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4. Kaltern Pop Festival

Pop fürs Volk?

Von Country über Experimental bis zum Hip Hop – beim 4. Kaltern Pop Festival begibt man sich auf eine Reise durch die Musikkultur. Und wer reist mit?

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Bild: Lisa Maria Kager

„Alles, was nicht Klassik oder Metal ist, ist irgendwie Pop“, meint Maria Moling und blickt nachdenklich in die Leere. „Pop ist eigentlich ein Überbegriff für Jazz“, ergänzt Roland Vögtli, „musica per il popolo, das haben die Beatles gemacht, das hat Michael Jackson gemacht oder Joe Cocker. Und genau das machen wir auch.“ Sie an den Drums, er an der Gitarre. Als Me+Marie drücken die beiden das aus, was sie sind: zweistimmig, irgendwo zwischen Psychedelic, Blues und Stoner Rock und heute auf einer Bühne in der alten Kalterer Bauernkellerei.

Draußen ist es bereits dunkel, drinnen glänzt das weiße Schlagzeug von Maria Moling mit ihrem Lachen um die Wette. Mit vollem Körpereinsatz hämmert sie auf die Trommeln, singt gleichzeitig und wirft sich ihre dunklen Locken dabei immer wieder ins Gesicht. Die Akustik im hohen Raum ist gut, die Leute wippen im Takt. Wer auf dem Kaltern Pop Festival bis zu diesem Punkt durchgehalten hat, ist bereits einmal durch die Stile der Pop-Kultur gereist. Von Rockmusik über barocken Synth-Pop und Klaviermusik bis hin zu gemütlich niedlichem Americana-Folk.

Folk auf Kalterns Straßen

Bild: Lisa Maria Kager

An drei Tagen dreht sich im Überetscher Weindorf nämlich alles um neue Musik aus aller Welt. Mit über 40 Künstlern für 99 Euro ein fairer Deal. Trotzdem scheint das Geniesser-Festival mit Seeblick eher Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anzusprechen als einheimische Musikliebhaber. Als Sänger Maze Exler von der Band Pictures total verschwitzt in die Menge ruft „Ihr seid alle aus Kaltern, oder?“ muss er selbst kurz grinsen. Im Keller des Jugendzentrums Kuba regt sich lediglich meine Stimme. Dann gibt das Schlagzeug erneut den Takt an und ich versinke in den rockigen Klängen und tiefen Texten von Maze Exler. Diese reisen mich heute besonders mit, weil direkt vor dem Konzert im Kalterer Kino, einige Treppen über der jetzigen Location, ein Film über die Band gezeigt wurde. „Könige der Welt“ erzählt die Geschichte vom plötzlichen, steilen Erfolg von Union Youth, wie die Band sich in jungen Jahren nannte, einem Absturz mit Drogen, Alkohol und Gewalt, Mazes Entzug und der Wiederkehr als Pictures. Blickt man nun in die leeren Augen des Sängers, die auf der Bühne von roten Tränensäcken unterlegt werden, fühlt man jedes seiner Worte noch einmal tiefer und verzichtet irgendwie freiwillig auf das nächste Bier.

Pictures Sänger Maze Exler

Bild: Lisa Maria Kager

Kaltern Pop macht Musik zugänglich. Nicht nur durch Kombinationen aus Film, Bandgespräch und Konzert, sondern weil das Festival jedes Jahr Künstler aus aller Welt in ein kleines Dorf im Überetsch bringt, die kein Mensch in Südtirol kennt. Lässt man sich darauf ein, hat man die Möglichkeit auf einen Schlag viele neue Lieblingsbands kennenzulernen, das persönliche CD-Regal mit neuen Exemplaren zu füttern und vielleicht sogar die Liebe zu neuen Musikrichtungen zu entdecken. Ein Konzept, das nicht nur die Besucher des ausverkauften Festivals gerne mögen, sondern augenscheinlich auch die Musiker. Gemeinsam mit dem Publikum leben sie das Kaltern Pop mit, tingeln von einer Location zur nächsten, feiern die anderen Künstler und werden durch die kleine Größe des Festivals ganz einfach für Jedermann erreichbar.

„Ich bin selber ein Bergmensch und Bergmenschen sind neidische Schweine.“

So steht auch Maria Moling nach ihrem Auftritt mit pinkfarbener Beanie und einer Flasche Wasser vor der Bauernkellerei und genießt mit den Bandkollegen die Ruhe nach dem Sturm. Ihr erstes Konzert mit Roland auf dem Kaltern Pop habe sie sehr genossen. Vor allem, weil vor der Bühne keine betrunken grölenden Leute, sondern Musikliebhaber stehen. Vorher hat sie bereits einmal mit Ganes das Kalterer Vereinshaus mit ladinischen Klängen gefüllt und war selbst gerne als Zuschauerin auf dem Festival. „Die Festivalkultur, die der Organisator von Haldern hierher gebracht hat, ist aber eben eine andere als unsere“, versucht Maria die fehlenden einheimischen Besucher zu erklären, „In Südtirol hat man das Prinzip des guten Line-Ups und des Vorverkaufs noch nicht verstanden.“ Roland, der selbst aus dem Engadin stammt, hat hingegen seine ganz eigene Meinung zum Erfolg des Festivals in Kaltern: „Ich bin selber ein Bergmensch und Bergmenschen sind neidische Schweine. Es braucht Jahre, bis sie verstehen, wie wertvoll so eine Veranstaltung ist“, meint er in seinem romanischem Akzent.

Me+Marie: Roland Vögtli und Maria Moling

Bild: Andreas Bertagnoll

Gemeinsam machen wir uns auf in Richtung Vereinshaus, wo sich die amerikanische Sängerin Poliça mit dem stargaze-Ensemble vereint. Streicher, Hörner und Holzbläser treffen hier auf elektronische Musik und die feine Stimme der Sängerin. Eine eher melancholische Kombination, die meine Glieder nicht zum Zittern bringt. Deshalb folge ich dem Line-Up noch einmal zurück in die Bauernkellerei und warte mit knapp hundert anderen auf die kanadischen Lytics. Eine Hip-Hop-Crew, die aus Brüdern und Cousins besteht und seit ihrer Kindheit gemeinsam auf freshe Beats reimt.

Das Publikum, das sich dafür zu interessieren scheint, ist wie immer gemischt, wird aber zu späterer Stunde immer jünger und fängt langsam auch an zu grölen. Andrew, Anthony und seiner Crew scheint das nicht viel auszumachen. Sie feiern Kaltern und verzaubern die alte Kellerei mit Musik, die jeden im Raum in lockere Knie zwingt. Die Hände in der Luft bewegen sich im Beat auf und nieder bis es gegen zwei Uhr morgens die letzte Zugabe gibt. Fertig ist hier aber noch lange nicht. Im Kuba Keller wärmt der niederländische DJ St Paul bereits seine Platten auf. Am Ende des Tages soll er für Künstler und Besucher Dekaden der Popmusik noch einmal zu einem extatischen Mix verschmelzen und die Reise mit einem Dance-Feuerwerk zu ihrem Höhepunkt steuern. Die Fortsetzung davon gibt’s dann im nächsten Jahr.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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