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Reportage zur Pelzmode

Pelz ist out

Studien zeigen: Immer mehr Menschen sind gegen die Verwendung von Pelz in der Modeindustrie. Wie reagieren Geschäfte und Modeketten darauf?

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Letzte Pelzmodenschau für Karl Lagerfeld: Der Modekonzern Chanel, dessen Chefdesigner er ist, will auf Pelze genauso wie Schlangen- und Krokodilshäute verzichten.

Lizenz: CC by-sa (bearbeitet)
Bild: Karl Lagerfeld für Chanel

Die blaue Winterjacke sieht gut aus, das muss man zugeben. Unschlüssig befühlt David den aufwendigen Stoff, dreht die Jacke noch einmal um, sieht auf das Preisetikett. 150 Euro. Für ein solches Stück nicht einmal teuer. Wenn da nur der Pelzkragen nicht wäre. Und wenn da nur nicht dieser Bekannte gewesen wäre. Im Grunde ist es seine Schuld, wenn David jetzt nicht mehr entspannt shoppen kann. Er hatte dem 23-jährigen Jus-Studenten überhaupt erst diesen Bericht über die Horrorzustände in den Pelzfarmen zugespielt. „Entschuldigung!“ ruft David schließlich zur Verkäuferin. Besorgt runzelt der Student seine Stirn, als die Verkäuferin auf ihn zukommt. Bitte, denkt er, lass es Falschpelz sein!

David ist keiner von diesen Utopie-beschwingten Idealisten, die Leute im Pelz besprühen oder sich vegan ernähren. Sein Vater betreibt ein erfolgreiches Steakhouse und er selbst weiß einen Rindfleischbraten in gewürzter Rotweinsoße sehr zu schätzen. Aber auch beim Dönerstand fragt er nicht immer, wo das Fleisch herkommt. Genauso ist es mit den Kleidern, die er ersteht. Er liebt es, schöne Dinge zu kaufen, er genießt das Leben im vollen Ausmaß seiner Geldbeutelkapazität, und zwar ohne dabei jedes Mal nach einem Greenpeace-Etikett zu suchen. Damit fällt er ziemlich eindeutig unter die Kategorie des typischen Durchschnittskonsumenten. Gleichzeitig sieht David es nicht ein, warum Tiere für die Mode leiden und sterben müssen. Fleisch, das ist das eine. „Das übernimmt als Nahrungsmittel eine lebensnotwendige Funktion“, rechtfertigt sich David. Aber ein totes Lebewesen auf seiner Kapuze, das muss seiner Meinung nach nicht sein.

Der Großteil der Menschen stellt sich eindeutig gegen die Verwendung von Pelz in der Modeindustrie.

Eine Haltung, die wiederum gut in das Profil des typischen Durchschnittskonsumenten passt. Verschiedene Umfragen aus Deutschland zeigen: Wenn sich 2003 noch 70 Prozent der Befragten für ein Verbot von Pelzfarmen aussprachen, so waren es 2016 bereits 80 Prozent. Nur noch 14 Prozent sprachen sich gegen ein Verbot aus. Damit kann von einer gespaltenen Gesellschaft nicht mehr die Rede sein. Der Großteil der Menschen stellt sich eindeutig gegen die Verwendung von Pelz in der Modeindustrie.

Eine gute Nachricht, möchte man sagen, aber für Giada Del Marco noch lange kein Grund, sich zurückzulehnen. Auch sie ist 23, doch das Thema Pelz beschäftigt sie nicht nur beim Einkaufen. Del Marco steht zusammen mit ihrer Mitstreiterin Ricarda Pauli hinter der Initiative „Südtirol Pelzfrei“. Egal ob Mode, Sport oder Politik: Gemeinsam haben sie Südtiroler und Südtirolerinnen aus allen Bereichen zusammengetrommelt, um ein Statement gegen Pelz zu setzen. Auch Paul Köllensperger ließ sich mit einem aussagekräftigen Schild gegen Pelzmode ablichten. „Ignoranz tötet“ steht darauf.

Mit ihren Botschaften gegen Pelz hat sie letztens für Aufsehen gesorgt: Giada Del Marco

Bild: Giada Del Marca

Ignoranz, das ist für Del Marco der Schlüsselbegriff. Als eine Expertin, die Kunst- und Echtpelz auf den ersten Blick unterscheiden kann, hat sie in den letzten Jahren gemerkt, wie omnipräsent echter Pelz eigentlich noch ist. Man muss direkt danach suchen, um Kunstpelze zu entdecken. Das meiste, was da als Bommel an den Mützen hängt oder die Kapuzen verziert, ist zu 100 Prozent echt. Die Zahlen bestätigen Del Marcos Eindruck: Zwischen 2000 und 2012 steigerten sich die Umsätze der Pelzindustrie um satte 70 Prozent. Mehr als 100 Millionen Tiere werden jährlich wegen ihrer Felle getötet. Das sind ungefähr 30 Millionen mehr getötete Tiere als noch vor zehn Jahren. Ein unerhörter Boom, wie man ihn in fast keinem anderen Wirtschaftszweig findet. Aber wie ist das möglich, wenn sich heutzutage fast jeder gegen Pelz ausspricht?

Echte Felle aus Asien zu importieren, ist meistens billiger als die Herstellung eines künstlichen Pelzes.

Für Giada Del Marco ist die Antwort klar: „Die meisten Menschen haben gar keine bösen Absichten. Sie sind einfach nicht informiert“. Daher startete Del Marco ihre Aktion. Sie will Aufmerksamkeit aufs Thema lenken und das allgemeine Bewusstsein erhöhen. Denn die meisten Menschen, so erklärt Del Marco weiter, wüssten gar nicht, dass ihre Kleider mit dem Fell toter Tiere verziert sind. Stattdessen seien sie überzeugt, dass es sich um Kunstpelz handelt. Was zunächst absurd klingt, ist eine weitverbreitete Realität. Echte Felle aus Asien zu importieren, ist meistens billiger als die Herstellung eines künstlichen Pelzes. Daher etikettieren viele Hersteller ihre Ware nicht oder sogar bewusst falsch. Ein EU-Gesetz schreibt die Kennzeichnung von Fellprodukten zwar vor – doch bei Verstößen sind keinerlei Bußgelder vorgesehen. Das Gesetz ist also so gut wie inexistent. Und die Konsumenten gehen weiterhin nichtsahnend in die Falle.

Auch David weiß von all dem nichts. Nach einigem Suchen ist klar: Die Jacke, die er ins Auge gefasst hat, hat ebenfalls keine Etikettierung über die Herkunft des Pelzteils. Die Verkäuferin aber versichert freimütig, dass es in jedem Fall ein künstliches Teil sei. „Echtes Fell gibt es doch nirgends mehr, das ist inzwischen alles künstlich“, legt sie noch einmal nach. David ist verunsichert. Sein Bekannter würde es ihm nie verzeihen, wenn er plötzlich mit einem echten Pelz an seiner Jacke aufkreuzen würde. Letztendlich entscheidet er sich dafür, das Geschäft zu verlassen und eine andere Winterjacke zu finden. 

Dabei hätte ein kurzer Blick ins Smartphone eigentlich genügt. Die Unterscheidung zwischen echtem Pelz und der künstlichen Nachahmung sei nämlich keine Expertensache, sondern kinderleicht, versichert Del Marco. Hochqualitative Kunstpelze sehen zwar fast genauso aus wie das Original, aber es gebe ein paar einfache Tricks, um das Original sofort zu erkennen. Dieses Video zeigt sie:

Als Konsument ist David kein Einzelfall mehr. Die Menschen, die bewusst danach fragen, wo ihre Einkäufe eigentlich herkommen, werden immer zahlreicher und immer lauter. So auch in einem renommierten Modegeschäft in Brixens Altstadt, wo BARFUSS nachgefragt hat. „Wir werden von Kunden immer öfter gefragt, ob es sich bei bestimmten Stücken um echten Pelz handelt oder um künstlichen. Und falls echt, woher er kommt“, so die Sprecher des Unternehmens. Sie glauben, dass es einen allgemeinen Trend zu mehr ökologischem Bewusstsein gebe. Bei Pelzprodukten sei eine ähnliche Entwicklung wie bei Plastiksäckchen festzustellen: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie aus unserem Leben verschwinden“. Das Brixner Modegeschäft, das nicht beim Namen genannt werden will, habe zwar noch einige Stücke mit echtem Pelz im Sortiment; bei diesen wenigen Produkten soll das Fell jedoch aus artgerechter Haltung stammen.  

Die Veränderung hängt grundsätzlich vom Konsumenten ab.

Was genau „artgerecht“ heißen soll, sieht die Aktivistin Giada Del Marco problematisch. Mindestens drei Quadratmeter Grundfläche muss ein Nerzkäfig in der EU mindestens haben. Darin können dann aber auch bis zu drei Tiere leben. In Freiheit umfassen die Reviere bei Weibchen mindestens acht Hektar und bei Männchen bis zu 200 Hektar. Das ist ein Raum, der mindestens 26.000 Mal größer ist als in der artgerechten Zuchthaltung nach höchsten EU-Standards. Für Del Marco lautet die Devise daher: Auf echten Pelz ganz zu verzichten. Und sie ist damit nicht allein. Erst zu Beginn dieses Monats hat das Label Chanel die Pelzprodukte endgültig aus seinen Kollektionen verbannt. Auch Schlangen- und Krokodilhäute sollen bei Chanel nichts mehr zu suchen haben. Andere prominente Modekonzerne haben diesen Schritt schon hinter sich: Gucci, Versace, Armani, Hilfiger, Ralph Lauren, Calvin Klein und viele mehr. Sie alle begründen den Ausstieg aus dem Pelzgeschäft mit Nachhaltigkeit und Fairness zu Tieren. Eine reine Marketingentscheidung unter dem Deckmantel der Ethik? So spöttelt jedenfalls der Französische Verband für Pelzhandel. Was von solchen Marketingaktionen aber bleibt, ist die reale Veränderung. Und ob man nun bei Aktivistinnen wie Giada Del Marco oder bei einschlägigen Modegeschäften nachfragt, bekommt man überall eine einhellige Antwort: die Veränderung hängt grundsätzlich vom Konsumenten ab.

P.S. Wie sich später herausstellte, wäre auch der Pelz an Davids Wunschjacke echt gewesen. Trotz der Versicherungen der Verkäuferin. „Egal”, meint David. Inzwischen habe er eine gefunden, die ihm noch besser gefällt. Ohne Pelz.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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