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Interview zum Alpinismus

Verhängnisvolle Stille

Wie treffen die Reisebeschränkungen den Alpinismus? Walther Lücker, selbst Bergsteiger und Autor, über die unverhoffte Stille in den Bergen und das Überleben in Nepal.

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Mount Everest (links, 8.848 Meter hoch) und Nuptse (rechts) im Abendlicht.

Bild: Archiv Walther Lücker/Südtirol

Walther Lücker hat es in seinem Leben geschafft, zwei Leidenschaften zu verbinden: das Bergsteigen und das Schreiben. Jahrelang hat er Hans Kammerlander am Berg begleitet, mit ihm diverse Bücher geschrieben und andere alpinistische Größen wie Reinhold Messner, Simone Moro oder Gerlinde Kaltenbrunner interviewt. Heute lebt er in Sand in Taufers und ist hier als freier Autor und Texter für Wirtschaftsunternehmen tätig. Über seine zweite Heimat Nepal und den aktuellen Stillstand in der Welt des Alpinismus hat er nach wie vor viel zu erzählen.

Herr Lücker, Sie begleiten regelmäßig Trekking-Reisen nach Nepal. Hatten Sie auch für 2020 etwas vor?
Ich hatte zwei Reisen in die Berge des Himalajas geplant, mit jeweils zehn Teilnehmern. Aufgrund von Corona mussten wir alles absagen. Vieles war bereits vorfinanziert und wir mussten natürlich das Geld zurückholen. So war es in der Reisebranche überall. Doch arme Länder trifft so etwas natürlich doppelt hart.

Wie ist die Stimmung unter Alpinisten in diesem Jahr?
Wer etwas geplant hatte, ist enttäuscht. Aber die Alpinisten aus Südtirol haben die Berge immerhin auch zuhause. Viele haben die Alpen neu entdeckt. Auch ich habe die Stille in diesem Jahr sehr genossen und unverhofft schöne Orte für mich entdeckt, zu denen ich sonst nicht gekommen wäre.

Er ist gebürtiger Frankfurter und machte Karriere als Journalist. Die Liebe zu den Bergen hat Walther Lücker dann nach Südtirol gezogen: Heute lebt und arbeitet er in Sand in Taufers.

Bild: Archiv Walther Lücker/Südtirol

Wie stark haben die Reisebeschränkungen den alpinistischen Betrieb getroffen?
Die Tour-Guides und Bergführer hierzulande sind weitgehend gut über den Sommer gekommen. Internationale Reisen und Expeditionen mussten aber ausfallen. Das trifft uns Guides für internationale Reisen, aber vor allem auch die Menschen, die in den Zielländern im Tourismus arbeiten.

Gerade für Schwellenländer wie Nepal ist der Alpinismus ein wichtiges wirtschaftliches Standbein. Wie sieht es dort aus?
Hauptreisezeit in Nepal ist im Frühjahr von Ende März bis Ende Mai und im Herbst von Oktober bis Dezember. Momentan ist das also schon die zweite Saison, die in Nepal wegfällt. Dazu ist mir in letzter Zeit oft der erste Satz in meinem Everest-Buch eingefallen: „Der Mount Everest sollte für ein paar Jahre komplett gesperrt werden, damit der Berg und die Menschen zur Ruhe kommen können.“ Das war ein Zitat eines guten Sherpa-Freundes.

Sie haben im Jahr 2001 mehr als zwei Monate im Everest-Basislager verbracht und wissen aus erster Hand, wie es dort zugeht. Auch Reinhold Messner und andere Bergsteiger fordern schon seit vielen Jahren, dass der Berg für Massenbesteigungen geschlossen wird.
Das Problem am Mount Everest ist, dass man ihn nur in einer Zeitspanne von fünf bis acht Tagen im Jahr einigermaßen besteigen kann. Im Basislager sitzen dann 1.200 Menschen, darunter 800 Bergsteiger. Sobald sich ein Schönwetterfenster auftut, kriechen die alle gleichzeitig den Berg hinauf. Das kann nicht gutgehen und wird irgendwann zu einer noch viel größeren Katastrophe führen, als wir sie bereits erlebt haben. Das Schlimmste ist aber die schiere Unerfahrenheit vieler Everest-Besteiger. Wer in den Dolomiten klettert, muss ein Mindestmaß an Können mitbringen, sonst kommt er die senkrechte Wand gar nicht hoch. Den Everest kann hingegen jeder versuchen. Im Basislager habe ich Leute erlebt, die nicht einmal wussten, wie man Steigeisen richtig verwendet. Da hat einer gemeint, die Eisenspitzen gehören nach oben, in die Schuhsohle rein.

Jetzt kam es aber endlich soweit: Der Berg hat seine Ruhe.
Nicht erst jetzt. Schon 2014 wurde nach der Eislawine im Khumbu-Eisbruch mit 16 Toten die Saison abgebrochen. Nach dem großen Erdbeben 2015, das ganz Nepal in Schutt und Asche legte, fiel wieder ein ganzes Jahr aus. Zusammen mit 2020 hatten der Berg und vor allem die Menschen mehr als genug Zeit, um zur Ruhe zu kommen.

In normalen Zeiten hätte das, was Nepal gerade durchmacht, für viel Aufmerksamkeit und Anteilnahme gesorgt.

Sind Sie mit ihren nepalesischen Freunden weiter in Kontakt?
Ja, ständig. Die Nepalesen sind sehr herzliche und offene Menschen und mögen die Kontakte zum Ausland. Als Gast lernt man nicht nur die Tour-Guides kennen, sondern oft auch deren ganze Familie. Daraus sind für mich einige große und bedeutende Freundschaften entstanden.

Was bedeutet das für Ihre Bekannten, wenn der Tourismus wegbricht?
Im Gegensatz zu Südtirol, wo die Sommersaison trotz Corona-Krise viele Gäste brachte, herrscht in Nepal seit März absoluter Stillstand. Nepal ist nach Afghanistan das ärmste Land Asiens, aber über eine Million Menschen finden im Tourismus Arbeit. Jeder einzelne Tourist lässt im Schnitt 850 Euro direkt im Land liegen. Dadurch werden umgerechnet 630 Millionen Euro jährlich umgesetzt. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Jahreseinkommen beträgt in Nepal gerade einmal 290 Euro pro Kopf. Mit dem Tourismus sitzen die Nepali zurzeit auf einem unverkäuflichen Produkt. Ich habe Freunde, die haben seit März keine einzige Rupie mehr verdient.

Wie überleben diese Menschen jetzt?
Die nepalesische Regierung hat sehr hart auf die Pandemie reagiert, Grenzen geschlossen und Ausgangssperren verhängt. Nach dem Herunterfahren der Wirtschaft sind unzählige Nepali aus Städten wie Kathmandu zu ihren Verwandten in die Berge geflüchtet, weil es dort wenigstens noch Landwirtschaft und Nahrung gibt. Die Menschen, die in den Bergen leben, sind vielfach Selbstversorger, manche von ihnen produzieren auch für Touristen und haben jetzt Überschüsse. Die Versorgungswege in die Städte sind aber teils unterbrochen, teils haben die Landwirte und Lieferanten Angst, sich auf dem Weg dorthin anzustecken.

“Es sind einige große Freundschaften entstanden”: Walther Lücker in Nepal.

Bild: Archiv Walther Lücker/Südtirol

Wenn sich sogar bei uns schon einige Menschen gegen den Lockdown wehren – wie reagieren dann erst die Menschen in Nepal darauf?
In Kathmandu hat es große Proteste gegeben, woraufhin die Maßnahmen zeitweise auch wieder gelockert wurden. Ein guter Freund hat am Anfang der Krise zu mir gesagt: „Du wirst sehen, am Ende werden mehr Menschen an Hunger sterben als an diesem Virus.“ Damals schmunzelte ich noch, aber sehr schnell wurde die Situation dramatisch. Irgendwie werden sich die Nepali mit ihrer Hilfsbereitschaft und Findigkeit und vielleicht auch mit unserer Hilfe schon durchschlagen – auch deshalb bin ich froh, dass wir dieses Interview führen.

Warum?
Ich habe in den über 40 Jahren, in denen ich als Journalist gearbeitet habe, noch nie eine so indifferente Nachrichtensituation wie jetzt beim Thema Corona erlebt. In normalen Zeiten hätte das, was Nepal gerade durchmacht, für eine erhebliche mediale Aufmerksamkeit und Anteilnahme gesorgt. In diesem Jahr sind wir aber alle nur bemüht, unsere eigene Haut zu retten. Wir haben noch nicht einmal begriffen, was in unserem eigenen Land geschehen ist und geschehen soll. Dadurch ist jegliche Schärfentiefe verloren gegangen. Unser Fokus reicht über die Grenzen unserer eigenen Lebenswirklichkeit kaum mehr hinaus.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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