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Interview mit Armin Wolf

„Ich mache nichts Besonderes“

Seine Live-Interviews sind legendär. ORF-Star Armin Wolf über politische Inszenierung im Fernsehen, seine Beziehung zu Südtirol und warum Twitter für ihn so wichtig ist.

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Bild: Martin Hanni

Wie eine Burg thront das ORF-Zentrum auf dem Küniglberg im 13. Wiener Gemeindebezirk. Endlose Gänge prägen das Innere des Komplexes. Im Eingangsbereich zieren Bilder der ORF-Stars eine lange Wand, darunter auch eines von Armin Wolf und des ZiB-2-Teams. Wolf (48) ist stellvertretender Chefredakteur im ORF-Fernsehen und das Gesicht des täglichen Nachrichtenmagazins Zeit im Bild 2. Für seine politischen Live-Interviews wurde der gebürtige Tiroler mehrfach ausgezeichnet, aber auch hart kritisiert. 2007 erhielt Wolf den Claus-Gatterer-Preis für eine Rede, bei der er die ORF-Führung und die politische Einflussnahme der damaligen ÖVP-Regierung auf den ORF kritisierte. Ich treffe Wolf in seinem Büro im zweiten Stock.

Sie sind für Interviews bekannt, bei denen Sie „mit bissigem Witz und inquisitorischen Fragetechniken die Hohlheiten der Politik abklopfen“, so die „Süddeutsche“ über ihren journalistischen Stil. Können Sie sich damit identifizieren?
Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas Besonderes mache. Ich diskutiere einfach wahnsinnig gerne und damit bin ich schon meiner Familie und meinen Freunden auf die Nerven gegangen seit ich 16 war. Ich habe da eine recht große Beharrlichkeit, weil ich nicht schnell mit einem Argument zufrieden bin und Dinge hinterfrage, die mich nicht unmittelbar überzeugen. Das Wunderbare ist, dass ich daraus einen Beruf machen konnte und dafür Geld bekomme.
Bei meinen Interviews stelle ich Fragen, die mich interessieren, und von denen ich glaube, dass sie auch die Zuseher interessieren könnten oder sollten. Wenn ich darauf keine vernünftige Antwort bekomme, dann frage ich halt nach.

Ist es aber nachvollziehbar, dass Ihnen der österreichische Bundeskanzler Faymann seit zwei Jahren kein Interview mehr gibt oder sein Vize Spindelegger Sie öffentlich angreift?
Politiker kommen ja nicht in die Sendung, um meine Fragen zu beantworten. Es wäre ein großer Irrtum, das zu glauben. Politiker möchten ein paar 100.000 Zuseher von ihren Ansichten überzeugen. Und da stören unsere Fragen. Politiker überlegen sehr strategisch: Nützt mir die Gelegenheit, vor so vielen Menschen zu reden mehr, als dass mir die Fragen Probleme bereiten? Wenn sie dann nach dem Gespräch das Gefühl haben, dass sie nicht optimal rübergekommen sind, ärgern sie sich mitunter, aber ich kann das durchaus verstehen.

„Politiker kommen nicht in die Sendung, um meine Fragen zu beantworten.“

Warum sind Sie Journalist geworden?
Ich wollte damit mein Studium finanzieren und eigentlich Uniprofessor werden. Aber nachdem sich der Journalismus als erstaunlich interessant herausgestellt hat und und auch besser bezahlt war als Studieren, bin ich hängengeblieben.

Mit welchen Schwierigkeiten haben Journalisten heute zu kämpfen?
Das größte Problem ist, dass es heute für junge Leute sehr schwer ist, eine vernünftig bezahlte Arbeit zu bekommen. Medien stecken in einer ökonomischen Krise, es gibt kaum mehr neue Jobs. Dieser Sparkurs hat auch enorme Auswirkungen auf die bestehenden Redaktionen, die mit immer weniger Zeit und Ressourcen journalistisch arbeiten müssen. Das wirkt sich nicht positiv auf die Qualität aus.

Was halten Sie dann von solchen Onlineportalen wie etwa dossier.at, die hochwertigen Journalismus betreiben und sich hauptsächlich über Crowdfunding finanzieren?
Ich finde das total spannend, was die Kollegen und Kolleginnen machen. Das Problem ist nur, dass davon wohl keiner leben kann, soweit ich das von außen beurteilen kann. Es wäre toll, wenn ein Modell gefunden wird, um derart anspruchsvolle Projekte zu finanzieren. Derzeit ist es aber ein Selbstausbeutungsprojekt: Irgendwann werden die jungen Journalisten sich selber und Familien ernähren müssen und dann auf Jobs angewiesen sein, in denen man ihnen ein halbwegs anständiges Gehalt bezahlt.

dossier.at verzichtet auf Werbeeinnahmen und Presseförderung, um unabhängig zu sein.
Ich selbst wäre da nicht so streng. Der ORF finanziert sich zu einem guten Teil aus Werbung und ich habe noch nie in 25 Jahren irgendeinen Druck eines Werbekunden verspürt. Wir kämpfen eher gegen die Versuche der Politik, Einfluss zu nehmen.

Bei privaten Medien, die sich zu einem großen Teil durch Werbung finanzieren, schaut das vermutlich anders aus.
Das kann sein. Bei privaten Medien gibt es mitunter die Frage: Wer ist der Eigentümer? In Österreich gibt es bekanntermaßen viele Medien, die im Einflussbereich des Raiffeisen-Konzerns stehen. Wie kritisch kann dort über die sehr große Raiffeisen-Organisation berichtet werden? Das kann ich schwer einschätzen. Red Bull hat mittlerweile auch ein relativ großes Medienhaus. Ich nehme nicht an, dass ich dort sehr kritische Berichte über Red Bull sehen werde. In Südtirol gibt es ja auch ein mächtiges Verlagshaus, das einflussreiche Medien besitzt. Ich könnte mir vorstellen, dass da der Eigentümer vielleicht auch gelegentlich mitreden will, was da vorkommt und was nicht.

Wolf ist in Innsbruck aufgewachsen. Während seiner Ausbildungszeit an einer Handelsakademie unternahm er erste journalistische Gehversuche bei einer Schülerzeitung und war auch Mitglied der JVP, der jungen Volkspartei. Später tat er die Mitgliedschaft als Jugendsünde ab. Nach der Matura begann er ein Studium der Politikwissenschaften, das er 2000 beendete, und arbeitete als freier Mitarbeiter des Hörfunks im Tiroler Landesstudio des ORF. 1988 übersiedelte er nach Wien zum Radiosender Ö1.

Fühlen Sie sich als heftiger Tiroler?
Gar nicht. Ich habe nie zu den Tirolern gehört, die in Wien im Tirolerheim gewohnt, sich im Tirolerverein engagiert und immer gedacht haben, dass sie spätestens nach ein paar Jahren nach Tirol zurückkehren werden. Ich bin wegen des Jobs nach Wien gekommen und bin mir ziemlich sicher, dass ich den Rest meines Lebens hier oder im Ausland verbringen werde. Ich steige nicht auf Berge, ich bin noch nie Ski gefahren und ich kann nicht Watten. Mir fehlen also elementare Tiroler Kulturtechniken. Ich gehe aber sehr gerne in die Oper und ins Theater und ich schaue mir gerne Filme im Original an. Und da ist in Wien das Angebot etwas größer als in Innsbruck.

„Ich steige nicht auf Berge, ich bin noch nie Ski gefahren und ich kann nicht Watten. Mir fehlen also elementare Tiroler Kulturtechniken.“

Welche Beziehung haben Sie zu Südtirol?
Ich glaube die Beziehung der Südtiroler zu den Nordtirolern ist stärker ausgeprägt als umgekehrt, das war zumindest mein Eindruck als Jugendlicher und an der Uni. Nach Südtirol ist man im Herbst zum Törggelen und nach Sterzing zum Einkaufen gefahren – und durch Südtirol musste man zu Ostern oder Pfingsten Richtung Gardasee. Meine Beziehung zu Südtirol besteht aber primär darin, dass mein Urgroßvater in Südtirol begraben liegt.

Wo befindet sich sein Grab?
In Prags. Ich war, als ich den Claus-Gatterer-Preis bekommen habe, das erste Mal an seinem Grab. Er hieß Viktor Wolf von Glanvell, war Uni-Professor in Graz und ein bekannter Bergsteiger, der in den Dolomiten sehr viele Erstbesteigungen gemacht hat. In den Sextener Dolomiten ist der „Glanvell-Turm“ nach ihm benannt worden. Er ist aber mit nur 33 Jahren tödlich abgestürzt.

Seit fast 20 Jahren arbeitet Wolf für das ORF-Fernsehen – und das äußerst erfolgreich. Bereits dreimal gewann er den Romy-Fernsehpreis als beliebtester österreichischer Moderator. Wolf hat mehr als 160.000 Fans auf Facebook (Stand: August 2014) und gehört mit 115.000 Followern (Stand: August 2014) zu den Twitterkönigen in Österreich – nur Fußballstar David Alaba folgen derzeit mehr Personen auf dem Kurznachrichtendienst.

Warum twittern Sie?
Ich habe damit begonnen, weil ich Werbung für die ZiB2 machen wollte – und zwar bei Menschen, die nicht jeden Abend um 22 Uhr vor dem Fernseher sitzen, sondern die online unterwegs sind. Twitter ist aber vor allem meine mit Abstand wichtigste Informationsquelle: Es ist sozusagen meine Nachrichtenagentur, wo mir knapp 500 Leute sehr viele interessante Sachen schicken. Außerdem ist Twitter ein Diskussionsforum, eine Art virtueller Stammtisch, und ein Rückkanal zu den Zusehern, der schneller und effizienter funktioniert als E-Mails.

Sie fordern Ihre Twitter-Gemeinde regelmäßig dazu auf, Ihnen Fragen und Anregungen für ihre Interviews zu schicken. Was kommt da zurück?
Ich kenne mich ja im Sport überhaupt nicht aus. Einmal musste ich den österreichischen Fußballnationaltrainer Marcel Koller zu seinem Amtsantritt interviewen und habe auf Twitter darum gebeten, mir interessante Frage zu schicken. Ich habe etwa 200 Fragen erhalten und das gesamte Interview ausschließlich aus diesen Vorschlägen bestritten. Ich mache das immer wieder bei Themen, die mir weniger vertraut sind und bei denen ich mir nicht sicher bin, was die Leute interessieren könnte. Wobei man das schon auch richtig einordnen muss: Die Twitter-Community ist ein ganz anderes Publikum als das durchschnittliche ZiB-2-Publikum: Es ist viel jünger, informierter und Politik-interessierter. Die Fragen, die ich bekomme, sind eher ein Impuls für mich.

„Mir ist  völlig unbegreiflich, wie man im tagesaktuellen Journalismus ohne Twitter noch arbeiten kann.“

Wieviel Zeit verbringen Sie auf Twitter und Facebook?
Extrem viel. Sicher zwei Stunden am Tag, wahrscheinlich mehr. Aber ich könnte ohne Twitter meinen Job nicht mehr machen. Mir ist auch völlig unbegreiflich, wie man im tagesaktuellen Journalismus ohne Twitter noch arbeiten kann. Ich erfahre fast alles auf Twitter und das lange bevor es in irgendeiner Agentur steht.

Welchen ausländischen Politiker würden Sie gerne interviewen?
Den Papst, weil es praktisch keine Fernsehinterviews mit ihm gibt und weil wir das rund um die Welt verkaufen könnten. Außerdem ist er hochspannend.

Was würden Sie ihn fragen?
Keine Ahnung, ich mache keine Spontan-Interviews ohne Vorbereitung. Ansonsten würde ich jeden gerne interviewen, der irgendwie aktuell und spannend ist, da bin ich relativ emotionslos. Keinen Spaß macht es nur, Diktatoren zu interviewen. Ich habe einmal Saddam Hussein interviewt, das war wahnsinnig langweilig, da bekommt man nur Predigten zu hören. Da war nur interessant, dass hinter ihm zehn Männer standen, die aussahen wie er, nur dass sie alle Maschinenpistolen trugen. Da überlegst du dir die besonders kritischen Fragen auch etwas länger.

Thomas Hanifle

Wenn er nicht gerade ein Baumhaus für seine Kinder baut, pendelt er zwischen Bozen und Naturns. Mag Zeitgeschichten. E-Mail: thomas@barfuss.it
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Hoppla, das Interview ist seit fast einem Jahr da und noch kein Kommentar ?
Den Papst spannend zu finden tut mir gut, weil das vor einem Jahr fast niemand so empfand.

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