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The Others

Stolen Generation I

Aborigines-Familien wurden über Generationen hinweg systematisch ihrer Kinder beraubt. Diese wurden in Heime gesteckt und zur Adoption freigegeben.

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Das Cootamundra Mädchenheim in Australien bildete zwischen 1911 und 1968 Aborigines-Mädchen aus, die ihren Familien entrissen wurden.

 

Lizenz: CC by (bearbeitet)
Bild: Wikimedia Commons

Seit Beginn der Kolonialisierung sind mehr als 100.000 Aborigine-Kinder davon betroffen. Sie wurden in staatliche oder kirchliche „Obhut“ gegeben, in Pflegeheimen und -familien untergebracht oder zur Adoption freigegeben. Sie verloren ihre Kultur, die familiäre Geborgenheit, ihre Identität und ihr Land. Ihre Namen wurden geändert. Der Kontakt zu Angehörigen wurde ihnen verboten. Geschwister wurden getrennt. Pflegschaften oder Adoptionen wurden nur in weiße Familien vermittelt. Ob in Heimen oder Missionen, in Pflege- und Adoptivfamilien - fast immer wurden die Aborigine-Kinder auch psychisch, physisch und sexuell missbraucht.

"Es war, als würden wir auf dem Markt feilgeboten. Wir waren alle in weißen Kleidern in einer Reihe aufgestellt und sie gingen umher und suchten dich aus, als wenn du zu verkaufen wärst", berichtet eine Frau, die noch in den 70er Jahren als 10jährige in eine Pflegefamilie kam. Auch ihre 13 Geschwister wurden den Eltern weggenommen. Sie selbst wurde vom Pflegevater vergewaltigt und zur Abtreibung gezwungen.

Der australische Staat verhielt sich den Indigenen gegenüber totalitär. Die Trennung eines Kindes von seinen Angehörigen konnte einfach angeordnet werden. Man glaubte damals, dass die Aborigines aussterben. Chancen zur Assimilation gab man nur Kindern aus gemischten Beziehungen, deren Anteil Ende des 19. Jahrhunderts stark zugenommen hatte. Da diese "europäisches Blut" in sich trugen, wurde ihnen ein Platz am untersten Rand der weißen Gesellschaft zugestanden. Billige Arbeitskräfte für den Arbeitsmarkt. Kinder gemischter Herkunft standen im Mittelpunkt des Interesses auch beim Kindesentzug. Je heller die Haut, um so größer war das Risiko, geraubt zu werden.

Die Lebensverhältnisse der Aborigines zu verbessern erwog der Staat nicht. Stattdessen wurden die Maßstäbe der "weißen" Gesellschaft zum einzigen Kriterium für den Raub der Kinder gemacht. Der Begriff der "Vernachlässigung" wurde zum gesetzlich legitimierten Instrument für einen ungehemmten Kindesraub. "Sie glaubten", so ein Mann, der in den 50er Jahren mit seinen drei Geschwistern der Mutter weggenommen wurde, "dass wir hungerten, was nicht stimmte. Nur weil sie nicht verheiratet war, wollten sie uns wegholen."

Je heller die Haut, um so größer war das Risiko, geraubt zu werden.

Der Raub von Kindern aus einer bestimmten Bevölkerungsgruppe in eine andere, um sie außerhalb und ohne Zugang zu ihrer eigenen Kultur aufwachsen zu lassen, verstößt gegen die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948. Australien ratifizierte 1951 diese Konvention. Australien hat also bis in die 70er Jahre hinein gegen von ihm selbst anerkanntes Internationales Recht verstoßen. Da sich diese Praxis nur gegen Aborigine-Kinder richtete, wurde außerdem das Internationale Verbot der Rassendiskriminierung verletzt. Erst unter der Regierung Witlam wurde den Aborigines ab 1972 die Möglichkeit eröffnet, mit Hilfe des Aboriginal Legal Service gegen den Kindesentzug vorzugehen. In den 90er Jahren begannen Angehörige der "Stolen Generations", vor Gericht um Wiedergutmachung zu klagen.

Fast jede Aborigine-Familie – zwischen 1910 und 1970 verloren 100.000 Aborigine-Kinder ihre Eltern - ist in einer oder mehreren Generationen vom Raub eines oder mehrerer Kinder betroffen. Weil die Angehörigen meist jede Verbindung verloren haben, wurden 1980 die Organisation "Family Tracing" (Familienforschung) und die Agentur für Familienzusammenführung "Link-Up" gegründet. Inzwischen kamen in allen Teilen Australiens zahlreiche ähnliche Organisationen hinzu. Sie können nur unter Schwierigkeiten arbeiten, denn die noch vorhandenen Akten sind über zahlreiche Archive verstreut. Lange zurückliegende Ereignisse können oft nicht mehr rekonstruiert werden, weil die Zeitzeugen verstorben sind.

Die Folgen der gewaltsamen Trennung haben bei den heute erwachsenen Kindern und bei ihren Familien seelische Wunden verursacht. Eltern leiden an Selbstvorwürfen, ihre Kinder daran, ohne Liebe und kulturelles Zugehörigkeitsgefühl aufgewachsen zu sein. Sie fühlen sich weder der Aborigine-Gemeinschaft noch der weißen Gesellschaft zugehörig. Ihrer Sprache und ihres kulturellen Wissens wurden sie beraubt, konnten in die Gemeinschaft ihres Volkes nicht hineinwachsen. So können sie auch an ihre eigenen Kinder oft keine sozialen und emotionalen Werte vermitteln. Das Leid wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Die "Kommission für Menschenrechte und Gleichberechtigung" (HREOC) veröffentlichte  1977 einen 700 Seiten starken Report mit Berichten von Zeitzeugen, Analysen über die Folgen der Zwangsentziehung für die betroffenen Kinder, ihre Familien und die gesamte Aborigine-Gemeinschaft, sowie mit Vorschlägen für Wiedergutmachung sowie Hilfen für eine Wiedervereinigung der Familien. Den Auftrag dazu hatte sie noch von der 1996 abgewählten Labour-Regierung erhalten.

Die Kommission spricht sich u. a. für die Einrichtung eines Entschädigungsfonds durch die Regierung, für eine nationale Gesetzgebung, die den Aborigines in Fragen der Fürsorge, Polizei, und Jugendangelegenheiten Selbstbestimmung ermöglicht, und für eine offizielle Entschuldigung der Regierung gegenüber den Opfern und ihren Familien aus. Entschuldigt hat sich bislang jedoch nur die Anglikanische Kirche Australiens, der jeder vierte Staatsbürger angehört. Auch sie war am Kindesentzug beteiligt, stellte Unterkünfte, Bildungseinrichtungen und Arbeit für die gestohlenen Kinder zur Verfügung.

Am 26. Mai 1998 wurde erstmals in ganz Australien ein "Sorry Day" (Tag des Bedauerns) begangen. Als Geste der Entschuldigung wurden Vertretern der Aborigines Bücher mit mehr als einer halben Million Unterschriften und Gedanken australischer Bürger überreicht. Zehn Jahre später auf einer historischen Sitzung 2008 stimmten die Parlaments-Fraktionen in Canberra mit einer Resolution der Rede von Premierminister Kevin Rudd zu. „Für die Schmerzen, das Leid und die Pein der 'Gestohlenen Generationen', ihrer Nachfahren und ihrer Familien bitten wir um Entschuldigung“, erklärte Rudd.

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The Others

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