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Trauerbewältigung

Tee mit meinen Toten

Der Tod ist das Finale des Lebens – und führt in unserer Gesellschaft dennoch eine Randexistenz. Zeit, die Toten an den Tisch der Erinnerungen zu laden.

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Bild: Jörg Oschmann

Der erste Tote, den ich sah, war mein Opa. Von seinem Balkon aus hatte er mir oft den Ortler gezeigt und sonst sagte er nicht viel. Er starb und mein Vater setzte sich auf die Couch, verschränkte seine Arme hinter dem Kopf und sagte nichts mehr. Saß stundenlang so da und starrte auf die Wohnzimmerschrankwand. Ich war acht und dachte, so trauert man. Setzte mich neben ihn auf die Couch, verschränkte meine Arme hinter dem Kopf und starrte auf die Wohnzimmerschrankwand. Er weinte nicht. Mir wurden die Arme schwer, aber ich traute mich nicht, mich zu bewegen. Traute mich kaum, laut zu atmen, aus einer vagen Angst heraus, eine unvorsichtige Bewegung würde reichen und bei meinem Vater würde der Damm bersten und der Schmerz unkontrolliert aus ihm herausbrechen. Ein emotionaler Tsunami, von dem ich die dumpfe Ahnung hatte, dass er zumindest von mir unmöglich wieder in den Griff zu kriegen war. Opa hatte den Frieden gefunden, ich die Vergänglichkeit.

Auf dem Friedhof in Mals umarmten uns fremde Menschen und klopften uns sachte auf den Rücken, wie man mit Wattestäbchen in offene Wunden tippt. Unbeholfen und ein bisschen unsicher, ob man damit nicht vielleicht noch mehr Schaden anrichtet. Das Wort „Beileid“ hörte ich zum ersten Mal und bemühte mich sehr, beizuleiden und nicht mitzuleiden. Man will ja gerade im Angesicht des Todes nichts falsch machen. Für die Beisetzung kämmte unsere Mutter uns die Haare und der stramme Zopf ziepte an meiner Kopfhaut. Die Strumpfhose kratzte, und ich fand es plausibel, dass Beerdigungen physisch unangenehm waren und man dem Tod nur streng frisiert und in Lackschuhen gegenübertritt. Opa war aufgebahrt in einem offenen Sarg, und ich war zu klein, um ihn gut sehen zu können. Der  Tüll schimmerte rosafarben links und rechts aus dem Sarg hervor und im Reflex kleiner Menschen, sehen zu wollen, federte ich mitten im Rosenkranz ordentlich ab und sprang so hoch ich konnte. Eine Millisekunde hing ich in der beweihräucherten Luft neben seinem Sarg, und er sah friedlich aus. Ihm ziepte und kratze es nirgends mehr. Er war der Einzige, der kein Bei- oder Mitleid mehr brauchte. Als ich mit einem schnalzenden Geräusch wieder am Kirchenboden aufkam, war ich unsicher, was wir hier eigentlich veranstalteten. Opa. Mit dir kam die Ahnung von der Endlichkeit und die Frage, wohin mit der Trauer.

„Der Vorhang ist hauchdünn in der ersten Zeit danach, man braucht nur laut genug zu rufen und das Jenseits hört’s.”

Sie war unser guter Hausgeist. Sonntags fischte sie die gekochte Zwiebel aus dem Reis, pulte die Nelken raus und aß ihn. Saß in der Sonne auf unserer Hollywoodschaukel und wippte sich durch die 90er mit ihrem Vokuhila. Ihr Renault hatte einen Namen, und sie roch immer ein bisschen nach Zigaretten und weißem Jasmin. Sie starb neben meiner Mutter nach einem putzmunteren Kaffeeplausch, mitten in der Stadt kurz vor Mittag in ihrem vierzigsten Lebensjahr. Hirnschlag. Zu ihrer Beerdigung regnete es in Strömen, ich hatte dünne Nylonstrümpfe an und zitterte wie Espenlaub. War froh, dass der physische Schmerz den geistigen betäubte und ich meine Konzentration brauchte, nicht laut mit den Zähnen zu klappern. Wir retteten uns mit Floskeln, die man nie hatte sagen wollen, über die ersten Tage und Wochen. Überall da, wo wir sind. Als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne. Die Ungewissheit war absolut keine Option, wir suchten verzweifelt universale Sicherheit, dass es das nicht gewesen war und kosmischen Trost, dass es Anni gut ging. Der Vorhang ist hauchdünn in der ersten Zeit danach, man braucht nur laut genug zu rufen und das Jenseits hört’s. Mit der Zeit wird die Trauer leiser, die Verbindung reduziert. Anni. Amoi segma ins wieder. Vielleicht weißt du ja auch schon, dass mein alter VW-Bus Schlomo heißt. 

In der Trauer gibt es keine Handlungsanleitung. Wie ungeschickt Menschen mit Trauer umgehen, wie schlecht sie sie fassen können und ertragen wollen, gipfelt in der 2018 vorgestellten ICD-11, der „International Classification of Diseases“, in einer neuen Diagnose: Anhaltende Trauerstörung. Wer länger als sechs Monate schlimm trauert, trauert gestört. Aus der Trauerforschung weiß man, dass akute Trauer auch locker drei Jahre dauern kann und in jedem Fall individuell ist. Maßgeblich ist, in welchem Verwandtschaftsgrad oder welcher Beziehungsintensität der Verstorbene zu einem stand und wie er von uns gegangen ist. Und ja, es gibt Verluste, die nie wirklich verheilen und bei denen es noch nach Jahren schwer fällt, das physische Vakuum zu ertragen. Trauer ist ein Prozess, der seiner eigenen Logik folgt und den es braucht, um sich an eine neue Lebenssituation anzupassen. Wenn er Menschen vollständig aus der Bahn wirft, brauchen sie Unterstützung, sowieso. Nur, wenn wir die gesellschaftliche Schonzeit für Trauernde verkürzen, geht der Schmerz davon nicht schneller weg. Er bleibt und wird zum Makel. Trauer ist kein Makel, sondern der Preis, den wir am Ende für unsere Liebe und unsere Freundschaft zahlen.

„Trauer ist das Dunkelste, was wir hervorbringen können.”

Oma. Du hättest so nicht gehen sollen. Ein Sanitäter brachte meiner Mutter ihren rechten Schuh, den er am Unfallort eingesammelt hatte. Meine Mutter nahm ihn ratlos in ihre Hand und begann zu weinen. Wir sollten sie anschauen, Abschied nehmen, sagte die Notfallsanitäterin. Ich weigerte mich standhaft. Ich wollte sie sehen, aber ich wollte nicht Abschied nehmen. Weil das eine das andere implizierte, blieb ich draußen, als meine Mutter zu ihr ging. Vielleicht hätte ich mitgehen sollen. Ich hätte auch nicht mehr springen müssen, ich war inzwischen 18. Ihr einsamer Schuh lag auf der Liege und brach mir das Herz. An ihre Beerdigung erinnere ich mich nicht, irgendwer erzählte aus ihrem Leben, und es hörte sich an wie die Geschichte einer Fremden. Ich hätte noch so viel zu besprechen gehabt mit ihr. Wusste nicht, wie ich das tun sollte, mir fehlte der Kanal. Es konnte doch nicht sein, dass das Band einfach abreißt. Ich schrieb ihr einen Brief und legte ihn ans Grab. Von Barbara für Barbara. Eine Frau aus dem Dorf nahm ihn mit, als es regnete und sagte meiner Mutter später, was für ein schöner Brief. Ich war fassungslos und wütend. Meine Trauer war meine Intimsphäre. Das Bild ihres Schuhs verfolgte mich in meine Träume. Wenn sie nur drei Sekunden später die Straße überquert hätte. Ich musste mit ihr reden. Immer, wenn wir etwas verloren hatte, hatte Oma gesagt: Ruf den Antonius an. Ich rief Antonius an. Antonius, diesmal sind es nicht die Hausschlüssel, diesmal ist es schlimm: Ich habe Oma verloren. Er ging nicht ran.

Die Mantras meiner Kindheit, tausendfach runtergebetet bei unzähligen Schulgottesdiensten und beim Ministrieren blieben als Fragezeichen im Diesseits hängen. Wirklich schmerzhaft am schmerzhaften Rosenkranz ist nur, dass er nicht mehr aufhört, wenn das meditative Moment ausbleibt. Der Glaube hilft denen, die glauben. Allen anderen bleibt er immerhin als Möglichkeit, die man sich allerdings erst aneignen muss. Manchmal, wenn die Endgültigkeit kurz greifbar war, blieb mir die Luft weg. „Nie mehr“ ist ein Gedankenexperiment, das in der Endlosschleife im Wahnsinn enden muss. Der Tod geht über die menschliche Vorstellungskraft hinaus. Es hilft, nur absehbare Zeiträume zu bedenken. Jetzt und hier. Ich und Du. Trauer ist das Dunkelste, was wir hervorbringen können. Riesige unglückliche Berge, die man langsam abtragen muss, bis ein Handschmeichler übrigbleibt, den man in die Hosentasche stecken kann. Erinnerung to go, ohne Weinkrampf. Geschenkt wird einem das nicht und wegtherapieren kann uns unsere Trauerberge auch niemand. Wenn sich nachts die Leichen aus meinem Keller an mein Bett setzen, mache ich inzwischen das Licht an. „Da seid ihr ja“ anstatt fiebriges Hin- und Herwälzen im Dunkeln. Sie dürfen kurz auf einen Tee bleiben, ohne der Trauer einen Altar zu bauen. Sie gehören ja zu mir. Barbara. Jetzt bin ich die einzige Barbara. Und ich bin nicht mehr böse, weil du die Straße nicht drei Sekunden früher überquert hast.

Leo war unser Kater, und er wurde 14 Jahre alt. Wir waren an der Ostsee, als es ihm schlecht ging, und meine Mutter war sich unsicher, ob Urlaub vor Katze ging und wartete ab. Als wir zurückkamen, war er schon tagelang nicht mehr aufgestanden. Als er uns sah, raufte er seine letzte Kraft zusammen und taumelte uns entgegen. Auf halber Streckte kippte er zur Seite. Ich lief zum Metzger und kaufte das beste Filet. Das ist für meinen Kater, sagte ich, er stirbt. Wer sowas ausspricht, sollte vorbereitet sein. Ich war es nicht und schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Das tut mir sehr leid, sagte der Metzger hinter einem Haufen Faschiertem. Leo konnte nicht mehr essen, er konnte nur noch sterben. Mein Freund raste zum Tierarzt, ich saß auf dem Beifahrersitz mit Leo auf dem Schoß und weinte. Wir wollten ihn erlösen, wollten es selbst in der Hand haben, wollten schneller als der Tod sein. Wir waren es nicht. Er starb auf meinen Knien, und ich träume heute noch von ihm. Leo.

Am Ende bleibt meistens nicht genug Zeit, egal wie viel vorher da gewesen ist. Gut wäre, wenn man a priori wüsste, was man a posteriori so klar hat: Was man noch hätte fragen sollen, was man noch hätte sagen müssen. Aber man weiß es halt meistens nicht. Der Tod ist uns sicher aber das Sterben ist die große Unbekannte in unseren Leben. Und am Ende gibt’s kein richtig und falsch, kein Hätte-ich-Doch und Wäre-ich-Doch. Der Konjunktiv taugt nicht zum Frieden finden. Und den müssen wir schließen, mit allen unseren Verabschiedungen, egal wie sie gelaufen sind. 

„Aushalten ist das, was sie mit Beileid meinen. Dabeibleiben beim Leiden.”

Meine Schwester verlor ihr Baby in der frühen Schwangerschaft. Ich fuhr ins Krankenhaus, sie saß in einem riesigen grünen Sessel im Untersuchungszimmer; ein Häufchen Elend in der Farbe der Hoffnung. Die Hände auf dem Bauch über das Baby gefaltet, dessen Herz einfach aufgehört hatte zu schlagen. Im Versuch, die Tragik zu zerreden, hangelte sich die Krankenschwester von einem platten Spruch zum nächsten in einer Situation, die so surreal war, dass insgesamt nichts Richtiges übrigblieb. Sie wäre noch jung und so weiter. Ich wollte, dass sie sofort aufhört. Sah dann, dass meine Schwester gar nicht hinhörte. Im akuten Fall ist die Trauer ein physischer Schmerz und braucht keine Worte. Wenn es nichts mehr zu sagen gibt, darf man schweigen. Aushalten ist das, was sie mit Beileid meinen. Dabeibleiben beim Leiden. Mitaushalten und nicht wegschauen, weil die Trauer der anderen nicht so hoch im neoliberalen gesellschaftlichen Kurs steht wie etwa Spaß und Effizienz. Nirgends zeigt und braucht es unsere Menschlichkeit mehr, als im Angesicht des Todes. Leonie. Deine beiden jüngeren Schwestern sind zauberhaft. 

Sterben ist unser aller ureigenstes Wesensmerkmal. Trotzdem schafft es der Tod nicht in die Mitte der Gesellschaft. Er ist nicht instagramtauglich, schön und jugendlich. Er ist obsolet, veraltet, unfassbar, schmerzhaft. Und er braucht dringend neue Adjektive. Zweifellos, vielleicht hoffnungsvoll und am Ende für den Betroffenen ein Zustand ultimativer Leichtigkeit zum Beispiel. Er hätte keine Angst vor dem Tod, hat Mark Twain mal gesagt. Er sei schon Billionen und Billionen von Jahren vor seiner Geburt tot gewesen, und es sei absolut mit keiner Unannehmlichkeit verbunden gewesen. Es geht ihnen allen gut, macht euch keine Sorgen um eure Lieben. Und wir bleiben noch ein bisschen und nehmen sie mit, so gut wir können und so lange wir wollen. Alle unsere Toten.

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Ein wirklich wunderschöner Text.

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