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Lockdown-Maßnahmen

Was denkt die „Risikogruppe“?

Über die richtigen Maßnahmen zum Schutz der Risikogruppen wird heftig diskutiert, doch Betroffene kommen selten zu Wort. BARFUSS hat bei älteren Menschen nachgefragt.

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Bild: Lucrezia Carnelos/unsplash

Wie erleben Senioren den Lockdown? Was ist ihre Meinung zur Impfung? Und fühlen sie sich als Risikogruppe ausreichend beschützt? Vier Menschen, die wegen ihres Alters als Risikogruppe gelten, geben Auskunft.

„Hätte es damals eine Impfung gegeben, wäre mein Leben anders verlaufen“

Ein Problem sehen Josef Frenademez (84) und Paula Pramstaller (78) eher in Maskenverweigerern als in den Maßnahmen.

Bild: Josef Frenademez/Paula Pramstaller

Paula Pramstaller (78) aus Olang und ihr Mann Josef Frenademez (84) aus Badia. Das Ehepaar lebt heute in Bozen:

Wie ging es Ihnen während der beiden Lockdowns?
Paula Pramstaller: Beim ersten Lockdown ging es uns nicht gut. Beim zweiten ging es besser, da man auch als Senioren das Haus verlassen konnte.

Haben Sie in ihrem Leben schon einmal so etwas erlebt?
Josef Frenademez: Diese Zeit ist wirklich sehr außergewöhnlich. Allerdings werden Erinnerungen wach, die wir während des 2. Weltkrieges erlebten. Da hieß es bei den Bombenangriffen, schnell etwas Warmes anzuziehen und in Bunker oder Keller flüchten.

Sie gehören laut Wissenschaftlern zur sogenannten „Risikogruppe“. Wie geht es Ihnen mit dieser Einstufung?
Pramstaller: Diese Einstufung finden wir in Ordnung, da man in einem gewissen Alter wirklich meist schon mit anderen Erkrankungen belastet ist.

Fühlen Sie sich als Teil der Risikogruppe ausreichend beschützt durch die Maßnahmen, die unsere PolitikerInnen einführen?
Frenademez: Wir fühlen uns eigentlich schon beschützt. Was uns oft ärgert, sind einige Mitmenschen, die die Regeln nicht einhalten. Zum Beispiel fragt man sich oft, wo die Maske bleibt.

Was halten Sie von der These, Corona sei nur eine Grippe und es sollten ausschließlich Risikopatienten isoliert werden?
Pramstaller:  Wir denken, dass bis jetzt richtig gehandelt wurde, denn nur die Risikogruppe zu isolieren, wäre sicher der falsche Weg gewesen.

Werden Sie sich impfen lassen, sobald Sie die Möglichkeit dazu erhalten?
Frenademez: Ja, ganz sicher werden wir uns impfen lassen. Wir zweifeln nicht an der Impfwirkung, wir sind da sehr zuversichtlich. Ich selbst bin als Kind schwer an der Kinderlähmung erkrankt, da es noch keine Impfung dafür gab. Hätte es damals eine Impfung gegeben, wäre mein Leben anders verlaufen.

„Wenn Regeln zu streng sind, tendieren Menschen dazu, sie zu brechen“

Hofft darauf, ihre Atemschutzmaske bald permanent abnehmen zu dürfen: Miranda Calabrò.

Bild: Fotolinda

Miranda Calabrò ist 78 Jahre alt und lebt in Trient. Weil ihre Familie in Südtirol wohnt, musste sie dieses Weihnachten abgeschieden von Kindern und Enkeln feiern.

Wie fühlt es sich an, als Teil der „Risikogruppe“ eingestuft zu werden?
Ich bin froh darüber, offiziell zur Risikogruppe zu gehören. Dadurch genießt man in dieser turbulenten Zeit einen besonderen Schutz und kann mit gutem Gefühl zu Hause bleiben.

Was halten Sie von den Schutzmaßnahmen, die in Südtirol bzw. Italien eingeführt wurden?
Meiner Meinung nach sind die Maßnahmen weitgehend gerechtfertigt. Im Sommer hat sich gezeigt, dass die Regeln ansonsten nicht eingehalten werden. Dafür fehlt leider der nötige Bürgersinn.
Wenn die Regeln aber zu streng sind, tendieren die Leute dazu, sie zu brechen und gehen dann auch mit jenen Regeln gelassener um, die eigentlich sinnvoll wären. Auch in Südtirol hat man mit der pauschalen Schließung der Geschäfte, Bars und Restaurants bis zum 6. Jänner meiner Meinung nach über das Ziel hinausgeschossen. Am wichtigsten ist die Gesundheit, aber irgendwann wirken sich wirtschaftliche Sorgen auch auf die Gesundheit aus.

Werden Sie sich impfen lassen, sobald sie die Möglichkeit dazu erhalten?
Ich werde mich auf jeden Fall impfen lassen. Ich gehöre zu denen, die Vertrauen in Medizin und Wissenschaft haben.

Wie wurde bei Ihnen heuer Weihnachten gefeiert?
Ich lebe allein und hätte die Feiertage gerne im engen Kreis meiner Familie verbracht. Das war wegen der geltenden Regeln leider nicht möglich, weil ich im Trentino wohne und meine Familie in Südtirol.

„Auch wer in ein Flugzeug steigt, verlässt sich auch auf die Technik“

“Der Schutz vor einer Infektion hängt letztlich von jedem Einzelnen ab, weniger von der Politik”, sagt Armand Mattivi.

Bild: Armand Mattivi

Der Bozner Armand Mattivi steht kurz vor seinem 78sten Geburtstag. Eine Viruspandemie hat er schon einmal miterlebt.

Haben Sie in ihrem Leben eine ähnliche Situation wie die Coronapandemie erlebt?
Ich habe Mitte der 50er Jahre eine Grippepandemie erlebt. Ich war damals in einem Bubenheim in Bozen und einer der letzten Heiminsassen, die von der Grippe erreicht wurden. Damals war es für uns eine außergewöhnliche, aber keine belastende Situation. Was jetzt abläuft, ist wirklich viel schlimmer und beklemmend.

Sie gehören zur sogenannten „Risikogruppe“. Wie geht es Ihnen mit dieser Einstufung?
Damit muss ich auch im normalen Alltag leben. Daher erlebe ich keine zusätzliche Belastung.

Fühlen Sie sich als Teil der Risikogruppe ausreichend beschützt durch die Maßnahmen, die unsere PolitikerInnen einführen?
Die Politiker und die Wissenschaftler tappen zum Großteil noch im Dunklen, tun aber nach bestem Wissen und Gewissen das Beste. Letztlich hängt der Schutz nicht von ihnen, sondern vom Verhalten eines jeden Einzelnen ab.

Was halten Sie von der aktuellen Impfdebatte?
Ich finde, beim Impfen handelt es sich um einen Akt gelebter Solidarität. Doch jedermann ist frei eine eigene Meinung zu haben. Die Impfung soll deshalb weiterhin freiwillig erfolgen. Wer sich aber weigert, sollte im Krankheitsfall die Spitalspesen selber tragen müssen.

Können Sie die allgemeine Impfskepsis verstehen?
Diese Impfstoffe sind, bevor sie von den zuständigen Behörden zugelassen wurden, bereits bei vielen tausenden Menschen erfolgreich getestet worden. Auch wer in ein Flugzeug steigt, verlässt sich auf die Technik und auf die Menschen, die solche Maschinen erfinden, bauen, warten und steuern; Und trotzdem kommen nicht immer alle Fahrgäste heil an ihr Ziel.

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