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Menschen mit Beeinträchtigung

Voll vergessen

Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigung sind nach zwei Jahren noch immer im Notbetrieb. Warum das für betroffene Familien, Betreute und Pflegende ein großes Problem ist.

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Bild: Shutterstock

Kennen Sie die kleine Hexe Bibi Blocksberg? Die meisten kennen Bibi, aber die wenigsten kennen Bibis Bruder Boris. Boris wurde nämlich in Folge 7 wegen starken Asthmas an die Ostsee geschickt und von dort nie wieder abgeholt. In Folge 9 fällt Bibi der fehlende Bruder kurz ein, ansonsten verliert in den restlichen 139 Folgen keiner je ein Wort darüber. So wie Boris Blocksberg geht es gerade unseren Mitmenschen mit Beeinträchtigung: Man hat sie vor zwei Jahren in den Lockdown geschickt und dort dann irgendwie vergessen. Weil man außerdem vergessen hat, über die, die man vergessen hat, zu berichten, wissen die meisten Leute grad gar nicht, was in den teilstationären Einrichtungen für Menschen mit Behinderung derzeit so läuft: zu wenig nämlich.

Darum kurze Bestandsaufnahme: Bis auf wenige kleinere, private Tageseinrichtungen und das Wohnheim in Gröden, arbeiten die teilstationären Dienste noch immer im Notbetrieb, informiert mich die Vizepräsidentin des AEB-Arbeitskreis Eltern Behinderter Irmhild Beelen. Konkret bedeutet das, dass geimpfte Menschen mit Beeinträchtigungen noch immer nur wenige Stunden in ihren Tageseinrichtungen sein können: Entweder können sie nur halbtags bleiben und wenn ganztags, dann nur zwei bis drei Mal in der Woche. Oder eine Woche schon und eine Woche nicht.

Weil mit Impfung, Testen, Schutzmaterialen und Desinfektionsmittel das Maximum an Schutzmöglichkeiten inzwischen ausgereizt ist, drängt sich schön langsam die Frage auf: Bleibt das jetzt so oder kann das langsam mal wieder weg? Da die Distanzierungs- und Isolierungsmaßnahmen an sich eigentlich gesundheitsschädlich sind, sollten sie bekanntlich nur als Ultima Ratio eingesetzt werden, wenn uns etwa die Inzidenzen um die Ohren fliegen und die Intensivbetten knapp werden — nicht aber als Standardmaßnahme. Im Standardprogramm sind diese Präventionsmaßnahmen nämlich keine Lösung, sondern ein Problem.

Wir können zwar die halben Alpen untertunneln und hochmoderne Cabrio-Seilbahnen auf die schrägsten Gipfel bauen, aber mit Bussen haben wir in Südtirol halt bekanntlich ein eher glückloses Händchen.

Und die Probleme werden in den betroffenen Familien immer größer, denn neben den reduzierten Tagestätigkeiten sind Entlastungsangebote wie die Notbetten und Wochenendangebote noch ganz ausgesetzt. Zusammengefasst wird also seit zwei Jahren einerseits die familiäre Belastung erhöht, gleichzeitig reduziert man die Entlastung. Lässt man Pflegende aber ungebremst ins Burnout rasen, schafft man gleich mehrere Baustellen: Einerseits ist ohne Unterstützung die Familien- und Förderarbeit auf Dauer nicht zu schaffen — geschweige denn die Berufstätigkeit — und andererseits werden die Pflegenden selbst krank, denn die Anfälligkeit für viele Erkrankungen ist bei Pflegenden deutlich erhöht. Seit Februar versuchen viele Dienste zwar, ihr Angebote wieder hochzufahren, aber blöderweise kann man die Betreuten jetzt nicht mehr alle hinfahren: Weil die Busse immer noch nur bis zu 80 Prozent besetzt werden können, bleiben 20 Prozent an der Haltestelle stehen. „So müssen Betreute aus den Tälern und Berggebieten zuhause bleiben, obwohl sie die Werkstatt besuchen dürften“, sagt Irmhild Beelen. Tja, da kann man wohl nichts machen, nicht wahr? Wir können zwar die halben Alpen untertunneln und hochmoderne Cabrio-Seilbahnen auf die schrägsten Gipfel bauen, aber mit Bussen haben wir in Südtirol halt bekanntlich ein eher glückloses Händchen.

Ausgesetzt sind bislang außerdem die Reha-Angebote wie Schwimmen und Turnen, die aufgrund der strengen Sicherheitsprotokolle nicht stattfinden können. (Eine Zeile, die ich absurderweise übrigens gerade schreibe, während meine jugendliche Tochter gerade in der Acquarena schwimmen ist, bevor sie im angrenzenden Restaurant essen und später noch in die Disco gehen wird.) „Aber gerade wegen der ausgefallenen Therapien, müssten die Reha-Angebote unbedingt wieder stattfinden,“ betont Beelen. Kennt man ja von sich selbst: Da ist man nach drei Monaten Sommerferien zurück in der Schule, aber der Dreisatz und die Hälfte der lateinischen Grammatik sind auf Elba geblieben.

Was Sie mit ein bisschen Hausarbeit im Herbst immer wieder aufholen konnten, ist für Menschen mit kognitiven Schwierigkeiten allerdings ein monatelanger Kraftakt — und im allerschlimmsten Fall irreversibel abgebaut. Use it or lose it ist schließlich keine Kriegsprogaganda, sondern ein zentraler Satz aus der Neurologie: Die Nervenzellen werden entweder benutzt oder sie gehen irgendwann ein. Selbiges gilt natürlich auch für motorische Fertigkeiten und gerade deswegen ist Kontinuität in der Förderung und Betreuung von Menschen mit Behinderungen zentral. „Spezifische Frühförderung, um Beeinträchtigungen zu vermeiden und die Folgen von Behinderungen zu mildern, können wir bis dato noch immer nicht gewährleisten,“ sagt Melanie*, die eine kleine private Einrichtung leitet und bisher immer irgendwie offen bleiben konnte. „Aber sicher nicht so viel, wie eigentlich Bedarf besteht“, sagt sie.

Menschen mit Behinderungen und die Fachkräfte, die sie betreuen, fallen viel zu oft durch den Rost.

„Der Bedarf ist größer, als wir ihn trotz Anstrengung abdecken können“, bestätigt auch Marco, der in einer geschützten Werkstätte arbeitet. Marco, Melanie und zig andere Fachkräfte versuchen seit zwei Jahren Lösungen zu finden, wo seither nur Probleme sind: Mindestabstand in Strukturen einhalten, wo kein Platz ist, Masken verwenden, wo hörgeschädigte Menschen sich schwer tun, ohne Lippenlesen mit dem Gegenüber zu kommunizieren, Hände immer und immer wieder desinfizieren, wo Personen Schwierigkeiten mit dem Berühren von Flüssigkeiten haben. Die Betreuten zu schützen, sich selbst zu schützen, immer weitermachen trotz allem. Galt auch ihnen der Applaus, als für die Pflegekräfte applaudiert wurde? Eher nicht. Menschen mit Behinderungen und die Fachkräfte, die sie betreuen, fallen viel zu oft durch den Rost.

Dabei waren es gerade sie, die sich nicht wie viele anderen im sicheren Homeoffice verschanzen konnten, als draußen die Pandemie wütete, sondern weiterhin Menschen gewaschen, geduscht, mit ihnen gearbeitet und sie betreut haben. Sie waren es, die Nachtschichten geschoben haben und neben ihrer Pflegearbeit zusätzlich noch Duschen und Rollstühle desinfizieren mussten, während wir nach dem allabendlichen Inzidenzbingo leicht schwindlig, aber immerhin sicher, in unseren warmen Bettchen lagen. Sie waren es, die ihre Klientinnen und Klienten vor Infektionen zu schützen und gleichzeitig einen halbwegs normalen Tagesablauf zu garantieren versuchten. „Anfangs hatten viele große Angst vor Covid“, sagt Marco, „und später hatten einige große Angst vor der Impfung.“

Ihm und Melanie hört man an, wie leid es ihnen tut: Sie sehen die Belastungen der Familien, sie wissen, wie wichtig die Kontinuität für ihre Klientinnen und Klienten ist — und gleichzeitig hat die Pandemie Lücken in die Betreuungsstrukturen geschlagen, von denen beide nicht wissen, wie sie diese stopfen sollen. „So, wie es gerade ist, kann ich nicht öffnen und den Normalbetrieb wieder starten“, sagt Marco deutlich. Im Moment gilt noch der stato d’emergenza für die Einrichtungen und die Auflagen würden mehr nicht zulassen: Solange er beispielsweise den Mindestabstand garantieren muss, kann er nicht so viele Leute gleichzeitig aufnehmen, wie er möchte. Die Verantwortung, wenn etwas schief geht, ist schlicht zu groß. Erst müssen sich die Dekrete ändern, bevor die Einrichtungen weitere Lockerungen umsetzen können. Deswegen muss man die (geimpften) Betreuten abwechselnd kommen lassen. Oder weniger. Und im schlechtesten Fall: abwechselnd und weniger.

Für die Wiederaufnahme des Normalbetriebs fehlen aber vor allem die Betreuerinnen und Betreuer.

Einer von vielen, der viel zu wenig dort sein darf, wo er gern sein würde, ist Jan, der momentan nur einmal die Woche in seine Tagesstätte darf. Auf die Frage, was er am meisten vermisse, sagt er mir: „Ich vermisse am meisten meine fröhlichen Freunde. Es macht mich traurig, dass ich immer noch eine Woche warten muss, bis ich sie endlich wiedersehen kann.“ Für die Wiederaufnahme des Normalbetriebs fehlen aber vor allem die Betreuerinnen und Betreuer. Sie fehlen, weil sie spätestens mit Corona das Handtuch geworfen haben, sie fehlen, weil sie suspendiert wurden, aber vor allem fehlen sie, weil man seit einigen Jahren nur noch als diplomierte*r Sozialbetreuer*in oder Sozialpädagog*in in den Einrichtungen arbeiten darf. So viele ausgebildete Sozialbetreuerinnen und Sozialbetreuer, wie es bräuchte, gibt es aber schlicht nicht. Und damit schafft die Regelung, die eigentlich die Versorgungsqualität sichern sollte, vor allem Versorgungslöcher. Weil wegen Quarantäne reihum Leute ausgefallen sind, hat Melanie angefragt, ob sie Studierende oder motivierte Personen ohne Fachausbildung einstellen kann. Konnte sie nicht.

In derselben Pandemie, in der man es Kindern zumutete, monatelang isoliert zu sein, in der man es Frauen zumutete, alleine zu gebären, in der man es alten Menschen zumutete, alleine zu sterben, hat man es Menschen mit Behinderung offensichtlich nicht zumuten wollen, von Studierenden oder anderem unqualifizierten Gesocks mitbetreut zu werden. Oder hat man sie ganz einfach nur vergessen? „Natürlich können Personen ohne Fachausbildung keine ganze Einrichtung führen“, sagt Melanie, „aber wenn ich eine Mindestanzahl an Fachkräften habe, wäre es eine große Hilfe, wenn ich zusätzlich auch Personen ohne Fachausbildung einstellen kann.“ Selbst Praktikantinnen und Praktikanten muss Marco grad einen Korb geben: Er könnte dann den gesetzlichen Mindestabstand nicht mehr einhalten. AEB-Vizepräsidentin Irmhild Beelen betont, dass der nun mehr als akut gewordene Personalnotstand neben einer Anhebung des Personalschlüssels nur durch die Überarbeitung der Berufsbilder und die kurzfristige Aussetzung der Akkreditierungsrichtlinien erreicht werden kann.

 „Natürlich können Personen ohne Fachausbildung keine ganze Einrichtung führen“, sagt Melanie, „aber wenn ich eine Mindestanzahl an Fachkräften habe, wäre es eine große Hilfe, wenn ich zusätzlich auch Personen ohne Fachausbildung einstellen kann.“

Man bemühe sich ja, heißt es aus Politkreisen und das mit dem Bemühen ist grundsätzlich ganz nett, wenn es sich etwa um die Praktikantin im Friseursalon handelt, die sich bemüht, einem nicht aus Versehen ins Ohr zu schneiden. Aber Politik ist ja bekanntlich kein Praktikum, bei dem man am Ende auch mal feststellen kann, dass man eben kein Talent dafür besitzt. Jaja, schon klar, Politik ist halt auch ein bisschen komplexer als Haareschneiden. Stimmt, Politik ist in den meisten Fällen sogar hochkomplex! Aber eine Handvoll Busse zum Transport zu organisieren? Eine Klausel zu erlassen, dass bei einer Mindestanzahl von Fachpersonal auch Personen ohne Studium in den Einrichtungen mitarbeiten dürfen? Nach ein paar Jährchen mal wieder drauf zu schauen, welche Infektionsschutzmaßnahmen in den Einrichtungen noch Sinn machen und welche mit der Belegung der Intensivbetten inzwischen noch soviel zu tun haben wie H&M Conscious mit Umweltschutz? Im Vergleich dazu ist das Strähnchen-Färben eine hochkomplexe Tätigkeit.

Dabei könnte Corona zumindest im Bereich der Betreuung und Förderung von Menschen mit Behinderung zur sonst so vielgerühmten Chance werden, Wohn-, Begleit- und Ausbildungskonzepte könnten neu gedacht werden. „Die gesetzlichen Grundlagen für ein selbstbestimmtes Leben sind bei uns gegeben“, sagt Beelen, „nun gilt es daran zu arbeiten, dass jeder in der von ihm gewünschten Gemeinde wohnen und natürlich auch arbeiten kann.“ Dafür bräuchte es keine Hexerei, es würde reichen, auf die viele Organisationen und Institutionen zu hören, die sich hier in Südtirol seit Jahren drum bemühen und vieles auch schon erfolgreich umsetzen konnten. Jan freut sich jedenfalls schon sehr darauf, wenn er endlich wieder fünf Tage in der Woche arbeiten und zu seinen Freundinnen und Freunden sowie Betreuerinnen und Betreuer in die Tagesstätte darf. „Es wird mir dann wieder leichter fallen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, denn ein geregeltes Leben mit strukturierten Tagesabläufen und sozialen Kontakten mit Meinesgleichen gibt mir Wohlbefinden, Sicherheit und innere Ausgeglichenheit“, sagt er. Das sollte doch wirklich zu schaffen sein.

*Die Namen aller im Text zitierten Fachkräfte und jener von Jan, dem jungen Mann mit Beeinträchtigung, wurden anonymisiert.

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