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Interview mit Filmemacher Daniel Sager

„Das Rückgrat der freien Gesellschaft“

Was wäre eine Demokratie ohne investigative Journalisten? Und welche Folgen hat es, wenn sie lügen? Ein Gespräch mit dem Filmemacher und Journalisten Daniel Sager.

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An dieser Stelle wurde die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia ermordet.

Bild: Filmstill/Daniel Sager

Für den Film „Hinter den Schlagzeilen“ hat das berühmte Investigativressort der “Süddeutschen Zeitung” erstmals seine Türen für ein breiteres Publikum geöffnet. Filmemacher Daniel Sager war mit seiner Kamera dabei, als die Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier Edward Snowden interviewt haben, er reiste mit ihnen auf Malta, wo ihre Kollegin Daphne Caruana Galizia ermordet worden war, und er erlebte die Reaktionen in der Redaktion mit, als das Ibiza-Videomaterial veröffentlicht wurde und in Österreich die politische Bombe hochging. Der Film lief beim gestern zu Ende gegangenen Bolzano Film Festival Bozen 2022 und gewann den Publikumspreis der Stadt Bozen. Ein Gespräch mit Daniel Sager über die Höhepunkte, die Herausforderungen und den Sinn im Investigativjournalismus.

Wie hast du dir früher die Arbeit investigativer Journalisten vorgestellt?
Ich wusste schon, wie die arbeiten, weil ich als Dokumentarfilmer zum Teil auch so arbeite, zum Beispiel, was die journalistische Sorgfaltspflicht angeht. Ich persönlich hätte dann aber doch gedacht, dass man noch mehr im Feld unterwegs ist und Informationen persönlich vor Ort sammelt. Das hängt natürlich immer von der einzelnen Recherche ab, es wird aber recht viel anhand von Datensätzen ermittelt oder einfach aus dem Büro aus gearbeitet.

Filmemacher Daniel Sager

Bild: Daniel Sager
Wie hat sich dein Bild von dem Beruf sonst noch geändert?
Mir war natürlich schon vorher klar, dass dieser Beruf für die Demokratie essenziell ist, aber gerade das Beispiel Ibiza hat mir noch einmal krass verdeutlicht, wie wichtig diese Art von Journalismus für eine freie Gesellschaft ist. Und wir sehen jetzt anhand des Beispiels Russland, welcher Schaden entsteht, wenn es keinen freien Journalismus gibt.

Ist daraus auch deine Motivation entstanden, diesen Film zu drehen?
Als wir angefangen haben, diesen Film zu machen, waren wir noch in einer etwas anderen Situation als jetzt. Man hat damals, im Jahr 2018, viel über Fake News diskutiert, und wir haben gemerkt, dass vielen Leuten gar nicht klar ist, wie Journalisten konkret arbeiten und dass es eben diese Sorgfaltspflicht gibt, an die sie sich halten müssen. Daraus ist die Idee entstanden, einen Film zu machen, bei dem man den Journalisten hautnah beim Arbeiten zuschaut.

Da bot sich das Investigativressort der Süddeutschen Zeitung als ideale und wohl auch prestigereichste Adresse an. War es schwierig, den SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier bei ihrer Arbeit so zu Leibe zu rücken? Immerhin sind die Themen häufig sehr heikel und explosiv.
Es hat deshalb ein Jahr Vorbereitung gebraucht, in dem wir Gespräche mit der Süddeutschen Zeitung geführt haben. Es war lange Zeit nicht klar, ob wir diesen Film überhaupt machen dürfen. Es gab verschiedene Bedenken, zum einen, dass Informationen ungefiltert und unverifiziert über den Film an die Öffentlichkeit gelangen würden, es ging aber auch stark um Quellenschutz. Wir mussten daher lange für dieses Projekt werben und Vertrauen aufbauen. Dieses Vertrauen ist während der Dreharbeiten weiter gewachsen, sodass wir auch eine Geschichte wie die Veröffentlichung der Ibiza-Videos hautnah mitbegleiten durften.

Die Journalisten tauschen sich häufig darüber aus, wie Menschen und Situationen auf sie gewirkt haben. Waren diese Reflexionsphasen speziell für den Film gedacht oder machen sie das immer so?
Natürlich findet dieser Austausch die ganze Zeit statt. Man überlegt, was man besser machen kann, wo eventuelle Fehlerquellen liegen. Das hat nicht extra für die Kamera stattgefunden, aber wir haben uns zum Teil so verabredet, dass das zu einem Zeitpunkt geschieht, wo ich gerade mit dem Kamerateam da bin.

Der Druck, keine Fehler zu machen, ist sehr groß. Und der sorgt dafür, dass man nicht abhebt.

Was macht das eigentlich mit Journalisten, wenn sie über Material verfügen, das das Potential hat, eine Regierung zu stürzen? Solche Informationen bringen doch eine ungeheure Macht mit sich, kann man da noch bodenständig bleiben?
Ich hatte das Gefühl, dass solche Informationen einen unter Druck setzen und auch ein bisschen Angst machen. Gerade weil diese Informationen von so großem öffentlichem Interesse sind, macht man sich angreifbar. Der Druck, dabei keine Fehler zu machen, ist sehr groß. Und der sorgt dafür, dass man nicht abhebt, sondern großen Respekt hat und so habe ich die Journalisten der Süddeutschen Zeitung auch erlebt. Sie haben sich immer wieder vergegenwärtigt, dass man nur die Information veröffentlicht. Darauf, was die Gesellschaft dann daraus macht, ob die Regierung zurücktreten muss oder nicht, darüber haben die Journalisten keinen Einfluss und das kann auch nicht ihr Vorsatz sein.

Dass Journalisten mit ihrer Arbeit etwas bewegen, merkt man auch daran, dass sie bedroht und leider sogar umgebracht werden, wie im Fall der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia. Wie hast du diese Atmosphäre der Bedrohung erlebt?
Malta ist ja erstmal ein wunderschönes Land. Einerseits hat man diese märchenhaften Strände, die altertümlichen Gebäude und den Tourismus, andererseits verbirgt sich unter dieser schönen Oberfläche ein korruptes Geflecht aus mafiösen Strukturen, was vielen gar nicht bewusst ist, weil es sich visuell nicht äußert. Das stimmt nachdenklich.

Kehren wir noch einmal zur Motivation zurück, die diesen Film veranlasst hat. Welche Bedeutung hat diese Art von Journalismus für eine freie Gesellschaft?
Investigative Journalisten sind das Rückgrat einer freien Gesellschaft, sie übernehmen gegenüber politischen Institutionen und privaten Firmen die Rolle einer Kontrollinstanz. Sie nehmen sich die Zeit, gerade dort zu investigieren und Missstände aufzudecken, wo ein normaler Bürger gar nicht die Ressourcen dazu hätte und wo mächtige Akteure alles unternehmen, um etwas zu vertuschen.

Journalisten machen Fehler, wie jeder andere auch, und dabei kann es leider auch immer wieder zu menschlichen Verfehlungen kommen.

Nach diesem Blick hinter die Kulissen hörst du immer noch Leute, die von Lügenpresse reden: Was würdest du denen entgegenhalten?
Der Vorwurf der Lügenpresse ist sehr verallgemeinernd. Man kann nicht eine komplette Branche mit Dutzenden Medienhäusern und tausenden unabhängigen Journalisten unter einen Hut kehren. Journalisten machen Fehler, wie jeder andere auch, und dabei kann es leider auch immer wieder zu menschlichen Verfehlungen kommen, Stichwort Relotius. Aber man kann deshalb nicht einer ganzen Branche vorwerfen, alle gleich zu arbeiten und vorsätzlich zu lügen.

Ist das Fälschen von Geschichten für Dokumentarfilmer im Allgemeinen schwieriger als für einen Text-Journalisten? Immerhin muss sich das Bildmaterial mit der Geschichte decken.
Das stimmt, aber unmöglich ist es nicht. Es gab ja diesen Film „Lovemobil“, wo die Regisseurin quasi mit Laiendarstellern gearbeitet hat, den Film aber dann nicht als Scripted Reality, sondern als Dokumentarfilm verkauft hat. Man sollte also auch hier die Dinge immer mit wachsamem Auge betrachten.

Edward Snowden sagt, seine Arbeit als Whistleblower könne von Journalisten auch missbraucht werden. Was meint er damit? 
Als Whistleblower gibt man eine Geschichte an Journalisten weiter und die Journalisten übernehmen diese unter der Bedingung, dass ihnen nicht vorgegeben wird, wie sie zu veröffentlichen ist. Das gehört zu ihren Pflichten, ansonsten besteht die Gefahr, dass die Journalisten sich instrumentalisieren lassen. Der Whistleblower hat also keine Macht mehr darüber, mit welchem Spin und mit welchem Framing die Geschichte veröffentlicht wird. Die Journalisten können auch Informationen weglassen, um eine Person zu schützen, oder die Geschichte so bringen, dass sich ein ganz anderes Bild ergibt. Deshalb suchen sich Whistleblower in der Regel ganz genau aus, an wen sie mit ihren Informationen herantreten.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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