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Interview mit Maddalena Fingerle

„Ex oder Walscher?“

Die Autorin Maddalena Fingerle erhielt für „Lingua Madre“ den renommierten Italo Calvino-Preis. Der Roman entblößt die Zweideutigkeit und Heuchelei von Sprache.

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Bild: Maddalena Fingerle

„Ich hätte gerne auch den Kuchen gehabt“, sagte Maddalena Fingerle in einem Interview mit der Rai auf die Frage, was ihr an dieser Preisverleihung in Zeiten der Pandemie am meisten fehlte. Damit hatte sie die Lacher auf ihrer Seite. Sehr komisch und doch sehr ernst ist auch der Roman, für den sie den renommiertesten italienischen Literaturpreis für Nachwuchsautoren erhielt. Es geht um Sprache, genauer gesagt, um schmutzige Sprache. Und er spielt in Südtirol, einem Land, wo Sprache so indiskret wie nur an wenigen anderen Orten handfeste Lebenswirklichkeit erschafft.

Obwohl wir beide in Bozen aufgewachsen sind, habe ich Maddalena Fingerle erst in München während unseres Studiums kennengelernt. Seitdem stehen wir uns als gute Freunde nahe. So ist auch dieses Interview etwas anders als sonst: intimer, hintergründiger, manchmal auch peinlicher.
 

Du sagst, unser erstes Kennenlernen war gleich schon ein sprachliches Missverständnis. Was ist passiert?
Ich erinnere mich noch ganz genau. Es war im ersten Semester und wir standen vor der Bibliothek für Germanistik, in der Schellingstraße 3. Es war gleich nach dem Einführungsseminar in Neuere Deutsche Literatur. Nachdem du erfahren hast, dass ich auch aus Bozen komme, hast du angefangen, Dialekt zu reden. Ich war so: Ehm, sorry, ich verstehe kein Wort. Ich habe mich so geschämt. Und deinen Namen – du hast ihn so deutsch ausgesprochen – hatte ich auch noch nie gehört. Du warst so entsetzt oder vielleicht nur überrascht, dass ich so wenig über die altgriechische Mythologie wusste.

Überrascht war ich eher aufgrund der Tatsache, dass Südtiroler Dialekt für dich eine Fremdsprache war. Dabei kommst du aus Bozen und dein Nachname ist doch „Fingerle“
Ich weiß! Und das ist mir wirklich sehr peinlich. Mein Name ist deutsch, weil mein Opa, den ich nie kennengelernt habe, Deutscher war. Aber glaubst du wirklich, dass ich die einzige italienischsprachige Boznerin bin, die keinen Dialekt spricht und nicht zweisprachig ist?

Dialekt sprechen ist das eine – aber warum bezeichnest du dich als „nicht zweisprachig”? Zur Erinnerung: Wann immer wir in München unterwegs waren, war ich derjenige, der wegen seines seltsamen, knorrigen Akzents auffiel. Im besten Fall ging ich als Schweizer mit leichter Sprachbehinderung durch, du aber wurdest sogar in die Bayerische Akademie des Schreibens aufgenommen.
Oh nein, Teseo, nein, nein: Ich weiß ganz genau, was du da versuchst. Du möchtest das wiedergutmachen! Du hast mal zu mir gesagt – wir waren vor der Uni in Bozen und du hattest gerade Espadrillas gekauft – dass ich einen italienischen Akzent habe. Spaß beiseite: Das ist deswegen so, weil ich Deutsch gelernt habe, bei mir zu Hause haben wir nur Italienisch gesprochen. Und ja, klar, ich habe einen italienischen Akzent und du einen südtirolerischen, beide sind vielleicht seltsam, aber ist das nicht gerade schön so?

Zweifellos. Zweisprachigkeit spielt übrigens auch in deinem Roman „Lingua madre“ eine große Rolle. Ist man erst zweisprachig, wenn man auch zweisprachig aufgewachsen ist?
Es gibt, glaube ich, auch eine andere Art der Zweisprachigkeit, in dem Sinne, dass jemand, der sich in zwei Sprachen wohlfühlt, auch einigermaßen zweisprachig ist, weil er in zwei Sprachen denken kann. Im Roman ist die Dichotomie der Sprachen tatsächlich sehr wichtig, aber die wird vom Protagonisten Paolo Prescher als sehr schmerzvoll und konfliktreich empfunden. Er ist nämlich auf der Suche nach einer ehrlichen, echten Sprache.

Und nach einer „sauberen“ Sprache. Paolo leidet nämlich darunter, dass die Menschen ihm die Sprache beschmutzen. Sein Name ist ein Anagramm aus „Parole Sporche“.
Ja, genau. Ihm geht es darum, dass die Wörter nicht heuchlerisch sein sollten, sondern das sagen, was sie auch sagen wollen und sollen. Alle Namen im Roman sind Anagramme, das hat Spaß gemacht!

Gibt es dann einen Preis für den, der sie als erster alle enträtselt?
Klar, aber keinen sehr großen, weil die ziemlich einfach sind. Wer die Anagramme innerhalb der ersten 20 Seiten enträtselt, bekommt einen Liebesbrief oder ein Bier. Ich weiß schon, was du aussuchen würdest…

Viel lieber würde er „tedeschi“ hören und sagen, genauso wie „negro“ statt „persone di colore“ oder „cesso“ statt „bagno”.

Als Romantiker trinke ich das Bier nur bei Kerzenschein. Nein, ernsthaft: Kannst du mir Beispiele für solche „parole sporche“ geben? Und warum stört sich Paolo so sehr daran?
Allgemein kann jedes Wort schmutzig werden, indem jemand es unehrlich oder mit einer falschen Intention ausspricht. Ein Beispiel dafür ist „sudtirolesi di madrelingua tedesca“. Das sagt Paolos Mutter, die aber charakterlich eine Heuchlerin ist und sich weigert, „tedeschi“ zu sagen. Paolos großes Problem damit ist, dass dieser Ausdruck auf ihn unecht wirkt – viel lieber würde er „tedeschi“, genauso wie „negro“ statt „persone di colore“ oder „cesso“ statt „WC” bzw. „bagno“ hören und sagen. Die Mutter, aber auch die Schwester und die Lehrer können ihm mit der Aussprache, mit der Malerei und mit ihrer Art zu reden, Wörter beschmutzen. Meine persönliche Position ist natürlich anders und nicht so radikal, ich versuche, mit der Sprache niemanden zu verletzen und gleichzeitig merke ich auch, dass manche Ausdrücke dadurch artifiziell klingen. „Cesso“ empfinde ich aber auch als sehr schönes Wort!

Ist die Unterscheidung zwischen „tedeschi“ und „sudtirolesi di madrelingua tedesca“ unter italienischsprachigen Südtirolern bzw. Italienern tatsächlich ein Thema? Ich habe diese Debatte nie wirklich mitbekommen.
Ja, schon. Der politisch korrekte Ausdruck wird auf jeden Fall oft bei Gesprächen thematisiert, sobald jemand „tedeschi“ sagt und dann merkt, dass es halt nicht ganz richtig ist. Wie ist es im Dialekt eigentlich mit „Walsche“? Sagt man das noch? Hat das noch eine abwertende Bedeutung? Wenn ich mich nicht täusche, als wir beide bei einem Maturaball in Bozen waren, haben wir auch sowas gehört, wie: Wer nicht „auf ex“ trinkt, ist Walscher.

Den Spruch „Ex oder Walscher“ haben wir tatsächlich als T-Shirt unserem Italienischlehrer zur Maturareise geschenkt. Walscher ist gar nicht immer abwertend gemeint, aber du merkst schon, mit politischer Korrektheit haben es deutschsprachige Südtiroler tendenziell nicht so. Wenn sie über sich selbst reden (was sie sehr gerne tun), sagen sie einfach nur  „Südtiroler”. Wenn sie die italienischsprachigen Südtiroler meinen, sagen sie „Italiener“. Den meisten ist es wohl auch egal, ob sie von den Italienern „tedeschi“ oder „sudtirolesi di madrelingua tedesca“ genannt werden. Heißt das jetzt eigentlich, dass der Südtiroler Dialekt eine „sauberere“, also ehrlichere, direktere und aufrichtigere Sprache ist?
Paolo Prescher würde es tendenziell lieben, ja, wenn er kein Problem mit dem Dialekt hätte. Du sagst übrigens „sie“. Warum nicht „wir“?

Die dritte Person täuscht Objektivität vor. Wie ist das im Roman? Da ist Paolo Prescher ein Ich-Erzähler, richtig?
Aber es ist eben eine Täuschung! Ja, erste Person, männliche Stimme.

Durch die männliche Stimme kann ich mir Sachen erlauben, die ich sonst vielleicht nicht tun würde.

Auch in deinen früheren Erzählungen spricht meistens ein männliches Ich. Warum eigentlich?
Wenn ich in weiblicher Perspektive schreibe, werden die Texte ganz anders. Es braucht oft eine Distanz zum Erzählten. Das hilft, glaube ich, sehr. Es ist aber auch ein Spiel, natürlich. Ich liebe es, wenn ich mich durch das Schreiben verkleiden kann. Durch die männliche Stimme kann ich mir Sachen erlauben, die ich sonst vielleicht nicht tun würde. Außerdem muss ich sagen, dass die männliche Stimme momentan meine natürliche beim Schreiben ist, durch die Verkleidung kann ich meine Gedanken so zeigen, wie sie wirklich sind. Einmal hat eine Fotografin, Julia Mayer, bei einem Fotoshooting zu mir gesagt: Sei jetzt der Mann, der du bist, wenn du schreibst. Das Foto ist so intim und krass, ich erkenne mich wirklich darin, aber gleichzeitig auch gar nicht. Das habe ich dann aber niemandem gezeigt, dafür gibt es Texte: Der Effekt ist sehr ähnlich.

Du erinnerst dich vielleicht an meinen eigenen gescheiterten Versuch, aus Frauensicht zu schreiben. Denkst du, es fällt Frauen generell leichter, aus Männersicht zu schreiben, als umgekehrt?
Ja, daran erinnere ich mich ganz genau! Nein, das würde ich so pauschal nicht sagen. Ich glaube eher, dass ich maskuliner bin als du feminin bist. Aber mit diesen binären Unterscheidungen versuche ich, sehr vorsichtig zu sein. Ich finde es übrigens auch schwieriger, aus Frauensicht zu schreiben.

Zurück zum Roman. Im Grunde ist dein Debüt ein richtiger Südtirolroman. Du hast mal gesagt, dass es sich leichter über Dinge schreibt, die man hasst, als über Dinge, die man liebt…
Das stimmt, das glaube ich wirklich. Ich denke, dass Kreativität aus Zweifeln entsteht und das Resultat meistens interessanter ist, wenn man über etwas schreibt, das man hasst, als wenn man es liebt. Hass ist aber etwas, das ich persönlich nicht wirklich kenne. Ich bin eher irritiert, zum Beispiel wegen der Heuchelei in der Rhetorik Südtirols, wonach alle zweisprachig sind und eine politische und soziale Harmonie herrscht. Die Irritation ist dann im Roman natürlich noch viel stärker als bei mir.

„Brüten“ ist zum Beispiel auch ein Wort, das mich gerade sehr begeistert.

Sprache ist für Paolo Prescher eine Obsession – auch eine verstärkte Form deines eigenen Verhältnisses zu Sprache?
Ich bin von Wörtern total fasziniert und manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich besser ernähren als echte Nahrung. Wenn ich zum Beispiel Stefano Bartezzaghi (italienischer Journalist und Semiologe, Anm. d. Red.), Giorgio Vasta (italienischer Schriftsteller, Anm. d. Red.), Burkhart Kroeber (deutscher Übersetzer von Umberto Eco, Anm. d. Red.) reden höre, verspüre ich danach keinen Appetit mehr.

Die perfekte Diät. Damit könntest du reich werden.
Oder selbst abnehmen. „Brüten“ ist zum Beispiel auch ein Wort, das mich gerade sehr begeistert. Es klingt so gut, und ich wiederhole es immer und immer wieder, bis ich das einigermaßen richtig aussprechen kann, bis es richtig klingt. Das ist für mich leicht obsessiv, aber definitiv etwas, das ich liebe. Bei Paolo ist es nicht so einfach, es ist viel schmerzvoller und komplizierter als das, und da spielt Hass auch wieder eine Rolle, nur, dass es auf der erzählten Ebene passiert. Er hasst die unreine Sprache; die ist aber fest mit den Figuren verbunden, die diese benutzen. Wenn er die Sprache der Mutter zum Beispiel hasst, hasst er gleichzeitig auch seine Mutter.

Besonders gelobt wurde von der Jury dein Stil. Er ist lakonisch, humorvoll und gut lesbar. Ich weiß noch, wie du langsam zu diesem Stil gefunden hast. Gleichzeitig meintest du vor etwa zwei Jahren, dass ein guter Stil auch wenig nützt, wenn es keine Handlung gibt. Wie ist das bei „Lingua madre“?
Habe ich das wirklich gesagt? Das war sicherlich im Sinne einer Selbstkritik! „Lingua madre“ ist Paolos Geschichte von seiner Kindheit, bis er erwachsen ist. Nach dem Selbstmord des Vaters entscheidet Paolo, dass er aus Bozen weg muss, und er hört auf, Italienisch zu sprechen. Im Kopf redet er immer noch Italienisch, aber die Wörter, die er ausspricht, sind Deutsch. Er zieht nach Berlin, wo er Mira kennenlernt, eine Mailänderin, die ihm die Wörter auf Italienisch wieder „sauber“ macht und seine Welt verändert. Mit ihr wird er dann wieder nach Bozen zurückkehren.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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