davon steuerfrei – also 100.000 Euro. So etwas lässt unser System zu. Bei einem durchschnittlichen Einkommen von 40.000 Euro in Österreich ist das eine der größten Verzerrungen in der Steuersystematik. Denn ein Sechstel von 40.000 ist etwas anderes als ein Sechstel von 600.000. Das ist eine gewaltige soziale Verzerrung zu Lasten der Ärmeren.

Als einer von fünf Investoren saß Hans Peter Haselsteiner zuletzt in der Jury der Start-up-Show „2 Minuten 2 Millionen“ des österreichischen Privatsenders Puls4. Start-ups präsentieren darin ihre Ideen, der Baulöwe und seine vier Mitstreiter entscheiden, ob sie investieren. Auch zwei Südtiroler Gründer nahmen an der letzten Staffel teil. Haselsteiner investierte in beide.

In der Start-up Show „2 Minuten 2 Millionen“ werden Ihnen in kürzester Zeit Ideen präsentiert. Wie entscheiden Sie, worin Sie investieren?
Ich bin kein Berufsinvestor. Das heißt, ich schaue mir den Ideenbringer oder die Ideenbringerin an und frage mich, ob das glaubwürdig ist – ob derjenige mit Enthusiasmus dabei und das Produkt tauglich ist. Oft ist es eine Bauchentscheidung und manchmal will ich einfach helfen. Ich habe viele Investments gemacht, bei denen ich wusste: Wenn ich das Geld nicht verliere, ist es schon gut. Und oft erwarte ich gar nicht, dass ich etwas zurückkriege – es reicht, wenn ich weiß, dass sich etwa eine junge Familie mit der Idee eine Existenz aufbauen kann. Vielleicht ist es mit meiner Starthilfe möglich, dass jemand dauerhaft davon leben kann.

„Wer einen Beruf ergreift, für den er nicht Tag und Nacht schwärmt, kann das vergessen.“

Auch Südtiroler Gründer waren in der Sendung. Warum haben Sie in die beiden Südtiroler Start-ups investiert?
Natürlich bin ich Südtirol-affin. Wenn Südtiroler kommen, haben sie einen Startvorteil. Aber die beiden haben auch eine taugliche Idee mitgebracht. Das Rad ist das schwierigere Produkt. In diesem Bereich gibt es viele Ideen von Start-ups und Herr Oberhollenzer hat nur eine davon. Aber eine, die man durchaus unterstützen kann. Patrick Pedevillas Idee ist per Patent geschützt. Das kann im großen Stil ausgerollt werden. Das halte ich für sehr vielversprechend.

Welche Idee würden Sie vor den Investoren präsentieren, wenn Sie heute gründen würden?
Das große Privileg des Alters ist, dass man das nicht mehr tun muss. Ich weiß nicht, was mir mit 25 Jahren eingefallen wäre. Für mich sind die persönliche Neigung und die eigenen Fähigkeiten ausschlaggebend. Ohne Hingabe kein Erfolg. Es gibt so viele Menschen, die etwas zu 100 Prozent machen. Wenn du das Gleiche machst, aber eben nicht mit 100 Prozent, brauchst du es gar nicht probieren. Wer einen Beruf ergreift, für den er nicht Tag und Nacht schwärmt, kann das vergessen. Zulässig ist einzig und allein die Frage: Was mache ich für mein Leben gern? Dann hat man eine Chance auf Erfolg. Wer arbeiten muss, wird es nicht schaffen.

Irina Ladurner

lebt in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Leben mit Herzfehler

Ein Ticken rettet ihr Leben

Die neunjährige Elisa hat einen Herzfehler. Trotzdem versucht ihre Familie so normal wie möglich zu leben. Unterstützung bietet der Verein Kinderherz.
0    

Erinner

Die vier studierten Jazz-Musiker von Fainschmitz machen Musik zum Kuscheln und zum wilden Tanzen.

Hello You

Den Song schrieb er bereits 2008, jetzt nahm er ihn neu auf: June Niesein veröffentlicht das Musikvideo zu „Hello You“.
 | 
Glaube und Religion

„Die Kirche muss jung denken“

Wie attraktiv ist die katholische Kirche für Jugendliche? Doris Rainer, Vorsitzende der Katholischen Jugend, über Mitgliederschwund, Kirchen-Influencer und die Rolle der Frau.
0    
 | 
Eltern-Kind-Verhältnis

„Mama, ich ziehe nicht zurück“

Viele Akademiker bleiben nach ihrem Studium im Ausland – oft gegen den Wunsch ihrer Familie. Aber was sind wir unseren Eltern eigentlich schuldig?
0    
Anzeige