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So forscht Südtirol

„Nichts, was uns fremd ist”

Tanz findet in Südtirol weniger Publikum als Theater oder Oper. Die Tänzerin Sarah Merler darüber, wie sich die Südtiroler Tanzszene weiterentwickeln könnte.

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Lizenz: CC0
Bild: Katharina Illnar

Als Sarah Merler mit sechs Jahren eine Tänzerin im Fernsehen sah, war sie begeistert. Sie wusste sofort: Das war es, was sie machen wollte. Ihre Eltern schrieben sie in einen Tanzkurs ein, später tanzte sie Ballett und im Sommer bei „Bolzano Danza – Tanz Bozen“. Heute arbeitet die 24-jährige Waidbruckerin als freischaffende Tänzerin in Wien und Südtirol. Im Rahmen ihres Bachelor-Studiums „Zeitgenössischer und klassischer Tanz“ am Konservatorium in Wien hat sie 2016 ihre Abschlussarbeit zur Tanzszene in Südtirol geschrieben – und sich gefragt, wie sich der künstlerische Tanz in Südtirol entwickelt hat und welche Perspektiven er hat.

Du hast dich in deiner Abschlussarbeit mit der Tanzszene in Südtirol beschäftigt. Warum hat dich dieses Thema interessiert?
Es war mir immer ein Anliegen, das Wissen meiner Ausbildung in Südtirol einzubringen. Als ich mich nach einem Thema für die Abschlussarbeit umgeschaut habe, habe ich gemerkt, dass ich eigentlich recht wenig darüber weiß, was bei uns so passiert. Es gab ähnliche Arbeiten für andere Regionen in Europa, beispielsweise eine über Vorarlberg, an welcher ich mich dann orientiert habe.

Um deine Forschungsfrage zu beantworten, hast du also eine empirische Studie durchgeführt?
Genau. Ich habe die Arbeit insgesamt in drei Teile gegliedert: Im ersten blicke ich zurück in die Geschichte und versuche zu dokumentieren, wie sich die Tanzszene in Südtirol entwickelt hat – die gibt es ja erst seit den 80er-Jahren. Im zweiten Teil habe ich mich mit den Perspektiven der Tanzszene in Südtirol beschäftigt: Wohin kann der Weg Südtirols führen? Dafür habe ich ganz viele Interviews geführt mit einem breiten Spektrum von Leuten aus der Tanzszene und zeitgenössischen Kunst, wie Letizia Ragaglia vom Museion, Peter Paul Kainrath von Transart, Peter Silbernagl vom Kulturinstitut, Emanuele Masi von Bolzano Danza: Alles Leute, die in diesem Feld arbeiten. In den Interviews habe ich versucht herauszufinden, welche Möglichkeiten in Südtirol existieren. Und im dritten Teil der Arbeit habe ich versucht, einige der Perspektiven, wohin Südtirol sich entwickeln könnte, auszuarbeiten.

Sarah Merler

Lizenz: CC0
Bild: Mariano Margarit

Du sagst, die Südtiroler Tanzszene entstand erst in den 80er-Jahren. Was passierte damals?
Damals gab es viele Einzelpersonen und kleine Vereine, die einzelne Aufführungen gemacht haben. In den 80er-Jahren entstand dann Bolzano Danza, was damals noch ein Ballett-Tanz-Sommer war, also kein zeitgenössischer, sondern sehr klassischer Tanz. Und irgendwie waren da immer dieselben Leute dabei. In den 90er-Jahren haben sich diese einzelnen Akteure dann gefunden, aber es war schwierig, ohne eine gemeinsame Basis, etwas zu planen. Aus dem Bedürfnis, eine solche Basis zu schaffen, entstand 2004 dann die Südtiroler Tanzkooperative. Dort haben sich diese ganzen Einzelkämpfer zusammengeschlossen und dabei zeitgleich das Festival „Alps Move“ gegründet. Und da alle Tänzer dieser Kooperative aus unterschiedlichen Stilrichtungen kamen, hat sich diese Gruppe nicht auf einen Tanzstil festgelegt, sondern war für alles offen.

Warum wurde Alps Move ins Leben gerufen?
Die Südtiroler Tanzkooperative wollte und hat mit Alps Move eine Plattform geschaffen, um Treffen und Aufführungen der Südtiroler Tänzer zu ermöglichen. Das Ziel von Alps Move ist also hauptsächlich, für junge Tänzer aus Südtirol und dem Trentino, also lokale und professionelle Tänzer, eine Auftrittsmöglichkeit zu bieten. Diese Künstler haben ansonsten ja keine Chance, vor Publikum in der eigenen Heimat aufzutreten, da es in Südtirol ansonsten sehr wenig Tanzaufführungen gibt. Alps Move bietet die Möglichkeit, dahoam zu zeigen, was man so macht. 2005 fand die erste Ausgabe von Alps Move statt und mittlerweile besteht immer mehr Interesse daran.

Wie steht es denn um junge Tänzerinnen und Tänzer in Südtirol?
So wie ich studieren alle im Ausland, da es in Südtirol keine Möglichkeit zur Tanzausbildung gibt. Die meisten kommen auch nicht mehr zurück, weil es zu wenig Arbeit gibt. Über Alps Move ist es aber dennoch möglich, hier manchmal präsent zu sein und zumindest für ein Projekt zurückzukommen. Wenn es um den Nachwuchs geht, dann plant auch die Tanzkooperative verschiedene Projekte im Jahr, um Südtiroler Jugendlichen Tanz näherzubringen: beispielsweise die Community Dance Academy, welche immer in den Semesterferien stattfindet. Community Dance ist schwer zu beschreiben, aber das Grundprinzip dahinter ist, dass jeder tanzen kann: Es ist kein Stil, sondern eine recht natürliche Bewegung zu Musik, die jeder machen kann. Die Erfahrung und Bewegung steht im Vordergrund – das kommt gut an. Im Rahmen des diesjährigen Alps Move habe ich mit weiteren Tänzern auch einen Workshop für Schüler gestartet, in dem es um Tanz und Text geht.

„Ich bin der Meinung, dass wir tolle Künstler im Land haben und alles, was es braucht – nur ist es nach außen nicht sichtbar.”

Im zweiten Teil deiner Arbeit beschäftigst du dich mit den Perspektiven der Südtiroler Tanzszene. Wie sieht nun die Zukunft aus?
Geschichtlich gesehen gibt es Bolzano Danza seit 30 Jahren, Alps Move seit gut zehn Jahren – da habe ich mir gedacht, wie geht es jetzt weiter? Es wäre ja eigentlich schon wieder Zeit für etwas Neues. Mir sind da unterschiedliche Punkte aufgefallen. Als erstes ist mir bald klargeworden, dass das meiste, was mit Tanz zu tun hat, in Form von Festivals passiert. Es gibt nichts Kontinuierliches, so wie beim Theater und bei der Musik, wo es Saisonen gibt und deshalb auch ein Publikum. Es gab früher am Stadttheater Bozen eine Tanzreihe, aber seit diese abgeschafft wurde, gibt es nichts mehr. Was jetzt neu dazugekommen ist, ist der „circuito danza“, eine Tanzsaison vom Centro Santa Chiara in Trient, bei der noch nicht klar ist, wie sie sich entwickelt. Auch Alps Move versucht, seine Veranstaltungen zeitlich zu strecken, damit es eine kleine Tanzsaison im Herbst gibt. Aber hier kann man sich bestimmt noch etwas weiterentwickeln.

Du meinst, es gibt noch weitere Perspektiven, an denen gearbeitet werden sollte. Welche sind das?
Zum einen gibt es in Südtirol keine professionelle Ausbildungsstätte. Dazu muss gesagt werden: Klar würde man sich das wünschen, aber ich denke nicht, dass eine Ausbildungsstätte notwendig wäre. Es ist für junge Künstler gut, ins Ausland zu gehen und dort die Ausbildung zu machen. Es wäre aber interessant, wenn es einen professionellen Vorbereitungskurs gäbe, damit Jugendliche, die diesen Weg einschlagen möchten, auch reale Chancen haben, an einer ausländischen Universität Tanz zu studieren.
Außerdem wäre mehr Netzwerkarbeit wichtig. Südtirol liegt eigentlich geografisch gesehen in einer guten Position in der Mitte Europas: Wir sind gut an Italien, aber auch an die deutschsprachigen Länder angebunden. Eigentlich wären wir ein super Knotenpunkt. Alps Move hat versucht, ein solches Netzwerk zu bilden, und es ist ihnen auch gelungen: Alps Move vernetzt Tänzer aus Südtirol auf der ganzen Welt und kümmert sich um Partnerschaften mit den verschiedensten Städten. Netzwerkbeziehungen aufrechtzuerhalten braucht aber viel Zeit und man bräuchte einen Platz, an den man anknüpfen kann. In Südtirol gibt es keinen Ort, wo man Tanz lokalisieren kann. Und deswegen wäre ein nächster Schritt sicher ein Tanzhaus.

In Form eines Tanztheaters?
Nein, damit ist sicher nicht ein neues Theater gemeint, sondern ein Raum, der für den Tanz ausgestattet ist. Ein Ort, an dem man proben kann und an dem es ein Büro gibt – eine Anlaufstelle für den Tanz also. Dieser Ort kann Dokumentationsarbeit leisten, Anlaufstelle sein, ein Probelokal vermieten und man könnte endlich Residenzen in Südtirol anbieten. Damit könnte der internationale Austausch verbessert werden. Das ist sicher einer der wichtigsten Punkte, über die man nachdenken muss, wenn man sich in nächster Zeit weiterentwickeln möchte. Und dann ist der letzte wichtige Punkt die Vermittlung nach außen. Ich bin der Meinung, dass wir tolle Künstler im Land haben und alles, was es braucht – nur ist es nach außen nicht sichtbar. Ich habe immer das Gefühl, dass es viele tolle Projekte gibt, aber niemand davon weiß, es ist alles im Versteckten.

„Es geht nicht darum, dass jeder Tänzer wird, sondern dass jeder damit in Berührung kommt und danach entscheiden kann, ob ihn das interessiert oder nicht.”

Wie könnte diese Sichtbarkeit erreicht werden?
Projekte wie das Community Dance Project sind sicher ein guter Schritt, weil Jugendliche das Publikum von morgen sind – wenn sie schon so jung mit Tanz in Kontakt gekommen sind, dann ist ihnen diese Welt nicht mehr fremd. Es geht nicht darum, dass jeder Tänzer wird, sondern dass jeder damit in Berührung kommt und danach entscheiden kann, ob ihn das interessiert oder nicht. Hier kann man sich viel überlegen, von Tanzangeboten in Schulen bis zu Workshops. Auch in den Medien ist Tanz viel weniger präsent als andere Künste, in diesem Bereich könnte man auch noch mehr machen. Das Ziel ist, dass Tanz etwas Normales wird und nicht als etwas Exotisches gesehen wird, was keiner versteht – die Hemmschwelle soll sinken.

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Bild: Markus Hippmann

Gibt es Möglichkeiten für junge Tänzer, in Südtirol zu arbeiten?
Die meisten Südtiroler Künstler, die ich im Rahmen der Bachelorarbeit befragt habe, haben erzählt, dass sie sehr gerne nach Südtirol zurückkommen würden, aber es keinerlei Möglichkeiten dafür gibt. Man kann sich finanziell als Tänzer in Südtirol nicht über Wasser halten. Es gibt einige, die zurückgekommen sind, und die haben meist noch einen weiteren Beruf oder Teilzeitjob. Sie sagen aber auch, dass in Südtirol der künstlerische Austausch, der internationale Diskurs fehle, um sich weiterzuentwickeln. Die meisten bleiben deshalb im Ausland. Von den jüngeren, die ich kenne, ist niemand zurückgekommen.

„Beim Tanz geht es ums Erleben und nicht ums Verstehen.”

Haben Südtiroler eine traditionelle Auffassung vom Tanzen oder ist das Publikum offen für zeitgenössischen Tanz?
Es gibt auf jeden Fall ein sehr offenes Publikum für zeitgenössischen Tanz, welches das Stammpublikum bei Alps Move, Transart oder Bolzano Danza formt – ein großer Teil der Bevölkerung kann aber nicht viel damit anfangen. Meiner Meinung nach ist die Herausforderung in Südtirol nicht die, dass die Leute nur das Traditionelle lieben, sondern dass sie großen Respekt vor zeitgenössischem Tanz haben und sagen: Ich verstehe das nicht. Aber beim Tanz geht es ums Erleben und nicht ums Verstehen. Man kann in einer Veranstaltung sitzen, den Moment erleben und das Ganze auf sich wirken lassen. Man muss sich keine Gedanken machen, ob man das versteht. Das Verstehen kommt sehr viel später nach einem langen Prozess der Auseinandersetzung.

Ist Tanz aus deiner Perspektive in der Gesellschaft verankert oder vielen etwas Fremdes?
Ich denke, dass Tanz über die ganzen Feste sehr wohl in der Gesellschaft verankert ist. Oft wird zwischen dem Volkstanz und dem modernen Tanz unterschieden, was eigentlich nicht notwendig wäre: Tanz ist immer Bewegung, und zeitgenössischer Tanz ist Bewegung in einem anderen Kontext als beim Volkstanz. Aber an sich ändert sich dabei eigentlich nichts. Im Prinzip hat jeder einen Körper, den wir alle jeden Tag bewegen – warum muss man Angst vor dieser Art von Bewegung haben? Es ist nichts, was uns fremd ist.

Mara Mantinger

gerne unterwegs und ist der Sonne über Südostasien bis nach Deutschland gefolgt. Hat sie in Heidelberg aus den Augen verloren und ihre Uni gefunden. Will hier wie dort das Wer-Was-Wann-Wo-Wie wissen und das Wieso sowieso.
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Jeder fünfte junge Südtiroler ist Akademiker. Für einen akademischen Abschluss muss eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben werden. Oft sind das innovative neue Projekte, die in monatelanger Schreib- und Denkarbeit angefertigt werden – um dann in Schubladen und Bücherregalen zu verstauben. Deshalb stellen wir einmal monatlich eine Abschlussarbeit vor. Schreib auch du eine Mail an mara@barfuss.it, wenn du dich in deiner Abschlussarbeit mit Südtirol beschäftigt hast.

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