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Interview zu Anarchismus

„Man muss Gesetze brechen“

Wie zeitlos sind anarchistische Lebensweisen? Zusammen mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow ist Filmemacher Martin Hanni den Spuren des Anarchismus quer durch Europa gefolgt.

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Lizenz: CC0
Bild: Pixabay/PixelAnarchy

Der Journalist und Filmemacher Martin Hanni ist ein halbes Jahr lang den Spuren des Anarchismus quer durch Europa gefolgt. Zusammen mit dem deutschen Schriftsteller Ilija Trojanow und dem Regisseur Kurt Langbein reiste er an Orte, an denen der anarchistische Geist bis heute fortlebt: die Bakuninhütte, das Dorf Marinaleda in Spanien oder die Insel Ikaria in Griechenland. Diese Orte sind etwas ganz anderes als jene, die üblicherweise von den Medien mit Anarchismus in Verbindung gebracht werden, wie verwüstete Straßenstriche und Stadtviertel bei G20-Treffen: „Hier weht kein Sturm von Chaos und Zerstörung, sondern eine sanfte, sehr menschliche Brise, die nach Freiheit und Gerechtigkeit schmeckt“, sagt Martin Hanni. Seine anarchistische Reise zeigt er nun im Dokumentarfilm „Oasen der Freiheit – Anarchistische Streifzüge“.

Siehst du dich als Anarchist?
Das bin ich in den letzten Monaten des Öfteren gefragt worden. Ich sympathisiere sehr mit dem Begriff Anarchie, sobald er aber die Endung „-ist” erhält, beginne ich, mich selbst zu hinterfragen. Auch während des Filmdrehs ist diese Frage aufgetaucht: Wir haben oft Leute interviewt, die keine ausgewiesenen Anarchisten sind, trotzdem aber einen Zugang zum Leben haben, der viel Anarchisches hat. Zum Beispiel eine deutsch-kurdische Soziologin, die sich mit dem kurdischen Frauenwiderstand in Rojava beschäftigt. Während sie uns im Film über den Widerstand der kurdischen Frauen gegen den Staat erzählt und von der Literatur berichtet, die in kurdischen Bibliotheken gelesen wird, hält sie inne und sagt dann „Ah, eigentlich bin auch Anarchistin!“. Dass viele Menschen sehr unerwartet einen solchen „Erleuchtungsmoment“ haben, liegt daran, dass der Anarchismus vom Staat immer sehr negativ dargestellt wird.

Worin besteht Anarchismus, wenn er nicht als Schimpfwort gebraucht wird?
Anarchist zu sein bedeutet, eine skeptische Grundhaltung gegen hierarchische Machtstrukturen einzunehmen, ob es nun der Staat ist, die Kirche oder die eigene Familie. Dadurch muss derjenige, der die Macht oder Autorität besitzt, sich immer wieder rechtfertigen, warum gerade er diese Macht hat und ob er sie mit Verantwortung gebraucht. Gleichzeitig denkt der Anarchist auch immer mit, was es für Alternativen gibt: Wie könnten Systeme funktionieren, ohne eine hierarchische Ordnung zu haben, die im Endeffekt immer darauf hinausläuft, Privilegierte und Benachteiligte – oder gar Unterdrückte – zu schaffen.

Der Journalist und Filmemacher Martin Hanni

Bild: Nicola Arrigoni

Sollte in diesem Sinne nicht jeder Anarchist sein, wenn es darum geht, Autoritäten kritisch gegenüber zu stehen?
Zunächst ist sogar jedes Kind ein Anarchist. Das Kind kennt noch nicht die Strukturen, welche die Erwachsenen geschaffen haben und fügt sich ihnen erst im Heranwachsen. Sich als Erwachsener demonstrativ als Anarchist auszuweisen, finde ich genauso wenig sinnvoll, wie wenn man sich anderen immerzu als Demokrat vorstellen würde. Ich weiß aber für mich selbst, dass im Anarchismus wunderbare, zutiefst humanistische Ideen begraben liegen, an die wir im Film sozusagen wie Archäologen herangehen, um sie auszugraben und den Zuschauern in einer Vitrine zu präsentieren.

Wie bist du persönlich auf das Thema gekommen?
Mein Interesse für Anarchismus ist während meines Geschichtestudiums gewachsen, als ich bei Recherchen in Archiven mit anarchistischem Gedankengut in Kontakt kam und gleichzeitig als Sänger in einer Punkrock-Band meinen Widerstand in ein Mikrophon brüllte. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow habe ich aber vieles entdeckt, was mir vorher gar nicht bewusst war. In den Geschichtsbüchern liest man darüber wenig, aber vor allem in den 1920er-Jahren sind in Europa anarchistische Realitäten entstanden, die vom Staat, vor allem von den Kommunisten, sehr rasch als Gefahr erkannt wurden. Gemeinden und Städte, die sich anarchistisch verwalteten, wurden umgehend mit Gewalt zerschlagen, um die Kontrolle über Menschen und Wirtschaft wiederzuerlangen.

Wie in der Münchner Räterepublik 1919 ...
Auch das war ein anarchistischer Versuch, die Konzentration von Macht und Reichtum auf wenige Individuen zugunsten aller Menschen aufzulösen. Er wurde aber wie viele andere niedergeschlagen. Interessant ist, dass gerade Kommunisten immer eine große Abneigung gegen Anarchisten hatten.

Warum gerade die Kommunisten? Es scheint, als ob der Anarchismus sehr viel mit Sozialismus gemein hätte.
Im Grunde sind der Marxismus und der Anarchismus zwei Brüder. Es kam dann zum großen Streit zwischen Karl Marx und Michail Bakunin, einem der großen anarchistischen Denker: Der eine sah ein autoritäres System als notwendig, um mehr Gleichheit zu schaffen. Der andere hatte einen antiautoritären Zugang. Anarchismus ist nichts anderes als der Wunsch nach einem gerechten System, in dem der Mensch in Freiheit leben kann und in dem der Wohlstand für alle da ist. Es ist insofern ein antiautoritärer Sozialismus, in dem Diktatoren wie Stalin oder Mao von vornherein ausgeschlossen sind. Wir bezeichnen uns immer gerne als Kommunisten, wenn wir für mehr soziale Gerechtigkeit sind, aber wir berücksichtigen nicht, dass der Kommunismus als autoritäres System Millionen von Menschen deportiert, umgebracht, belauscht und in Arbeitslager gesteckt hat. Der Kommunismus mag zwar für mehr Gleichheit sorgen, aber für mehr Freiheit sorgt er sicher nicht. Das kann nur der Anarchismus.

Gesetze darf und muss man brechen, wenn man damit Zeichen für die Menschlichkeit setzt.

Gegen den autoritären Kommunismus haben die Anarchisten dennoch den Kürzeren gezogen, wenn es um die Gründung eines neuen Staates geht. Einzelne anarchische Dörfer oder Gemeinschaften existieren aber noch heute. Wie funktioniert das Leben dort?
Im Zuge der Dreharbeiten war ich in Marinaleda, einer Siedlung, die wie ein gallisches Dorf mitten in Andalusien steht und der Wirtschaftskrise trotzt. Die Menschen haben dort, nur wenige Jahre nach dem Sturz des Franco-Regimes, das Land den Großgrundbesitzern entrissen und bearbeiten es nun gemeinsam.

Damit sind sie durchgekommen? Das war doch gegen das Gesetz.
Man muss doch Gesetze brechen.

Das ist eine starke Aussage.
Ja, aber manchmal muss man das tun, ansonsten unterwirft man sich Regeln, die zum Teil unmenschlich sind. Gesetze darf und muss man brechen, wenn man damit Zeichen für die Menschlichkeit setzt. In Marinaleda gibt es heute keine Arbeitslosigkeit und jeder kann von seiner Arbeit leben. Interessant ist auch, dass es im ganzen Dorf kein einziges Werbeplakat gibt. Das lehnen die Bewohner als kommerzielle Propaganda ab. Das Modell funktioniert und die Tatsache, dass sich die Menschen seit 40 Jahren nicht davon abgewandt haben – trotz gezielter Behinderungen durch den spanischen Staat – ist der eindeutigste Beweis dafür.

Ein anderer, sehr merkwürdiger Ort, den du besucht hast, ist die Insel Ikaria in Griechenland ...
Im Gegensatz zu Marinaleda wird Ikaria nicht anarchistisch verwaltet, man findet aber auch hier Elemente, aus denen ein anarchischer Geist weht. Auf der ganzen Insel ist keine einzige Uhr zu finden. Damit widersetzen sich die Bewohner von Ikaria dem Diktat der Zeit. Der Tag ist unterteilt in Vormittag und Nachmittag, das sind die einzigen Zeitangaben. Wenn ich mich also mit einem Freund auf dem Dorfplatz treffen will, kann es schon mal vorkommen, dass ich drei Stunden warten muss. Ein kurioses Paradox ist dabei die Tatsache, dass die erste anarchistische Gruppierung gerade aus Uhrmachern aus dem Jura bestand.

Vorhin hast du über das Verhältnis von Anarchismus und Sozialismus gesprochen. Gibt es auch einen rechten Anarchismus?
Es gibt bei den Rechten anarchistische Tendenzen, zum Beispiel bei den Identitären, auch wenn ich sie nicht gerade Rechts-Anarchisten nennen würde. Rechte Gruppen kupfern sich generell viele Ideen von den Linken ab, ohne dabei großes Aufsehen zu erregen. Das macht selbst vor traditionell anarchistischen Idealen wie Freiheit nicht halt. Wer würde mich heute mit linkem Anarchismus in Verbindung bringen, wenn ich mich als „Freiheitlichen“ bezeichnen würde? Man würde mich in einem ganz anderen politischen Spektrum verorten. Dabei waren es ursprünglich Anarchisten, die ihre Haltung „freiheitlich“ genannt hatten.

Wie sieht es in Südtirol aus? Findet man hier auch Spuren des Anarchismus?
Südtiroler haben seit jeher ein großes anarchisches, revolutionäres Energiepotential. Man haut gerne auf den Putz und protestiert, aber das beschränkt sich meistens auf das Wirtshaus. Störend ist auch, dass man in Südtirol den Mangel eines wirklichen Nationalstaates, mit dem man sich identifizieren könnte, damit kompensiert, dass man umso mehr die Tiroler Fahne hinaushängt. Das Widerstandsdenken ist da, aber es wird politisch falsch gelenkt. Es führt in die Enge und nicht zu mehr Freiheit, wenn man Parteien wählt, die die Freiheit nur im Namen tragen.

 

Martin Hannis Film „Oasen der Freiheit – Anarchistische Streifzüge“ läuft heute Abend (11.04) um 21:45 Uhr auf 3sat. Alternativ kann man sich die Dokumentation auf der großen Leinwand um 17:30 Uhr im Bozner Filmclub oder um 20.30 Uhr in Meran (Docu.Emme) ansehen.

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