Anzeige
Flucht aus Syrien

Verliebt, verloren, verheiratet

Monate bevor der Krieg in Syrien ausbricht, verlieben sich zwei Studenten ineinander. Dann verlieren sie sich. Und finden sich wieder im jordanischen Flüchtlingslager.

img_2689.jpg

Bild: Barbara Bachmann

Die Vorbereitungen, die die 23 Jahre alte Syrerin Manal im größten Flüchtlingslager der arabischen Welt zur Braut werden lassen, dauern länger als ihre Hochzeitsfeier. Am Vorabend haben Frauen ihren Rücken, die Füße und Hände mit Henna bemalt, drei Stunden lang. Sie haben Manal geschminkt, zum ersten Mal in ihrem Leben liegen dicke Schichten Make-Up auf ihrer Haut, die Wimpern sind getuscht, mit Kajal umrandet. Ihr dickes, dunkles Haar haben sie auf Lockenwickler gedreht und hinterher mit hundert Klammern und noch mehr Perlen geschmückt. Manals Hochzeitskleid ist geliehen aus einem Geschäft in jener Einkaufsstraße, die sie im jordanischen Flüchtlingscamp Champs-Elysées nennen.

Viele sagen, es gäbe in Za’atari nichts Schönes, nur Notwendiges: ein Dach über den Kopf und ausreichend zu essen. 85.000 Syrer leben hier auf 18 Quadratkilometern, Za’atari ist eine syrische Stadt in Jordanien, aus der Not entstanden. Es gibt keine Bäume, keine Sträucher, aber Krankenhäuser, Schulen, eine Müllabfuhr und Feuerwehrmänner, die Hälfte der Bewohner ist minderjährig. Manche sind in Zelten untergekommen, die glücklicheren in Containern. In einem feiern Frauen an diesem Nachmittag ein Fest.

„Wenn du etwas unbedingt haben willst, aber es schwer zu erreichen ist, dann nennen wir das Manal.“

Es ist Donnerstag, der 13. November 2014, und sie stehen im Kreis, während in ihrer Mitte die Braut tanzt, Manal. „Wenn du etwas unbedingt haben willst, aber es schwer zu erreichen ist, dann nennen wir das Manal“, sagt Mustafa, 26. Der Bräutigam lächelt, als er Tage später die Bedeutung des Namens erklärt. Niemand kennt sie besser als er.

Das Kennenlernen

Die Geschichte der beiden beginnt viereinhalb Jahre früher. Mustafa, geboren in Bosra, einer Kleinstadt im Süden Syriens, ist damals Lehramtsstudent an der Universität von Damaskus. An einem Märztag im Jahr 2010 besucht er Freunde in der Universitätscafeteria von Dar’a, der Hauptstadt seiner Region. Am Nebentisch sitzt im hellblauen Gewand und petrolblauem Kopftuch ein Mädchen, das schöner ist, als er es sich je hätte vorstellen können: Manal, 19 Jahre alt, auch sie Lehramtsstudentin. „Wer ist sie?”, fragt Mustafa seine Freunde und kann nicht von ihr wegblicken. Auch Manal bemerkt Mustafa. Er gefällt ihr und doch lehnt sie den Kontakt ab, als er danach fragt.

Aber Mustafa ist hartnäckig, zurück in Damaskus bittet er seine Freunde nachzuhaken, solange, bis Manal zustimmt. „Ok, lass uns Freunde sein.“

Zuerst chatten Manal und Mustafa auf Skype, dann schicken sie sich Whats-app-Nachrichten, schließlich telefonieren sie, das erste Mal zwei Stunden lang. „Die Zeit hatte keine Bedeutung mehr“, sagt Mustafa. „Die Zeit stand still“, sagt Manal. Jeden zweiten Abend sprechen sie miteinander, Tausende von Minuten im Monat. Sie unterhalten sich über den Beruf: „Was würdest du am liebsten unterrichten?“, über die Familie: „Mit welchem deiner Brüder verstehst du dich am besten?“, über Filme, Musik.

Sie reden kaum miteinander an diesem ersten Treffen, sie halten ihre Hände, zehn Minuten lang. Dann verabschieden sie sich. Manal und Mustafa sind keine Freunde mehr, sie sind nun ein Paar.

Zwei Monate vergehen bis Mustafa den Satz ausspricht, den er schon lange in sich hegt: „Ich will dich sehen.“ Manal stimmt zu. Sie verabreden sich für den 18. Mai 2010, auf dem Spielplatz vor der Moschee, gleich neben der Universität in Dar’a. Mustafa reist dafür aus dem 125 Kilometer entfernten Damaskus an. Sie reden kaum miteinander an diesem ersten Treffen, sie halten ihre Hände, zehn Minuten lang. Dann verabschieden sie sich. Manal und Mustafa sind keine Freunde mehr, sie sind nun ein Paar.

„Eine glückliche Zeit“

Die Treffen werden häufiger, und sie dauern länger: Statt zehn Minuten halten sie jetzt eine Viertelstunde ihre Hände und manchmal auch eine halbe. Immer sehen sie sich auf dem Spielplatz vor der Moschee, immer kommt Mustafa von Damaskus nach Dar’a. „Eine glückliche Zeit“, sagt Manal. Aber dann verändert sich das Leben in Syrien.

Ein Jahr nachdem sich Manal und Mustafa in der Unicafeteria von Dar’a zum ersten Mal sehen und sofort verlieben, geht von eben dieser Stadt ein Krieg aus, der in Syrien bis heute andauert. Es ist März 2011, als dort rund 10.000 Syrer gegen das seit 48 Jahren bestehende Ausnahmegesetz demonstrieren. Schnell steigt die Zahl der Demonstranten im ganzen Land. Der Spielplatz vor der Moschee in Universitätsnähe ist für Manal und Mustafa bald kein sicherer Treffpunkt mehr. Auch an der Universität, in der Demonstrationen stattfinden, ist es gefährlich geworden. Mit seinen Freunden demonstriert Mustafa genauso auf den Straßen. Sie verstecken ihre Gesichter hinter Tüchern, weil sie Angst haben, fotografiert zu werden.

„Wir träumten von einem neuen Land, von Demokratie und Freiheit“, sagt Mustafa heute. Die Demonstrationen beginnen in Frieden, aber Assads Soldaten schlagen mit aller Härte zurück. Sie nehmen junge Männer fest, manche stecken sie ins Gefängnis, andere verschwinden für immer. Freunde sterben. Mustafa will sich der Syrischen Befreiungsarmee anschließen, aber Manal hält ihn davon ab: „Ich verbiete es dir“, sagt sie. Also lässt er es bleiben. Bald, denkt Mustafa zu diesem Zeitpunkt, wird der Krieg ohnehin enden. Alle arabischen Länder und auch die westlichen werden kommen und uns helfen, Baschar zu besiegen.

Mit Voranschreiten des Krieges telefonieren Manal und Mustafa wieder mehr, weil sie sich seltener sehen. Sie reden nun weniger über Filme oder Musik, und häufiger darüber, wie schwierig das Leben in Syrien geworden ist. „Wie es wohl weitergeht?“, fragt Manal. „Alles wird gut“, antwortet Mustafa. Im Oktober 2011 bricht ihr Kontakt ab: Die Internet- und Telefonverbindungen sind schlecht, Mustafa zieht um, wohnt nun nicht mehr in Damaskus, sondern wieder in seiner Heimatstadt Bosra.

Manal weiß nicht, wie es Mustafa geht. Mustafa weiß nicht, ob Manal unversehrt ist. „Die Zeit schien ewig zu dauern“, sagt Manal. Nach vier Monaten ein erstes Wiedersehen. Am 5. Januar 2012, um 13 Uhr, treffen sie sich auf dem Spielplatz vor der Moschee nahe der Universität in Dar’a, am selben Ort wie viele Male zuvor, aber die Stadt ist nicht mehr dieselbe, Syrien ist es nicht. Wieder halten sie die Hand des anderen. Manal denkt, was Mustafa von Beginn an tat: Ihn möchte ich heiraten. Niemand von beiden traut sich, das auszusprechen.

Die Flucht

Anfang 2012 wird die Lage in Syrien immer unsicherer. Mustafas Familie flieht nach Jordanien. Der Sohn begleitet sie nur widerwillig, er will kein Flüchtling sein. Die Flucht dauert drei Tage, obwohl die Familie nur wenige Kilometer von der jordanischen Grenze entfernt lebt. 15.000 syrische Flüchtlinge stehen an diesem Tag an der Grenze. Sie kommen im Flüchtlingslager Za’atari unter, das damals offiziell noch nicht eröffnet ist, aus ein paar losen Zelten besteht.

Von einem Hügel, den sie im Camp „Syriatel“ nennen, weil man dort syrisches Netz empfängt, ruft Mustafa Manal an: „Ich bin in Jordanien.“

Von einem Hügel, den sie im Camp „Syriatel“ nennen, weil man dort syrisches Netz empfängt, ruft Mustafa Manal an: „Ich bin in Jordanien.“ Dann hört sie nichts mehr von ihm. Ende Februar verlässt auch Manal das Land, am 1. März 2012 erreicht sie mit ihrer Familie das Flüchtlingscamp, in dem sie Mustafa vermutet. Sie fragt nach einem Mann, 24 Jahre, Student, leichter Bauchansatz. Auf viele trifft diese Beschreibung hier zu, Manal findet Mustafa nicht. Wie auch, er ist nicht mehr da, er wohnt jetzt in einer Gastgemeinde, unweit der Grenze. Manal beschließt zu warten, sie denkt: „Mustafa wird mich finden.“

Die Behausungen im Flüchtlingslager.

Bild: Barbara Bachmann

Gerade ist sie mit ihren Cousinen unterwegs, läuft durch die staubigen Straßen des Camps, als sie ihn sieht und er sieht sie. Es ist der 5. März 2012. Mustafa ist ins Camp gekommen, um Manal zu suchen. Manal und Mustafa lächeln sich an.

Dann kaufen sie in der Einkaufsstraße Champs-Elysées eine jordanische Simkarte für Manal, damit sie wieder telefonieren können. Aber das allein genügt nicht mehr. Sie wollen sich nicht wieder verlieren.

Im September 2012 hält Mustafa um Manals Hand an. In seinem Namen klopfen, wie es Brauch ist, seine weiblichen Verwandten an Manals Tür und bringen die Bitte vor. Manals Mutter empfängt die Frage und gibt sie an den Vater weiter. Aber der stellt sich dagegen, seine älteste Tochter soll nicht in Jordanien heiraten. Manal muss die Entscheidung akzeptieren. In der Zwischenzeit lebt sie sich im Camp ein, als eine von wenigen findet sie dort Arbeit. Sie ist Lehrerin, singt und malt mit Vorschulkindern. Mustafa arbeitet nicht, weil das Syrern außerhalb des Camps in Jordanien nicht erlaubt ist und er noch immer in der Gastgemeinde lebt.

Das Ja des Brautvaters

Im Juni 2013 hält Mustafa ein zweites Mal um Manals Hand an, wieder bringen die Frauen seiner Familie die Bitte vor. Wieder sagt ihr Vater nein. 14 Monate später, es ist der 1. August 2014, fragt Mustafa ein drittes Mal. Diesmal stimmt Manals Vater zu. Er muss begriffen haben: Wenn er möchte, dass seine Tochter in Syrien heiratet, wird sie ohne Mann bleiben. Die Antwort postet Manal zuerst auf Facebook: „Am Ende erlaubt mir mein Vater zu heiraten.“ Dann ruft sie Mustafa an. Eine Woche später verloben sich die beiden.

Vier Jahre und sechs Monate nachdem Manal und Mustafa sich in der Unicafeteraia in Dar’a das erste Mal sahen, küssen sie sich. Es ist ihr erster Kuss.

Manals und Mustafas Zukunft wird an einem anderen Ort stattfinden, damit haben sich die beiden abgefunden.

Bald beginnen sie mit der Hochzeitsplanung. Die beiden sind glücklich, weil sie endlich heiraten können. Sie sind traurig, weil sie das nicht in Syrien dürfen. Zum Fest laden sie 200 Menschen ein, in Syrien, sagen sie, wären 1.000 Leute zur Hochzeit gekommen. Es sind solche Tage, an denen sich ihre Heimat anfühlt, als hätte sie nur in einem früheren Leben existiert, als sei sie ausgelöscht, für immer. Dabei liegt sie noch immer nah: Kurz bevor die Straße nach Za’atari abbiegt, steht ein Straßenschild: „Syrische Grenze sechs Kilometer“.

Manals und Mustafas Zukunft wird an einem anderen Ort stattfinden, damit haben sich die beiden abgefunden. Der Ort heißt Za’atari: als Zwischenlösung gedacht, ist das Flüchtlingslager für tausende Syrer zur Ewigkeit geworden. Eigentlich nimmt die Campleitung keine neuen Leute mehr auf, aber weil Familienzusammenführungen möglich sind, darf Mustafa zu Manal kommen. Sieben Tage nach der Hochzeit beziehen sie ihr eigenes Haus, einen drei Zimmer großen Container. Sie haben ihn schon eingerichtet.

Mustafa ist korpulent gebaut, Manal sehr zart, aber die beiden haben dieselben kleinen Häschenzähne. Wenn die beiden lachen, sehen sie sich ähnlich. Sie halten noch immer gerne die Hand des anderen, so wie an ihrem ersten Treffen auf dem Spielplatz vor der Moschee nahe der Universität von Dar’a. Nichts hat sich daran geändert, obwohl es fast alles andere tat. Mit einer Ausnahme: Manal trägt jetzt einen Goldring am Finger und Mustafa einen aus Silber.

Barbara Bachmann

ist freie Journalistin und in der Welt zu Hause. Als Reporterin sucht und findet sie gute Geschichten wie das Schwein den Trüffel.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

Gastbeitrag von Elide Mussner Pizzinini

Ein Flügelschlag entfernt

Die Corona-Krise hat zu einem lokalen Tunnelblick, beschränkt auf Nation und Region, geführt. Es ist Zeit, dass wir wieder über den Tellerrand hinausschauen.
0    
 | 
Isch Gleich

Warum Frauen anders krank sind

Welche Wirkung hat das Gendern? Und wie macht man es richtig? Die Linguistin Karoline Irschara erforscht den Einfluss des Sprachgebrauchs auf unsere Wahrnehmung.
0    
 | 
Interview mit Maddalena Fingerle

„Ex oder Walscher?“

Die Autorin Maddalena Fingerle erhielt für „Lingua Madre“ den renommierten Italo Calvino-Preis. Der Roman entblößt die Zweideutigkeit und Heuchelei von Sprache.
0    
Max von Milland feat. LaBrassBanda

Über’n Berg

Für seinen neuen Song „Über’n Berg“ holte sich Liedermacher Max von Milland musikalische Unterstützung von der Chiemgauer Blasmusikgruppe „LaBrassBanda“.

Alles außer altbacken

Im deutschsprachigen Raum floriert sie seit Jahren, nun erhält auch Südtirol einen zweiten Ableger: Auf dem Bühlerhof bei Neustift entsteht eine solidarische Landwirtschaft.
0    
Anzeige
Anzeige