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Interview über häusliche Gewalt

Wenn Liebe zum Gefängnis wird

Filmemacher Günter Schwaiger über die Tabuisierung von häuslicher Gewalt, ihre Folgen für Kinder, und warum Medien anders darüber berichten sollten.

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Bild: Sydney Sims/unsplash

Liebe auf den ersten Blick, blaue Flecken auf den zweiten? Filmemacher Günter Schwaiger geht in seinem Spielfilm „Der Taucher” den Abgründen der häuslichen Gewalt nach.

Rechts im Bild: Filmemacher Günter Schwaiger

Titel & Urheber des Bildes: 
Günter Schwaiger
Ihren Film „Der Taucher” widmen Sie allen Frauen und Kindern, die Opfer von Gewalt wurden. Warum liegt Ihnen dieses Thema am Herzen?
Ich beschäftige mich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen schon seit mehr als zehn Jahren, auch wegen persönlicher Erlebnisse: Im eigenen Umkreis habe ich immer wieder von Fällen gehört. In Spanien ist 2015 ein neues Gesetz gegen Gewalt an Frauen eingeführt wurden, das erschien in den Medien auf den Titelseiten und es drangen viele Fälle häuslicher Gewalt an die Öffentlichkeit. Das hat mich bewegt, denn mir wurde bewusst, wie tabuisiert dieses Thema im Gegensatz zu Spanien in unseren Medien ist, obwohl es hier genauso präsent im Alltag vieler Frauen ist. Daher war es mir wichtig, zu diesem Thema einen Film machen.

Schön, dass Sie als Mann sich dem Thema widmen. Oft wird es nur von weiblichen Autorinnen oder Künstlerinnen aufgegriffen.
Ich hatte am Anfang enorme Schwierigkeiten, meinen ersten Dokumentarfilm zum Thema Gewalt an Frauen zu finanzieren, weil man mir von institutioneller Seite immer wieder sagte, das sei ein Frauenthema. Gewalt gegen Frauen zieht sich aber so stark durch unsere Gesellschaft, dass keiner wegschauen sollte. Greifen auch mehr Männer das Thema auf, kann es vielleicht aus dieser Marginalisierung und diesem Klischee herausgeholt werden. Es ist wichtig, dass auch die Männer dazu beitragen, das Thema der häuslichen Gewalt präsenter zu machen, um es zu bekämpfen. Es kann keine gleichgestellte Gesellschaft geben, solange die Menschenrechte der Hälfte der Bevölkerung missachtet werden, und zwar durch stille Akzeptanz von Gewalt ihnen gegenüber.

Häusliche Gewalt bleibt bisher aber weiterhin ein Tabu, und oftmals auch unentdeckt. Wie können Mitmenschen Gewaltsituationen erkennen und wie angemessen darauf reagieren?
Es geht vor allem um Aufmerksamkeit. Es sind oft Kleinigkeiten, etwa wenn der Mann die Frau entwertet, beleidigt oder ihr die Verantwortung abspricht, auf die das Umfeld reagieren sollte. Auch wenn Frauen anfangen, sich zu isolieren, kann das ein Hilferuf sein. Solche Zeichen gibt es viele, man muss nur den Mut haben, sie anzusprechen, um rechtzeitig reagieren zu können. Das ist leider oft schwer, weil viele sich einreden, dass gerade dieser eine Freund nicht so sein kann, dass man die Situation sicher missversteht. Vor allem wir Männer sollten aber Verantwortung übernehmen – die beginnt oft schon beim Macho-Witz oder einem verachtenden Kommentar – und klar sagen, dass das nicht in Ordnung ist.

Dass die traurige Geschichte ausgerechnet in das idyllische Ibiza, mit romantischem Ferienhäuschen und Strandkulisse gebettet ist, wirkt paradox. Was hat es mit der Auswahl des Filmsettings auf sich?
Es war mir wichtig, eine Insel als Setting auszuwählen, die einerseits etwas Idyllisches und Schönes repräsentiert, hinter dessen Oberfläche sich aber etwas Dunkles befindet. Und genau so ist es bei Gewalt an Frauen: Die Liebe wird immer verkitscht, aber wenn sie nicht richtig gelebt wird, kann sie auch zum Gefängnis werden. So wie eine Insel.

Ihr Film widmet sich auch der miterlebten Gewalt. Was macht Gewalt, selbst wenn sie gegen die Mutter gerichtet ist, mit den Kindern, die sie miterleben?
Das hinterlässt sehr starke Spuren, und belastet sie ihr ganzes Leben lang. Kinder müssen nämlich erstmal ihre Persönlichkeit aufbauen, in einer Situation häuslicher Gewalt aber gleichzeitig sich selbst schützen und in manchen Fällen Verantwortung für die Mutter übernehmen. Es gelingt daher nur den wenigsten Kindern, halbwegs unbeschadet aus der Situation herauszukommen. Meist solche, die psychologische Hilfe bekommen und wo die Mutter es rechtzeitig schafft, dem Partner zu entkommen. Kinder, die keine psychologische Begleitung erhalten, wiederholen als Erwachsene dann meistens die Muster der eigenen Eltern, sei es als Täter oder als Opfer.

Protagonisten Paul und Robert: Schafft es der Sohn, gegen den manipulativen Vater aufzubegehren?

Titel & Urheber des Bildes: 
Robert Staudinger

Ihr Film zeigt auch psychische Gewalt. Welche Folgen hat es für Kinder, wenn der Vater sich gegenüber der Mutter beleidigend äußert?
Die Herabwürdigung der Frau können dem Kind das Bild seiner Mutter zerstören. Entweder das Kind imitiert das Verhalten des Vaters, und hält die Mutter ebenso für nichts wert, oder es fühlt sich als schuldig und bezieht die Entwertung auf sich selbst. Das sind natürlich einschneidende, traumatische Erlebnisse, die die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Solchen Kindern fehlen die Modelle, an die sie sich orientieren sollen: Vater, Mutter, Mann, Frau, Solidarität, Zusammenarbeit, Zärtlichkeit. All das sehen sie nicht. Sie sehen nur Missachtung, Hass und Zerstörung. Sie können diese Erlebnisse aber nicht einordnen, weshalb solche Kinder später auch häufig selbstschadendes Verhalten entwickeln.

Auch der Umgang der Eltern mit den Kindern wird im Film thematisiert. Welches Verhalten ist in dieser Situation das richtige?
Im Film wollte ich diese zwei verschiedenen Arten, wie damit umgegangen wird, zeigen. Obwohl Mutter Irene von der Abhängigkeit zum Mann nicht wirklich loskommt, hat sie die Tochter Lena in der Erziehung eigentlich immer gestärkt. Ihre Beziehung baut auf gegenseitigem Respekt, Liebe und Nähe. Das gibt Lena schlussendlich das Instrumentarium, von der Manipulation des Stiefvaters loszukommen. Bei Paul und Robert ist es anders: Zwar bewundert Robert seinen Vater, doch sieht er auch das Diabolische in ihm und leidet darunter. Paul versucht, seinen Sohn zu manipulieren, indem er ihn zu seinem Psychiater-Freund schickt, der ihn vergessen machen soll, dass er seine Mutter schlug. Paul nutzt seine väterliche Rolle und damit verbundene Gefühle aus, um Robert auf seine Seite zu ziehen. So eine Ausnutzung kann nur in die Katastrophe führen, was ja schlussendlich passiert.

Gewalt gegen Frauen passiert auch in gutbürgerlichen, intellektuellen Familien; häufig sind die Täter charmant, kreativ, erfolgreich.

Der Protagonist Paul ist in vieler Hinsicht widersprüchlich: Einerseits ein Gewalttäter und Manipulateur, doch zeigt sich der erfolgreiche Musiker auch von seiner verletzlichen und sensiblen Seite. Warum haben Sie die Figur so gezeichnet und wie erklären Sie sich das zerrissene Verhalten?
Ich wollte durch die Figur von Paul ganz bewusst mit dem Klischee brechen, dass nur eine bestimmte Art von Männern ihre Frauen schlagen. Es sind nicht die Ausländer, Bildungsfernen oder Muskelpakete mit Bierdose in der Hand, wie wir es uns vorstellen. Gewalt gegen Frauen passiert in gutbürgerlichen, intellektuellen Familien; häufig sind die Täter charmant, kreativ, erfolgreich, so wie Paul. Darüber wird aber am allerwenigstens geredet.

Warum ist das so?
Ein Psychotherapeut, mit dem ich seit 30 Jahren arbeite, sagt, es sind häufig Ja-Sager, die gewalttätig werden. Also Männer, die sich nach außen hin sozial sehr anpassen und nicht aggressiv auftreten. Das sind Männer, die innerlich zerrissen sind und mit ihren Emotionen nicht umgehen können. In einer Beziehung versuchen diese Männer die Partnerin abhängig zu machen, ihr die Persönlichkeit, ihr Selbstwertgefühl zu entziehen. Die eigene Unsicherheit und Schwäche werden dadurch in die Partnerin hineinprojiziert. Gleichzeitig können solche Männer aber auch faszinierend sein und charmant. Wenn sie klug sind, schaffen sie es, diese Facetten zu nutzen, um andere Menschen zu manipulieren.

Das erklärt wohl auch, warum es Opfern häuslicher Gewalt oft so schwerfällt, aus der Situation auszubrechen.
Es gibt dazu einen Spruch: Wo gibt es im Krankenhaus die meisten Blumen? Das ist nicht etwa in der Geburtenstation, sondern in der Abteilung, in der Frauen liegen, die von ihren Männern misshandelt wurden. Die Täter sind ja nicht konstant gewalttätig, sondern können sich auch mal wochenlang von ihrer netten Seite zeigen. So spielen sie mit ihren Opfern, erinnern sie daran, wie schön es auch sein kann. Genau dieses Hin und Her macht es so schwer für Frauen, den Mann zu verlassen. Auch hängt es oftmals mit ökonomischer Abhängigkeit zusammen. Oder es sind Kinder im Spiel, denen man keine Trennung zumuten möchte.

Die Mutter sagt in einer Szene: „Ich will keine Polizei mehr, das macht alles nur schlimmer“. Versagen unsere Behörden im Schutz gegen gewalttätige Partner?
Ich würde es nicht auf die Polizei reduzieren, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Sicherlich sind Sicherheitskräfte zu wenig präsent und haben nicht genug Instrumentarien, um rechtzeitig und ausreichend einzugreifen. Aber auch in der Politik wird das Thema verleugnet. Es gibt zu wenig Aufklärung in der Schule, es gibt zu wenig Frauenhäuser. Junge Mädchen, die Opfer von Internet-Mobbing werden, bekommen zu wenig Hilfe. Meist reagieren die Behörden erst, wenn die Frau mit zerschlagenem Gesicht im Krankenhaus auftaucht. Eine große Schuld trifft meiner Meinung aber die Medien. Es wird viel zu wenig und zu oberflächlich darüber berichtet. Die Texte zitieren oft den Täter oder umschreiben ihn mit entschuldigenden Adjektiven wie „verzweifelter Ehemann“. In Spanien ist das nicht mehr möglich. Dort wurde gemeinsam mit der Politik und der Justiz ein Regelsystem entworfen, wie über Frauenmorde berichtet werden soll. Die Verantwortung der Presse in dieser Hinsicht ist nicht zu unterschätzen.


Der Film “Der Taucher “ ist bis zum 21. November 2020 beim Bolzano Filmfestival zu sehen. Heute, am 18. November gibt es um 20.15 Uhr zusätzlich einen Online Talk via Facebook-Event zum Thema “Gewalt gegen Frauen”. Es diskutieren Marcella Pirrone, Rechtsanwältin und Präsidentin des europäischen Netzwerks „Wave – Women against violence Europe„, Cristina De Paoli , Psychologin und Koordinatorin des Zentrums „Il Germoglio- der Sonnenschein La Strada – der Weg“, Guido Osthoff, Leiter der Männerberatung Caritas und der Regisseur Günter Schwaiger. 

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