Anzeige

Streit in den Dolomiten

Schon der Schriftsteller Claus Gatterer wusste: „Solange es zwei Sextener gibt, werden drei Advokaten und ein Richter auskömmlich zu leben haben.“

unbenannt-1.jpg

Bild: mpezzei.it

„Die schöne Welt, über die hier berichtet wird, heißt Sexten. Kennen Sie Sexten, das berühmte Tal in den berühmten Sextener Dolomiten?“ Mit diesen Worten beginnt Claus Gatterer, des Dorfes bekannter Sohn, Journalist und Schriftsteller, seinen Roman „Schöne Welt, böse Leut. Kindheit in Südtirol“. Heute, mehr als 40 Jahre nach Ersterscheinung, sind viele seiner Sätze aktueller denn je.

Sexten liegt 1.310 Meter über dem Meeresspiegel, langgezogen am Ausgang des Pustertals. Am Ortseingang fährt man vorbei am Stausee, die Hauptstraße führt geradlinig durch Sexten, nach Moos, bis zum Kreuzbergpass. Zwischen Sexten und Moos biegt rechts ein Weg nach Waldheim ab, ein in den 70er-Jahren entstandenes Wohngebiet. Die Nachbargemeinden Sextens: Auronzo di Cadore und Comelico Superiore in Belluno, Kartitsch und Sillian in Osttirol, Innichen und Toblach im Südtiroler Hochpustertal.

Die Liste der Dinge, die seine Einwohner stolz werden lässt, ist lang in Sexten. Immer noch trifft zu, was Gatterer damals schrieb: „Jeder, dem das Abc der Bergsteigerei geläufig ist, zieht, wenn er den Namen Sexten hört, respektvoll den Hut, und wer ein patriotisches Herz im Leibe trägt, bekommt feuchte Augen. Sexten: ein stolzes Kapitel in der Geschichte des Alpinismus, ein strahlendes in der Geschichte der Tiroler Landesverteidigung.“

Der wahre Sextner

2011 wurden in Sexten 95,37 Prozent deutsch-, 4,36 Prozent italienisch- und 0,27 Prozent ladinischsprachige Bewohner gezählt. So manche Zugezogenen verraten, wie schwer es ist, in die Herzen der dort lebenden Menschen aufgenommen zu werden. Ein wahrer Sextener entlarvt sich selbst, wenn er den Mund aufmacht, „Wooos“ mit langgezogenem o spricht, oder „fleugn“ statt „fliagn“ sagt.
Sexten hat das dichteste Wanderwegenetz Südtirols und mit 16,5 Metern die höchste Kletterhalle Italiens. Eine Hochburg des Südtiroler Fremdenverkehrs, zweifelsohne ein Juwel. Weit über die Grenzen des Pustertals bekannt ist die Sextener Sonnenuhr, gebildet aus fünf Dolomitengipfeln: Neuner, Zehner, Elfer, Zwölfer und Einser.

Von sich reden gemacht, hat Sexten in letzter Zeit aber nicht wegen seiner Berglandschaft. Seit die Sextener Dolomiten AG an einem Augustwochenende zehn Hektar Wald roden ließ, um die Skiverbindung zwischen Rotwand und Helm voranzutreiben und das Verwaltungsgericht wegen eines Rekurses der Gegnerseite die Bauarbeiten stoppen ließ, scheint jeder Südtiroler eine Meinung zu Sexten zu haben. Die einen: Recht haben die Sextener Skiliftbetreiber, Wirtschaft voraus! Die anderen: Wie können diese Sextener nur so schonungslos in die Natur eingreifen, sind sie denn unersättlich? Über seine Dorfgenossen schrieb Claus Gatterer in seinem Roman: „Draußen, außerhalb des Tals, galten die Sextener als ‚besondere Rasse’. Man sprach, halb verächtlich, halb respektvoll, von der ‚Republik Sexten’. Und was man der besonderen Rasse in dieser Republik nachsagte, war nach den allgemeingültigen Maßstäben nicht eben löblich: Geschäftstüchtigkeit, Opportunismus, Schmuggel, politische Unzuverlässigkeit.

Sextener Mafia?

„Bürgerkriegsähnliche Zustände“ herrschten laut so manchem Blatt in der Gemeinde der Drei Zinnen in den vergangenen Monaten. Der italienische Journalist Gian Antonio Stella („Corriere della sera“) verglich die „Blitzaktion“ der Skiliftbetreiber mit Vorgehensweisen der italienischen Mafia `Ndranghetta oder Camorra. Die Beschreibung ähnelt den Kindheitserinnerungen Claus Gatterers nach dem Weltkrieg. Dieser schrieb: „... dass beim Wiederaufbau autoritative und vielleicht auch autoritäre Männer am Werk waren, die ohne viel zu fragen entschieden, was zu geschehen und was zu unterbleiben hatte, eine Elite, eine Oberschicht.“

Sexten und der Fremdenverkehr, zu Zeiten Gatterers „die Errungenschaft jener Jahre“. Ein ruhiger Novembermittag in Sexten, Hotels und Bars sind geschlossen, die Straßen leer. Vermutlich ruhen sich jene, die ihr Geld im Gastgewerbe verdienen – so wie das der Großteil im Dorf tut – von der anstrengenden Sommersaison aus. Klare Sicht, hellblauer, wolkenloser Himmel. Postkartenmotive, Postkartenwetter. „So ein Wetterchen bräuchte man ab Dezember wieder. Fast zu schade für den November“, sagt ein Hotelier, während er die Schneeschaufel schwingt. Er wünscht sich die Verbindung Helm-Rotwand. „Wie könnt ich auch anders?“, sagt er. „Alle hier denken so wie ich.“ 

Sticheleien am Wirtshaustisch

Eine Volksbefragung wurde bisher aber nicht durchgeführt. Typisch für Sexten? Schon damals sagte Gatterer über die direkte Demokratie im Dorf: „Das Volk stand – murrend oder verwirrt oder auch nur unbeteiligt – abseits. Es wurde von niemandem nach seinem Urteil über die schließlich doch mit Geld der Allgemeinheit bezahlten Kunstwerke befragt. Das hatte dumpfen Unmut zur Folge, und gelegentlich kam es am Wirtshaustisch auch zu bösartigen Sticheleien.“ Für den Gemeinderat und Grünen Hans Peter Stauder ist das seit geraumer Zeit Realität. Er zählt die Bars, in denen er in Ruhe sein Mineralwasser trinken kann, während er die Zeitung durchblättert, an einer Hand ab. „In meinem Dorf werde ich mit den Protesten identifiziert; aber ein Mensch alleine kann keine Gerichte beeinflussen.“ 

Auch wenn sie sich in wenigem einig sind, sagen doch beide Parteien: Mittlerweile sei wieder etwas Ruhe eingekehrt in den Streit, der nach der Rodung eskalierte. Der nur mehr auf emotionaler Ebene geführt wurde. Stauder braucht keinen Polizeischutz mehr und Marc Winkler, Geschäftsführer der Sextener Dolomiten AG, sagt: „Wir sind zuversichtlich, dass das Gericht den Baustopp aufheben wird.“ Auf den Prospekten der Wintersaison 2013/2014 ist die Skiverbindung Helm-Rotwand als „im Bau“ eingezeichnet.

Am 4. Dezember wird das Verwaltungsgericht Bozen entscheiden. Das Ergebnis soll erst Anfang des Jahres 2014 bekannt gegeben werden. Bis dahin gilt, was Claus Gatterer in weiser Voraussicht nicht besser hätte feststellen können: „Solange es zwei Sextener gibt, werden drei Advokaten und ein Richter auskömmlich zu leben haben.“

Barbara Bachmann

ist freie Journalistin und in der Welt zu Hause. Als Reporterin sucht und findet sie gute Geschichten wie das Schwein den Trüffel.
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

Gastbeitrag von Elide Mussner Pizzinini

Ein Flügelschlag entfernt

Die Corona-Krise hat zu einem lokalen Tunnelblick, beschränkt auf Nation und Region, geführt. Es ist Zeit, dass wir wieder über den Tellerrand hinausschauen.
0    
 | 
Isch Gleich

Warum Frauen anders krank sind

Welche Wirkung hat das Gendern? Und wie macht man es richtig? Die Linguistin Karoline Irschara erforscht den Einfluss des Sprachgebrauchs auf unsere Wahrnehmung.
0    
 | 
Interview mit Maddalena Fingerle

„Ex oder Walscher?“

Die Autorin Maddalena Fingerle erhielt für „Lingua Madre“ den renommierten Italo Calvino-Preis. Der Roman entblößt die Zweideutigkeit und Heuchelei von Sprache.
0    
Max von Milland feat. LaBrassBanda

Über’n Berg

Für seinen neuen Song „Über’n Berg“ holte sich Liedermacher Max von Milland musikalische Unterstützung von der Chiemgauer Blasmusikgruppe „LaBrassBanda“.

Alles außer altbacken

Im deutschsprachigen Raum floriert sie seit Jahren, nun erhält auch Südtirol einen zweiten Ableger: Auf dem Bühlerhof bei Neustift entsteht eine solidarische Landwirtschaft.
0    
Anzeige
Anzeige