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Illustrations by Sarah
Teresa Putzer
Veröffentlicht
am 10.01.2024
LebenInterview mit Michael Matiu

Wenn die Schneetage schwinden …

„Warme“ Winter und halbbeschneite Skipisten: Michael Matiu forscht intensiv zum Klimawandel im alpinen Raum. Der Statistiker und Mathematiker über den Schneemangel und dessen Folgen für Flora, Fauna und Wasserversorgung.
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Im Rahmen eines Themenabends hält der Wissenschaftler und ehemalige Eurac-Mitarbeiter am 12. Januar einen Vortrag mit dem Titel “Schnee im Klimawandel – Berechtigte Sorgen oder alles nur Märchen?” in Bruneck. BARFUSS hat ihn vorab zum Interview gebeten.

BARFUSS: Herr Matiu, warum ist Schnee aus klimatischer Perspektive von Bedeutung?
Michael Matiu: Schnee ist aus zwei wesentlichen Gründen von Bedeutung. Erstens beeinflusst er das Klima durch den sogenannten Albedo-Effekt. Schnee reflektiert das Sonnenlicht aufgrund seiner hohen Rückstrahlkraft. Obwohl die Alpen vielleicht keine riesige Fläche abdecken, sind global betrachtet im Winter Millionen von Quadratkilometern von Schnee bedeckt. Dies wirkt sich sowohl erheblich auf das Wetter als auch auf das Klima aus, insbesondere wenn der Schnee schmilzt. Ohne Schnee erwärmt sich die Erde deutlich schneller, was einen bedeutenden Einfluss auf die zukünftige Entwicklung hat. Der zweite wichtige Aspekt von Schnee, insbesondere in Bergregionen, betrifft die Wasserversorgung. Schnee beeinflusst wann und wie viel Wasser in den Flüssen abfließt, in deren Einzugsgebiet die Berge liegen. Ein Beispiel hierfür ist die Etsch, die fast sämtliche Berge in Südtirol und darüber hinaus durchquert, oder der Fluss Po, der sich durch nahezu die gesamten italienischen Alpen schlängelt.


Global betrachtet sind im Winter Millionen von Quadratkilometern von Schnee bedeckt.

Wie haben sich die Schneemengen in den Jahren verändert?
In Südtirol haben wir in den letzten Jahrzehnten Schneerückgänge erlebt, insbesondere in tieferen Lagen; zu Beginn sowie am Ende der Saison. Diese Rückgänge sind besonders spürbar entlang der Null-Grad-Temperatur-Grenze. Vor allem in tieferen Lagen, wo es generell wärmer ist, ist der Klimawandel spür- und sichtbar, da hier die Schneemengen am stärksten zurückgegangen sind.      
In höheren Lagen, also oberhalb von 2.000 Metern in den Alpen, bleibt es meistens noch kalt genug. In diesen Regionen haben wir in den letzten Jahrzehnten keine erkennbaren Veränderungen im Winter erlebt. Jedoch könnte sich dies mit der Fortsetzung des Klimawandels in Zukunft ändern.
Denn auch über 2.000 Metern Höhe schmilzt der Schnee am Ende der Saison heutzutage viel schneller als vor 30, 40 oder 50 Jahren. Besonders im Frühling sind die Auswirkungen am deutlichsten zu erkennen und dies betrifft alle Höhenlagen.

Mit steigender Temperatur fällt weniger Schnee, und wenn doch, schmilzt er rascher.

Lässt sich dieser Rückgang mit dem Klimawandel erklären?  
Eines der deutlichsten Anzeichen für den Klimawandel ist zweifellos die Temperaturerhöhung. Mit steigender Temperatur fällt weniger Schnee, und wenn doch, schmilzt er rascher. Der zweite relevante Faktor hierbei ist der Niederschlag. Für Schneefall ist Regen erforderlich. Hierbei ist ein markanter Unterschied zwischen dem Norden und Süden zu beobachten. Im Winter gibt es im Norden öfters Niederschläge von geringerer Intensität, während es im Süden seltener regnet dafür aber intensiver. Dieses Jahr zum Beispiel hat es im Norden viel geregnet und aufgrund der niedrigeren Temperaturen auch oft geschneit.
Im Gegensatz dazu gab es im Süden bis zu diesem Wochenende Anfang Januar seit November so gut wie keinen nennenswerten Schneefall, da es einfach nicht geregnet hat. Obwohl die Temperaturen zwischendurch kalt genug für Schnee waren, ist keine einzige Schneeflocke gefallen. Diese Situation war zumindest im Süden in den letzten beiden Jahren ähnlich. Diese Variabilität des Niederschlages und wie sie sich möglicherweise in Zukunft ändern wird, macht es schwerer die Auswirkungen auf den Schnee vorherzusagen. Der Einfluss der Temperatur hingegen lässt sich sowohl in den Klimamodellen prognostizieren als auch als entscheidend für den Schneefall erkennen.

Alpen

Was sagen die aktuellen Klimatrends über die Veränderungen bei den Schneemengen aus?
Bei den Veränderungen spielen die Auswirkungen der Temperatur eine zentrale Rolle. Unsere analysierten Szenarien umfassen das Pariser Ziel, also eine Erwärmung von 1,5 Grad, sowie ein business-as-usual-Szenario, welches einer Erwärmung von 4 bis 5 Grad entspricht. In beiden Fällen zeigt sich eine deutliche Verringerung der Tage mit Schneebedeckung. Bei einer Erwärmung von 4-5 Grad ist dieser Rückgang etwa zwei- bis dreimal stärker als bei einer Temperaturerhöhung von nur 1,5-2 Grad. Einige Klimamodelle prognostizieren zwar auch eine Zunahme des Niederschlags im Alpenraum, jedoch ist Vorsicht geboten, da dies wahrscheinlich vorwiegend auf der nördlichen Seite der Alpen zutrifft.
Zudem reicht die erwartete Zunahme des Niederschlags nicht aus, um den Temperaturanstieg auszugleichen. Insgesamt zeigen die meisten Studien, einschließlich unserer eigenen, dass trotz möglicher vermehrter Winter-Niederschläge der Temperaturanstieg zu groß ist, sodass wir in Zukunft mit weniger Schnee rechnen müssen. Die genaue Menge und Verteilung ist eine heikle Frage, aber vor allem in tieferen Lagen und insbesondere im Frühling wird der Rückgang der Schneedecke deutlich spürbar sein.

Wenn der Schnee fehlt, sind Pflanzen und Tiere den kalten Temperaturen und Umwelteinflüssen schutzlos ausgeliefert.

Wie könnte sich das auf die Umwelt auswirken?
Im Winter fungiert der Schnee als Schutz für den Boden und die darunter liegende Vegetation. Wenn der Schnee fehlt, sind die Pflanzen den kalten Temperaturen und Umwelteinflüssen schutzlos ausgeliefert. Zusätzlich spielt der Schnee eine entscheidende Rolle für einige Tiere, die ihn als Ruhepause nutzen oder die bei weniger Schnee leichter Nahrung finden.

Wie sieht es mit der Wirtschaft aus?
Schnee hat als Wasserressource eine große wirtschaftliche Bedeutung. Die Schneeschmelze im Frühling und Sommer füllt die Staudämme im Alpenraum und ermöglicht die Produktion von klimaneutralem Strom. Wenn der Schnee jedoch früher schmilzt, verschiebt sich diese Dynamik. Im Winter wird mehr Regen fallen, es gibt weniger Schnee, der später schmelzen kann und im Sommer werden wir dann weniger Wasser haben im Vergleich zur gegenwärtigen Situation, in der der Schnee als Puffer den Wasserabfluss reguliert. Dies beeinflusst nicht nur die Verfügbarkeit von Wasser für die Stromproduktion, sondern auch für die Landwirtschaft.
Im Jahr 2022 erlebte Norditalien eine erhebliche Dürre aufgrund fehlenden Niederschlags. Obwohl der Schnee nicht die Hauptursache war, könnte er als Puffer dazu beitragen, den fehlenden Sommerregen auszugleichen. Ohne diesen Puffer steigt die Wahrscheinlichkeit und Intensität von Dürren erheblich.

Der primäre Schritt besteht selbstverständlich darin, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

Gibt es bereits Maßnahmen oder Anpassungsstrategien, um den Schneeverlust zu bewältigen?
Der primäre Schritt besteht selbstverständlich darin, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, um zu verhindern, dass diese Auswirkungen überhaupt eintreten. Dies wäre zweifellos das Nonplusultra. Im Hinblick auf Anpassungsmöglichkeiten wird intensiv daran gearbeitet, die Effizienz in der Landwirtschaft zu steigern. Beispiele hierfür sind fortschrittliche Bewässerungstechniken wie die Tröpfchenbewässerung, die geringere Verluste aufweist, oder die Anpflanzung von Pflanzensorten, die besonders trockenheitsresistent sind.
Außerdem ist eine entscheidende Maßnahme die Optimierung der Nutzung von bestehenden Wasserspeichern. Diese sollten nicht ausschließlich für die Stromproduktion optimiert werden, sondern auch für die Landwirtschaft, die Bevölkerung und die Vegetation, um den Wasserabfluss danach gezielt zu steuern. Diese Optimierung stellt natürlich eine Herausforderung dar, da verschiedene Regionen und Akteur:innen kooperieren müssen. Mehr Wasserspeicher bauen ist hingegen nicht unbedingt die bessere Lösung, da deren schwerwiegende ökologische und klimatische Folgen berücksichtigt werden müssen.

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