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Digital-Pionier Elmar Mair

"Silicon Valley war nie mein Ziel"

Werden Maschinen in Zukunft unsere Arbeit übernehmen? Der Digital-Unternehmer Elmar Mair verrät im Interview, wie K.I.-Systeme unsere Wirklichkeit revolutionieren.

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Bild: Alex Knight/unsplash

Selbstfahrende Autos, Roboter und Chips: Das Schlagwort „Industrie 4.0“ bezeichnet die Digitalisierung der industriellen Arbeit. Durch die Interaktion zwischen Mensch und Maschine werden ortsunabhängige, automatisierte und gemeinsame Systeme aufgebaut. Ein besonderes Merkmal dieser Industrie ist das Arbeiten mit künstlicher Intelligenz, den sogenannten K.I.-Systemen. Elmar Mair aus Bruneck ist als Mitgründer des Unternehmens “Neatleaf” im Silicon Valley selbst ein Pionier der Industrie 4.0 und erklärt, warum in Sachen Innovation die Frage immer „Warum nicht“ statt „Warum“ lauten sollte.

Vom Pustertal ins Silicon Valley. Wie kam es dazu?
Silicon Valley war eigentlich nie mein Ziel. Lange Zeit wollte ich im sicheren Nest Südtirol bleiben und dort alt werden. Ich habe in Innsbruck Informatik studiert und nebenbei bei Pizza Express Pizzas ausgeliefert. Im Bachelorstudium habe ich meine Leidenschaft für eingebettete Systeme, also Softwares, entdeckt, weshalb ich für den spezifischen Master nach München gegangen bin.  Durch meine Faszination für Robotik habe ich nach meinem Doktor am Institut für Robotik und Mechatronik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt als Senior Researcher gearbeitet.

Wieso bist du von der Forschung in die Industrie gegangen?
Das Forschen war irgendwann nur noch ernüchternd. In der Forschung sind Probleme in der Regel sehr schnell „abgeschlossen“. Nach Videos, Abschlussprojekten und diversen Papers ist man „quasi fertig“, ohne etwas in der Hand zu haben. Man entwirft Prototypen ohne Problemorientierung, weil es eigentlich für „alles“ schon Lösungen gibt. Daher bin ich in die Industrie gegangen, um Robotik Wirklichkeit werden zu lassen. Bei Robert Bosch habe ich lange Zeit bei der Entwicklung von selbstfahrenden Autos im Silicon Valley mitgewirkt. Obwohl ich gar kein Auto-Nerd bin, war es so bereichernd, mit einer großen Gruppe an etwas Innovativem zu arbeiten, woraus ein richtiges Produkt entsteht. Später habe ich beim größten Projekt von Google X, dem „Everyday Robot Project“, mitgearbeitet. Durch die Konfrontation mit vielen Startups und dem Umgang Amerikas mit innovativen Ideen, wollte ich selbst den Schritt wagen und selbstständig werden.

Bild: Elmar Mair
Heute bist du Gründer eines Unternehmens in Kalifornien mit dem Namen „Neatleaf“. Was macht dein Unternehmen?
Neatleaf arbeitet an der Automatisierung für landwirtschaftliches Arbeiten. Überwiegend viele Unternehmen, die mit Robotik und K.I.-Systemen arbeiten, widmen sich verschiedenen Produktionslinien wie z.B. Autos. Mir war es wichtig, ein Startup zu gründen, das einen Mehrwert für die breite Bevölkerung schafft. Die Tatsache, dass in Monterey Bay in der Nähe des Silicon Valleys 70 Prozent des ganzen Gemüses der Welt angebaut wird und die Arbeit vorwiegend nicht automatisiert ist, finde ich erschreckend. Es hat mich schockiert, dass wir so wenig Wissen und Energie in etwas stecken, dass für uns alle existenziell ist. Gemeinsam mit einem Freund, den ich bei Google X kennengelernt habe, habe ich das Unternehmen Neatleaf gegründet, um mit modernster Technologie den Landwirtschaftsanbau zu unterstützen, schwere Arbeit zu erleichtern und die Produktion von Nahrung zu verbessern. Wenn 2050 10 Milliarden Menschen auf der Welt leben sollen, müssen die Nahrungsressourcen verdoppelt werden und dabei ist die Automatisierung der Landwirtschaft essenziell.

In deiner Arbeit musst du Selbstverständliches immer wieder neu denken. Bedeuten für dich Veränderungen per se etwas Positives?
Prinzipiell schon. Daher ecke ich auch vermehrt mit Südtirol und der europäischen Denkweise an, weil dort jede Veränderung hinterfragt wird. Der europäische Markt ist traditionell geprägt und die Frage lautet meistens „Warum?“ anstatt „Warum nicht?“. Immer wenn ich nach Hause komme, bemerke ich diese konservative Einstellung. Der Konsens lautet: „Warum sollten wir etwas ändern, das immer schon so und so gemacht wurde.“ Mit solchen Aussagen würde man im Silicon Valley sofort gefeuert werden. Egal ob Veränderungen funktionieren oder nicht, lernen wir daraus. Keine Veränderungen bedeutet Stillstand. Wir müssen die eigene Komfortzone verlassen und riskieren, um Veränderung zu erzielen. Alle großen Errungenschaften, ohne die wir heute nicht mehr leben könnten, waren Resultate progressiven Denkens. Auch K.I. und Industrie 4.0 erzeugen bei vielen Menschen Angst vor dem Neuen.

Zum Beispiel die Überzeugung, dass Roboter niemals moralisch und menschlich handeln können?
Genau, und das ist meiner Meinung nach falsch. Maschinen werden eines Tages sicherlich empathisch handeln können. Der Gedanke, dass Maschinen nicht moralisch, empathisch und sensibel agieren können, ist naiv, weil die Maschine letztlich menschliche Vorgänge im Gehirn nachspielen kann. Letztlich ist Empathie „nur“ ein Neuronen-Spiel im Gehirn. Das Gehirn ist eine Mustervergleichmaschine, die basierend auf unseren Erfahrungen und Erinnerungen Entscheidungen trifft. Diesen Vorgang wird eines Tages auch eine Maschine reproduzieren können. Erfahrungen, Einflüsse aus dem Umfeld und Charakterzüge werden irgendwann rezipiert werden können.

Wo ist K.I. dem menschlichen Gehirn eindeutig überlegen und wo hat unser menschliches Denken der KI gegenüber eindeutig die Nase vorn?
Maschinen sind inzwischen bei der Mustererkennung dem Menschen oftmals überlegen. Beispielsweise kann eine Maschine bei Röntgenbilder viel mehr Auffälligkeiten erkennen, weil die Speicherkapazität gegenüber dem menschlichen Gehirn viel höher ist. So kann die Maschine auf Datenbanken und Bildern unendlich vieler Krankenhäuser zurückgreifen, während ein Arzt nur ein begrenztes Repertoire an eigenem Wissen und Erfahrung mitbringt. Bei Kontextualisierung hingegen, also der Verknüpfung von verschiedenen Bereichen, wie dem Verknüpfen von Sinneswahrnehmungen aus Sprache und Bildern, ist das menschliche Gehirn der K.I. in der Regel weiterhin überlegen. Der große Unterschied zwischen menschlichem Gehirn und Maschine liegt verkürzt gesagt in der Kapazität der Rechenleistung.

 Der Staat muss die Existenz der Menschen sichern und nicht die Automatisierung von Technologien stoppen, um „unnütze“ Jobs aufrechtzuerhalten.

Wenn die Maschine dem Menschen in vielen Bereichen überlegen ist, wird die Arbeitswelt einen starken Wandel durchleben. Zerstören die Industrie 4.0 und K.I.-Systeme zukünftig Arbeitsplätze?
Ja, es wird zu einer Veränderung der Arbeitswelt und zum Verlust gewisser Arbeitsplätze kommen. Das Problem dabei ist, dass nur symptomatisch gedacht wird. Menschen assoziieren beim Thema K.I. nur Symptome und Auswirkungen, anstatt sich mit der Ursache auseinanderzusetzten. Nicht die Industrie 4.0 ist der Täter von unfairen Arbeitsverhältnissen, sondern andere gesellschaftliche Kräfte sind die Ursache dafür, wie z.B. oftmals der Kapitalismus. Wie sieht die ideale Welt aus? Utopisch formuliert, ist das eine Welt, auf der wir alle gut leben können, nicht arbeiten müssen und uns verwirklichen können. Das bedeutet auch, dass Jobs, auf die wir keine Lust haben, nicht länger erledigt werden müssen. Wenn theoretisch Maschinen alle lästigen Arbeiten, die niemand machen will und die nicht zur Selbstverwirklichung beitragen, wegfallen, wäre das theoretisch genial.

Wie sieht’s in der Praxis aus? Schließlich würden viele Menschen durch den Verlust ihres Arbeitsplatzes in eine existenzielle Krise gestürzt werden?
Die Frage, die sich aus der Automatisierung bestimmter Arbeitsfelder ergeben sollte, ist die Frage nach der gerechten Verteilung von Gütern. Wenn die Industrie 4.0 also Menschen, wie beispielsweise Fabrikarbeitern oder Buchhaltern, den Job „wegnimmt“, darf das nicht bedeuten, dass diese Menschen in eine Existenzbedrohung rutschen. Die Gesellschaft muss sich also dahingehend aufbauen und organisieren, dass „lästige“ Berufe wegfallen können. Die Verantwortung liegt im System und der Güterverteilung, die aktuell in den meisten Ländern durch den Kapitalismus bestimmt ist. In Südafrika gibt es zum Beispiel immer noch Menschen, die die Zapfsäule bedienen, weil der Staat Selbstbedienung an Tankstellen verboten hat, um Arbeitsplätze zu sichern, da die Menschen dort dringend eine Arbeit brauchen. Das ist der Punkt: Der Staat und die Gesellschaft müssen die Existenz der Menschen mit neuen Systemen sichern und nicht die Automatisierung von Technologien stoppen, um „unnütze“ Jobs aufrecht zu erhalten.

Ich möchte nicht meine ganze Energie damit verschwenden, Mauern zu verschieben, anstatt etwas Neues zu kreieren.

Datenklau, digitale Großkonzerne und neue Wege der Partizipation: Gefährdet die Industrie 4.0 unsere Demokratie?
Ja, K.I.-Systeme und moderne Technologien können dahingehend missbraucht werden. Das ist ein ganz allgemeines Problem der Globalisierung. Früher haben Staaten Monopolen in der Regel wesentlich früher zerschlagen , weil diese zu viel Macht bündelten und als demokratiegefährdend galten. Inzwischen sind diese Monopole auf globaler Ebene für die entsprechenden Staaten politisch unheimlich wichtig und werden von Bürgern aufgrund ihrer „Unsichtbarkeit“ im Digitalen nicht mehr als einschränkend und gefährlich wahrgenommen. Dass solche Monopole viele unsere privaten Daten besitzen, ist natürlich problematisch.  Meiner Meinung nach sollten Daten den Menschen gehören, die sie generieren. Wichtig ist hierbei ein Perspektivenwechsel. K.I.-Systeme können im gleichen Ausmaß, wie sie demokratiegefährdend sind, auch demokratiefördernd sein. So können neue Partizipationsmöglichkeiten entwickelt, Probleme verhindert sowie gerechte und faire Wege für den breiten Bevölkerungsanteil geschaffen werden.  Von K.I. und Industrie 4.0 können alle Menschen profitieren, nicht nur einzelne.

Kannst du dir vorstellen, nach Südtirol zurückzukehren, um deine Ideen auch am europäischen Markt umzusetzen?
Ja. Südtirol als Standort mit dem Mix aus verschiedenen Kulturen ist für mich super spannend und ich sehe im Südtiroler Ehrgeiz viel Potenzial. Ich finde es toll, dass sich Leute immer mehr gegenüber Veränderungen öffnen. Generell würde mich der europäische Markt sehr reizen, weil ich mich mit der demokratischen Lebensweise und den Werten mehr identifiziere als mit der kapitalistischen Lebensphilosophie in Amerika. Die Herausforderung, meine Ideen aus einem sozialistischeren und weniger elitären Standpunkt umzusetzen, würde ich gerne annehmen. Allerdings muss sich Europa stärker gegenüber Veränderungen öffnen und sich zu innovativem Denken bekennen. Ich möchte nicht meine ganze Energie damit verschwenden, Mauern zu verschieben, anstatt etwas Neues zu kreieren. Da ich Südtirol viel zu verdanken und viel Unterstützung bekommen habe, würde ich gerne etwas zurückgeben. Am liebsten in der Form, dass ich meine Ideen zurück in die Heimat bringe.

 

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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